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8.557463 - GOUNOD: Symphonies Nos. 1 and 2
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Charles Gounod (1818-1893)
Symphonien Nr. 1 und 2

Der französische Komponist Charles Gounod entstammte einer Familie, deren bewundernswerte kulturelle Tradition bis ins 17. Jahrhundert zurückreichte. Sein Vater, der Maler François-Louis Gounod, den der Knabe mit fünf Jahren verlor, war ein Freund von Jean Auguste Dominique Ingres gewesen und hatte 1783 einen zweiten Prix de Rome gewonnen. Die Mutter, der er seine frühe musikalische Ausbildung verdankte, war als Pianistin bei Louis Adam, dem Vater des Komponisten Adolphe Adam, ausgebildet worden. Charles Gounod wurde 1818 in Paris geboren. Er besuchte das Lycée Saint-Louis, indessen ihn Anton Reicha in Harmonielehre und Kontrapunkt unterrichtete. 1836 kam Gounod ans Conservatoire, wo er bei Jacques Fromental Halévy Kontrapunkt studierte und in der Komposition zunächst von Henry Berton, dann von Jean-François Le Sueur und schließlich von Ferdinando Paër unterwiesen wurde. Klavierunterricht erteilte ihm Pierre Joseph Guillaume Zimmermann, dessen Tochter Anna später seine Frau wurde. Seine frühe Begabung erhellt aus der Tatsache, dass er 1837 mit der Kantate Marie Stuart et Rizzio den zweiten Rompreis erhielt. Nachdem er 1838 leer ausgegangen war, wurde ihm dann im nächsten Jahr für seine Kantate Fernand der erste Prix de Rome zugesprochen.

Zehn Jahre zuvor hatte Hector Berlioz denselben Preis mit einigem Widerstreben angenommen. Gounod hingegen wusste die zwei Jahre, die er in der Villa Medici zubrachte, vorzüglich zu nutzen. In Rom fand er die Unterstützung Ingres’, des Direktors der Villa Medici, den er mit seinen eigenen Skizzen beeindruckte. Sehr bewunderte Gounod die Kirchenmusik, die er zu hören bekam – insbesondere die Werke Palestrinas in der Sixtinischen Kapelle. Beeinflusst wurde er auch von Mendelssohns Schwester Fanny, die mit dem Maler Wilhelm Hensel verheiratet und selbst eine begabte Komponistin war: Sie machte ihn mit den Werken Bachs, Beethovens und Goethes bekannt. Von Einfluss auf Gounod war fernerhin die Reicha-Schülerin und vorzügliche Sängerin Pauline Viardot-García, die Schwester der Malibran und Ehefrau von Louis Viardot, dem Direktor des Théâtre-Italien; und auch die Predigten des französischen Dominikaners Jean Baptiste Henri Lacordaire, der ein Schüler von Hugues-Félicité-Robert Lamennais war und in der Kunst eine Waffe gegen den Materialismus der Zeit sah, gingen nicht spurlos an dem Komponisten vorbei.

Nach seinem Aufenthalt in Rom kam Charles Gounod nach Wien, wo er Otto Nicolai kennenlernte; in Berlin traf er die Hensels, und in Leipzig begegnete er Felix Mendelssohn. Als er nach Paris zurückkehrte, verfügte er also über eine umfangreiche Kenntnis musikalischer Traditionen – und nicht nur der französischen, was in seiner Kongregation, den Missions Etrangères, wo er Organist wurde, einiges Unbehagen auslöste. Nachdem Gounod zunächst von der Kirche angezogen wurde, beschloss er am Ende doch, eine Karriere als Musiker zu machen.

Seine ersten Opern, zu denen ihn Pauline Viardot ermutigte, waren nicht gerade erfolgreich. Das änderte sich, als er 1859 am Théâtre-Lyrique seinen Faust herausbrachte, den er zehn Jahre später erweiterte und revidierte, um ihn den Anforderungen der Pariser Opéra anzupassen: Dieses Werk sicherte ihm endgültig seine Position im französischen Musikleben, wobei ihm dabei auch die Kirchenmusik zugute kam, die er seit seiner römischen Studienjahre geschrieben hatte. Einen Einschnitt bedeutete 1870 der Ausbruch des Preußisch- Französischen Krieges. Gounod ging nach England, wo er Musik nach dem vorherrschenden Geschmack der Zeit schrieb, für die aufblühenden englischen Chorvereinigungen komponierte und als Chordirigent auftrat.

Durch seine Beziehung zu der Amateursängerin Georgina Weldon und deren musikalischen Unternehmungen verkomplizierte sich seine Lage, indessen seine Gesundheit und seine Reputation Schaden nahmen. 1874 kehrte er nach Frankreich zurück. Für das englische Publikum schrieb er verschiedene, nicht gerade langlebige Oratorien, und in Paris entstanden weitere Messen, in denen er den Geist jener Werke aufleben ließ, die er früher auf diesem Gebiet geschaffen hatte. Er übte einen starken Einfluss auf die nächste französische Komponistengeneration aus, unter anderem auf Georges Bizet und besonders auf Jules Massenet. Seine Opern für das Théâtre-Lyrique, insbesondere Faust und Roméo et Juliette, gehören bis heute zum zentralen Repertoire, und während einige seiner geistlichen Werke heute vielleicht als zu sentimental empfunden werden, sind seine Lieder ein bedeutendes Element der französischen Vokalmusik. Als Charles Gounod im Jahre 1893 unerwartet starb, betrauerte die ganze französische Nation den Tod eines der führenden Komponisten des second empire.

Gounods kompositorisches Können zeigt sich besonders in seinen zwei Symphonien aus dem Jahre 1855. Die Symphonie D-dur verrät eine meisterhafte Behandlung der traditionellen Form und der Instrumentation. Die zweimal gespielte Exposition des ersten Satzes beginnt mit einem strahlenden Hauptthema, das vor allem den ersten Geigen übertragen ist. Ein leuchtender Übergang führt zu dem zweiten Thema, in dem die Bläser recht prominent sind. Die Durchführung setzt sich gehörig mit dem thematischen Material auseinander, bevor erwartungsgemäß die Reprise folgt. Sordinierte Streicher stehen am Anfang des Allegretto moderato in d-moll, einem finsteren Marsch; im Zentrum des Satzes steht eine weniger düstere B-dur-Passage, an die sich ein kontrapunktischer Abschnitt anschließt, dessen Fugato-Thema von den Violoncelli exponiert und von den zweiten Geigen beantwortet wird. Dann wird der Marsch mit kontrapunktischen Begleitfiguren der zweiten Violinen wiederholt. Das Scherzo, ein elegantes Menuett in F-dur, enthält ein kontrastierendes Trio in Bdur, dessen Melodie von Oboen und Fagotten gespielt wird; diese werden von den tiefen Streichern begleitet, die zumeist Orgelpunkte auf der Tonika oder der Dominante spielen. Das Finale in D-dur beginnt mit einer langsamen Einleitung, die an Mozart erinnert. Darauf folgt ein Allegro in Sonatenform, deren beide Themen in der zweimal gespielten Exposition mit der größten Geschicklichkeit behandelt werden. Hier kommen die Trompeten zu ihrem Recht, und auch weiterhin zeigt dieser Schluss-Satz Gounods Geschick und Können im Umgang mit dem Orchester im allgemeinen und den Bläsern im besonderen.

Die zweite Symphonie Es-dur beginnt mit einer Adagio-Einleitung, auf die ein fröhliches Allegro agitato in Sonatenform folgt, deren klassische Anlage mit französischer Klarheit und Präzision ausgeführt ist. Etwas Unheilvolles prägt den Anfang der Durchführung, bevor die Themen der Exposition sich zeigen und schließlich in vollerer Ausführung in der Reprise erklingen. Das hymnische Larghetto in B-dur entfaltet sich langsam und führt zu einem bewegteren, von punktierten Rhythmen charakterisierten Mittelteil, worauf das erste Thema wiederkehrt – jetzt von einer kontrapunktischen Stimme der ersten Violine begleitet, die anschließend von den Bratschen und Violoncelli übernommen wird, wenn die Violinen die Melodie aufgreifen. Das Scherzo g-moll erinnert ein wenig an Beethoven, sein kontrastierendes Trio bietet den Holzbläsern einen angemessenen Platz. Die Eleganz einer leichten Oper beherrscht das Finale, dessen delikates erstes Thema den ersten Geigen anvertraut ist, wohingegen der Nebengedanke von den Holzbläsern gespielt wird. Die traditionelle Form führt zu einem nachdrücklich triumphierenden Schluss.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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