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8.557475 - DVORAK: 6 Pieces, Op. 52 / Eclogues, Op. 56 / Furiants, Op. 42
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Balladen für Saxophon und Orchester

Balladen für Saxophon und Orchester

Tomasi • Martin • Ravel • Piazzolla • Dragatakis • Iturralde

 

Henri Tomasi, von korsischer Abstammung, wurde 1901 in Marseille geboren, wo er sein Musikstudium begann, bevor er es am Pariser Conservatoire fortsetzte. Dort war er Kompositionsschüler von Paul Vidal. 1927 gewann er den begehrten Prix de Rome. Seine Karriere begründete er als Dirigent und Komponist für das Theater. Sein großes Instrumentierungstalent bewies er u.a. in einer Reihe von Konzerten.1938 komponierte er die Ballade für Altsaxophon und Orchester für seinen Freund Marcel Mule, einen der führenden französischen Saxophonisten. Inspiriert wurde das Werk von der Tradition der Troubadour-Balladen des vierzehnten Jahrhunderts. Ein Gedicht von Suzanne Malard bildet den literarischen Hintergrund:

 

Sur un vieux thème anglais, long maigre et flegmatique 

comme lui

un clown raconte son histoire spleenétique

à la nuit.

L’ombre de son destin, le long des quais zigzague

et le goût

de mégot qu’en sa bouche ont pris de vieilles blagues

le rend fou.

Fuir son habit trop large et sa chair monotone

en n’étant

entrée la joie et la douleur, qu’un saxophone

hésitant !

Son désespoir, au fond d’une mare sonore

coule à pic. 

Et le clown se résigne à faire rire encore

le public.

 

[Über ein altes englisches Thema, lang, hager und

phlegmatisch wie er selbst,

erzählt ein Clown seine schrullige Geschichte

der Nacht.

Der Schatten seines Schicksals entlang des

Zickzackufers und der Geschmack

der Kippe in seinem Mund nach alten Geschichten

machen ihn verrückt.

Sein zu großes Kostüm, seine monotone Haut

abzustreifen, nichts zu sein

zwischen Freude und Schmerz als ein

zögerndes Saxophon!

Seine Verzweiflung sinkt auf den Grund

eines klingenden Teichs,

Und der Clown rafft sich auf, sein Publikum wieder

zum Lachen zu bringen.]

 

Das Saxophon passt sich den verschiedenen Rollen an, es schildert die kontrastierenden Stimmungen des Gedichts zwischen Lachen und Tränen, Freude und Verzweiflung.

 

Der Schweizer Komponist Frank Martin wurde 1890 als zehntes und jüngstes Kind eines protestantischen Pfarrers in Genf geboren, wo er auch studierte und als Komponist arbeitete und lehrte. Er hinterließ zahlreiche Werke in verschiedensten Gattungen, in denen er eine äußerst persönliche, ausdrucksstarke Musiksprache entwickelte. Seine Ballade für Altsaxophon, Streicher, Schlagzeug und Klavier aus dem Jahr 1938, Sigurd Rascher gewidmet, stellt eine wichtige Bereicherung des zeitgenössischen Saxophonrepertoires dar. „Um den Klang des Saxophons zu tragen, wählte ich die Besetzung eines Streichorchesters mit Schlagzeug und Klavier. Da das Saxophon unter den Blasinstrumenten gewissermaßen halbwegs zwischen Holz- und Blechblasinstrumenten angesiedelt ist, hätten andere Blasinstrumente mit ihrem charakteristischeren Klang die solistische Eigen-ständigkeit nur zerstört. Klavier und Schlagzeug vermögen die sangliche Stimme des Saxophons hingegen zu betonen” (Martin). Die Ballade gehört zu einer Reihe von vergleichbaren Werken, die Martin im Laufe der Jahre komponierte; so entstanden u.a. Kompositionen für Flöte, Klavier, Posaune, Violoncello und Bratsche; die letzte 1973, im Jahr vor seinem Tod.

(nach Aufzeichnungen von Jean-Marie Londeix)

 

Maurice Ravel, Sohn einer Baskin und eines Schweizers, hatte eine starke Vorliebe für spanische Musik. Die Tanzform der Habanera verwendete er erstmals in seinen 1895-97 entstandenen Sites auriculaires für zwei Klaviere. 1908 bearbeitete er das Stück für die Rapsodie espagnole. Seine Vocalise-étude en forme de habanera entstand 1907 als Examensarbeit für das Pariser Conservatoire: es hat seitdem vielfach als Grundlage von Bearbeitungen gedient. Die Fassung für Saxophon und Orchester stammt von Arthur Hoérée.

 

Der Name des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla ist unzertrennbar mit dem Tango verbunden, insbesondere mit seinem eigenen nuevo tango, in den Elemente aus zeitgenössischen klassischen Kompositionstechniken und dem Jazz eingeflossen sind. Geboren 1921 in Mar del Plata, ging Piazzolla 1924 mit seiner Familie nach New York und kehrte erst 1937 nach Buenos Aires zurück, wo er – wie bereits als Kind – als Bandoneón-Spieler auftrat. Komposition studierte er bei Alberto Ginastera. 1944 gründete er sein eigenes Orchester, studierte zehn Jahre später bei Nadia Boulanger in Paris, leitete wiederum in Buenos Aires verschiedene Ensembles und wurde schließlich in Paris sesshaft. Er starb 1992 in Buenos Aires. Piazzolla besaß eine besondere Vorliebe für das Saxophon und trat gemeinsam mit Musikern wie Malligan und D’Rivera auf. Die Suite für Saxophon und Orchester beginnt mit einem Preludio, geschrieben 1987 für die Bühnenshow Tango apasionado. Das Thema der Fuga, beginnend im Saxophon und danach von den Streichern übernommen, stammt aus der Operette María de Buenos Aires. Misterio hebt in der Violine an, gefolgt von einer Tango-Improvisation des Saxophons, während das Fugato dem Muster der früheren Fugenstruktur folgt und mit einer freien Saxophon-Improvisation endet. Oblivión, aus dem Soundtrack des Films Henry IV, gilt als einer der sensationellsten Tangos; er gibt dem Solisten Gelegenheit zu expressivem Spiel. Adios Nonino, entstanden 1959 anlässlich des Todes von Piazzollas Vater, beginnt mit schweren, den Tod ankündigenden Schritten, bevor das eigentliche Thema von den Violinen vorgestellt wird. Es durchläuft verschiedene Rhythmen und endet in einer friedlichen Jazz-Improvisation des Saxophons, worauf in den Celli die bekannte Melodie des Libertango einsetzt. Die Bearbeitung der Suite stammt von Theodore Kerkezos.

 

Dimitris Dragatakis wurde 1914 in Epiris geboren. Er studierte Violine am Nationalkonservatorium in Athen und gilt als einer der führenden griechischen Komponisten. Beeinflusst von den musikalischen Traditionen seines Landes und dem antiken griechischen Drama, reflektiert seine Musik ebenso seine Beschäftigung mit modernen Techniken und freier Atonalität. Dragatakis, Preisträger mehrerer bedeutender Wettbewerbe, unterrichtete bis 1997 zwanzig Jahre lang Harmonielehre am griechischen Nationalkonservatorium; seitdem ist er Vizepräsident dieser Hochschule. Nach einigen Jahren als Geiger im Opernorchester wurde er Vorstandsmitglied der griechischen Nationaloper. Er war außerdem Vize- und Ehrenpräsident des nationalen griechischen Komponistenverbands. Dragatakis starb 2001. Die Ballade für Saxophon und Streicher stammt aus dem Jahr 2000. Das ursprünglich für Violine und Klavier konzipierte Stück wurde in seiner hier eingespielten Fassung für Saxophon Theodor Kerkezos gewidmet und erlebte seine Uraufführung als Zugabestück im März 2002 im Athener Megaron-Konzertsaal mit dem Staatsorchester Athen. Die Ballade ist ein tonales Stück, das sich grundlegend vom eigentlichen Stil des Komponisten unterscheidet. Trotz der Kürze nutzt es den vollen Umfang des Saxophons aus, ohne den romantischen Ton zu verlieren.

 

Der spanische Komponist Pedro Iturralde wurde 1929 geboren und erhielt seinen Musikunterricht vom Vater. Bereits im Alter von elf Jahren trat er erstmals öffentlich als Saxophonist auf. Am Königlichen Konservatorium in Madrid legte er sein Examen in den Fächern Klarinette, Klavier und Harmonielehre ab. Danach trat er mit seinem eigenen Jazzquintett im W. Jazz Club in Madrid auf, experimentierte mit Kombinationen von Jazz und Flamenco und machte Schallplattenaufnahmen für das Blue Note Label. 1972 setzte er sein Studium in Harmonielehre und Arrangement am Berklee College of Music in Boston fort. Von 1978 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1994 unterrichtete er Saxophon am Konservatorium in Madrid. Mit dem Spanischen Nationalorchester trat er als Solist unter Frühbeck de Burgos, Celibidache und Markevitch in Spanien sowie im Ausland auf. Seinen Czárdás komponierte Iturralde als Zwanzigjähriger. Die hier eingespielte Fassung widmete er seinem Freund Theodore Kerkezos. Das Stück ist dem traditionellen ungarischen Csárdas verpflichtet und besitzt eine langsame Einleitung (lassu) und eine lebhafte Fortsetzung (friss). Die Instrumentierung besorgte Javier Iturralde, der Bruder des Komponisten.

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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