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8.557480 - RAWSTHORNE: Symphonies Nos. 1-3
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Alan Rawsthorne (1905–1971)
Sinfonien Nr. 1–3

Die Uraufführung der ersten Sinfonie eines Komponisten ist eine musikalische Willkommensfeier, eine Verkündung, dass er oder sie angekommen ist. Wie Brahms ließ sich auch Rawsthorne Zeit, ehe er dieser erlauchten Gesellschaft beitrat: als er seine Erste Sinfonie abgeschlossen hatte, war er 45 Jahre alt.

Rawsthornes Reputation gründete sich auf gut einer Hand voll veröffentlichter Kompositionen. Die frühe-sten und am meisten geschätzten unter ihnen waren Theme and Variations for Two Violins (Thema und Variationen für zwei Violinen, 1937), Symphonic Studies (Sinfonische Studien, 1938), Four Bagatelles for Piano (Vier Bagatellen für Klavier, 1938) und das Erste Klavierkonzert (1942), mit denen er seine eigene Stimme etablieren konnte. Unter den Nachkriegs-Kompositionen waren es namentlich das Violinkonzert (1948) und das Konzert für Streichorchester (1949), die seinen Ruf festigten. Vor diesem Hintergrund von erstklassigen Werken also waren die Erwartungen an Rawsthornes Erste Sinfonie durchaus hoch.

Die Erste Sinfonie wurde von der Royal Philharmonic Society in Auftrag gegeben und am 15. November 1950 vom BBC Symphony Orchestra unter Adrian Boult erstmals aufgeführt. Der Hörer wird ohne jede Einleitung gleich vom turbulenten Anfang des Werkes, Allegro tempestuoso, mitgerissen, in dessen ersten 40 Sekunden der Komponist bereits die meisten Elemente konzentriert hat, die sich später dann für eine Durchführung als geeignet erweisen. Der Satz ist geprägt von einer sowohl harmonischen als auch rhythmischen Ruhelosigkeit. Von dieser Unruhe ist sogar noch das ruhige zweite Thema erfüllt, das zunächst von der Oboe vorgestellt wird, ehe es dann von den Streichern aufgegriffen wird – begleitet von einer huschenden Sechzehntel-Figur, die später im Satzverlauf selbst zu thematischem Material wird. Kontrastierend wirkt eine langgezogene Melodie von Englischhorn und Bratschen, der sich eine Reprise des ursprünglichen Themas anschließt, das jetzt allerdings eher passiv und lyrisch daherkommt. Celli und Bässe beginnen aus der tiefen Lage aufzusteigen und bilden so die Grundlage für ein Crescendo, ein Vorspiel zu einer verkürzten Reprise des Satzanfangs. Der Satz endet düster im Unisono auf G, dem tonalen Zentrum des gesamten Werkes. Im langsamen Satz wechselt sich eine rezitativ-ähnliche Figur in den tiefen Streichern und in den Fagotten ab mit einer akkordischen Passage in Hörnern und Trompeten, was jeweils mit einem unmittelbaren Stimmungswechsel einhergeht. Das Hauptthema ist eine lange, traurige Melodie in der Flöte, die dann von den gedämpften Streichern übernommen wird, die es sogar mit noch größerer expressiver Intensität aufladen, ehe es durchgeführt wird. Der mittlere Satzabschnitt ist dann von kontrastierender, ebenso romantischer wie sentimentaler Natur. Auf dem Höhepunkt dieses Teils wird noch einmal Material aus der Einleitung zitiert. Das Englischhorn bringt eine Variante des Flötenthemas und lässt den Satz so ruhig ausklingen. Die Ruhelosigkeit des Scherzos kann man den permanenten Wechseln im Metrum des Hauptthemas zuschreiben, das zwischen 5/8, 3/8 und 2/8 alterniert und sich aus der Flötenmelodie des vorangegangenen Satzes ableitet. Der kontrastierende mittlere Trio-Teil, in unterdessen stabilen 2/4, lässt sich zurückverfolgen bis zu einer absteigenden Figur der Holzbläser aus dem ersten Satz. Es sind dies lediglich zwei Beispiele für die Integration des thematischen Materials dieser Sinfonie. Die Reprise der Satzer-öffnung beschließt den Satz. Rawsthorne verrät: „Der letzte Satz basiert auf einer Idee, die kurz in der Maestoso- Introduktion im Blech anklingt, deren Geschwindigkeit dann aber bald schon verdoppelt wird, um so das Hauptthema des eigentlichen Allegro zu bilden.“ Er betrachtete diesen Satz „als etwas weit-schweifiger im Vergleich zum Rest der Sinfonie“. Über etliche originelle Episoden hinweg entwickelt sich der Satz dann recht zwanglos, ehe Rawsthorne „ein untergeordnetes Thema von verspieltem Charakter“ einführt, das Material für weitere Episoden bereitstellt. Der Satz endet dann eher abrupt und besiegelt die Sinfonie, die im Übrigen auf sehr positive Resonanz stieß, mit einem emphatischen G-Dur Akkord im vollen Tutti.

Rawsthornes Zweite Sinfonie (A Pastoral Symphony) ist eine Auftragsarbeit für das City of Birmingham Symphony Orchestra (unterstützt vom John Feeney Charitable Trust) und erklang erstmals am 29. September 1959 mit dem auftraggebenden Orchester unter Meredith Davies. Dem Untertitel zum Trotz handelt es sich nicht um Programm-Musik: weder Wachteln noch Imitationen anderer Vogellaute sind zu hören. Rawsthorne war 1953 ins ländliche Essex gezogen, und so spiegelt diese Sinfonie zu einem gewissen Teil auch sein Wohlbefinden wider über ein Leben, in dem man den Wechsel der Jahreszeiten unmittelbar erleben konnte sowie über eine Ruhe, die der einstige Stadtbewohner so wohl nie für möglich gehalten hatte. Gleichwohl verschweigt Rawsthorne nicht die rauheren Seiten des Landlebens, und so kann man auch melancholische Untertöne heraushören. Bereits die ersten Takte akkumulieren einen erlesenen Akkord harmonischer Vordeutung. Die Hauptelemente des Satzes sind zum einen eine fließende Melodie, die von einem untergeordneten Thema der Holzbläser und Bratschen weitergeführt wird, und schließlich eine lebhafte Scherzando-Figur, die sich durch ihren punktierten Rhythmus auszeichnet. Der zweite Teil des Satzes beginnt mit lyrischen Phrasen, die sich aus dem ersten Thema ableiten und von ausgehaltenen Harmonien begleitet werden, bis die Stimmung dann umbricht mit dem Auftreten von rauhen Streicherakkorden. Von hier ab verarbeitet der Satz eine modifizierte Fassung des Anfangsmaterials. Der langsame Satz wird von einem gleichsam verschlafenen Horn-Solo eröffnet, in dem Teile des vorangegangenen Satzes nachklingen. Es ist dies gewissermaßen die Einleitung zu einem rhapsodischen Hauptthema, das von Flöte, Oboe und Violinen vorgetragen und dann durchgeführt wird, ehe Rawsthorne einen kontrastierenden Teil einführt, der „eher marschähnlich ist. Das Thema ist dunkler und schwermütiger.“ Der Komponist führt dieses Thema als dreistimmigen Kanon durch, auf dessen Höhepunkt er das volle Orchestertutti einsetzt. Der gleichsam schlaftrunkene Hornruf erscheint dann noch einmal und der Satz entschlummert.

Den dritten Satz bezeichnet Rawsthorne als ‚Country Dance’, als ‚Bauerntanz’ also, wobei das erste Thema, für Rawsthorne typisch, fröhlich als ‚Jig mit Tarantella’ daherkommt. Der zweite Teil bringt dann eine neue Melodie, die sich über hartnäckig sich behauptenden Fragmenten des ersten Themas im Bass entfaltet. Mit einem plötzlichen Einwurf der Trompeten, der zugleich die Wiederkehr des ersten Themen-komplexes ankündigt, schlägt die Stimmung um. Das Finale ist dann gewissermaßen ein Epilog und vertont ein Gedicht von Henry Howard, Earl von Surrey (1516–1647). Rawsthorne hat dieses Gedicht nicht allein seiner Melancholie wegen ausgewählt, sondern auch „wegen des wunderschönen Stabreims, der genauen Beobachtungsgabe und den ganz allgemein zum Ausdruck kommenden Vorzügen des Landlebens“. Das thematische Material des Solo-Soprans leitet sich dabei aus Motiven des ersten Satzes ab. Eröffnet wird der Satz mit einem Rückgriff auf den Beginn der Sinfonie. Die Begleitung der Solostimme ist durchweg sehr geschmackvoll, wobei sie in einigen Passagen im Duett mit Oboe oder Trompete geführt wird. Die Sinfonie endet dann so, wie sie begonnen hat: mit den ruhigen Klängen der Streicher, in denen anfänglich noch die Gegenharmonie der Hörner mitklingt, ehe schließlich den Streichern allein die Auflösung überlassen wird.

Die vom Cheltenham Festival Committee in Auftrag gegebene Dritte Sinfonie Rawsthornes erklang erstmals am 8. Juli 1964 mit dem BBC Northern Orchestra unter George Hurst in Cheltham. Das Werk ist zwar ähnlich ungestüm wie die erste Sinfonie, gemäßigt freilich durch die feinen Abtönungen und den insgesamt sanfteren Ausdruck der Zweiten Sinfonie. Der Anfang des ersten Satzes deutet zunächst auf ein strengeres Idiom hin, auch wenn Rawsthorne immer noch ganz er selbst ist. Dieser Satz, so Rawsthorne, „basiert auf zwei thema-tischen Elementen und ihrer Beziehung zueinander. Es ist dieser Formaspekt, in dem sich der sinfonische Anspruch erfüllt.“ Das erste Thema wird in Bruch-stücken vorgestellt, die sich zu einem hastenden Abschnitt verdichten, über dem dann das zweite, imposante Thema vehement in Celli und Hörnern erscheint. Der am Ende abfallenden Schlussphrase haftet etwas von Abschied an – gleichsam ein Schatten Mahlers –, was sich auch über die Durchführung und andere Satzabschnitte hinweg erhält. Die Ausarbeitung neuen Materials ist ebenso energisch wie rigoros, da der Komponist hier seine eigene Fassung des seriellen Systems zum Einsatz bringt. Die Wiederaufnahme des zweiten Themas in seiner ursprünglichen Gestalt nimmt das Satzende in einer ruhigen, irisierenden Passage gleichsam vorweg. Der langsame Satz in Form einer Sarabande zählt sicherlich zu den gelungensten Schöpfungen Rawsthornes. Der Komponist nennt als hervorstechendste Merkmale „den Orgelpunkt auf F, der sich in verschiedenen Instrumenten über weite Teile des Satzes behauptet. Das Hauptmaterial besteht – wie der Orgelpunkt – aus einer leichtgängigen, kleinen Melodie der Flöte sowie daraus sich entwickelnden Phrasen und Figuren.“ Im zweiten Abschnitt „beginnt das Blech mit einer Variante der Eröffnungsmelodie, die dann allerdings anders fortgesponnen wird, ehe feierliche Akkorde die Musik zu einem Höhepunkt führen, wodurch der Satz deutlich kraftvoller und theatralischer wird. Es folgt eine sehr ruhige Reprise, in der die Eröffnungsmelodie im Kanon geführt wird.“ „Das Scherzo ist von gedämpfter, verstummender Natur – gleich einer Andeutung auf ein Leben unter der Oberfläche. Es ergeht sich eher in Andeutungen, als dass es Fakten schaffen würde.“ Die einzelnen Satzabschnitte werden „durch eine wiegende Figur gegliedert, die zu Beginn in Horn und Klarinette erklingt, und die den Hörer gewissermaßen durch das gesamte Stück lotst.“ Dieses äußerst sinnträchtige ‚Hörerleitsystem’ verflüchtigt sich dann im mit Gummischlägeln gespielten Xylophon. Den Charakter des letzten Satzes, Rondo, beschreibt Rawsthorne wie schon den seiner Ersten Sinfonie, als „diskursiv“. Die drei zu Beginn erklingenden beherzten Akkorde kehren im weiteren Satzverlauf wieder, um „Momente von struktureller Bedeutung“ zu markieren. Das Hauptthema, das nicht sogleich präsentiert wird, ist von weiten Intervallen geprägt. Rawsthorne beschreibt es als „ungebärdig, emphatisch und insgesamt ein wenig vulgär … Der größte Teil der Musik leitet sich entweder direkt von diesem Thema ab oder orientiert sich zumindest an dessen Charakter. Dazwischen treten kontrastierende Abschnitte von ruhigerer Natur.“ Das Ende des Werkes ist ebenso bemerkenswert wie ruhig, wobei Rawsthorne einerseits knapp auf thematisches Material des ersten Satzes zurückgreift, andererseits aber auch an den Schluss der Zweiten Sinfonie denken lässt. Horn und Solo-Violine präsentieren ein letztes Mal das fallende Abschiedsintervall aus der Schlussphase des zweiten Themenkomplexes aus dem Kopfsatz. So wird denn das symphonische Potential, das Rawsthorne 26 Jahre zuvor in den Symphonic Studies bereits angedeutet hatte, hier vollends eingelöst und ver-wirklicht.

John M. Belcher
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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