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8.557483 - VANHAL: Symphonies, Vol. 3
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Johann Baptist Vaňhal (1739-1813)
Sinfonien, Folge 3

Johann Baptist Vaň:hal war einer der populärsten Wiener Komponisten seiner Zeit. Dass die Musikgeschichte nicht besonders gnädig mit ihm umging, war das Ergebnis von unqualifizierten Urteilen seitens Kritikern, die den Komponisten weder persönlich kannten noch mit seinen Lebensumständen vertraut waren. Wilde Gerüchte machten die Runde, dass Vaň:hal während seiner frühen Karriere aufgrund religiösen Übereifers den Verstand verloren und einen Teil seiner Manuskripte vernichtet habe, und dass die Qualität seiner Musik danach nie wieder das Niveau seiner frühen Kompositionen erreichte. Die hier eingespielten Werke – darunter eine brillante Moll- Sinfonie aus den frühen 1760er Jahren sowie die ein Jahrzehnt später entstandene, meisterhafte As-Dur- Sinfonie – führen diese Behauptung ad absurdum. Die großartige Lebendigkeit und musikalische Vielfalt dieser Stücke beweisen, warum Vaň:hal zu Lebzeiten als einer der wichtigsten Exponenten des sinfonischen Genres galt.

Die Sinfonie D-Dur (Bryan D2), eine von Vaň:hals frühesten Sinfonien, entstand vermutlich zwischen 1763 und 1765. Zahlreiche Erwähnungen in zeitgenössischen thematischen Katalogen sowie dreizehn erhaltene, verlässliche Manuskriptquellen lassen auf ein äußerst beliebtes, vielgespieltes Werk schließen (in London erschien es bei Bremner als Periodical Overture No. 53). Wie im Falle der meisten Vaň:hal-Sinfonien ist auch bei diesem Werk kein Entstehungsanlass bekannt. Die helle Tonart und volle Instrumentierung mit zwei dialogisierenden Bläserabteilungen lassen vermuten, dass die Komposition für einen Auftraggeber entstand, dem es besonders an einer von Trompeten und Pauken erzeugten dynamischen und brillanten Prachtentfaltung gelegen war. Besonders im ersten Satz dieses Frühwerks zeigt sich in dem Vorwärtsdrall und der Verwendung von kurzen melodischen, durch häufige Dynamikwechsel akzentuierten Phrasen noch die Anlehnung an barocke Traditionen, während längere Melodielinien bereits auf den neuen klassischen Stil hinweisen. Das überraschende Auftauchen eines neuen Themas im Zentralabschnitt des Satzes zeigt einen Komponisten, der sich selbst in diesem relativ frühen Stadium seiner Karriere nicht damit zufrieden gab, vorgeprägte Konventionen schematisch zu übernehmen, sondern der vielmehr nach neuen Formmodellen suchte. Auch bei den anderen Sätzen lohnt sich ein genaueres Zuhören, sowohl dank ihrer rein musikantischen Qualitäten als auch aufgrund der technischen Formung. Die Ableitung der musikalischen Entwicklung von den jeweiligen Eröffnungsmotiven sowie die bemerkenswerte, von asymmetrischen Phrasenlängen erzeugte Unregelmäßigkeit (wie z.B. im Menuetto) sorgt für eine großartige Effektivität und verleiht der Musik einen besonders fröhlichbeschwingten Gestus, der so typisch für die Wiener Musik des achtzehnten Jahrhunderts ist. Das im Stil eines Perpetuum mobile konstruierte Finale mit seinen dahineilenden Streicherfiguren und kichernden Trompeten führt das Werk zu einem mitreißenden DDur- Schluss.

Die Sinfonie c-Moll (Bryan c2) gehört zu einer Reihe von eindrucksvollen Moll-Werken, die Vaň:hal Mitte der 1760er und in den frühen 1770er Jahren komponierte. In einer erhaltenen Quelle wird die Sinfonie fälschlicherweise Joseph Haydn zugeschrieben, der übrigens ein großer Bewunderer von Vaň:hals Sinfonien war und verschiedene von dessen Werken mit seinem Orchester in Esterháza aufführte. Diese Sinfonie gehört zu den besten, die Vaň:hal während seiner frühen Wiener Karriere schrieb. Wie die D-Dur-Sinfonie besitzt sie eine Reihe von stilistischen Merkmalen, die noch der alten Tradition verpflichtet sind, während andere bereits auf die fortschrittlichen Techniken der 1770er Jahre vorausweisen. Der unbändige Vorwärtsdrall der Ecksätze erinnert an barocke Praktiken und auch an den so genannten „Sturm-und-Drang-Stil“, der häufig mit Haydns zwischen 1768 und 1772 entstandenen Moll-Sinfonien assoziiert wird. Das elftaktige piano cantabile-Thema, mit dem das Werk anhebt, nimmt jedoch bereits einen Typus der thematischen Arbeit und Phrasenbildung vorweg, wie man ihm im reifen klassischen Stil begegnet. Die über das gewöhnliche Maß hinausgehende Besetzung sowie die Art und Weise, in der Vaň:hal das Hörner-Oboen-Quartett und das Trio aus Trompeten und Pauken einsetzt, lassen einen besonderen Entstehungsanlass vermuten. Das gesamte Werk zeigt Vaň:hals frühe Vorliebe für die Molltonart – es handelt sich hier sogar um seine einzige Sinfonie, in der alle Sätze in Moll stehen.

Vaň:hals großartige As-Dur-Sinfonie, aller Wahrscheinlichkeit nach um 1772-73 in Wien entstanden, nimmt unter seinen Sinfonien eine Sonderstellung ein, sowohl in der Wahl der Tonart als auch aufgrund der Besetzung mit einem Solohorn im zweiten Satz. Obwohl das Werk relativ weit verbreitet gewesen zu sein scheint, erschien es zu Lebzeiten des Komponisten nicht im Druck. Sinfonien in As-Dur sind in der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts äußerst selten. Dass Vaň:hal sich für diese ungebräuchliche Tonart entschied, ist interessant und mag einerseits einen ästhetischen Grund gehabt haben, und zwar den speziellen Affekt der Tonart als solcher, andererseits spielte vielleicht die Ergänzung durch den zweiten Satz mit seinem (Es-Dur)-Hornsolo, begleitet von sordinierten Streichern und zwei Oboen, eine Rolle – ein herrlicher Effekt, der sich aus dem Timbre des Horns und den hauchzarten Klängen der Streicher ergibt. Der Hornpart beschränkt sich auf die Naturtöne des Instruments und ist weniger anspruchsvoll als beispielsweise in den langsamen Sätzen der Konzerte von Mozart oder Haydn; er verlangt aber dennoch einen Instrumentalisten mit Flexibilität und der Fähigkeit, einen Tonumfang von c´ bis c´´´ zu bewältigen. Es wäre interessant zu erfahren, für wen diese Sinfonie geschrieben wurde und wer der Hornist war, den Vaň:hal mit diesem lyrischen zweiten Satz betraute.

Als Vaň:hal das A-Dur-Werk schrieb, hatte er bereits mehr als fünfzig Sinfonien zu Papier gebracht. Es handelt sich hier also um die Komposition eines erfahrenen Musikers, der ein genaues Bild von der vollendeten Form eines sinfonischen Werks hatte. Jeder der vier Sätze zeugt von der gewonnenen Reife: Der erste und vierte sind Sonatensätze mit je drei ausgedehnten Themen. Der dreiteilige zweite Satz ist ein Liedform-Sonatensatz mit Exposition, einem Mittelabschnitt von siebzehn Takten mit einer neuen thematischen Idee, zumeist in es-Moll, und einer Reprise. Dieser Satz könnte ohne weiteres als langsamer Satz eines Hornkonzerts dienen. Die ansprechenden Melodielinien von Menuetto und Trio fallen durch ungewöhnliche, mittels verschiedener Techniken erzeugten Phrasenlängen auf, einschließlich eines Dialogs zwischen Streichern und dem vierstimmigen Bläsersatz im Trio-Teil. Die ausführlichen Satzüberschriften (z.B. Adagio molto cantabile anstelle des schlichten Adagio, oder Minuetto, ma un poco allegro), dienen bereits als Vortragsbezeichnung.

Die Sinfonie G-Dur (Bryan G6), die Vaň:hal als Mittdreißiger schrieb, gehört zu seinen späteren Werken und weist viele derselben Techniken der musikalischen Organisation auf. Hier kehrt der Komponist aber auch zu der eher experimentellen Arbeitsweise zurück, die seine frühen Sinfonien kennzeichnet. Er lässt das Grundschema der Sonatenform mit seinem traditionellen Muster (Exposition, Durchführung, Reprise) von einer rondoartigen Verwendung des Hauptthemas überlagern – mit dem Resultat von sechs vollständigen Vorstellungen des Hauptthemas, dessen Kopfmotiv ebenfalls der üblichen architektonischen Satzfunktion gehorcht. Die musikalische Organisation des Satzes ist subtil und höchst originell; die Wiederkehr des Kopfmotivs in den Finaltakten ist unerwartet und bildet dennoch den passendsten Abschluss. Auch der zweite Satz folgt im Aufbau der Sonatenform. Der durchgehende melodische Fluss erweitert die Eröffnungsfigur mit ihrem beschwingten Achtelrhythmus. Der Part der Soloflöte verdoppelt die Melodie der ersten Violinen eine Oktave höher. Ein weiteres Beispiel für Vaň:hals Gefühl für Orchesterfarben ist die Passage, in der der Bratschenpart höher als die ersten und zweiten Violinen notiert ist. Einer der interessantesten Aspekte der klassischen Wiener Sinfonie ist die allmähliche Transformation des traditionellen tanzartigen Menuetts zu einem eher abstrakten, stilisierten Satz. Dass die Menuette I und II dieser Sinfonie keine Tanzsätze im üblichen Sinne darstellen, wird bereits durch ihre unterschiedlichen Phrasenlängen und gelegentlichen Sforzando-Gegenakzente in den Mittelstimmen unterstrichen. In Sätzen wie diesen sowie in zahlreichen von Haydns späteren Menuetten finden sich die Ursprünge des Beethovenschen Scherzos. Das muntere Finale ist ebenfalls ein klug gearbeiteter Satz, dessen überraschende Molldominanz im kraftvollen Durchführungabschnitt, der zwischen a-Moll, e-Moll und d-Moll schwankt, ihm eine Tiefe verleiht, die das kecke Eröffnungsthema kaum vermuten läßt.

Paul Bryan
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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