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8.557502 - STRAVINSKY, I.: Apollo / Agon / Orpheus (Craft) (Stravinsky, Vol. 4)
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Igor Strawinsky (1882–1971)
Drei griechische Ballette: Apollo • Agon • Orpheus

Apollo: Ballett in zwei Szenen

Im klassischen Tanz sehe ich den Triumph der bewussten Gestaltung über die Unklarheit, der Regel über das Beliebige, der Ordnung über das Zufällige. (...) Ich sehe in ihm den vollkommenen Ausdruck des apollinischen Prinzips. (Stravinsky)

Wenn Leto Apolls Mutter war, dann war sein Vater gewiss Fyodor. Georges Balanchine in einem Geburtstagstelegramm an Igor Fyodorovitch Stravinsky, 18. Juni 1945

Das Thema hat Stravinsky ausgewählt. An den Kopf der ersten Seite seines Skizzenbuchs ist das französische Original des folgenden Textes – frei nach Homer – geklebt:

Ilithiya kommt in Delos an. Leto war schwanger und fühlte den Zeitpunkt der Geburt bevorstehen. Sie schlug die Arme um eine Palme und kniete nieder in das weiche Gras. Die Erde unter ihr lächelte, und das Kind trat ans Licht. (...) Zwei Göttinnen, Letos Dienerinnen, wuschen das Kind mit reinem, klarem Wasser. Als Windel gaben sie ihm einen weißen Schleier aus feinem Leinen, den sie mit einem goldenen Gürtel befestigten. Themis brachte Nektar und Ambrosia.

Apollo war der Sohn des Gottes Zeus und der Leto, einer Sterblichen. Leto hatte neun Tage und Nächte Wehen, bis Eileithyia, die Gottheit der Entbindung, zu ihr kam. Themis war die Göttin der Gerechtigkeit.

Apollo – Sonnengott und Gott der Musik – wird mit der heiligen Zahl Sieben des Orients assoziiert, die wiederum der Diatonik entspricht, welche der Komponist offenbar von Anfang an im Auge hatte. Apollo ist Stravinskys Hommage an die griechische Idee der Einheit von Musik, Tanz, Malerei und Dichtung – gestaltet mit den Mitteln des französischen Klassizismus des 17. Jahrhunderts (Racine, Arbeau, Poussin, Lully).

Es liegt nahe, dass Stravinsky das Thema auch als Allegorie seiner eigenen Religion betrachtete: Apollo, von menschlicher Geburt, zum Gott erhoben. Arlene Croce weist darauf hin, dass „das Christuskind in Windeln gewickelt wurde“ wie Apollo. Stravinsky mögen weitere Parallelen beeindruckt haben die „Dreierzahl“ der Musen, die Heiligen Drei Könige, die Trinität Gottes wie auch die Metaphorik der Dunkelheit vor Apollos Erscheinen und das mit ihm aufscheinende Licht.

Der Komponist selbst hat das Szenarium geschrieben. Am 4. Januar 1928 unterrichtete er seinen Pariser Verleger, dass die Musik bereit sei zum Vervielfertigen, nicht aber das Szenarium, das ... wie mir scheint, ausgereifter Reflexion bedarf. Die handschriftliche Partitur der ersten Szene enthält Stravinskys Hinweise für Vorhang, Beleuchtung, Abgang und Auftritt sowie einige Anmerkungen zur Koordinierung von Musik und Bühnengeschehen.

Die Musik für den Prolog: Geburt des Apollo, für Apollos Variation und Pas d’action entstand zwischen Mitte Juli und Mitte September 1927 in Nizza. Am 28. September spielte Stravinsky die Klavierfassung dieser Stücke Serge Diaghilev vor, der das Ereignis zwei Tage später gegenüber Serge Lifar so beschreibt:

Ich verbrachte den ganzen Tag mit ihm und verabschiedete ihn um fünf Uhr am Bahnhof. Es war ein außerordentlich befriedigendes Treffen. (...) Nach dem Mittagessen spielte er mir die erste Hälfte des neuen Balletts vor. Es ist gewiss ein großartiges Werk, von ungewöhnlicher Ruhe und von größerer Klarheit als alles, was er bisher gemacht hat: filigraner Kontrapunkt um durchsichtige, prägnante Themen, alle in Dur, Musik nicht von dieser Welt, sondern von irgendwo oben.

Die Partitur wurde am 20. Januar 1928 vollendet, am 22. Januar spielte er sie Diaghilev und Balanchine vor. Die Sätze lauten:

    1 Prolog: Die Geburt des Apollo
    2 Apollos Variation
    3 Pas d’action: Apollo und die Musen
    4 Variation der Calliope
    5 Variation der Polymnia
    6 Variation der Terpsichore
    7 Variation des Apollo
    8 Pas de deux: Apollo und Terpsichore
    9 Coda: Apollo und die Musen
    10 Apotheose: Apollo und die Musen

Apollo endet tragisch. Robert Garis bemerkt helsichtig: „Wenn Apollo und die Musen abgehen, lassen sie uns in unserer Sterblichkeit zurück. Dieser ergreifendste Moment im Ballett ist der einzige in Moll.“

Agon (1957)

Stravinsky begann mit der Arbeit an seinem letzten Ballett Agon im Dezember 1953. Er unterbrach dann aber zugunsten anderer Kompositionen: In Memoriam: Dylan Thomas, Canticum Sacrum und Variationen über „Vom Himmel hoch“. Im Januar 1957 wandte er sich wieder dem Ballett zu und vollendete es am 27. April, zwei Monate vor seinem 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass wurde es in der Royce Hall der University of California Los Angeles (UCLA) konzertant aufgeführt und am folgenden Tag aufgenommen.

Agon hat keine Handlung, es besteht aus 16 einzelnen Tanzsätzen. Abgesehen vom ersten und letzten Stück, deren Musik die gleiche ist, sowie dem Präludium und den Interludien, die einander ebenfalls gleichen, ist die Instrumentation in jedem Tanz anders. In keinem von ihnen kommt das komplette Orchester zum Einsatz. Die Reihenfolge der Tänze ist folgende:

I   11 Pas de quatre (Orchester ohne Fagotte und Perkussion)
    12 Doppeltes Pas de quatre (Flöten, eine Oboe, Klarinetten, ein Fagott, zwei Hörner, zwei
    Trompeten, zwei Posaunen, Streicher)
    13 Dreifaches Pas de quatre (drei Flöten, drei Klarinetten, zwei Fagotte, drei Hörner, zwei
    Trompeten, zwei Posaunen, Streicher)

II  14 Präludium (drei Flöten, zwei Fagotte, vier Trompeten, Harfe, Pauke, Violen, drei Celli, drei
    Bässe)
    15 Erstes Pas de trois: Saraband-Step (Solovioline, Xylophon, zwei Posaunen) (Rolf Schulte,
    Solovioline)
    16 Gaillarde (drei Flöten, Mandoline, Harfe, Klavier, Pauke, Viola, drei Celli, zwei Bässe)
    17 Coda (drei Flöten, zwei Trompeten, zwei Posaunen, Harfe, Klavier, Mandoline, Violine, Cello,
    Bass) (Rolf Schulte, Solovioline)

III  18 Interludium (wie Präludium)
    19 Zweites Pas de trois: Bransle simples (drei Flöten, drei Klarinetten, drei Trompeten, drei
    Posaunen, Harfe, Piano, Streicher)
    20 Bransle gais (Kastagnette, zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, Harfe, Streicher)
    21 Bransle doubles (Bransle de Poitou): Die Musik verläuft simultan in zwei Metren – 3/2 im hohen
    Bereich (Violinen) und 8/4 im tiefen Bereich (Bläser). (zwei Flöten, drei Klarinetten, zwei Fagotte,
    eine Trompete, eine Posaune, Klavier, Streicher)

IV 22 Interludium (wie Präludium)
    23 Pas de deux (Streicher) ( Rolf Schulte, Solovioline)
    Più mosso (drei Hörner, Klavier, Flöte)
    L’istesso tempo (drei Flöten, Streicher)
    Refrain (Flöte, vier Hörner, Klavier)
    24 Coda (Trompete, Posaune, Harfe, Klavier, Pauke, Violinen, Violen, Celli)
    Doppio lento (Mandoline, Harfe, Pauke, Violine, Cello)
    Quasi stretto (vier Hörner, zwei Trompeten,zwei Posaunen, Pauke, Klavier, Streicher)Coda (wie Pas
    de quatre, siehe I)
    25 Vier Duos (Violen, Celli, Bässe, zwei Posaunen)
    26 Vier Trios (Streicher, Bässe, vier Hörner, zwei Trompeten, zwei Posaunen)

Orpheus

Die Sätze von Orpheus folgen aufeinander ohne Pause, ja überschneiden sich in einzelnen Fällen sogar. Da das Tempo oder der Puls in den Nummern 2, 3 und 4 gleich bleibt, kann das jeweilige Geschehen nur aus dem Wechsel des musikalischen Charakters geschlossen werden.

Szene 1
27 Lento sostenuto. Orpheus, allein, trauert um sein Weib Eurydice, die an einem Schlangenbiss gestorben ist.
28 Air de Danse. Orpheus. Andante con moto. Das Stück hat drei Teile. Eine kurze Pause trennt die ersten beiden, ein Tonartwechsel markiert den Beginn des zweiten. Der dritte Teil rekapituliert den ersten.
29 Tanz des Todesengels.
30 Interludium. Der Engel hat Mitleid mit Orpheus und führt ihn zu seinem Weib im Tartarus, dem Aufenthaltsort der Toten.

Szene 2
31 Tanz der Erinyen. Agitato. Das Stück hat zwei Teile, deren zweiter durch einen Tonartwechsel und einen etwas langsameren Puls gekennzeichnet ist.
32 Air de danse. Orpheus. Grave. Rezitativ (Harfe, Solostreichquintett) und Arie (Oboen und Harfe)
33 Interludium. Die gequälten Seelen im Tartarus flehen Orpheus an, sein Lied fortzusetzen.
34 Air de danse (Reprise und Schluss). Orpheus entspricht ihrem Wunsch.
35 Pas d’action. Andantino leggiadro. Tantalus, Herrscher des Tartarus, lässt Eurydice frei. Die Furien umkreisen Orpheus und verbinden ihm die Augen. Sie legen Eurydices Hand in die seine und geleiten beide auf den Weg zur Erde.
36 Pas de deux. Orpheus und Eurydice. Andante sostenuto.
37 Interludium. Orpheus allein. Moderato assai.
38 Pas d’action. Vivace. Die thrakischen Frauen reißen Orpheus in Stücke.

Szene 3
39 Apotheose. Apollo erscheint und Orpheus’ Lyra entschwindet himmelwärts. Lento sostenuto.

Die Wahl des Sujets war Balanchines. Er hatte 1936 an der Metropolitan Opera Glucks Orfeo herausgebracht, und seitdem ließ ihn die Geschichte nicht mehr los. Zwischen dem 4. und 30. April sowie dem 8. bis 24. Juni 1946 erarbeitete er das Szenarium zusammen mit Stravinsky in dessen Wohnung. Im September 1947, nach Vollendung der Partitur, setzten sich Komponist und Choreograph nochmals eine Woche zusammen, um die Inszenierung zu planen. Isamu Noguchi wurde für Kostüme und Dekoration verpflichtet; der Darsteller des Orpheus bemängelte, dass die für ihn entworfene Kopfbedeckung seine Sicht auf den Boden behindere.

Stravinsky nannte als seine und Balanchines Quelle das zehnte Buch von Ovids Metamorphosen – die inhaltlichen Unterschiede zwischen diesem und dem Ballett sind allerdings unübersehbar. Ovids Hades ist ein Mann, kein Ort wie im Ballett; Pluto ist bei ihm eine Frau, Mutter des Tantalus von Zeus. Während der Orpheus des Balletts von einem Engel von der Erde zum Tartarus geleitet wird, erwähnt Ovid eine solche Begleitung nicht.

Die Orpheus-Musik entfernt sich vom explosiven Charakter der Sinfonie von 1945 und lässt eine Gefühlsbetontheit zutage treten, die es vordem bei Stravinsky nicht gegeben hatte. Das Ballett kann als die romantische Antwort auf das klassische Apollo angesehen werden. Die Musik ist persönlich und leidenschaftlich – passend zu der Liebesgeschichte. Die dramatische Affinität zu Persephoné von 1934 besteht darin, dass es in beiden Fällen um ein Suchen geht, das Reisen in die Unterwelt und zurück mit sich bringt – das eine endet freudvoll, das andere tragisch. Obwohl Persephoné die Tochter der Göttin Demeter ist und Orpheus der Sohn des Gottes Apollo und der Muse Calliope, sind beide Protagonisten doch „Erdenkinder“. Musikalisch sind die beiden Werke durch ihren empfindsamen Charakter und ihre Vergegenwärtigung der trostlos-kalten Unterwelt verbunden. In beiden Partituren ist die Harfe das prominenteste Instrument und wird die wichtigste instrumentale Arie klagend von der Oboe gesungen.

Das Außergewöhnliche an Orpheus innerhalb von Stravinskys Werk ist die Diskrepanz zwischen der gefühlsbetonten musikalischen Natur und seiner Ästhetik und Realisierung in den vorausgegangenen 25 Jahren. Orpheus ist die einzige Partitur nach Feuervogel, in welcher die Bezeichnung espressivo – zusammen mit Angaben wie cantabile – häufig vorkommt, und zwar sowohl in der Musik der Furien (sempre p ma espressivo) als auch im Pas de deux. Die Musik ist deskriptiv, bildhaft, reich an Symbolen sowie in der Verbindung von musikalischer Metaphorik und Bühnengeschehen. So spielt die Harfe nach Orpheus Tod, wenn seine Lyra gen Himmel entschwindet, zwei Solostrophen in einem perpetuum mobile-Rhythmus, die den Eindruck des Fortgangs der Musik ohne den Spieler vermitteln.

Orpheus ist auch das am stärksten pantomimische, am wenigsten tänzerische Ballett Stravinskys nach Feuervogel und zudem das einzige nach Petruschka, in dem die szenischen Elemente – Bühnenbild, Kostüme, Vorhänge, Beleuchtung und Requisiten – integraler Bestandteil der musikalisch-choreographischen Darstellung sind. Das Wogen und Schimmern des durchscheinenden weißen Seidenvorhangs, der während des ersten und dritten Interludiums heruntergelassen ist, ist Teil des Geschehens. Und wenn das Requisit zum Leichentuch für die verstorbene Eurydice wird, ist es eine lebendige Kraft. Allein dafür sollte Isamu Noguchis Name als einer der Schöpfer des Balletts neben dem von Stravinsky und Balanchine stehen.

Stravinskys erste Niederschrift am 20. Oktober 1946 war das in – von sieben anderen Blasinstrumenten gespielte – Akkorde eingebettete Trompetenmotiv aus drei Noten. Es zeigt den Auftritt von Orpheus’ trauernden Waldfreunden an: Faune, Dryaden und Satyrn bringen Geschenke und drücken ihre Sympathie aus. Als nächstes schrieb der Komponist den eigentlichen Beginn der Partitur: die absteigende Harfen-(Lyra-)Figur, begleitet von Streichern, die sanft einen Choral anstimmen. Darauf folgte das in Moll gesetzte, gleichwohl lebendige Air de danse, ein Violinsolo, in das immer wieder die Flöte einstimmt, auf der Basis des Intervalls der kleinen Sekunde.

Die Verwendung griechischer Tonarten am Anfang (phrygisch) und am Ende (dorisch) hat einen eindrucksvollen archaisierenden Effekt. Die abschließende Fugenmelodie für zwei Hörner, welche die „Himmelfahrt“ von Orpheus’ Lyra begleitet, verkündet die Unvergänglichkeit der Musik.

Robert Craft
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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