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8.557521 - SCHOENBERG: 6 A Cappella Choruses / String Quartet No. 2 / Suite in G Major (Schoenberg, Vol. 3)
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Arnold Schönberg (1874–1951)

Sechs Sätze für gemischten Chor a cappella

Im August 1928 lud die „Staatliche Kommission für das Volksliederbuch für die Jugend” Arnold Schönberg ein, drei beliebte Volkslieder aus dem 16. Jahrhundert gemäß seinen eigenen Regeln zu bearbeiten. Schönberg vertiefte sich in diese Arbeit und schuf drei meisterhafte polyphone Miniaturen. 1948 beschloss er in Los Angeles, drei weitere dieser Chöre im selben Stil zu schreiben.

Streichquartett Nr. 2 op. 10

Am 9. März 1907 begann Arnold Schönberg in Wien mit der Komposition seines zweiten Streichquartetts fismoll op. 10. Die vier Sätze entstanden nicht in chronologischer Reihenfolge. Der Kopfsatz war bereits ein Jahr vor den anderen fertig. Dann wurde am 11. Juli 1908 der dritte Satz, Litanei, vollendet; der zweite (Scherzo) folgte am 21. Juli 1908 – und das ganze Stück wurde am 1. September in Gmunden abgeschlossen. Kurz vorher war der 25jährige Maler Richard Gerstl, ein tüchtiger Musiker, der zudem Philosophie, Griechisch und Latein studierte, mit Schönbergs Frau Mathilde durchgebrannt. Im November nahm sich Gerstl aus Reue über seine abscheuliche Tat das Leben. Er hatte sich in demselben Haus ein Studio gemietet, wo auch die Schönbergs wohnten. Er hatte beide gemalt und Schönberg in der Kunst des Malens unterrichtet. Derweil entflammte er für dessen Frau, die neun Jahre jünger als der Komponist war. Im wesentlichen war es der Vermittlung Weberns zu verdanken, dass sie zu ihrem Mann zurückkehrte und dieser sie wieder aufnahm; der zwingendste Grund werden freilich die mütterlichen Gefühle für die beiden noch ganz kleinen Kinder gewesen sein. In seinen Tagebüchern (die Allen Shawn in seinem vorzüglichen Buch über den Komponisten veröffentlicht hat) offenbart Schönberg seine ganze Seelenakrobatik und die Unerschütterlichkeit seines Ego.

Die beiden Vokalsätze am Ende des Quartetts, Litanei und Entrückung, geben Hinweise auf eine neue musikalische Entwicklung in Schönbergs Schaffen, ein Gespür für die „luft von anderen planeten”, wie es in einer Zeile der Entrückung heißt. Der Autor dieses Artikels kann nicht sagen, ob diese Musik während jener stürmischen Ereignisse oder danach entstand – in jedem Falle aber ist das Quartett „meiner Frau” gewidmet. Es wurde am 21. Dezember 1908 vom Rosé- Ensemble uraufgeführt, wobei Marie Gutheil-Schoder die Stefan-George-Vertonungen sang. Diese Sätze bezeichnen den größten harmonischen Fortschritt, den Schönberg bis dahin in Sachen harmonischer Entdeckungen und Sensibilität gemacht hatte: Jeder Akkord, jede Fortschreitung und jede Tonhöhenkombination ist äußerst neu und einfach richtig, und die ruhige, dahinschmelzende Streichereinleitung zu Entrückung sowie die gesamte bezaubernde Kombination von Singstimme und Quartett sind ein Höhepunkt in der Musik des frühen 20. Jahrhunderts.

Was es mit der Faszination auf sich hatte, die Stefan George auf Schönberg ausübte, das sollte ein Autor darstellen, der mehr über die deutsche Sprache und die Musik weiß. Eine Buchpublikation zu dieser Wechselbeziehung ist längst überfällig. Der gegenwärtige Schreiber hat sich entschieden, das Quartett op. 10 in seiner Originalgestalt und nicht in der Fassung für Streichorchester vorzustellen, die Schönberg 1929 eingerichtet hat, denn die letztere tendiert durch die Verdopplung des Violoncellos dazu, die Basslinie zu überladen. Zudem enthalten die Vokalsätze einige der innerlichsten Dinge, die Schönberg je geschrieben hat: das Opus 10 gibt keine öffentlichen Erklärungen ab.

Suite für Streicher G-dur

Schönbergs erste amerikanische Komposition besteht aus fünf Sätzen: Ouvertüre (11), Adagio (12), Menuett (13), Gavotte (14) und Gigue (15). Nach einem bitteren Bostoner Winter besuchte der Komponist im August 1934 die Sommermusikschule von Chautauqua, New York. Die Einladung dazu kam von einem der Direktoren, dem australischen Pianisten Ernest Hutcheson, der in den 1880er Jahren am Leipziger Konservatorium studiert und mit dem Komponisten vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland Freundschaft geschlossen hatte. Wie sich’s fügte, war Hutcheson auch Präsident der New Yorker Juilliard School of Music und hoffte als solcher, Schönberg für das Institut als Lehrer gewinnen zu können. Diesen hatte die Erfahrung aus Boston allerdings gelehrt, dass das New Yorker Klima für ihn zu hart sein würde; da er andererseits aber eine Einnahmequelle brauchte, bat er Hutcheson, das Angebot „auf das nächste Jahr, oder eventuell auf das Frühjahr und den Sommer” zu verschieben. In einem Brief an seinen Schwager diskutierte er mögliche Honorarforderungen, von denen Hutcheson annahm, sie könnten exorbitant sein (da Schönbergs Ruf als Lehrer ohnegleichen war) – und er bemerkte bescheiden: „Die haben keine Ahnung, wie billig ich sein werde.” Schließlich übersiedelte er in das verträglichere Klima Südkaliforniens. In einem Brief vom 28. März 1935 setzte er Hutcheson über seine Entscheidung in Kenntnis. Überdies lieferte er einen weiteren Grund, der für Kulturhistoriker interessant sein sollte – die unzureichende Vorbildung des durchschnittlichen amerikanischen Musikstudenten:

Ich war zwar auch in Europa damit fast durchaus sehr unzufrieden, fand aber meistens doch, dass wenigstens eine gewisse, ziemlich ausgebreitete Kenntnis der Meisterwerke zu finden war. Dieser unentbehrliche Unterrichtsbehelf scheint mir hier größtenteils nicht vorhanden zu sein. Ich schiebe das auf zwei Umstände: vor allem die hohen Preise der Musikalien, die es den meisten Schülern unmöglich machen, diese gewisse kleinste Bibliothek von etwa 200 Bänden selbst zu besitzen, wie sie in Österreich fast der Ärmste hat; und zweitens auf die viel zu hohen Eintrittspreise und den gesellschaftlichen Zuschnitt der Konzerte und Operntheater.

In Chautauqua hatte Schönberg den jungen New Yorker Kontrabassisten Martin Bernstein kennengelernt, der ihn bewog, für die kommende Musikergeneration, die man in den Hochschul- und College-Orchestern auszubilden begonnen hatte, ein Stück zu komponieren. Schönberg hatte keine Ahnung von dem primitiven Ausbildungsstand der damaligen Institutionen und schrieb:

Ich glaube, dass alle Komponisten, besonders moderne Komponisten, und ganz besonders ich, an der Förderung solcher Bestrebungen interessiert sein sollten. Denn hier kann man das Fundament einer neuen künstlerischen Kultur legen, hier kann man jungen Menschen die Möglichkeit geben, die neuen Ausdrucksbereiche und die entsprechenden Mittel zu verstehen.

Ende August begann Schönberg mit der Arbeit an seiner „Suite im alten Stil für Streichorchester”, und am 7. September war die Skizze zur Engführung der Fuge aus dem ersten Satz fertig. „Im alten Stile” muss man mehr im Sinne der Tanzformen des 18. Jahrhunderts verstehen als im Hinblick auf die kontrapunktischen, harmonischen, rhythmischen und instrumentalen Aspekte der Stücke. Die Gavotte wurde am 11. Oktober fertig, das Menuett am 23. Oktober, das Adagio am 6. November, und das gesamte Werk trägt den Schlussvermerk „26. Dezember, 5860 Canyon Cove, Hollywood”. Die Uraufführung fand am 18. Mai 1935 durch das Los Angeles Philharmonic Orchestra unter Otto Klemperer statt. Auf der Titelseite der Handschrift, die jetzt der Sammlung Dr. Arthur Wilhelm in Basel gehört, bemerkte der Komponist mit Rotstift: „Die Kleckse in dieser Partitur sind Klemperers Schweißtropfen”. In der Tat fanden Klemperer und seine Berufsmusiker dieses Stück für „Studentenorchester” äußerst schwierig zu spielen, und aus diesem Grunde ist es auch noch nach siebzig Jahren praktisch unbekannt.

Neben der für Schönberg typischen Erläuterung, die in der Partitur allerdings fehlt, scheint jeder weitere Kommentar überflüssig:

Ohne die Schüler vorläufig einer Schädigung durch das »Gift der Atonalität« auszusetzen, sollte hier in einer Harmonik, die zu modernen Empfindungen leitet, auf moderne Spieltechnik vorbereitet werden: Fingersätze, Stricharten, Phrasierung, Intonation, Dynamik, Rhythmik, all das sollte gefordert werden, ohne unüberwindbare Schwierigkeiten zu bieten. Aber auch auf eine moderne Intonation, Satztechnik, Kontrapunkt und Phrasenbildung war hinzuweisen, wenn der Schüler allmählich das Gefühl erwerben soll, dass nicht nur jener primitiv symmetrische Bau, jene Variationslosigkeit und Unterentwickeltheit als Melodie zu gelten habe, welche das Wohlgefallen der Mediokrität aller Länder und Völker bildet.

Robert Craft
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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