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8.557538 - THE ITALIAN DRAMATIC LAMENT
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Der dramatische Lamento Italiens

Die Italiener des 17. Jahrhunderts dachten über die Ausschweifungen ihrer Zeit nach und fühlten sich beschämt und gedemütigt. Ihre Reaktion bestand darin, dass sie sich auf das Dunkle und Bedrückende konzentrierten. Die italienische Kunst des 17. Jahrhunderts verweilte oft bei übertrieben grotesken Dingen – dem Blut von Heiligen etwa – , und düstere Farben gab es im Überfluss. Die Musik zielte auf die dramatische Darstellung eines gewaltigen emotionalen Spektrums ab: Sie zeigte die Liebe nicht nur als schöne Rosenblüte, sondern auch mit ihren Dornen.

Eine beliebte Gattung der italienischen Dicht- und Liedkunst war der Lamento, dessen Ursprünge man im antiken Griechenland und dann im antiken Rom vermutete. Die Komponisten des 17. Jahrhunderts wurden von Aristoteles’ Theorie der katharsis inspiriert, wonach es möglich sein sollte, die Emotionen durch die künstlerische Erregung von Furcht und Mitleid zu reinigen. Diese Idee der katharsis weckte die Neugier der musikalischen Revolutionäre. Der Lamento sollte des Hörers Mitleid wecken und auf den Körpersaft der schwarzen Galle, das heißt: auf die melancholische Gemütsart wirken, die gemäß der antiken und späteren medizinischen Theorie zu den vier Temperamenten gehörte. Üblicherweise ging es im Lamento um eine Frau, die ihre Situation und ihre unglückliche Liebe beklagte. Sehr beliebt war es, im Gesang eine Wahnsinnige darzustellen, wobei sich Sinn und Leidenschaft der Dichtung mit experimentellen Harmonien hervorheben ließen. Claudio Monteverdis berühmter Lamento di Arianna rührte seinerzeit das Publikum zu Tränen. Ein Zeitgenosse berichtet von der damaligen Aufführung, dass dieser Lamento mit vieler Leidenschafft dargeboten ward und so mitleiderweckend, daß keiner, der’s hörte, ungerühret blieb, auch unter denen Damen keine war, die nicht ein paar Thränen der Trauer vergossen.

Im Italien des 17. Jahrhunderts änderte sich die Rolle der Frau ein wenig. Von einer Adligen des 16. Jahrhunderts hatte man zwar die Beherrschung eines für Damen schicklichen Instruments und gesangliche Fertigkeiten erwartet; diese wurden aber weder beruflich noch zur Unterhaltung vor andern dargeboten. Seinerzeit war es üblich, dass Nonnen oder Töchter aus Musikerfamilien öffentlich Musik machten. Im nächsten Jahrhundert war es dann akzeptabler, wenn Frauen musizierten und sogar komponierten, wenngleich die Publikation ihrer Werke nicht alltäglich war. Barbara Strozzi (1619-1664) war eine solche Frau. Sie wurde in Venedig als uneheliche Tochter des Dramatikers, Librettisten und Dichters Giulio Strozzi geboren, der mit Komponisten vom Range eines Monteverdi und Cavalli zusammenarbeitete. Er hatte eine fortschrittliche Haltung gegenüber der Frau und ihrer gesellschaftlichen Rolle. Seinem Einfluss war es vermutlich zu danken, dass Barbara Strozzi ihrer Liebe zur Musik so mutig nachging. Ihre Komposition Lagrime mie (Meine Tränen) soll nach einer Diskussion in der Accademia degli Unisoni entstanden sein – einer Gruppe von Intellektuellen, der sie angehörte. In dieser Debatte ging es um die Frage, ob sich Gefühle besser durch Tränen oder Gesang ausdrücken ließen. Nachdem sie nun bei einer Zusammenkunft ihre Komposition vorgetragen hatte, sagte sie: Ich zweifle nicht daran, meine Herren, daß Sie sich zugunsten meines Gesangs entscheiden werden; denn mir ist sehr bewußt, daß mir die Ehre Ihrer Gegenwart heute abend nicht zuteil geworden wäre, wenn ich Sie nicht eingeladen hätte, meinen Gesang anzuhören, sondern vielmehr – mich weinen zu sehen.

Wegen seiner langen, rotblonden Haare wurde der Komponist und Sänger Jacopo Peri (1561-1633) il zazzerino geheißen. Er war zu seiner Zeit als Sänger berühmt, weil er das Publikum mit seinen starken, gefühlvollen musikalischen Darbietungen zu bewegen wusste. Überdies war er eine Art von Sexsymbol. Peri schrieb die Musik zu einem Werk, das heute als die erste Oper gilt: La Dafne. Er stammte aus Rom, war aber in Florenz aufgewachsen und stand im Dienste der Medicis. Peri soll Mitglied verschiedener intellektueller Gesellschaften gewesen sein, die für ein neues Musikideal eintraten, mit dem sie den Zweck verfolgten, den musikdramatischen Stil der griechischen Antike wieder auferstehen zu lassen. Besonders ist hier die Florentiner Camerata zu nennen, der die übliche Musik ihrer Zeit als zu kontrapunktisch erschien, mithin zu viele simultane Melodielinien enthielt, als dass man den Text noch hätte verstehen können. Während die alte Musik – beispielsweise das Madrigal – von Ensembles zu vier oder fünf Stimmen aufgeführt wurde, favorisierte die neue Musik die Solostimme mit Begleitung. Man glaubte, dass dieser neue rezitativische Stil, eine Kombination von Sprache und Gesang, aus dem Geiste der Antike entstanden sei. Komponisten und Verleger verdienten viel Geld, als sie diese neue Musik für Solostimme einer großen Zahl männlicher und weiblicher Amateurmusiker verkauften. Wie stets wurde auch dieser musikalische Wandel nicht von allen mitgemacht. Der Musikkritiker Artusi hielt diesen musikalischen Stil für verweichlicht und minderwertig und verglich ihn mit einer angemalten Hure.

Claudio Monteverdi (1567-1643) galt weithin als der beste italienische Musiker des 17. Jahrhunderts. Er arbeitete für die Mantovaner Familie der Gonzagas und fand schließlich in Venedig eine Anstellung. Seinem Bruder Giulio Cesare Monteverdi zufolge waren für Claudio die Worte seiner Musik die Herrin (padrona) der Harmonie und nicht deren Dienerin (serva). Heute ist er einer der populärsten Komponisten des Frühbarock, dessen man sich nicht zuletzt wegen seiner Beiträge zum Opernrepertoire gern erinnert, von denen besonders der Orfeo und L’incoronazione di Poppea zu nennen sind.

Wie die meisten Musiker seiner Zeit erfuhr auch der Komponist Giulio Caccini (1551-1618) zunächst eine kirchenmusikalische Ausbildung, bevor er für die Familie der Medici tätig war. Er soll den neuen stile recitativo entwickelt haben und war an der Entwicklung der Oper beteiligt.

Giovanni Girolamo Kapsberger (um 1580-1651) war als il Tedesco della Tiorba (der Deutsche mit der Theorbe) bekannt. Zwar waren seine Eltern deutscher Herkunft, doch er wurde in Venedig geboren. Später ging er nach Rom. 1626 sagte der Theoretiker Doni, Kapsberger sei „in Rom der vorzüglichste Meister auf der Theorbe”; später überwarf er sich dann allerdings mit ihm, worauf er schlecht über ihn schrieb. Kapsberger komponierte anspruchsvolle Musik und war ein Wegbereiter neuer musikalischer Kunstgriffe für die Theorbe, darunter strascini (lange Legato-Passagen), campanelle (Glöckchen), chromatische Harfeneffekte und anderes. Kircher schrieb über Kapsberger: „Der edle Musicus Hieronymus Kapsberger Germanus, Autor unzählbarer Schriften und vorzüglicher musikalischer Publicationen, vermochte mit seinem vorzüglichen Geist und andern wissenschaftlichen Künsten, in denen er bewandert war, erfolgreich die Geheimnisse der Musik zu ergründen.”

Die Musik des vorliegenden Programms wird in einer kreativen und improvisatorischen Art gespielt, die überraschende Ähnlichkeiten mit dem Jazz hat. Der Komponist liefert das Material für die Solostimmen sowie das Skelett einer Basslinie für die Begleitinstrumente. Die Begleiter spielen Instrumente wie Theorbe, Harfe, Lirone und Orgel, und man erwartet von ihnen, dass sie wissen, wie die richtigen Akkorde gemäß gewissen theoretischen harmonischen Regeln auszuführen sind. Diese Praxis, die wir basso continuo oder einfach continuo nennen, war bei der Aufführung der Barockmusik sehr verbreitet.

Annalisa Pappano
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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