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8.557545 - STRIKE UP THE BAND!
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Strike up the Band!
Sousa • Coates • Gounod • Schubert • Gershwin

 

Julius Fučik (1872-1916) wurde in Prag geboren und studierte am Konservatorium der Stadt in jener Zeit, als auch Antonin Dvořák dort Schüler war. Er war ein außerordentlich produktiver Komponist mit über vierhundert Werken, darunter Operetten, Kammermusik, Messen und Lieder. Heutzutage ist er fast ausschließlich für seine mehr als hundert Märsche bekannt, von denen zwei besonders berühmt wurden: Einzug der Gladiatoren ([Track 5]) und Florentiner Marsch ([1]). Ersterer hieß ursprünglich Grande Marche Chromatique, doch später gab ihm Fučik – inspiriert von den Gladiatorenkämpfen im alten Rom – den jetzigen, sehr viel nachdenklicher stimmenden Titel. Wer jemals im Zirkus war, kann den Marsch kaum überhört haben. Man könnte ihn für Fučiks populärsten Marsch halten, doch ergab eine internationale Umfrage den ersten Platz für den Florentiner Marsch. Dieser trägt den Untertitel Grande Marcia Italiana.

Eric Coates (1886-1957) war Viola-Spieler und Gründungsmitglied des Beecham Symphony Orchestra. Später wurde er Abteilungsleiter im Queens Hall Orchestra, wo er bis 1918 blieb, als er sich ganz dem Komponieren zuwandte. Einer der Gründe für seine meisterhafte Orchestrierung lag sicher darin, dass er das Orchester von innen heraus gehört und gesehen hatte. Die 1920er und 1930er Jahre waren durch die Entwicklung des Rundfunks ein goldenes Zeitalter für Coates. Anders als andere englische Komponisten schien er kein spezielles Interesse an Filmmusik zu haben, doch sein Score für The Dambusters (Mai 1943 – Die Zerstörung der Talsperren) von 1954 enthält den bekannten The Dambusters March ([2]).

Es heißt, das Carl Teike (1864-1922) jegliches Interesse am Militär verlor, als ihm ein neu eingetroffener Regimentsdirigent vorschlug, einen gerade komponierten Marsch wegzuwerfen. Es betraf Alte Kameraden ([3]), so dass anzunehmen ist, dass der Dirigent seine Worte zurücknahm. Teike verließ die Armee, ging zur Polizei und schrieb auch weiterhin Märsche. Seit seinem ersten Erscheinen ist Alte Kameraden einer der am häufigsten gespielten Märsche weltweit.

George Gershwin (1898-1937) komponierte eine ganze Reihe unvergesslicher Lieder auf Texte seines Bruders Ira; sein erster Hit war Swanee. Gershwin war auch der erste, der es in seiner Rhapsody in Blue – geschrieben 1924 und orchestriert von Ferde Grofé – ernsthaft verstand, Jazz und sinfonische Musik zusammenzubringen. Die Premiere gab Paul Whitemans Orchester mit Gershwin als Solist. Als dieser Maurice Ravel in Paris ausfindig gemacht hatte, um Stunden bei ihm zu nehmen, soll Ravel gefragt haben, ob er nicht stattdessen Stunden bei Gershwin nehmen sollte. Er schrieb auch eine Reihe von Musicals; viele seiner berühmtesten Lieder entstammen einem solchen Kontext. Das gilt zum Beispiel für Strike Up The Band ([4]) aus dem gleichnamigen Musical, das seine Uraufführung 1927 in Philadelphia erlebte.

Josef Franz Wagner (1856-1908) wurde zuweilen der „österreichische Marschkönig“ genannt. Tatsächlich lagen ihm Österreich und besonders Wien sehr am Herzen. 1899 beendete er nach 21 Jahren seine Laufbahn bei der Armee und gründete eine eigene Militärkapelle, die schnell populär wurde. Er komponierte mehr als 400 Stücke, doch brachten ihm seine Märsche den größten Ruhm ein. Unter dem Doppeladler ([6]) ist einer der berühmtesten.

Es ist mehr als ungewöhnlich, dass der Name einer Person nicht nur einer bestimmten Art von Ensemble, sondern auch einem Musikgenre gegeben wird. Genau das geschah Johann Schrammel (1850-1893) und seinem Bruder Joseph. Beide waren Violinisten im Schrammel-Quartett, das sie 1877 gegründet hatten. Die anderen Instrumente waren Gitarre und Klarinette (später Akkordeon). Ihre Musik war vor allem typisch wienerisch, und die österreichische Hauptstadt ist auch das Thema von Johanns Marsch Wien bleibt Wien ([7]).

Victor Herbert (1859-1924) ist heutzutage vor allem für seine Operetten bekannt, doch war er eine der bemerkenswertesten Figuren im amerikanischen Musikleben des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Geboren in Dublin, erhielt er seine musikalische Ausbildung in Deutschland und Österreich. 1886 kam er nach Amerika und wurde Solocellist des Metropolitan Opera Orchestra. Herbert war ein außergewöhnlich talentierter Musiker und herausragender Dirigent. Als einer der ersten komponierte er auch für den Film und war ein enthusiastischer Verfechter des Phonographen. Der berühmte March of the Toys ([8]) aus seiner Operette Babes in Toyland wurde im Juni 1903 in Chicago erstmals aufgeführt.

Frederick J. Ricketts (1881-1945) komponierte unter dem Pseudonym Kenneth J. Alford. Als er gerade vierzehn war, log er in Bezug auf sein Alter, um ins Erste Bataillon des Royal Irish Regiment eintreten zu können. Nach dem Dienst in Indien trat er in die Royal Military School in Kneller Hall ein. Dort soll er einer Reihe von Studenten geholfen haben, welche die Aufgabe hatten, Musik zu komponieren, denen aber sein Talent fehlte. 1930 wurde er musikalischer Direktor der Plymouth Division der Royal Marines. Unter seiner Führung errang das Ensemble weltweiten Ruhm, mit Touren nach Frankreich und Kanada. Während des Zweiten Weltkriegs führte Alford – zum Major befördert – das Ensemble durch ganz England. Ein Jahr vor seinem Tod ging er in den Ruhestand. Sein berühmtester Marsch ist Colonel Bogey ([9]), nicht zuletzt wegen seiner prominenten Rolle im Film The Bridge on the River Kwai (Die Brücke am Kwai) von 1957. Colonel Bogey wurde im Zweiten Weltkrieg auch unter britischen Soldaten äußerst populär, die ihn mit einem anzüglichen Text versahen.

John Philip Sousa (1854-1932) ist in der Tat der König der Märsche – in allen Kategorien. Er personifizierte das Amerika der Jahrhundertwende mit seinem ahnungslosen Charakter und seiner unwider-stehlichen Energie. Sein eigenes Orchester unternahm oft Reisen rund um den Globus und leistete Pio-nierarbeit, indem es Musik in zahllose Städten in ganz Amerika trug. Sousa schrieb eine große Zahl von Märschen, von denen Stars and Stripes Forever, Washington Post und Semper Fidelis zu den populärsten gehören. Hier präsentieren wir einen Marsch, der bei weitem nicht so oft gespielt wird: The Liberty Bell von 1893 ([10]). Sousa wurde in Chicago zu diesem Stück inspiriert, als er ein Gemälde der berühmten Liberty Bell (Freiheitsglocke) in Philadelphia sah. Durch einen glücklichen Zufall erhielt er am Tag darauf einen Brief von seiner Frau, in dem sie davon berichtet, dass der Sohn an einer Zeremonie teilgenommen hat, die sich um genau diese Glocke drehte, und sich so als wahrer Patriot erwies. Patriotismus war für Sousa Ehrensache. Obwohl der Marsch relativ selten gespielt wird, dürfte er vielen bekannt vorkommen – vielleicht deshalb, weil John Cleese und Kollegen ihn als Erkennungsmelodie für die BBC-Komödie Monty Python's Flying Circus auswählten.

Wenig ist über Kurt Noack (1895-1945), den Komponisten von Heinzelmännchens Wachtparade ([11]), bekannt. Er war in Berlin und Stettin tätig und schrieb eine Anzahl von Werken für Salonorchester, darunter Valse Scandinave und Marionetten um Mitternacht. Heinzelmännchens Wachtparade war sein großer Hit.

Zeit seines Lebens wurde Louis Ganne (1862-1923) als einer der führenden Komponisten leichter Musik in Frankreich angesehen. Er studierte am Pariser Konservatorium Komposition bei Massenet und Orgel bei César Franck. Kaum hatte er das Konservatorium verlassen, machte er sich schon einen Namen als Komponist von Märschen, Walzern und Mazurkas. Viele Jahre war er für die Musik im Casino von Monte Carlo zuständig, wo er eine überaus populäre Konzertreihe leitete: Les Concerts de Louis Ganne. Er schrieb auch einige Operetten und Ballette, doch heutzutage erinnert man sich seiner vor allem wegen eines Stücks, des Marche lorraine ([12]) von 1892, für den er ein regionales Volkslied verwendete. Im Zweiten Weltkrieg gewann der Marche lorraine signifikante Bedeutung als Kampflied der freien Franzosen und ihrer Verbündeten.

Für Franz von Blon (1861-1945) waren Märsche eher Konzerstücke als Musik, die Soldaten helfen soll, im Tritt zu bleiben. Obwohl selten eingespielt, gilt er neben Carl Teike als einer der besten deutschen Marschkomponisten. Er studierte am Stern'schen Konservatorium und war einer der sechs vielversprechenden Violinisten, denen Privatstunden bei Joseph Joachim zuerkannt wurden. Blon wirkte als Orchesterleiter und Dirigent und komponierte zahlreiche Werke in einem breiten Spektrum an Genres, nicht zuletzt für Blasorchester. Der Solinger Schützenmarsch ([13]) ist einem Schützenverein in Solingen gewidmet.

Charles Gounod (1818-1893) erhielt von seiner Mutter erste musikalische Unterweisung; 1836 trat er ins Pariser Konservatorium ein. Seine erste Oper Sappho schrieb er für die Sängerin Pauline Viardot-Garcia. Weitere Opern folgten, darunter Faust, Mireille und Roméo et Juliette. Sein Marche funèbre d'une marionette ([14]) wurde weithin bekannt als Erkennungsmelodie der Fernsehreihen Alfred Hitchcock Presents (1960-1962) und The Alfred Hitchcock Hour (1962-1965).

Johannes Hanssen (1874-1967) war Tenorhornist in der norwegischen Brigademusikken, als sein Valdres- Marsch ([15]) bei einem Freiluftkonzert 1904 erstmals aufgeführt wurde. Offensichtlich applaudierten nur zwei Leute aus dem Publikum – seine besten Freunde. Später errang der Marsch internationalen Ruhm und war in einer Aufnahme des Boston Symphony Orchestra unter dem Titel „Die zehn besten Märsche der Welt“ enthalten. Seit 1926 war Hanssen Leutnant und Direktor der Brigademusikken, wirkte aber auch als Orchestermusiker.

Als die preußische Armee die Österreicher 1866 bei Königgrätz besiegte, rief sie nach Johann Gottfried Piefke (1815-1884), um den Sieg zu feiern. Er leitete ein Ensemble aus drei Kapellen in einem Programm mit Märschen und Volksliedern – Ausdruck der Popularität, die er in der preußischen Armee genoss. Piefkes meisterhafte Leitung und der hohe Standard seiner Musiker riefen unter anderen den Beifall des berühmten Dirigenten Hans von Bülow hervor. Preußens Gloria ([16]) entstand 1871; Piefke selbst hat es selten aufgeführt. Nach seinem Tod wurde es im Nachlass gefunden und in einer Sammlung von Märschen 1911 veröffentlicht.

Für viele ist der Marche militaire ([17]) von Franz Schubert (1797-1828) ein für allemal mit Heiligabend, Disney und der Werkstatt des Weihnachtsmannes verbunden. Schubert schrieb ihn als den ersten seiner drei Marches militaires (D. 733) für Klavier zu vier Händen. In dieser Form erfreute er sich seinerzeit großer Beliebtheit.

Semyon Tchernevsky (1881-1950) mag vielen von uns unbekannt sein, doch in seiner Heimat Russland wird er als russischer Sousa angesehen – Schöpfer einer Reihe vorzüglicher Märsche, die häufig aufgeführt werden. Salyut Moskvy ([18]) ist eines seiner populärsten Werke und beginnt – wie so oft bei Tchernevsky – mit einem passenden Zitat, hier mit dem Pausensignal von Radio Moskau.

Wann immer ein Filmregisseur eine Melodie sucht, welche die American Marines assoziiert, fällt die Wahl leicht: er wendet sich Charles A. Zimmerman (1862-1916) und seinem Anchors Aweigh ([19]) zu. Zimmerman war Leutnant an der U.S. Naval Academy und hatte die Gewohnheit, für jeden Kadettenjahrgang, der graduierte, einen Marsch zu komponieren. Anchors Aweigh schrieb er für den Jahrgang 1906; unverzüglich kam ein Text aus der Feder eines Kadetten hinzu, der Mitglied des Institutschores war: Alfred H. Miles. In dieser Form wurde der Marsch bei dem jährlichen Football-Match zwischen der Armee und den Marines erstmals aufgeführt – vor dreißigtausend Leuten in Philadelphia.

Robert Planquette (1848-1903) studierte am Pariser Konservatorium und wurde als Komponist populärer Lieder bekannt. Später schrieb er zwölf Operetten, von denen Les cloches de Corneville (Die Glocken von Corneville, 1877) die einzige ist, die ihren Platz im Repertoire behaupten konnte. In ihrer Zeit war sie außerordentlich populär und erfuhr innerhalb von zehn Jahren mehr als tausend Aufführungen. 1871 komponierte Planquette Sambre et Meuse ([20]), die Vertonung eines sehr patriotischen Gedichts von Paul Cezano, Le Régiment de Sambre et Meuse, das den Geist der Französischen Revolution lebendig hielt. Der Name des Regiments kommt von zwei Flüssen: dem Sambre und seinem Nebenfluss Meuse.

Paul Lincke (1866-1946) wirkte als Theaterdirigent und Musikverleger im Berlin der Jahrhundertwende. Er verbrachte zwei Jahre in Paris als Musikdirektor der berühmten Folies-Bergère, kehrte dann aber nach Berlin zurück, wo er im Apollo-Theater dirigierte. Als vielseitiger Musiker begann er mit der Violine, wechselte zum Fagott und schließlich zum Klavier. Er war der Protagonist einer Art Mischung aus Schlager und Operette, die in Deutschland und anderswo sehr populär wurde. Einem solchen Projekt ist Linckes bekanntestes Stück entnommen: das Glühwürmchen-Idyll aus Lysistrata (1902). Der Marsch Berliner Luft ([21]) stammt aus Frau Luna (1899). Letzterer wurde sofort berühmt, und Lincke verwendete ihn 1906 erneut in einem Musical, das selbst den Titel Berliner Luft erhielt, um die Berühmtheit des Stücks auszunutzen. Lincke komponierte offensichtlich mehr als fünfhundert Werke, einige unter dem Pseudonym Ted Huggens.

Lars Johansson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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