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8.557547 - SCHUMANN, R.: Piano Concerto, Op. 54 / Introduction and Allegro appassionato
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Robert Schumann (1810-1856): Klavierkonzert a-moll op. 54
Introduktion und Allegro appassionato op. 92 • Introduktion und Allegro op. 134

Der junge Schumann verfolgte die unterschiedlichsten Interessen; in musikalischer Hinsicht aber konzentrierten sich seine Ambitionen aufs Klavier. Nach seinem Schulabschluss immatrikulierte er sich als Jurastudent an der Leipziger Universität. Ein Jahr später verlagerte er sich nach Heidelberg, wo er anscheinend eine seinen gesellschaftlichen und musikalischen Vorstellungen besser entsprechende Umgebung fand. Hier versuchte er sich als Komponist, unter anderem mit dem ersten Anlauf zu einem (unvollendet gebliebenen) Klavierkonzert. Sein Lehrer Friedrich Wieck, der später auch zum Schwiegervater wider Willen wurde, versicherte Schumanns verwitweter Mutter seinerzeit, ihr Sohn könne zu einem der bedeutendsten Pianisten werden, wenn er denn nur fleißig üben und sich mit jener Art theoretischer Studien befassen wolle, die dem Temperament des jungen Mannes fremd zu sein schienen. Gleichwohl versuchte er diesen Weg einzuschlagen, bis er die praktische Musikausübung zugunsten der Komposition aufgab.

Nach langwierigem Prozessieren konnte Schumann im Jahre 1840 Clara Wieck heiraten, und jetzt endlich fand er ein Maß an Rückhalt und Unterstützung, dass es ihm erlaubte, auch größere Instrumentalformen in Angriff zu nehmen. In den 1830er Jahren hatte er vornehmlich fürs Klavier allein geschrieben, und dann oft jene kleineren Formen, die er so meisterhaft beherrschte. Während des sogenannten „Liederjahres”, in dem er eine Fülle verschiedenster Gedichte vertonte, regte die als Pianistin längst etablierte Clara eine Symphonie an, die dann auch zu ihrer großen Freude entstand. Darauf folgten Ouvertüre, Scherzo und Finale, die Schumann später unter dem Titel Symphonette zusammenfasste. Im Frühjahr desselben Jahres vollendete er eine Phantasie in a-moll für Klavier und Orchester, die Clara im August – kurz vor der Geburt des ersten Kindes – mit dem Leipziger Gewandhaus proben konnte. Die Phantasie kam bei den Verlegern nicht an. Das änderte sich erst, als Schumann 1845 ein Intermezzo und ein Finale nachkomponierte und so ein vollständiges Konzert herausbrachte, das Clara Schumann sofort in ihr Repertoire übernahm. Sie spielte es erstmals am Neujahrstag 1846 in einem Gewandhaus-Konzert.

Das Konzert beginnt mit einem akkordischen Solo des Pianisten, worauf sich das Hauptthema zunächst ganz unschuldig zu Worte meldet, bevor es im weiteren Verlauf des Stückes ganz andere Dimensionen gewinnt. Die einsichtsvolle Clara Schumann bemerkte, im Kopfsatz seien Klavier und Orchester so geschickt miteinander verflochten, dass eins ohne das andere nicht gedacht werden könne. Das Allegro affettuoso folgt zwar der traditionellen Sonatenform, doch diese wird – namentlich in der zentralen Durchführung – mit bedeutenden Freiheiten behandelt. Das Intermezzo wird uns daran erinnern, dass Schumann ein Meister der kleinen Formen war, die er in seinen früheren Solostücken so wirkungsvoll ausgefüllt hatte; das Finale schließlich, das zunächst ein selbständiges Konzertrondo hätte werden sollen, bringt alle Spannung, die wir von einem Virtuosenkonzert erwarten – und überdies deutliche thematische Verbindungen zum ersten Satz.

1844 übersiedelten die Schumanns von Leipzig nach Dresden. Robert Schumann hatte immer wieder unter Depressionen zu leiden gehabt, und diese wurden nur noch verstärkt durch die Tatsache, dass man in ihm vor allem den Ehemann einer berühmten Pianistin sah. Diese Nebenrolle war ihm erstmals während der gemeinsamen Russlandreise bewusst geworden, die das Ehepaar in der ersten Jahreshälfte unternommen hatte. In Dresden war eben Richard Wagner zum Dirigenten der Oper aufgestiegen; gleichwohl war die Stadt recht konservativ. Schumann ließ es sich hier angelegen sein, seine Frau im Kontrapunkt zu unterweisen, derweil ihm selbst ein gewisses Quantum neuer schöpferischer Kräfte zufloss und er sich demzufolge auch wieder der Komposition zuwandte. Introduktion und Allegro appassionato für Klavier mit Begleitung des Orchesters war ein Produkt des ereignisreichen Jahres 1849, während dessen es in Dresden zu einem republikanischen Aufstand kam: Richard Wagner, der sich offen auf die Seite der Extremisten geschlagen hatte, sah sich zu einer überstürzten Flucht genötigt, und die Folge der Unruhen war ein allgemeines Durcheinander – zumal die Preußen bei der Niederschlagung der Revolte mitgeholfen hatten. Während der Monate des Tumults hielt sich die Familie Schumann außerhalb der Stadt auf. Hier konnte Robert Schumann auch weiterhin komponieren. Unter anderem vollendete er Ende September das vorliegende Konzertstück sowie etliches an Liedern und Solosachen. In der zarten Introduktion des Opus 92 treten verschiedene Instrumente – erst die Klarinette, dann das Horn – melodisch aus den evokativen Klavierarpeggien heraus, bevor auch das Klavier eine thematische Rolle übernimmt. Das Allegro appassionato wird von der Einleitungsfigur des Orchesters beherrscht; dennoch rechtfertigt der Satz die Bezeichnung „für Klavier mit Begleitung des Orchesters”.

Während der meisten Zeit seiner Karriere hatte Schumann kein offizielles musikalisches Amt bekleidet. 1850 aber wurde er Musikdirektor von Düsseldorf und damit Nachfolger seines Dresdner Freundes Ferdinand Hiller, der die Rheinseiten wechselte und in gleicher Position nach Köln ging. Schumann hoffte, sich in Düsseldorf etablieren zu können, doch schon bald kam es zu Frustrationen und Enttäuschungen: Unzulängliche Aufführungen sowie Ärger mit den Musikern und den Offiziellen waren die Folge. Schumanns ohnehin schwankender Gesundheitszustand wurde noch nachdrücklicher beeinflusst. Er litt an Schlaflosigkeit und Depressionen, und Anfang 1854 kam es zu einem Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Er starb im Irrenhaus von Endenich bei Bonn.

Schumanns letztes Werk für Klavier und Orchester ist das Concert-Allegro mit Introduktion aus dem Jahre 1853. Eigentlich hatte er es zu seinem Hochzeitstag am 12. September komponiert, doch dann widmete er es dem jungen Johannes Brahms, der die Schumanns noch im selben Monat erstmals besucht hatte. Diesem Tribut an Brahms sollte eine ähnliche Hommage an den Freund Joachim folgen, den brillanten jungen Geiger, für den Schumann die Violinfantasie op. 131 und ein Konzert schrieb. Introduktion und Allegro für Klavier und Orchesterbegleitung ist wie seine Vorgänger vor allem ein Vehikel für den Solisten; die Orchesterbesetzung ist vergleichsweise leicht, während der Klaviersatz an keiner Stelle die Musik der bloßen Bravour opfert.

Keith Anderson

Übersetzung: Cris Posslac


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