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8.557565 - ERNST: Music for Violin and Orchestra
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Heinrich Wilhelm Ernst (1814-1865)
Othello-Fantasie • Concerto Pathétique • Elégie • Concertino • Rondo Papageno

Der Geiger und Komponist Heinrich Wilhelm Ernst wurde am 6. Mai 1814 in Brünn geboren. Nach ersten Unterweisungen und Auftritten in seiner Heimatstadt kam er 1825 ans Wiener Konservatorium, wo ihn Joseph Böhm unterrichtete, bei dem später unter anderem auch Joseph Joachim und Brahms’ früher Kammermusikpartner Ede Reményi ausgebildet wurden. Kompositionsunterricht erhielt Ernst bei Ignaz von Seyfried, der bei Wolfgang Amadeus Mozart im Klavierspiel und bei Johann Georg Albrechtsberger und Peter von Winter in Komposition unterwiesen worden war. 1828 konnte der junge Ernst in Wien Niccolò Paganini hören. Wenig später gab er seine Studien auf, nachdem man ihn wegen unerlaubter Abwesenheit diszipliniert hatte. Er begab sich auf eine Konzertreise und gelangte nach Paris, wo sich ihm häufiger die Gelegenheit bot, Paganini zu hören, dessen unveröffentlichte Kompositionen er nach dem Gehör spielte. 1837 konzertierte er in Marseille unmittelbar vor den Auftritten des italienischen Kollegen. 1843 kam Ernst nach London, wo er sich in den fünfziger Jahren niederließ. Bis etwa 1857 gastierte er in ganz Europa; danach wandte er seine Aufmerksamkeit in stärkerem Maße der Kammermusik zu. Seit 1859 wirkte er mit Joachim, Wieniawski und Piatti in der Beethoven Quartet Society. Zur Linderung seines schweren Gichtleidens übersiedelte er 1864 nach Nizza, wo er am 8. Oktober des nächsten Jahres starb.

Heinrich Wilhelm Ernst hat vor allem für sein eigenes Instrument komponiert. Neben den hier eingespielten Werken sind das unter anderem ein weiteres Konzert sowie ein Boléro, eine Polonaise, Variations sur l’air national hollandais, Airs hongrois variés, Le Carnaval de Venise (Variations burlesques sur la canzonetta “Cara mia Mamma”) und Introduction, Caprice et Finale sur ... Il Pirata de Bellini. Ferner schrieb er Kadenzen zu Beethovens Violinkonzert und zu einem der Konzerte von Louis Spohr. Auch das Streichquartett-Repertoire erweiterte er durch verschiedene Opernvariationen; ferner verfasste er eine Reihe virtuoser Stücke für Violine und Klavier, wozu mehrere Variationen über damals aktuelle Opern gehörten. Unter seinen Werken für Violine solo finden sich die in seinem Todesjahr veröffentlichten Sechs mehrstimmigen Studien. Bei dem letzten dieser Stücke handelt es sich um technisch anspruchsvolle Variationen über das irische Volkslied The Last Rose of Summer, die dem italienischen Virtuosen Antonio Bazzini gewidmet sind. Ernst wurde als Interpret und Musiker sehr geschätzt. Mit Hector Berlioz, der den Menschen und Musiker über die Maßen lobte, brachte er dessen Harold in Italien zur Aufführung; Felix Mendelssohn begleitete ihn; und Joseph Joachim sah in ihm den größten Geiger seiner Zeit. Seine Technik zeigt deutlich den Einfluss Paganinis, von dem er zahlreiche Neuerungen in sein eigenes Virtuosenarsenal übernahm.

Ernsts 1839 veröffentlichte Fantaisie Brillante sur la Marche et la Romance d’Otello de Rossini verwendet Themen aus dem ersten Akt der besagten Oper sowie die berühmte Romanze, die Desdemona im letzten Akt des 1816 in Neapel uraufgeführten Werkes zu singen hat. Das Orchester beginnt Andante non troppo mit der Introduktion, die zunächst den Anfang des Marsches anstimmt, bevor die lyrisch gestimmte Violine einsetzt, die dann in Doppelgriffen, mit einer in Terzen aufsteigenden chromatischen Tonleiter und einer Passage in Oktaven, zu einer kurzen Kadenz führt. Das Orchester leitet zu den Ausführungen des Solisten über den Marsch hin. Der ersten Variation der Violine folgen in der langsameren zweiten Veränderung weitere, von Flageoletts durchsetzte, Glanztaten virtuoser Natur. Das Orchester meldet sich erneut zu Worte, bevor die Tonart wechselt, und die Violine spielt ihre Variante des Weidenliedes von Desdemona, das dann ausgeziert wird; eine raschere Passage führt zu einer Kadenz, worauf die dritte Variation, eine Wiederholung der Einleitung und der Schluss des Werkes folgen.

Das Concerto Allegro-Pathétique fis-moll op. 23 ist Mendelssohns Freund, dem langjährigen Gewandhaus-Konzertmeister Ferdinand David, gewidmet und wurde 1850 in Leipzig veröffentlicht. Das einsätzige Werk beginnt mit einer Orchesterexposition, in der die beiden Hauptthemen vorgestellt werden. Der Einsatz des Solisten bringt erwartungsgemäß die anspruchsvolle Behandlung des ersten Themas, woran sich das lyrischere Nebenthema anschließt. Beide Gedanken werden vermöge subtiler technischer Mittel entwickelt. Der Schlussabschnitt, jetzt in Fis-dur, gewährt dem Virtuosen ein letztes großes Schauspiel. In einem kurzen Rezitativ intoniert der Solist melancholische Fragmente des ersten Themas, auf die das Horn antwortet, und endlich findet das Werk mit den schwierigen Oktavpassagen der Violine seinen Abschluss.

Ernsts Elégie sur la mort d’un objet chéri op. 10 mit dem Untertitel Chant pour violon wurde 1840 in Wien veröffentlicht und erschien später mit einer Introduction von Louis Spohr. Das Stück erfreute sich, wie Berlioz bemerkte, seinerzeit großer Beliebtheit. Das Werk ist durch eine anspruchslose Gesanglichkeit gekennzeichnet und stellt nur begrenzte virtuose Anforderungen: Doppelgriffe gibt es nur im Schlussabschnitt, dessen Virtuosität durchweg der allgemeinen Stimmung des Werkes untergeordnet ist.

Rein technische Zurschaustellung prägt dann wieder den Solo-Einsatz des 1839 in Braunschweig veröffentlichten Concertino D-dur op. 12. Hier gibt es den erwartungsgemäßen thematischen Kontrast, der in das zeittypische Idiom des Geiger-Komponisten eingebettet ist und Feuerwerke mit Gesang verbindet. Eine emphatische, dramatische Orchestereinleitung bereitet den Einsatz des Solisten vor, der von der technischen Darstellung zu deutlich romantischerem Material übergeht. Solche Musik bot Ernst die Möglichkeit, seine besonderen Stärken zu entfalten: Allgemein hieß es, dass ich gefühlvoller singe und er [Paganini] mehr Schwierigkeiten bewältige, berichtete er. Das Concertino gelangt zu einer sanft bewegten Passage, worauf das Material zierreicher entwickelt wird, bevor das Werk einen recht prunkvollen Abschluss findet, in dem die technischen Probleme stets der Musik dienen.

Das 1846 veröffentlichte Rondo Papageno op. 21 bringt zunächst eine Anspielung auf die Zauberflöte, wobei die Geige dem Blasinstrument antwortet. Der vorgegebenen Form entsprechend, bietet das Rondo eine Reihe kontrastierender Episoden, erfüllt von Springbogen-Passagen und dem passenden flautando der Solo-Flageoletts. Ein Abschnitt von virtuoser Behendigkeit beschließt das Stück.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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