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8.557573 - ARIOSTI: 6 Cantatas / LOCATELLI: Trio Sonata in E Minor / VIVALDI: Trio Sonata in D Major
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Attilio Ariosti (1666–1729)
Sechs Kantaten (1724)

Attilio Ariosti wurde 1666 in den illegitimen Zweig einer adligen Familie hineingeboren. 1688 trat er dem Orden der Serviten bei. Das Ordensgelübde legte er im darauffolgenden Jahr ab, in dem er auch die niederen Weihen erhielt. Nachdem er 1692 zum Diakon ordiniert worden war, verliess er den Orden 1696 und stand nunmehr in Diensten des Grafen von Mantua und Monferrato. Zu seinen früheren Kompositionen zählt etwa das Oratorium La passione von 1693. Und im Jahr 1696 wurde seine pastorale Oper Tirsi auf ein Libretto von Apostolo Zeno erstmals während des Karnevals in Venedig aufgeführt. Auf Verlangen der kunstsinnigen und an Musik überaus interessierten Fürstin Sophie Charlotte, der Königin von Preussen, Tochter der Kurfürstin Sophie von Hannover und Urenkelin von James I. von England, ging Ariosti im folgenden Jahr an den Berliner Hof. Ariosti, der sich der besonderen Gunst der Königin rühmen durfte, komponierte hier eine Reihe von Bühnenwerken für die höfischen Aufführungen, oder er arbeitete an deren Komposition mit.

Der Dienst an einem protestantischen Hof veranlasste Ariostis kirchliche Vorgesetzte dazu, ihn zurück nach Italien zu ordern. Allerdings zögerte er seine Rückkehr hinaus und verbrachte auf dem Weg zurück einige Zeit in Wien, wo er 1703 ein Poemetto Drammatico für den Namenstag von Kaiser Leopold I., La più gloriosa fatica d’Ercola (Die überaus glorreiche Arbeit des Herkules), komponierte. Seine Verbindung zum Habsburger Hof blieb bestehen, und Joseph I. erhob ihn in den Stand eines Ministers und Generalagenten für Italien. 1708 kehrte er nach Wien zurück, wurde nach dem Tod des Kaisers im Jahr 1711 jedoch von der Kaiserin aus religiösen Gründen des gesamten österreichischen Territoriums verwiesen. Darüber hinaus bat sie den Papst darum, Ariosti aus seinem Orden auszuschließen. Ob dies tatsächlich geschah, ist freilich unklar.

1716 war Ariosti dann in London, wo er Viola d’amore in Aufführungen von Händels Oper Amadigi di Gaula spielte. Seine eigene Oper, Tito Manlio, kam daselbst 1717 zur Aufführung, und bald schon wurde sein Name im Zusammenhang mit Bühnenwerken in einem Atemzug mit denen von Händel und Bononcini genannt. Ein amerikanischer Zeitzeuge, der die Eigenarten von jedem der drei aufgeschlüsselt hat, kam zu dem Schluss, dass Ariosti „gute Kerkerszenen, Märsche für eine Schlacht“ und „Menuette für einen Ball im Miserere“ auszudrücken vermocht hätte (zitiert nach Christopher Hogwood: Händel, 1984; deutsche Ausgabe: 1992). Mit den „Kerkerszenen“ scheint auf Ariostis erfolgreichstes Stück aus seinen Londoner Jahren angespielt zu werden, Coriolano, deren Gefängnisszene von Sir John Hawkins als „in höchstem Grade der Perfektion, wie es musikalisch irgend möglich ist, gearbeitet“, gelobt wird. Die Oper Vespasiano, die 1724 erstmals gegeben wurde, enthielt dann nicht nur eine recht diplomatische Anzahl von Arien für Anastasia Robinson, die bald schon heimlich den Grafen von Peterborough heiraten sollte, sondern belegt auch die oben beschriebenen Eigenschaften. In einer Aufführung kam es gar zu Aufruhr, als Anastasia Robinson sich über die auf der Bühne zu unmittelbare Nähe zum Kastraten Senesino beklagte, was in eine tätliche Intervention ihres älteren Liebhabers mündete. John Mainwaring schildert in seiner 1760 erschienenen Lebensbeschreibung Händels, Memoirs of the Life of the late George Frederic Handel, einen imaginären Bericht von Ariostis früherer Bekanntschaft mit Händel in Berlin, wo er diesem viel Wohlwollen entgegenbrachte, indem er ihn zum Spiel auf dem Cembalo ermutigte und ihn auf seinen Knien sitzen ließ. 1724 veröffentlichte Ariosti seine Sechs Kantaten sowie eine Sammlung von sechs Lessons für Viola d’amore, die er König George I. widmete, dem Bruder Königin Sophie Charlottes, die 1705 im Alter von erst 36 Jahren gestorben war. Das Werk erregte das Interesse einer auserlesenen Liste von königlichen und adligen Subskribenten, wobei es sogar zu vereinzelten Betrügereien kam, wenn man Sir John Hawkins späterem Bericht Glauben schenken darf. Ariostis Beitrag zum Repertoire für die Viola d’amore ist dabei immens, schuf er für dieses Instrument doch eine beträchtliche Zahl von Sonaten und anderen Werken mehr. In seinen letzten Jahren war er weniger erfolgreich, wofür symptomatisch der offensichtliche Misserfolg seiner letzten Oper, Teuzzone, von 1727 stehen mag. Ariosti starb schließlich Anfang September 1729 in London.

Die Komponisten der hier aufgenommenen Trio- Sonaten bedürfen weniger einer Einführung. In der Trio- Sonate selbst, einer Form, die viel dem Beispiel Arcangelo Corellis verdankte, einem italienischen Komponisten der vorangegangenen Generation, spielen vier Instrumentalisten: zwei Melodie-Instrumente – meist zwei Violinen, dann die akkordische Begleitung durch ein Tasteninstrument oder auch ein gezupftes Saiteninstrumentes sowie eine Bass-Linie durch ein Instrument in geeigneter Lage – für gewöhnlich ein Cello oder eine Gambe. Formal spiegelt die Trio-Sonate nicht selten das für das Concerto Grosso typische Formgerüst wider.

Pietro Antonio Locatelli wurde 1695 in Bergamo geboren, wo er später als Violinist an der Basilika Santa Maria Maggiore angestellt war, ehe er nach Rom gesandt wurde, wo er bei Corellis Schüler Giuseppe Valentini studieren konnte, der nicht allein Komponist, sondern auch ein Virtuose auf der Violine war. Locatelli konnte darüber hinaus auch mit anderen Musikern aus dem Kreis Corellis unter der Leitung Kardinal Ottobonis zusammenarbeiten. Seine erste Sammlung von Concerti Grossi veröffentlichte er 1721 in Amsterdam. Auch scheint er einige Zeit in Venedig verbracht zu haben, wurde ihm 1725 doch der Titel Virtuoso da Camera im Dienste von Vivaldis Patron, Landgraf Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Habsburger Herrscher über Mantua, verliehen. Die nächsten Jahre verbrachte er an verschiedenen deutschen Höfen, unter ihnen auch jener in Berlin. 1729 ließ er sich in Amsterdam nieder, wo er das dort florierende Verlagsgeschäft dazu nutzte, Vorkehrungen zur Veröffentlichung seiner eigenen Werke zu treffen und wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1764 auch blieb. Zu den von ihm veröffentlichten Kompositionen zählt auch die Sammlung von Trio- Sonaten op. 5 von 1736.

Antonio Vivaldi, ein gebürtige Venezianer, der daselbst auch als Priester ordiniert war, leitet über viele Jahre hinweg intermittierend die musikalischen Geschicke am berühmten Ospedale della Pietà, einer jener Institutionen für die Erziehung illegitimer, verwaister oder in Armut geratener Mädchen, die sich einer ausgezeichneten musikalischen Reputation erfreute. Darüber hinaus komponierte und leitete er Opern in Venedig und zählte zu den großen Violin- Virtuosen seiner Zeit. Seine Leistungen als Komponist offenbaren sich namentlich in seinen mehr als 500 Konzerten, wobei als besonders innovativ gerade die Etablierung der Form des italienischen Solo-Konzertes gelten muss.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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