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8.557586 - DOWLAND, J.: Lute Music, Vol. 1 (North) - Fancyes, Dreams and Spirits
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John Dowland (1563-1626)
Lautenmusik • 1

 

Ein wahres Genie in der Kunst ist selten. In der Welt der Laute gebührt dieses Prädikat John Dowland ganz gewiss. Trotzdem er zur falschen Zeit in der englischen Geschichte Katholik war und von schwierigem Charakter, brachte ihm sein Genius Preis und Ehre seiner Zeitgenossen ein. In einem Sonett von 1598 zollte der Dichter Richard Barnfield Dowland vielsagenden Tribut, indem er schrieb, dass dessen himmlischer Anschlag der Laute das menschliche Gemüt entzücke (Dowland to thee is dear, whose heavenly touch / Upon the lute doth ravish human sense). Daraus und aus Dowlands Musik selbst können wir entnehmen, dass seine unnachahmlichen Qualitäten als Spieler seiner eigenen Kompositionen in der Schönheit seines Tones und der außerordentlichen Fähigkeit, die Gefühle seiner Zuhörer anzusprechen, bestehen.

In unserem 21. Jahrhundert erinnert man sich Dowlands oft wegen seiner „Lachrimae“-Pavane und als eines Komponisten melancholischer Musik. Das verengt jedoch unseren Blick auf den „englischen Orpheus“ ungebührlich, denn Dowlands Musik erkundet das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in einer einzigartigen Verbindung von Geist, Herz und Intellekt. Bestechend sind zudem seine wundervolle melodische Erfindungsgabe und sein sorgfältiger, ja genialer Kontrapunkt. Dowlands Lautenmusik ist zwar oft virtuos, jedoch stets natürlich und idiomatisch. All diese Qualitäten sind in seinem gesamten Werk zu finden, das vor allem aus rund einhundert Stücken für Sololaute besteht, etwa der selben Anzahl an Lautenliedern und einigen Consort-Stücken für Gamben und Laute.

William Shakespeare und John Dowland sind Altersgenossen, die nur ein Jahr trennt. Shakespeare, geboren 1564, ist dafür bekannt, dass er seine Werke über viele Jahre revidiert hat, ohne dass dies unsere Bewunderung seines Genius mindert. Auch Dowland revidierte viele seiner Werke von Jahr zu Jahr. So gibt es einige Lautenstücke in nicht weniger als zehn Versionen, so dass es nahezu unmöglich ist, die „authentische“ darunter zu benennen. Die Laute entwickelte sich ständig weiter, und Dowland könnte auf einem 6-chörigen (Paare von Saiten) Instrument begonnen haben, um dann in reifem Alter auf einem! 9- oder 10-chörigen zu spielen. So können wir Dowlands Entwicklung Seite an Seite mit jener der Laute verfolgen. Natürlich kann uns die Art des Komponierens für das Instrument manches mitteilen, ebenso die Geschichte der Manuskripte, in dem die Musik gefunden wurde. Näheren Aufschluss geben jedoch die Widmungen, mit denen Dowland viele seiner Lautenstücke versehen hat. Mäzene und Höflinge zum Beispiel änderten durch Verheiratung häufig ihre Namen, erhielten durch königliche Order neue Titel oder errangen einen akademischen Grad an einer der zwei englischen Universitäten. Aus all diesen Richtungen kommen wir zu einer ziemlich klaren Chronologie.

Dowland und Shakespeare entliehen durchaus Ideen der Vergangenheit, zugleich waren beide äußerst innovativ in ihren Schöpfungen. In Dowlands musikalischem Umfeld lagen vielleicht mehr Ideen, Moden und Konventionen in der Luft, so dass es fast unvermeidlich war, davon etwas zu entleihen oder zu übernehmen. Das konnte die Form einer Phrase sein – wie das berühmte absteigende Lachrimae-Thema – oder die Art der Behandlung einer musikalischen Figur und des ihr innewohnenden rhetorischen Gehalts.

Fancyes, Dreams und Spirits

Das Lautenrepertoire des elisabethanischen Englands wimmelt von Pavanen, Gaillarden, Allemanden und Variationen über populäre Balladenmelodien, doch im Vergleich zum übrigen Europa gibt es sehr wenige Fantasien. In dieser Hinsicht ist Dowland eine Ausnahme. Er hinterließ sieben wundervolle Fantasien verschiedener Form. Obwohl die Zahl gering erscheint, schrieb Dowland sehr viel mehr Fantasien als seine englischen Zeitgenossen.

Für einen Angehörigen der elisabethanischen Epoche war eine Fantasie oder Fancye ein reines Instrumentalstück, in dem der Komponist seiner Fantasie freien Lauf lassen konnte, um ein expressives und vielgestaltiges Stück Musik ohne Beschränkungen der Form zu schaffen. Thomas Morley schrieb über die englische Consort-Fantasie 1599 folgendes: Die wichtigste und bedeutendste Art von Musik ist jene ... bei welcher der Musiker ein Motiv zu seinem Vergnügen nimmt und es dreht und wendet ... Darin zeigt sich größere Kunst als in jeder anderen Musik, da der Komponist an nichts gebunden ist.

Die englische Lautenfantasie als Genre hat – besonders bei Dowland – eine flexiblere Textur als die kontrapunktische Consort-Fantasie: einmal strikt kontrapunktisch, ein anderes Mal stärker idiomatischinstrumental und spielerisch. Dowlands Kenntnis der Musikstile ganz Europas spiegelt sich in seinen Lautenfantasien. Zuweilen ist eine sehr englische kontrapunktische Tradition spürbar mit Zitaten und Adaptionen von Figuren solcher Kollegen wie Thomas Tallis. Dowland war jedoch gleichermaßen an der italienischen Musik interessiert, besonders den Madrigalen Marenzios. In seinen Fantasien verbindet er den englischen Stil mit einem mehr italienischen. Das findet seinen Ausdruck in Musik, die stärker improvisatorisch ist, als man es von einem Präludium, einer Toccata oder einem Ricercar erwarten würde.

Fantasie Nr. 1 ist Dowlands früheste und wohl auch bekannteste. Optimistisch, hell und virtuos im Charakter, beginnt sie gelassen mit einer traditionellen canzonenartigen Eröffnung mit unmittelbar folgenden kurzen kontrapunktischen Abschnitten, die an Geschwindigkeit und Schwung gewinnen, um zu einem ausgelassenen Abschluss zu führen. Nr. 5, 6 und 7 sind toccataartiger und italienischer. Nr. 6 beginnt fast wie eine moll-Version von Nr. 1, schlägt aber bald eine andere Richtung ein. Nr. 5 und 7 sind thematisch verwandt und klingen, als seien sie Schnappschüsse von Dowlands eigenen Improvisationen. Die chromatischen Nr. 2 und 3 Forlone Hope Fancy und Farewell – bilden einen starken Kontrast; ihre kontrapunktische Erfindungskraft ist immens, die Chromatik kühn und sehr innovativ für die Zeit. Der unerhörte Charakter dieser chromatischen Musik erinnert teilweise an bestimmte melancholische englische Madrigale wie auch an jene des Italieners Gesualdo. Forlone Hope Fancy, aufgebaut auf einen absteigenden chromatischen Bass, beginnt in tiefer Melancholie, geht dann jedoch in ein rasch flüchtendes, überdreht aufblühendes Ende über. Im Gegensatz dazu hat Farewell ein aufsteigendes chromatisches Thema, das für eine durchweg melancholische Stimmung der Fantasie sorgt. Nr. 4 ist ein weiteres „Farewell“, als einzige bei Dowland ein In Nomine, eine Fantasie über den Cantus firmus-Gesang Gloria tibi Trinitas. Die In Nomine-Fantasie war eine von den englischen Consorts der Zeit Dowlands bevorzugte Form, die allerdings in der Lautenliteratur weniger verbreitet war. In dieser Aufnahme erklingt der Gesang auf der Laute, bevor Dowlands Fantasie beginnt. Fantasie (P 73) ist Dowlands „achte“ Fantasie, heute vielfach als Tremolo Fantasie bekannt; der moderne Titel beschreibt die wiederholte Figuration am Ende des Stücks. Die einzige Quelle dieser Fantasie befindet sich in der Universitätsbibliothek zu Cambridge (Ms. Dd.9.33), worin ihr eine Version der Fantasie Nr. 6 vorausgeht, die in diesem Manuskript nicht zugeschrieben, durch verschiedene andere Quellen aber für Dowland gesichert ist. Sorgfältig redigiert, ergibt sie nun eine überzeugende Fantasie, würdig des jungen Dowland.

Von den Dreams und Spirits dieser Aufnahme stammen die meisten aus der Zeit von 1590 bis 1600. Vier Stücke stehen im Zusammenhang mit dem Theater. Lord Strange’s March ist ein allemandeartiges Stück, gewidmet Lord Strange, dem Patron der Schauspieltruppe Lord Strange’s Men, in der Shakespeare seit etwa 1587 spielte. Richard oder Will Tarlton war der erste der elisabethanischen Komiker, die mit Shakespeare auftraten. Es ist bekannt, dass er 1588 starb, doch wissen wir nicht, ob Tarleton’s Risurrection zu seiner Erinnerung geschrieben wurde oder ob es vielleicht als Gigue ersonnen wurde, zu der er getanzt haben könnte. Ich entschloss mich, das Stück sowohl als Elegie wie auch als Gigue zu spielen. The Shoemakers Wife (A Toy) und Orlando Sleepeth waren wahrscheinlich einfache Melodien, von Dowland für das Theater komponiert. Die Dream-Stücke sind die einzigen beiden, die der Melancholie von Lachrimae entfernt ähnlich sind. A Dream ist in Wirklichkeit ein Pavane, und Mr. Dowland’s Midnight eine einfache, verträumte Melodie aus einer späten Manuskript- Quelle, dem Margaret Board Lute book.

Die Spirits sind durchweg mit Dowlands Freunden, Förderern und Kollegen bei Hof verbunden, die mit den Stücken geehrt werden: Mrs White, Lady Clifton, Mrs Nichols, Mrs Vaux, Mrs Winter and Lady Hunsdon. George Carey, 2nd Baron Hunsdon, wurde 1597 durch Königin Elisabeth zum Lord Chamberlain ernannt. Da er auch Patron der Lord Chamberlain’s Men war, unter denen Shakespeare spielte, haben wir hier eine weitere Verbindung zu diesem und zum Theater. Carey und seine Gemahlin, Lady Elizabeth, waren Freunde und Förderer Dowlands. Dieser bearbeitete ein Balletto des italienischen Lautenisten Santino Garsi und widmete es Lady Hunsdon, und daraus wurde das, was heute sein bekanntestes nicht-melancholisches Stück sein dürfte: My Lady Hunsdon’s Puffe.

Nigel North
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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