About this Recording
8.557587 - IFUKUBE: Sinfonia Tapkaara / Ritmica Ostinata / Symphonic Fantasia No.1
English  German 

Akira Ifukube (geb.1914)
Sinfonia Tapkaara • Ritmica Ostinata • Sinfonische Fantasie Nr. 1

Akira Ifukube wurde 1914 in Kushiro auf der Insel Hokkaido in eine altehrwürdige japanische Familie geboren, deren Stammbaum sich bis ins siebte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, als die ersten namentlich erwähnten Vorfahren als Shintopriester am Ube-Schrein in Tottori wirkten. Die politischen und kulturellen Umwälzungen im Japan des neunzehnten Jahrhunderts und der damit einhergehende Machtverlust der Aristokratie zwangen Ifukubes Großvater, seine Heimatregion zu verlassen und auf der vergleichsweise zurückgebliebenen nördlichen Insel Hokkaido eine neue Existenz zu gründen. Dort lernte Akira Ifukube später die Musik des einheimischen Ainu-Volksstammes und anderer, jüngerer Siedlergruppen kennen. Der schulische Musikunterricht vermittelte ihm mittels Tonaufnahmen erste Eindrücke der neuesten abendländischen Musik von u.a. Ravel und Strawinsky, und es entstand in ihm der Wunsch, eines Tages einen nordasiatischen Musikstil mit einer Synthese aus den ethnischen Klängen der Ainu mit der persönlichen Vorliebe für slawische Elemente zu entwickeln. Fasziniert im Besonderen von Strawinskys Sacre du printemps, begann er sich im Selbststudium die Grundlagen der Kompositionslehre anzueignen.

1935, während seines Studiums der Forstwirtschaft an der kaiserlichen Universität Hokkaido, nahm Ifukube mit seiner Japanischen Rhapsodie für großes Orchester [Naxos 8.555071] am Tscherepnin-Wettbewerb teil, dessen Jury ihm den 1. Preis zuerkannte. Verbunden war der Preis mit einem Kurzstudium bei Tscherepnin in Yokohama. Die Welturaufführung der Rhapsodie spielte 1936 das Boston People’s Orchestra unter der Leitung des Koussevitsky-Neffen Fabien Sevitsky. 1938 erhielt Ifukube beim Internationalen Festival für zeitgenössische Musik in Venedig für seine Klaviersuite einen weiteren begehrten Preis, und europäische und amerikanische Verlage begannen sich für seine Werke zu interessieren. Vorläufig blieb Ifukube jedoch ein „Sonntagskomponist“ – seinen Hauptberuf hatte er nach dem Studienabschluss als Forstbeamter in den Bergen Hokkaidos gefunden. Nur in den Abendstunden beschäftigte er sich mit Musiktheorie und dem Studium von Partituren.

Nach dem 2. Weltkrieg begann Ifukube sich mit dem Wechsel nach Tokio hauptberuflich der kompositorischen Arbeit zu widmen. Viele seiner japanischen Zeitgenossen hatten inzwischen bereits damit begonnen, europäische Avantgarde-Techniken zu übernehmen. Ifukube hingegen verschloss sich dieser neuen Richtung und blieb den ethnischen Idiomen verpflichtet. Der Erfolg blieb nicht aus: Mit ihrem Reichtum an multikulturellen Melodien und Rhythmen haben seine Arbeiten nicht nur die klassische Musikszene Japans, sondern sogar die Popmusik des Landes entscheidend beeinflusst. Ifukube gilt als Kultfigur für all diejenigen, die am Primat der asiatischen Tradition innerhalb der modernen japanischen Musik festhalten. Seine von strengen Ostinati und repetitiven Mustern gekennzeichnete Kompositionstechnik lässt sich jedoch auch nach minimalistischen oder post-minimalistischen Kriterien definieren.

Ifukube lehrte in Tokio an der Universität für Schöne Künste und Musik und (als Dekan) an der Staatlichen Musikakademie. Zu seinen Schülern gehören Yasushi Akutagawa, Toshiro Mayuzumi, Akio Yashiro, Teizo Matsumura, Sei Ikeno, Minoru Miki und Maki Ishii. Zu Ifukubes Kompositionen zählen Orchesterwerke, Kantaten, Ballettmusiken, Kammermusik, Stücke für Klavier und Gitarre, Musik für altjapanische Instrumente, Lieder auf nordjapanische Volksweisen und an die dreihundert Filmmusiken. Neben seiner kompositorischen Arbeit hat sich Ifukube auch mit musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht.

Die 1954 vollendete Sinfonia Tapkaara wurde im Januar des darauffolgenden Jahres vom Indianapolis Symphony Orchestra unter Fabien Sevitsky uraufgeführt und ist seitdem vor allem in Japan häufig gespielt worden. Das mit dreifachem Holz, Harfe, verschiedenen Schlaginstrumenten sowie Streichern besetzte Werk spielt in seinem Titel auf einen von den Stammesältesten der Ainu bei Ritualen und Festen aufgeführten Tanz an. Der erste Satz, dessen Schema sich entfernt an der Sonatenform orientiert, beginnt mit einer Lento molto überschriebenen Introduktion, aus der sich ein Allegro entwickelt, dessen zweites, von der Trompete über Klarinette, Harfe und Streichern vorgestelltes Thema an ein primitives Wiegen- oder Kinderlied erinnert, wie es in der Ainu- und altjapanischen Musik vielfach begegnet. In der Durchführung (Andante) werden die beiden Themen in einem langsamen Marschtempo weiterentwickelt. Nach kurzen Episoden im Solohorn und Solocello folgen Reprise und Coda. Das dreiteilig angelegte Adagio bedient sich in seinem ersten Thema japanischen pentatonischen Tonleitern (Ryo, Ritsu, Miyako-bushi). Ifukube beschreibt diesen Satz als Impression der nächtlichen Stille in Otofuke. Der dritte Satz, Vivace, schildert mit der Verwendung des Tapkaara-Tanzes das lebhafte Treiben eines Ainu-Festes.

Ritmica Ostinata wurde 1961 vollendet und noch im selben Jahr vom Sinfonieorchester Tokio unter der Stabführung Mosashi Uedas uraufgeführt; der Solist war Yutaka Kanai. Die hier eingespielte revidierte Fassung erklang erstmals 1972. Ifukube verwendet in diesem konzertanten Werk dieselbe Besetzung wie in seiner Sinfonia Tapkaara. Eines der vier charakteristischen Merkmale, die die Werkgestalt prägen, ist die bereits im Titel vorgezeichnete Ostinatotechnik. Weitere Kennzeichen sind ein hexatonisches Skalenmuster (die potentielle Basis für pan-pentatonische bzw. pan-asiatische Musik und eine mögliche Verbindung von Penta- und Heptatonik, von Orient und Okzident), die häufige Verwendung eines an literarische Vorbilder angelehnten Vierer- bzw. Siebener-Metrums, und schließlich eine pianistisch weitgehend ‚verfremdete’ Behandlung des Soloparts, der eher an Instrumente wie Dulcimer oder Santur oder sogar Koto oder Biwa denken lässt. Von der Form her ähnelt Ritmica Ostinata einem Rondo.

Ifukube verdiente seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit pädagogischen Arbeiten und – vor allem zwischen 1947 und 1970, aber gelegentlich auch noch danach – mit der Komposition von Filmmusiken. Seine Regisseur-Partner waren u.a. Akira Kurosawa, Mikio Naruse und Joseph von Sternberg. Zu den Filmen, die Ifukube musikalisch betreute, zählen Streifen wie die weltberühmte Godzilla-Serie: Seine Sinfonische Fantasie Nr. 1 ist ein Konzertarrangement in Medley-Manier von solchen für diese Art von Horror- und Monsterfilmen entstandenen Soundtracks. Das im August 1983 vom Sinfonieorchester Tokio unter Yasuhiko Shiozawa uraufgeführte Werk ist seither in ganz Japan gespielt worden. Die Introduktion basiert auf dem Motiv der Erscheinung des Godzilla, wie es in den Godzilla-Filmen häufig begegnet. Es handelt sich dabei um einer Art grotesker chromatischer Musik unter Verwendung sämtlicher zwölf Halbtöne der Oktave. Es folgen die Titelmusiken aus Godzilla, König der Monster (1954) und King Kong gegen Godzilla (1962), das Liebesthema aus Krieg im Weltenall (1959), das Varagon-Motiv aus Frankenstein gegen Varagon (1965) und die Kriegsmusik aus Ghidrah (1964), in der Godzilla durch das in der Introduktion verwendete Thema dargestellt wird und sein Gegenspieler, das Ungeheuer Radon, durch ein chromatisches Motiv der Trompete. Nach einer Fanfare folgt der Marschabschnitt, in dem der Marsch aus Krieg im Weltenall und sein quasi-pentatonisches Äquivalent aus dem Streifen Zerstört alle Monster miteinander verwoben werden.

Gekürzte Fassung eines Beitrags
von Morihide Katayama

Deutsche Übersetzung: Bernd Delfs


Close the window