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8.557589 - BOCCHERINI: Cello Concertos, Nos. 9-12
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Luigi Boccherini (1743–1805): Cello-Konzerte • 3
Konzerte Nr. 9–12

Luigi Boccherini wurde 1743 in der wunderschönen, alten, von Wällen umstandenen Stadt Lucca in der nördlichen Toscana geboren und starb 1805 in Madrid. Er entstammte einer sehr kultivierten Familie. Sein älterer Bruder, Giovanni Gastone, der ein ausgezeichneter Tänzer und Choreograph war, trat auch als Dichter in Erscheinung und schrieb unter anderem Opern-Libretti für Salieri sowie den Text für Joseph Haydns Oratorium Il ritorno di Tobia. Seine Schwester, die ebenfalls Tänzerin in Wien war, heiratete Onorato Viganò und wurde so Mutter des berühmten Tänzers und Choreographen Salvatore Viganò. Boccherinis Vater war ein professioneller Kontrabassist, und Luigi Boccherini selbst gab sein Debüt als Cellist im Alter von dreizehn Jahren. 1757 nahm er ein Studium in Rom auf, wurde nach nur wenigen Monaten jedoch gemeinsam mit seinem Vater nach Wien bestellt, um dort im Hoforchester zu spielen. Obschon er seinerzeit kaum fünfzehn Jahre alt war, scheint sein Vortrag doch einen tiefen Eindruck bei den Wiener Musikliebhabern hinterlassen zu haben, was nahelegt, dass der anscheinend ebenso gewinnende wie umgängliche junge Virtuose reichlich Gelegenheit hatte, sich sowohl als Solist in Konzertwerken als auch kammermusikalisch hervorzutun.

Jedenfalls war das Leben Boccherinis von diesem Zeitpunkt ab ein sehr geschäftiges, das eine rege Reisetätigkeit erforderte. Nach Lucca kehrte er zu verschiedenen Anlässen immer wieder zurück, zuletzt 1764, als er für drei Jahre beruflich eng mit dem Musikleben der Stadt verknüpft war. 1766 trat er eine ausgedehnte Konzertreise mit dem Luccanesischen Violinisten Filipo Manfredi an, die ihn 1767 auch nach Paris führte. Hier konnte er einige seiner Werke veröffentlichen und trat mit Manfredi – neben anderen Engagements – auch am Concert Spirituel auf. Wohl 1768 reisten Boccherini und Manfredi dann nach Madrid, sehr wahrscheinlich mit der Zusage großzügiger Förderung durch den Spanischen Hof. Hier fand Boccherini seinen ersten bedeutenden Fürsprecher, den Infanten Don Louis, für den in der Folge etliche neue Werke entstanden. Die Lebensumstände, in denen Boccherini sich fand, erlaubten es ihm, sich auch weiterhin der von ihm mit besonderem Interesse betriebenen Kammermusik zu widmen, das schon aus seinen Pariser Veröffentlichungen deutlich wurde und das er nun mit seiner berühmten Reihe von Streichquintetten mit einem konzertanten Part des ersten Cellos fortsetzte.

Boccherini folgte dem Infanten Don Louis nach Avila, nachdem dessen Heirat offiziell missbilligt worden war. Nach dem Tod des Infanten 1785 wurde Boccherini dennoch durch den König eine Pension in der Höhe der Hälfte seines Lohns zugesprochen. 1786 wurde er dann zunächst Kammer-Komponist des preußischen Kronprinzen, der selbst ein begeisterter Amateur-Cellist war und im darauf folgenden Jahr seinem Onkel als König Friedrich Wilhelm II. von Preußen nachfolgte. Gleichwohl gibt es keine Belege dafür, dass Boccherini jemals den Hof in Berlin besucht hätte. Nach dem Tod des Königs 1798 ersuchte Boccherini zwar um eine Erneuerung seines Titels – eine Gunst, die ihm jedoch nicht gewährt wurde. Ganz im Sinne der Familientradition Boccherinis wurde ihm am neugegründeten Conservatoire in Paris, wo sich seine Musik großer Beliebtheit erfreute, eine Stelle als Cellolehrer angeboten, die er jedoch dankend ablehnte. In Madrid indes war er einige Jahre von privaten Gönnern gefördert worden und stand in Diensten des französischen Gesandten in Spanien, Lucien Bonaparte, der Ende 1800 nach Madrid gekommen war.

Sein ganzes Leben hindurch verfolgte Boccherini seine Solistenkarriere mit enormer Energie, während er zugleich eine schier unglaubliche Anzahl von Kompositionen schuf. In seinen letzten Jahren, in denen er zwar nicht mehr selbst spielte, aber weiterhin komponierte, scheint Boccherini in recht bescheidenen Verhältnissen gelebt zu haben und sowohl unter finanziellen Schwierigkeiten als vor allem auch unter dem Tod seiner zweiten Frau und zweier Töchter gelitten zu haben. Er starb 1805.

Boccherini hat zwar zu Lebzeiten noch einen unvollständigen thematischen Katalog seiner Werke angefertigt, dieser wurde in den Wirren des spanischen Bürgerkrieges allerdings zerstört. Erst 1969 veröffentlichte Yves Gérard ein neues, vollständiges Werkverzeichnis, in dem auch elf Cellokonzerte aufgeführt sind. Das zwölfte Cellokonzert wurde erst 1987 in einer Bibliothek in Neapel aufgefunden. Bei den zwölf uns bekannten Cellokonzerten handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit überwiegend um relativ frühe Arbeiten, die vor Boccherinis Zeit in Madrid entstanden sind. In diesen Werken bedient sich Boccherini einer ausgesprochen virtuosen Technik, die sich etwa in extrem raschen Läufen im höchsten Register äußert, bei denen gelegentliche Doppelgriffe den Interpreten noch mit zusätzlichen Schwierigkeiten konfrontieren.

Das Konzert Nr. 9 in B-Dur hebt mit einem Allegro moderato an, das sich formal ein wenig kapriziös gibt. Zwar werden die Themen zu Beginn noch ganz konventionell zuerst im Tutti, anschließend dann im Solo-Cello vorgestellt. Und nach einem denkbar kurzen modulierenden Durchführungsteil wird erneut das Hauptthema zur Reprise gebracht. Ungewöhnlich aber ist, dass diese Reprise sehr bald von neuen Themen in unterschiedlichen Tonarten unterbrochen wird, ehe allmählich wieder die ursprünglichen Themen in den Orchestersatz eingebunden werden und so die Reprise im herkömmlichen Sinne fortgesetzt wird. Die an Händel gemahnende, beinahe hymnische Eröffnung des folgenden Andante grazioso steht dann sehr wirkungsvoll in Kontrast zu den hektischen Läufen des Kopfsatzes. Die reizende Melodie im finalen Rondo wechselt sich mit verschiedenen Episoden ab, wobei namentlich ein beinahe hennenartig-gackerndes Zweitonmotiv auffällt, das das Solo-Cello zu einem bemerkenswert hohen, ausgehaltenen Ton aufsteigen lässt, dem dann eine dramatische Pause folgt. Diese theatralische Geste, die gleich zweimal im Verlauf des Satzes auftaucht, spielt eine wichtige Rolle bei der Schaffung klarer Kontraste innerhalb dieses hervorragend gearbeiteten Finales.

Das Konzert Nr. 10 in D-Dur ist relativ groß angelegt, und schon der erste Satz gibt sich melodisch verschwenderisch, wobei einige der umfangreicheren thematischen Gesten gleichsam als Stützen der Gesamtarchitektur des Satzes dienen. Ein charakteristisches Merkmal des gesamten Werkes, das man sofort im ersten Tutti registriert, ist die prominente Rolle von Oboen und Hörnern, die – gemeinsam mit dem Fagott – häufig das Solo-Cello anstelle der sonst üblichen hohen Streicher begleiten. Im Andante lentarello in d-Moll wird das rührende Thema zunächst von den Streichern präsentiert, dann von den Bläsern aufgegriffen, ehe fast verstohlen das Solo-Cello einsetzt und für einen kurzen Moment dem Satz ein eher kammermusikalisches Gepräge verleiht. Im Finale kommt dann das Orchester voll zu seinem Recht. Die beiden orchestralen Tutti, die den Rahmen dieses Sonatensatzes bilden, kommen äußerst klangprächtig mit charakteristischen Horn-Rufen daher, denen zwei Oboen noch ein Echo angedeihen lassen. Und so zeichnet sich dieses attraktive Konzert denn insgesamt durch das Spiel mit orchestralen Klangfarben und neuen Beziehungen zwischen Orchester und Solostimme aus.

Unter allen Werken Boccherinis ist das Konzert Nr. 11 in C-Dur insofern einzigartig, als es für Solo-Cello, zwei Oboen, zwei Trompeten und Streicher gesetzt ist, jedoch – höchst ungewöhnlich – ohne Hörner auskommt. Dies verleiht dem Klang eine strahlende, beinahe zeremonielle Qualität und wirkt sich natürlich auch auf Boccherinis Kompositionsstil aus, was man gleich im Eingangs-Tutti wahrnehmen kann, das von klaren Harmonien und einem ruhigeren, harmonischen Rhythmus geprägt ist. Auch das Largo cantabile ist recht ungewöhnlich. Das unbegleitete Cello wird nur am Satzanfang und -ende von kurzen Orchestereinsätzen flankiert. Im umfangreichen Mittelteil des Solo-Cellos setzt Boccherini Doppelgriffe zur Untermalung der figurierten Melodie in pulsierenden Achteln in der unteren Lage ein – eine sehr anspruchsvolle, wenn auch weniger nach außen gekehrte Art der Virtuosität. Das Finale, Allegro comodo, bietet formal wiederum einen relativ freien Umgang mit der Sonatenform. Die beiden Hauptthemen werden im zentralen Durchführungsteil vom Orchester und vom Solo-Cello in den unterschiedlichsten Tonarten präsentiert. Dort aber, wo wir eine Reprise in der Tonika erwarten, schwenkt Boccherini um nach c-Moll und offeriert uns neues thematisches Material, um nur ganz am Ende dann kurz Fragmente der früheren Themen anklingen zu lassen und den Satz in C-Dur zu beschließen.

Das erst kürzlich wiederentdeckte Konzert Nr. 12 in Es-Dur – die erste neuzeitliche Aufführung fand 1987 in Wien statt – könnte zu einem späteren Zeitpunkt (vermutlich 1772) als die übrigen Konzerte entstanden sein. Ob dies nun zutrifft oder nicht: die Musik selbst ist weniger mit ausschmückenden Details beladen und scheint die Manierismen des Rokoko hinter sich zu lassen, um sich vielmehr den klareren Strukturen des späteren klassischen Stils anzunähern. Im ersten Satz etwa entwirft Boccherini einen größeren Bogen, indem er die einfacher gehaltene Melodie einer internen Durchführung unterzieht. Obwohl die Anforderungen ans Solo-Cello nach wie vor schwindelerregend hoch sind, drängt sich die Virtuosität dem Hörer doch weder auf, noch verschleiert sie den strukturellen Verlauf der Musik. Das Largo zeigt Boccherini auf dem Gipfel seiner emotionalen Intensität. Der orchestralen Einleitung mit ihrem punktierten Rhythmus und den scharfen Kontrasten zwischen Piano und Forte schließt sich eine herzergreifende Cantilena des Cellos an. Das finale Allegro kommt dann als anmutiges Rondo daher, mit einem ebenso schlichten wie unprätentiösen Hauptthema, das beinahe volkstümliche Züge trägt. Die Satzstruktur ist leicht und durchsichtig, die Form klar und nachgerade zwingend, wobei die Episoden harmonisch delikat abgetönt werden und Boccherini für einmal – in diesem Zusammenhang gleichwohl sehr passend – auf eine Kadenz verzichtet, die den leichten Fluss dieses Satzes seinem glücklichen Ende entgegen unterbrechen würde.

John Marlow Rhys
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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