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8.557595 - HUMMEL: Concerto for Piano and Violin, Op. 17 / Violin Concerto
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Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) Violinkonzert • Konzert für Klavier und Violine

Johann Nepomuk Hummel wurde in der heutigen slowakischen Hauptstadt Bratislava geboren, die damals noch Pressburg hieß, und er galt als einer der besten Komponisten-Pianisten Europas. Mit acht Jahren wurde das Wunderkind Schüler von Mozart, mit dem er bis zu dessen Tod befreundet war. 1787 gab er sein erfolgreiches Konzertdebüt, worauf er ein Jahr später mit seinem Vater, dem Dirigenten Johannes Hummel, zu einer vierjährigen Reise durch Deutschland, Dänemark, Schottland und England aufbrach. Nach seiner Rückkehr studierte Johann Nepomuk bei Albrechtsberger, Salieri und Haydn, während er selbst unterrichtete, Konzerte gab und komponierte. Damals begann seine lange, stürmische Freundschaft mit seinem großen Rivalen Beethoven. 1804 wurde er zum Konzertmeister des Fürsten Nikolaus Esterházy in Eisenstadt ernannt, nachdem Haydn seinen Abschied genommen hatte. In Eisenstadt, wo er bis 1811 tätig war, entstanden verschiedene Konzerte, geistliche Werke (darunter fünf großangelegte Messen) und viele Stücke für Soloklavier. Auch komponierte er eine Anzahl kurzer Stücke fürs Theater sowie Menuette und Tänze für Orchester.

1811 kehrte Johann Nepomuk Hummel nach Wien zurück, um hier weiterhin als Pianist und Komponist zu wirken. Er heiratete die bekannte Sängerin Elizabeth Röckel, mit der er zwei Söhne hatte. Nach einer kurzen, unglückseligen Zeit als Kapellmeister in Stuttgart ging er als Großherzoglicher Kapellmeister mit seiner Familie nach Weimar, wo er insbesondere für die Direktion der Oper und die speziellen Festivitäten des Hofes zuständig war. Hier entstand auch seine enge Freundschaft zu Goethe. Während der zwanziger Jahre unternahm Hummel weite Reisen, und 1827 kam er wieder nach Wien, um den sterbenden Beethoven zu besuchen, bei dessen Beisetzung er dann zu den Bahrtuchträgern gehörte. Überdies organisierte er, Beethovens Wunsch entsprechend, ein Gedenkkonzert, bei dem er über Themen aus Werken des verstorbenen Kollegen improvisierte, besonders ergreifend über den Gefangenenchor aus Fidelio. 1830 reiste Hummel nach Paris und anschließend nach London, wo er vierzig Jahre nach seinem ersten Aufenthalt den Höhepunkt seiner Karriere als ausübender Musiker erlebte. Während der letzten drei Lebensjahre musste er aufgrund seiner schlechten Gesundheit seine Aktivitäten einschränken. Als er dann 1837 in Weimar starb, sah man das Ende einer Ära gekommen. In Wien gedachte man seiner mit der Aufführung des Requiems von Mozart.

Von 1805 bis zu seinem Tod hat Hummel rund ein Dutzend Werke für Klavier und Orchester komponiert, von denen etwa die Hälfte als Konzerte bezeichnet sind. Zu den 54 Manuskriptbänden Hummels, die die British Library in London 1884 erwarb, gehört ein solcher, in dem ein unvollständiges Violinkonzert mit dem berühmten Trompetenkonzert zusammengebunden ist. Auf das letztgenannte Werk dürfte Hummel viel Zeit verwendet haben, da er als neuer Kapellmeister von Eisenstadt einen guten Eindruck machen wollte und jenes Stück bei seinem ersten großen Konzert für die Esterházy-Familie aufgeführt werden sollte. Deswegen wird er wohl die Arbeit an dem Violinkonzert aufgegeben haben – in der Absicht, es später wieder aufzugreifen. Statt dessen zog er es vor, ein Konzert für Klavier und Violine zu schreiben. Denkbar ist aber auch, dass er von der Vollendung seines Violinkonzerts abgebracht wurde, nachdem sein großer Konkurrent Beethoven 1806 sein Gegenstück vorgestellt hatte.

Obwohl das Konzert unvollendet blieb, ist der Solopart vollständig überliefert, und zwar von der Hand Hummels und eines seiner Schüler – das kurze Adagio hat Hummel selbst niedergeschrieben. Ich habe nun in den Ecksätzen verschiedentlich Orchesterstimmen hinzufügt, das gesamte Werk editiert und auch die Kadenzen zum ersten und letzten Satz geschrieben. Wie etliche Konzerte der damaligen Zeit ist auch dieses für ein kleines Orchester ohne Klarinetten, Trompeten oder Pauken geschrieben. Der zweifellos sehr anspruchsvolle Solopart stent interessanterweise der virtuosen Natur der Hummelschen Werke für Klavier solo für Klavier und Orchester. Historisch gehört dieses Violinkonzert in die faszinierende Übergangszeit, die einerseits von Haydn und Mozart, andererseits von den großen Violinwerken der deutschen Romantiker Mendelssohn, Bruch und Brahms umrahmt wird. Haydn schrieb 1765 drei Violinkonzerte, und Mozarts fünf Konzerte datieren von 1775. Der fruchtbarste Komponist auf diesem Gebiet war Louis Spohr, der zwischen 1803 und 1846 fünfzehn Violinkonzerte verfasste: Sein zweites von 1804 sowie das dritte und vierte von 1805/06 stehen Hummels Werk am nächsten. Beethoven folgte 1806. Mendelssohns e-moll-Konzert entstand 1844, Max Bruch schrieb seine drei Konzerte in den Jahren 1868, 1878 und 1891 – und das Konzert von Brahms ist von 1879.

Das Konzert für Klavier und Violine verfasste Hummel im Jahre 1804. Es besteht aus den traditionellen drei Sätzen Allegro con brio, Andante con moto und Rondo. Das vergnügliche Wechselspiel der beiden Soloinstrumente gebärdet sich weniger virtuos als in den Solokonzerten des Komponisten; gleichwohl gibt es viele beträchtlich ornamentierte Passagen. Im Kopfsatz obliegt es den Instrumenten im Wechsel, die Melodien zu exponieren, wobei der zweite Solist oft das Material weiterentwickelt und dabei häufig kunstvollere Dekorationen anbringt. Besonders interessant ist, dass Hummel zu diesem Satz eine eigene Kadenz geschrieben hat, wo es ansonsten doch üblich war, diese den Solisten oder andern Komponisten zu überlassen. Im zweiten Satz verwendet er eine seiner bevorzugten musikalischen Formen: Thema und Variationen (in diesem Falle sind es sechs Veränderungen). Abgerundet wird das Konzert von einem verspielten Rondo, zu dem ich eine Kadenz geschrieben habe. Im Mittelteil dieses Satzes wendet sich Hummel nach Moll, um in einer kurzen gravitätischen Episode einen Kontrast zu der Fröhlichkeit des Originalthemas zu schaffen. Die vorliegende Edition basiert auf der Originalausgabe, die Traeg 1805 in Wien herausbrachte.

Es überrascht nicht, dass die Solostimme des Violinkonzerts weit komplexer und ornamentierter ist als die Violinstimme des Doppelkonzerts. Der erste Satz bewegt sich in der klassischen Sonatenform, die der Komponist allerdings durch die Einführung neuer Gedanken im Schlussteil modifiziert. Der langsame Satz, in dem nur die Streicher die Solisten begleiten, ist ein schönes, sanftes Adagio, in dem die Violine derart lyrisch singt, dass sie durchaus in eine Oper passen würde. Das thematische Material des abschließenden Rondos reicht vom jovialen Anfangsthema bis zu neckenden Triolenpassagen, lyrischen Erfindungen und scharfer Akkordik.

Gregory Rose
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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