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8.557605 - BALAKAUSKAS: Symphonies Nos. 4 and 5
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Osvaldas Balakauskas (geb. 1937)
Symphonien Nr. 4 und 5

Osvaldas Balakauskas, einer der führenden litauischen Komponisten, legte 1961 sein Examen am Pädagogischen Institut von Vilnius ab, bevor er 1969 als Schüler von Boris Ljatoschinsky am Konservatorium von Kiew graduierte. Von 1992 bis 1994 war er nach fünfzig Jahren Fremdherrschaft der erste litauische Botschafter in Frankreich, Spanien und Portugal. 1996 erhielt Balakauskas den Litauischen Nationalpreis, die höchste künstlerische und kulturelle Auszeichnung des Landes. Er ist Leiter der Kompositionsabteilung an der Litauischen Akademie für Musik und Theater.

Als einer von ganz wenigen litauischen Komponisten hat Balakauskas ein eigenes und genau definiertes kompositorisches System entwickelt, das er als „dodekatonisch” bezeichnete. Diese Technik kann man als eine Gestaltung und Entwicklung neuer tonaler Beziehungen innerhalb streng serieller Strukturen und einer nicht weniger streng kalkulierten rhythmischen Fortschreitung beschreiben. Dessen ungeachtet vermag Balakauskas in seine mathematisch aufgebauten Architekturen jederzeit ein bestimmtes stilistisches Flair einfließen zu lassen, in dem man mal neoromantische oder impressionistische, mal jazzige Züge erkennen kann. Was sein Schaffen auszeichnet, sind das Zusammenwirken von Intellekt und Eleganz sowie das standhafte Bewahren der eigenen kompositorischen Regeln – das Wissen, in einer Zeit der allgegenwärtigen Postmoderne ein begeisterter Moderner zu sein.

Balakauskas’ umfangreiches Werkverzeichnis wird von instrumentalen Gattungen, Kammermusik, Symphonik und Konzerten beherrscht. Symphonische Werke bilden einen der wichtigsten Teile seines Schaffens. Sie zeigen den Komponisten als einen Meister der Instrumentation, der glänzende Farben exponiert und miteinander kombiniert, wobei er den individuellen Klang und den Charme der Soloinstrumente hervorhebt. Zu den Höhepunkten seines symphonischen Schaffens gehören die Sonate der Berge (1975), zu der er sich durch die Kunst von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis, dem größten klassischen Komponisten und Maler Litauens, hat inspirieren lassen; ferner seine quasi-minimalistische, bis an den Rand mit energischen Rhythmen und funkelnden Farben erfüllte Zweite Symphonie (1979); die Opera Strumentale (1987), ein abstraktes orchestrales Theater mit evokativen instrumentalen „Arien”, „Duetten” und „Chören”; und schließlich die auf der vorliegenden CD veröffentlichten Symphonien Nr. 4 (1998) und Nr. 5 (2001), die eine neue Richtung im Schaffen des Komponisten repräsentieren. Den Wendepunkt bezeichnete sein 1995 entstandenes Requiem in memoriam Stasys Lozoraitis [Naxos 8.557604].

Die Vierte Symphonie entstand zum Auftakt der neuen symphonischen Saison der Staatlichen Philharmonie Litauens. Die Titel der drei Sätze – Octa, Hendeca und Deca – entsprechen den vom Komponisten erfundenen Skalen aus acht, elf bzw. zehn Tönen, die dem harmonischen Material eines jeden Satzes zugrunde liegen. Tatsächlich sind es die durch die Verwendung spezifischer Skalen bestimmten Harmoniefortschreitungen, die in Balakauskas’ Musik oftmals als Melodien oder Motive fungieren und die gesamte musikalische Anlage unterstreichen. Wie bereits gesagt, spiegeln sich in dieser Symphonie einige Tendenzen, die die jüngste Schaffensphase des Komponisten auszeichnen – eine zunehmende Transparenz der Texturen, eine neoklassizistische Zurückhaltung des Ausdrucks sowie eine Balance von Form und Emotion. Innerhalb seines Skalensystems bemüht sich der Komponist jetzt um die Entwicklung eines konsonanten Wohlklangs, als wollte er zu den Ursprüngen und Traditionen der europäischen Musik zurückkehren, „zu etwas Vertrautem und Erkennbaren”. Unter anderem zeigt dieses Werk auch merkliche Anzeichen des Jazz – einen beweglichen, synkopierten Rhythmus und fließende Blues-Harmonien. Ver- schiedene Elemente der alten und der modernen Musik schlagen sich dezent in dem homogenen, integralen Vokabular des Komponisten nieder.

Linas Paulauskis

Die Fünfte Symphonie entstand im Auftrag des Festivals von Vilnius. Die Struktur dieses zyklischen viersätzigen Werkes ist nicht eben typisch für Balakauskas: Beim Anhören dieser Musik hat man den Eindruck, dass ein und dasselbe „Thema” alle Sätze durchzieht. Es ist ein halbstündiges, recht intensives Werk, das den Anblick wahrhaft gigantischer Malereien beschwört, die eigene Gebäude brauchen, wenn man sie richtig ausstellen will. Die Anspielung auf die Malerei ist kein Zufall: Tatsächlich ist die Musik voller Farben und Leben – als handelte es sich um vier Kunstwerke über ein einziges Thema, das in dicken, ausdrucksvollen Strichen ausgeführt ist. Trotz der energischen Rhythmen, den beinahe Bigband-artigen Ausbrüchen bei den Höhepunkten und der absolut unvorhersagbaren Form der Komposition sind alle Texturen peinlich genau ausgeführt. Das musikalische Material folgt seinem Weg in einem beharrlichen und ständigen Auf und Ab, wobei es irgendwie den Modellen der indischen Ragas oder des indonesischen Gamelan ähnelt. Eine solche strukturelle Anlage kommt recht unerwartet, ist aber gleichzeitig vielleicht der wichtigste Faktor für die Originalität dieser Komposition. Balakauskas hat diese Art der strukturellen Organisation stets bevorzugt. Auf der andern Seite könnte die Tatsache, dass Balakauskas hier zur „Moll-Seite” seines modalen Vokabulars hinüberwechselt, könnte aber auch die zunehmende Zahl von dissonanten Harmonien neue Aspekte seines Schaffens andeuten.

Šarūnas Nakas
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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