About this Recording
8.557624 - STAINER: Crucifixion (The)
English  German 

Sir John Stainer (1840–1901)
The Crucifixion

 

Sir John Stainer war Organist an St. Paul’s Cathedral und Professor für Musik in Oxford, aber ein besonderes Anliegen war ihm, gute Musik für Kirchenchöre mit begrenzten Möglichkeiten zu komponieren, weshalb er eine große Zahl von Anthems, Gesängen und Kirchen-liedern veröffentlicht hat. Obschon dabei sicherlich auch finanzielle Motive eine Rolle gespielt haben mögen, entsprach der Kult um diese Simplizität doch in gewisser Hinsicht auch Stainers Naturell und Charakter. So wurde er zum Experten in der Kunst, Emotionen und Bedeutungstiefe selbst alltäglichen Melodien und Harmonien abzugewinnen.

1887 entwickelte Stainer den Plan, Musik für die Karwoche zu schreiben, die auch für Dorfchöre realisierbar sein sollte. Der Librettist, W. J. Sparrow- Simpson (1859-1952), war der Sohn eines Kollegen an St. Paul’s, und die erste Aufführung fand an der St. Marylebone Pfarrkirche in London statt. The Crucifixion wurde dabei nicht allein äußerst positiv aufgenommen, sondern sollte zudem den überwiegenden Teil der Kirchenmusik aus dieser Zeit überleben und zu einem echten Publikumsliebling werden – den erstaunlich harschen Urteilen einiger Kritiker und Historiker zum Trotz. Die Qualitäten, die dem Werk seine Beliebtheit nun schon über viele Generationen hinweg zu sichern vermochten, sind jene, die Stainer bewusst als einen glücklichen Mittelweg zwischen kontrapunktischer Kunstfertigkeit und melodramatischer Tonmalerei kultiviert hat.

Stainers Werk entstand in einer Zeit, als die Passionen Bachs dem britischen Konzertpublikum zwar gerade erst bekannt geworden waren, diese freilich schon Händel von seinem Thron als über jeden Zweifel erhabener Meister geistlicher Chormusik zu stoßen vermocht hatten. The Crucifixion lehnt sich dabei in mehrerlei Hinsicht an die Passion lutherischer Tradition an. Im Gegensatz zu einem Oratorium kommt es vielmehr als ‚Meditation’ daher, als integraler Bestandteil des anglikanischen Gottesdienstes, der sich der normalen Kräfte von Chor und Orgel bedient und die Gemeinde in verschiedenen einfachen Chorälen einbezieht, wobei Stainer im Gegensatz zu Bach, der auf Wohlbekanntes zurückgriff, neue Sätze komponiert hat. Das Libretto wechselt zwischen biblischer Erzählung und neu-gedichteten Versen, in denen die geschilderten Ereignisse aus Sicht eines Christen gewissermaßen kommentiert werden – ein Verfahren, das sich direkt aus den Passionen Bachs ableiten lässt, das aber Händel niemals angewendet hat.

Stainer macht allerdings einen deutlichen Bogen um die dramatischen Elemente der Passion, die indes ohnedies nicht zu seinen Stärken gezählt hätten, namentlich jene, die auf die physischen Qualen Christi eingehen; das Christentum war in den dazwischenliegenden 150 Jahren menschlicher geworden. So werden etwa die Worte „scourged him“ („geißelten ihn“) musikalisch nicht weiter illustriert. Stattdessen stellt Stainer Jesus in Gethsemane als einen bemitleidenswerten Menschen dar, der seine Jünger lediglich um Anteilnahme bittet. Zwar mag die Tonart cis-Moll dabei für die Grausamkeit des Todes stehen – die Hörer oder selbst die Interpreten werden davon freilich kaum etwas mitbekommen. Das ausdrucksvolle ‚Could ye not watch with me‘ ist in variierter Strophenform mit Chor gehalten. Der höchste Ton ist dabei wohlweißlich dem Wort ‚agony‘ (‚Pein‘) in der letzten Strophe vorbehalten, worauf die Stimme in die Tiefen des Kummers versinkt.

Nach einem dramatischen Rezitativ folgt dann die ambitionierteste Nummer, Processional to Calvary, worin der Gang nach Golgatha aus der Perspektive eines das Geschehen beobachtenden Christen geschildert wird. Man hört das Herannahen Jesu und seiner Jünger in der langen Orgel-Introduktion in a-Moll: anfänglich ein ruhiger Marsch, der als Thema innerhalb der Rondo-Form dann wieder auftaucht, dann eine lyrische Melodie in Dur, begleitet von sich wiederholenden Akkorden im Stil eines Lieds. Der Chor tritt dann im Verlauf des nächsten Rondo-Themas mit einem bestimmten ,Fling wide the gates‘ hinzu, und obwohl innerhalb der biblischen Erzählung Tore nicht erwähnt werden, ist dieser wiederholte Ruf doch ein sehr effektives Mittel, um diesen Satz zu integrieren, wobei die Echo-Effekte an Befehle denken lassen, die von Soldat zu Soldat weitergegeben werden. Das ‚Tor’-Thema verschmilzt in der Folge mit dem Rondo-Thema und durchläuft verschiedene Tonarten, ehe der Solo-Tenor dann im entfernten A-Dur zum lyrischen Thema zurückkehrt: ,How sweet is the grace in His sacred Face‘. Hier erhascht unser Beobachter, als Jesus an ihm vorübergeht, dessen göttliche Gemütsruhe, wohingegen die punktierten Rhythmen der übrigen am Marsch beteiligten in den Hintergrund rücken. Diesen Kunstgriff, der von Schumanns ‚Reconnaissance’ aus dessen Carnaval inspiriert sein mag, führt Stainer wirklich sehr schön aus, ehe dann unausweichlich der beharrliche Marsch des Chores in den Traum hereinbricht (,Then on to the end‘), um schließlich in der Ferne zu verklingen, gen Golgatha.

Die Kreuzigung selbst wird in einem kurzen chromatischen Rezitativ geschildert. Die Reaktion erfolgt im ersten und besten der Gemeinde-Choräle, Cross of Jesus, einem wahrhaft aufwühlenden Satz, der unter-dessen als Standard in viele Gesangsbücher gewandert ist. Bei The Majesty of the Divine Humiliation handelt es sich um ein gewagtes Experiment einer freien Form, die lediglich durch ein flexibles ‚Motto‘-Thema zusammen-gehalten wird. Der Satz leidet freilich unter der unglaublich weiten Spanne an Emotionen, wie sie dem Mysterium der Kreuzigung innewohnt, in der die Demütigung Jesu als Triumph gesehen wird. Stainer erliegt dabei allerdings der Versuchung, dies am Ende mit schmetternden Orgelakkorden auszudrücken, die mit der zuvor vorherrschenden Stimmung des Mitgefühls für die Leiden des menschlichen Jesu gänzlich in Widerspruch stehen.

Das sich anschließende ‚Quartett oder Chor‘, God so loved the world, ist der einzige Chorsatz auf Bibelworte, und als solcher ist er eben einer von jenen einfachen Anthems, die Stainer wie kein anderer beherrschte. Und in der Tat sollte gerade dieser Satz, nachdem er separat veröffentlicht worden war, sehr bald schon sehr bekannt werden. Es ist dies ein unabhängiger Satz, der unbegleitet gesungen werden kann, was denn auch häufig gemacht wird. Die einfache, dreiteilig gehaltene Form mit Coda ist leicht zu erfassen. Stainer, ein Meister bei der Vertonung von Bibelworten, betont dabei geschickt das Wort „so“ in der Anfangsphrase und verwendet musikalische Akzente zur Verstärkung der Anthithese: ,God sent not his son into the world to condemn the world; but that the world through him might be saved‘. Das Wiederaufgreifen der Titelphrase auf der Subdominante am Ende der Coda mag nicht gerade originell sein – der erzielte Effekt ist gleichwohl sehr bewegend in seiner Wirkung.

Die verbleibenden vier Choräle sind, abgesehen von einem, im trochäischen Metrum gehalten, was sie ein wenig eintönig macht. Die größeren Sätze widmen sich einigen der letzten Worte Jesu am Kreuz, die jeweils zuerst in einem Chor-Rezitativ vorgestellt werden. Das Duett So Thou liftest Thy divine petition ist von verstörender Emotionalität, und harmonisch mag man sich zunächst tatsächlich eher an Wagnersche Mythen denn an christliche Gefühle erinnert fühlen; in der Tat kann man ferne Nachklänge des Tristan ausmachen. Entspannung bringt der daktylische Choral ,Jesus, the Crucified, pleads for me‘. Die Szene um die beiden Übeltäter kehrt dann freilich wieder zu einer bodenständigeren Form der Darstellung zurück.

Im Anschluss an ,My God, why hast thou forsaken me?‘ greift Sparrow-Simpson dann auf die bekannten Worte des Alten Testaments zurück: Is it nothing to you, all ye that pass by? (Klagelieder 1, 12), was auf die übergeordnete Botschaft des Werkes zurückverweist, die eine des Tadels der menschlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Opfer Christi ist. Die gleichen Zeilen verwendet Stainer dann geschickt noch einmal als Refrain im letzten großen Chor, The Appeal of the Crucified. Der Tod Christi ist harmonisch relativ schlicht gehalten, am Ende gar als unbegleitetes Rezitativ, ehe der Choral For the love of Jesus dann das Werk beschließt.

Im intendierten Kontext – einem Passions-Gottesdienst – kann Stainers tief empfundene Meditation immer noch von durchschlagender Wirkung sein. Um The Crucifixion aber im Konzertsaal oder als Aufnahme richtig einzuschätzen, bedarf es eines geschärften historischen Bewusstseins, um die eingefleischten Vorurteile gegenüber Viktorianischem zu überwinden – Vorurteile, die unterdessen vollkommen unzeitgemäß sind.

Nicholas Temperley
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


Close the window