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8.557649 - ALWYN: Symphony No. 4 / Sinfonietta
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William Alwyn (1905–1985)
Symphonie Nr. 4 • Sinfonietta für Streichorchester

William Alwyn wurde am 7. November 1905 in Northampton geboren. Er studierte an der Royal Academy of Music in London, wo er mit 21 Jahren zum Professor für Komposition ernannt wurde. Diese Stellung bekleidete er dreißig Jahre. Zu seinen Werken gehören fünf Symphonien, Konzerte für Flöte, Oboe, Violine und Harfe, ferner zwei Klavierkonzerte, verschiedene deskriptive Stücke, vier Opern, zahlreiche Kammermusikstücke sowie Instrumental- und Vokalkompositionen. Daneben schrieb Alwyn an die zweihundert Filmmusiken. Seine Tätigkeit auf diesem Gebiet begann 1936 mit der Musik für Dokumentarfilme. 1941 entstand dann die erste Partitur für einen Spielfilm (Penn of Pennsylvania). Weitere bedeutende Filmmusiken sind unter anderem: Desert Victory, The Way Ahead, The True Glory, Odd Man Out, The History Of Mr Polly, The Fallen Idol, The Rocking Horse Winner, The Crimson Pirate, The Million Pound Note, The Winslow Boy, The Card und A Night To Remember. In Anerkennung seiner Verdienste um den Film zeichnete ihn die Britische Filmakademie als bislang einzigen Komponisten mit einer Mitgliedschaft aus. Weiterhin war Alwyn unter anderem 1949, 1950 und 1954 Vorsitzender des britischen Komponistenverbandes, an dessen Gründung er maßgeblich beteiligt war, ferner Direktor der Mechanical Copyright Protection Society (der britischen GEMA sozusagen) sowie einer der Vizepräsidenten der Gesellschaft zur Förderung der Neuen Musik und Direktor der Gesellschaft für Aufführungsrechte. Viele Jahre wirkte er in dem Ausschuss, von dem die BBC neue Werke begutachten ließ. Der Dirigent Sir John Barbirolli war ein engagierter Anwalt seiner ersten vier Symphonien. Das erste dieser Werke ist ihm auch gewidmet.

Die letzten 25 Jahre seines Lebens verbrachte Alwyn in Blythbough, Suffolk. In dieser ruhigen Umgebung konzentrierte er sich auf zwei Opern, Juan, or the Libertine und Miss Julie. Außerdem entstanden hier Kammermusiken und Vokalwerke sowie die letzten großen Stücke für Orchester: das Concerto Grosso Nr. 3, das er als Auftragswerk zum 100. Geburtstag von Sir Henry Wood (1964) komponierte und das unter seiner Leitung vom BBC Symphony Orchestra bei den London Promenade Concerts desselben Jahres uraufgeführt wurde; ferner die Sinfonietta für Streichorchester (1970) und die fünfte Symphonie Hydriotaphia (1972/73). Wenn Alwyn nicht komponierte, malte und dichtete er – oder er arbeitete an seiner Autobiographie Winged Chariot. Nach mehreren Erkrankungen starb er am 11. September 1985, zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag.

Die 1959 vollendete vierte Symphonie ist der Epilog in Alwyns symphonischer Tetralogie, an deren Abschluss er seit 1948 gearbeitet hatte. Die fünfte Symphonie (Hydriotaphia), die 1973 folgte, ist in keiner Weise mit den früheren Geschwistern verbunden. Das „Motto-Thema” mit dem aufspringenden Intervall der Septe, das zu Beginn der ersten Symphonie vorgestellt wird und auf verschiedene Weise in allen vier Werken auftritt, erlebt im Schlussteil der Vierten seine Apotheose. Der Komponist sagt über das Werk:

„Die vierte Symphonie ist für ein normales, klassisches Orchester geschrieben und zyklisch angelegt: Das Themenmaterial, das im ersten Satz exponiert wird, ist ständigen Transformationen unterworfen und wird in allen drei Sätzen verwandt. Ein ungewöhnlicher Aspekt ist dabei, dass das Scherzo der zentrale und wesentlichste Satz ist. Das Werk wurde 1959 von Barbirolli und dem Hallé Orchestra bei einem Henry Wood Promenade-Konzert uraufgeführt.

Im pianissimo werden zu Beginn simultan die beiden Hauptgedanken exponiert. Diese verwenden die zwölf, in zwei Gruppen aufgeteilten Halbtöne: eine dreitönige, aufsteigende Figur der Holzbläser, die auf einer D-dur-Leiter mit hinzugefügtem Gis beruht, indessen die Bässe und Pizzikato-Celli ein langsames Gegenthema (F-B-C-Es) spielen. Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer doppelten Tonalität aus D-dur und B-dur, und das sind die beiden tonalen Zentren der gesamten Symphonie. Die Musik erhebt sich langsam zu einem neuen, lyrischen Thema, das vom gesamten Orchester gesungen wird und zu einer ruhigen Wiederholung in den Streichern herabsinkt. Allmählich zieht das Tempo an, derweil die Hörner das Bassthema in Akkorden spielen. Es folgt das D-dur-Thema in Posaunen und Violoncelli, das sich bis zum Allegro steigert und den ersten Höhepunkt erreicht. Jetzt halten die tiefen Streicher und die Pauken einen pulsierenden Rhythmus aufrecht, während ein neues, melodisches Thema der Geigen und der Oboe erklingt. Dieses erreicht einen von Fanfaren der sordinierten Trompeten angekündigten, größeren Höhepunkt, worauf die Musik nach einer misterioso-Passage der geteilten Streicher wieder zum Maestoso zurückkehrt. Die Blechbläser lassen ein Fortissimo-Motiv erstrahlen, zu dem eine lange, expressive Melodie der hohen Streicher und der Holzbläser zu hören ist. Langsam versiegt der Satz, wobei die Pauke hartnäckig bis zum Schluss spielt.

Der zweite Satz ist ein umfangreiches Scherzo. Es stürzt sich sogleich in einen grundlegenden Rhythmus auf D, der immer wiederkehrt. Dann kleiden die Streicher und Holzbläser den Rhythmus in eine mehrfach auftretende D-dur-Skala ein, indessen die Trompeten an dem viertönigen B-dur-Gegenthema festhalten. Skala, Rhythmus und Gegenthema dominieren auch den weiteren Verlauf des Satzes, bis eine weitere Verwandlung der Skalen-Passagen erscheint – ein wiegendes giocoso der Oboe, das von klimpernden Pizzikati und leisen Staccato-Akkorden der Posaunen begleitet wird. Neue Transformationen führen zu einer Klimax, worauf die Musik zu dem Grundrhythmus (jetzt auf Es) verklingt. Nach einer Pause beginnt der Trio-Abschnitt – eine Variante des Motivs, das am Anfang der Symphonie zu hören war und jetzt ruhig in den Violinen sowie zwei Fagotten exponiert wird. Nachdem die Anfangstakte der Symphonie ganz direkt wiederholt wurden, beginnt die heftige Reprise des Scherzo-Teils. Der Satz endet mit dem Rhythmus - furioso und fortissimo.

Im Anschluss an die unnachgiebige Energie des Scherzos bildet der letzte Satz einen ruhigen Epilog. Die Violinen singen eine heiter-gelassene Weise, die aus den früheren Gedanken abgeleitet ist. Diese lösen sich jetzt in ein Thema mit Variationen auf und erreichen einen Höhepunkt, bei dem die Bässe den Rhythmus des Scherzo herausstampfen. Dieser erstirbt in einer langgezogenen Melodie (molto tranquillo) der Klarinette, des Horns und der hohen Violinen. Der abschließende maestoso-Höhepunkt wird erreicht, und die Symphonie geht damit zu Ende, dass Hörner, Posaunen und Pauken triumphierend das viertönige Thema in B intonieren.”

Seine Sinfonietta für Streichorchester vollendete William Alwyn im Februar 1970. Das Werk resultierte aus einem Auftrag des Arts Council of Great Britain und war für das San Francisco Symphony Orchestra gedacht, das es während seiner für dasselbe Jahr geplanten Tournee durch Großbritannien hätte uraufführen sollen. Diese Tournee fand jedoch nie statt. Deshalb wurde die Sinfonietta zum ersten Male vom English Chamber Orchestra gespielt, und zwar am 4. Juli 1970 beim Cheltenham Festival. Als Alwyn den Auftrag erhielt, arbeitete er an seiner vieraktigen Oper Juan, or the Libertine, und die Sinfonietta bot ihm bei diesem Vorhaben eine willkommene Abwechslung. Der Komponist schrieb zu dem Werk:

„Die Sinfonietta kreist um ein Zitat aus [dem ersten Akt] der Oper Lulu von Alban Berg. Diese Phrase verfolgte mich, seit ich sie erstmals hörte und die Partitur studierte. Gleichwohl handelt es sich dabei weder um ein ,Zwölftonstück’ noch um einen Tribut an Berg – wenn auch jeder ehrliche Komponist eingestehen wird, was er diesem Genie verdankt. Der Grund für die Integration ist vielmehr ein persönlicher – die gemeinsame Bewunderung Bergs, die ich mit meinem Freund Dr. Mosco Carner teile, an den ich bei der Komposition oft dachte und dem das Werk auch gewidmet ist.

Der erste Satz ist mal energisch, mal lyrisch. Der zweite ist die Einfachheit selbst – still und nachdenklich. (Die Takte aus Lulu folgen auf einen kurzen kanonischen Abschnitt eines solistischen Streichtrios). Der letzte Satz entwickelt sich schließlich nach einem knappen, stürmischen Anfang zu einer komplexen Fuge in wechselnden Tempi. Alle Fugenthemen sind aus dem Material der vorigen Sätze abgeleitet, wobei das Intervall der großen Septe ein charakteristisches Element darstellt. Die Sinfonietta gipfelt in einem letzten leidenschaftlichen Ausbruch, worauf sie friedlich und diatonisch endet.”

Den Text stellte Andrew Knowles unter Verwendung von Zitaten William Alwyns zusammen
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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