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8.557669 - KROMMER: Oboe Quartet No. 3 / Oboe Quintets Nos. 1-2
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Franz Krommer (1759-1831)
Quartett und Quintette für Oboe und Streicher

 

Franz Krommer (František Vincenc Kramář) wurde 1759 in Kamenitz (Mähren) geboren und wurde Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem der erfolgreichsten böhmischen Komponisten Wiens. Er wirkte als Kapellmeister an drei großen europäischen Höfen, so auch an demjenigen des österreichischen Kaisers Franz I, der ihn 1818 zu seinem Hofkomponisten ernannte. Krommer ist heute vor allem dank seiner enormen Menge an Bläserkonzerten und -oktetten bekannt; doch er schrieb auch Symphonien, zahlreiche Streichquartette, Streichquintette und andere Kammermusiken sowie einige wenige geistliche Werke, wobei er sich stilistisch zumeist in den Bahnen Haydns und Mozarts bewegte. In den Augen seiner Zeitgenossen waren seine Streichquartette von derselben Bedeutung wie diejenigen Haydns und Konkurrenten der Beethoven-Quartette. Seine vielen Kompositionen für Holzbläser sind technisch sehr anspruchsvoll – ein Hinweis darauf, dass er für die besten Musiker seiner Zeit schrieb. Diese Werke bilden einen wichtigen Teil des Bläserrepertoires und erfreuen sich noch heute großer Anerkennung und Popularität. In den 1790er Jahren war Krommer zunächst Regimentskomponist eines Grafen Karolyi, danach leitete er das Orchester des Fürsten Antal Grassalkovich de Gyarak, das nach dessen Tod im Jahre 1796 auf eine Harmoniemusik reduziert wurde.

In der bemerkenswerten Aufstellung tschechischer Oboenwerke von Miroslav Hošek, dem ehemaligen Ersten Oboisten des Opernorchesters von Olmütz und Professor für Oboe am Konservatorium von Kroměříž (Kremsier), fand ich zwei Quintette und ein drittes Quartett für Oboe und Streicher von Franz Krommer erwähnt. Hošeks Verzeichnis von Oboenliteratur tschechischer und slowakischer Autoren wurde 1969 vom Tschechoslowakischen Musikinformationszentrum in Prag veröffentlicht und nennt diese Stücke in der Auflistung des Krommerschen Schaffens. Ich konnte jedoch keine aktuelle Ausgabe oder nähere Hinweise auf eines der Werke finden. Daher bin ich Miroslav Hošek sehr dankbar für die Stimmen zu dem Quartett; der Österreichischen Staatsbibliothek in Salzburg danke ich gleichermaßen für die Kopien der in der dortigen Sammlung aufbewahrten Quintettstimmen.

Krommers Quartett- und Quintettsatz ist ähnlich virtuos wie bei Haydn und Beethoven. Diese Werke zeigen deutlich, wie sich im späten 18. Jahrhundert die Rolle der Oboe veränderte: Der Tonumfang erweitert sich nach oben, die technischen Anforderungen steigen. Verglichen mit dem Oboensatz in Bachs Kantaten sind Mozarts und Krommers Werke merklich höher und technisch weitaus virtuoser. Während an Mozarts Quartett bereits sein extrem hohes Register mit etlichen hohen F in der Oboe auffiel, erreichen Krommers Quintette sogar das G. An die Stelle der barocken Solosonate tritt jetzt die virtuose Kammermusik als hauptsächliches Mittel, die technischen Möglichkeiten des Instruments und seiner Spieler darzustellen. Die Violine hat einen prominenten Part, der fast ebenso wichtig ist wie derjenige der Oboe, und die Bratschenstimme ist überraschend komplex. Die Quintette und das Quartett lassen sich sowohl hinsichtlich der virtuosen Behandlung der Oboe als auch wegen der langen, halb-fugierten Abschnitte und Solopassagen für alle Instrumente außer dem Violoncello mit den meisten kammermusikalischen Oboenwerken der Klassik vergleichen. Die Tatsache, dass die Handschriften in Salzburg aufbewahrt werden, lässt vermuten, dass sie dort gespielt wurden.

Bekannte Oboisten, die diese schönen Werke in der Zeit von 1780 bis 1800 hätten spielen können, waren Josef Cervenka, Solo-Oboist des kaiserlichen Hoforchesters in Wien (1794-1829); der in Salzburg lebende Josef Fiala, der 1786 das Wohlwollen Mozarts fand und dessen Solostücke in Wien spielte; Anton Fladt aus München, der 1793 während einer Konzertreise in Wien auftrat; Georg Triebensee d.Ä., seit 1782 erster Oboist der Harmonie-Tafel-Musik bei Kaiser Joseph II.; Josef Triebensee, sein Sohn, der bei der Premiere von Beethovens Quintett Es-dur op. 16 mitwirkte; Jan Vent, der seit 1777 im Wiener Opernorchester, seit 1787 im Kaiserlichen Hoforchester und seit 1782 in einer Kaiserlichen Harmoniemusik wirkte; und schließlich auch Giuseppe Ferlendis und Ma(r)x Berwein.

Bruce Haynes („Music For Oboe 1650-1800“) zufolge schrieb Krommer seine beiden bekannten und veröffentlichten Oboenquartette zwischen 1780 und 1800. Wir wissen nicht, wem sie gewidmet sind. Krommer könnte sie während seiner Zeit in Ungarn verfasst haben. Miroslav Hošek schrieb ein drittes Quartett 1962 selbst ab. Diese Kopie entstand nach dem Exemplar, das Miroslav Biba, Konzertmeister des Opernorchesters am Stadttheater „Oldřich Štíbor“ (heute Mährisches Theater) im tschechischen Olomouc (Olmütz) in seiner Privatsammlung aufbewahrte. Bis zur vorliegenden Aufnahme war dieses dritte Quartett praktisch aus der Oboenliteratur verschwunden.

Nancy Ambrose King
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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