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8.557671 - STAMITZ, C.: Orchestral Quartets, Op. 14
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Carl Stamitz (1745–1801)
Orchesterquartette op. 14 Nr. 1 und 4 • Konzertante Quartette op. 14 Nr. 2 und 5

 

Carl Stamitz ist zweifellos der bekannteste Vertreter der zweiten Mannheimer Komponistengeneration, wenngleich er sich während des überwiegenden Teils seiner Karriere anderswo aufhielt. Seine früheste musikalische Ausbildung verdankte er seinem ebenso brillanten wie berühmten Vater Johann, der als Instrumental-Music Director und Konzertmeister des unvergleichlichen Mannheimer Hoforchesters wirkte. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahre 1757 wurde Carl von mehreren führenden Musikern des Hofes unterwiesen, und schließlich wurde er als zweiter Geiger in das Orchester aufgenommen, womit es ihm möglich war, seine vorzügliche Spieltechnik weiterzuentwickeln und das aktuelle Mannheimer Repertoire aus erster Hand zu studieren. Zu seinen Kollegen im Orchester gehörte eine Reihe fähiger Komponisten, von denen besonders Christian Cannabich (1731–1798), der Konzertmeister des Hoforchesters, zu nennen ist.

1770 verabschiedete sich Stamitz aus Mannheim. Er ging nach Paris, wo er im nächsten Jahr als Hofkomponist des Herzogs Louis von Noailles eine Anstellung fand. Gemeinsam mit seinem Bruder Anton trat Carl regelmäßig im Concert Spirituel auf. Außerdem unternahm der virtuose Musiker Konzertreisen nach Wien (1772) und Frankfurt (1773) sowie ein Jahr später nach Augsburg, Wien und Straßburg. Ende der siebziger Jahre verließ er Paris, worauf er keine bedeutenden Positionen mehr bekleidete. Er war unablässig auf Reisen, konzertierte in ganz Europa und komponierte fleißig in allen Gattungen. Ein ungewöhnliches Werk ist eine musikalische Allegorie, die er 1787 zu Blanchards gelungenem Ballonaufstieg verfasste.

Stamitz’Kompositionen erfreuten sich damals großer Beliebtheit und waren sowohl in gedruckter wie handschriftlicher Form weit verbreitet. Als Leopold Mozart wissen wollte, ob Wolfgang in Paris mit den Stamitzens zusammengetroffen sei, antwortete dieser in seinem Brief vom 9. Juli 1778: von die 2 Stamitz ist nur der jüngere hier, der ältere (der wahre Hafeneder=Componist)* ist in London, das sind 2 Elende Notenschmierer, und spieller, Säüffer, und hurrer, das sind keine leüte für mich, der hier ist hat kaum ein gutes kleid auf den leib.

Wie so vieles, was Mozart während seiner unglückseligen Reise nach Paris bemerkte, sollte man auch seine Ansichten über Carl Stamitz mit einiger Vorsicht genießen, besonders angesichts des begeisterten Lobes, das Gerber später in seinem Historisch-biographischen Lexikon der Tonkünstler (1792) veröffentlichte:

Mit welcher außerordentlichen Kunst und Fertigkeit er nun auf der Bratsche konzertirt, mit welchen himmlisch süßen Tönen und Gesängen mit seiner Viol d’Amour die Ohren bezaubert und mit welchem Feuer, mit welcher Tätigkeit er als Anführer die Bühne traktiert; davon sind seitdem Berlin, Dresden und mehrere Residenzen und große Städte Zeugen gewesen. Und gewiss würde ihn schon längst einer der deutschen Höfe an sich gefesselt haben, wenn nicht die außerordentliche Abneigung dieses Künstlers gegen alle Verbindungen dieser Art, seine Aufnahme in einer Kapelle im Wege gestanden hätte. In der Tat ein großes Unternehmen, in Deutschland als ein freier Künstler leben zu wollen. Und gewiss darf der nicht weniger Kunst als Stamitz besitzen, welche auf diese Wege einschlagen will.

Trotz seines frühen Ruhms, seiner offenkundigen Fertigkeiten als Instrumentalist und Komponist und seiner gelegentlichen Experimente auf dem Gebiete der Alchimie war Carl Stamitz bei seinem Tode derart verschuldet, dass seine Habe versteigert werden musste, um die Gläubiger zufrieden zu stellen.

Carl Stamitz hat beinahe ebenso viel Kammermusik wie Orchesterwerke komponiert. Auf letzteren beruht seine Reputation ganz besonders. Seine erste Publikation bestand in einer Folge von sechs „orchestralen“ Quartetten, die der Pariser Verleger Sieber 1770 mit einer Dedikation an einen „Sig. Di St. Giorgio“ veröffentlichte: Bei diesem handelt es sich um Monsieur de Saint-Georges, den Vater des berühmten mulattischen Violinvirtuosen, Komponisten und Meisterfechters Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-Georges. Wie die neun Orchestertrios von Johann Stamitz aus der Mitte der 1750er Jahre [Naxos 8.553213] sind auch Carls Werke angelegt, entweder a quattro oder durch ein Orchester aufgeführt zu werden. Sie verraten einerseits die intime Qualität der Kammermusik, lassen andererseits aber auch Stamitz’ Vertrautheit mit dem berühmten Mannheimer Orchesterstil erkennen.

Die sechs Quartette op. 14, die Sieber 1776 in Paris herausbrachte, ergeben insgesamt ein weniger homogenes Bild. Nur zwei der Quartette sind als „orchestral“ spezifiziert; zwei weitere werden als „konzertant“ bezeichnet; die beiden verbleibenden Werke sind ganz einfach „Quartette“, deren Oberstimme von einer Flöte, Oboe, Violine oder Klarinette gespielt werden kann. Die beiden „orchestralen“ Quartette (op. 14 Nr. 1 und 4) zeigen gegenüber ihren Vorgängern einen beträchtlichen Fortschritt. Ihre Ecksätze sind umfangreicher und „symphonischer“ angelegt, verwenden auf wirkungsvolle Weise dichte, lebhafte Streichertexturen, dramatische Lautstärkewechsel und drängende Crescendi in der besten Mannheimer Tradition. Sie würden zwar auch als herkömmliche Streichquartette zufriedenstellende Resultate bringen, doch zeigt ihr Stil deutlich, dass sie auf orchestrale Aufführung zielen. Bei den „konzertanten“ Quartetten ist das keineswegs klar. Waren sie, wie andere konzertante Quartette der Zeit, strikt a quattro gedacht oder hatte Stamitz vor, sie als miniaturartige konzertante Symphonien spielen zu lassen? Die sporadisch in den Stimmen aufscheinenden „Solo“-Hinweise sind nicht überzeugend und reichen nicht aus, unzweifelhaft auf eine concertino-ripieno-Beziehung zu schließen. Indessen profitiert der häufige Einsatz des extrem hohen Celloregisters vom Kontrast der soliden Grundierung in den „Tutti“-Abschnitten. Diese stilistische Dichotomie fehlt in den authentischen „Solo“-Quartetten op. 14 Nr. 3 und 6. Dort spielt das Cello eine konventionelle Bassrolle, und der höchste Part ist so flexibel geführt, dass er von verschiedenen Melodieinstrumenten befriedigend gespielt werden kann. Mit ein wenig editorischer Freiheit lassen sich die beiden konzertanten Quartette sehr überzeugend als kleine konzertante Symphonien wiedergeben – und in dieser Form werden sie hier auch gespielt.

Die Quartette op. 14 offenbaren eine Seite an Stamitz’ Schaffen, die das heutige Publikum kaum kennt. Die Qualitäten, die seine Symphonien und Konzerte so populär machen, sind jedoch auch in diesen charmanten Werken zu entdecken. Sie sind überreich an prickelnden, energisch- bewegten Themen und glanzvollem Streichersatz, und ihren langsamen Sätzen eignet eine leichte Grazie und Eleganz, die das Markenzeichen so vieler seiner Werke ist.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

* Hafeneder=Componist: bezieht sich auf den Salzburger Violinisten Joseph Hafeneder, von dessen kompositorischen Qualitäten Leopold Mozart offensichtlich nicht sehr viel hielt.

 


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