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8.557672 - PENNY MERRIMENTS: Street Songs of 17th Century England
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Penny Merriments
Straßenlieder aus dem England des 17. Jahrhunderts

 

„Balladen! Liebe Leute, Balladen!
Wie wär’s mit den neuesten und wahrsten Sachen aus ganz London?
Ich hab’ sie für jeden Geschmack und über alle Themen.
Hier sind eure Geschichtsballaden, eure Liebesballaden
und eure Balladen des guten Lebens.“

Die hier eingespielten Lieder waren die Popmusik ihrer Zeit. Produziert zu tausenden von anonymen Schreiberlingen in schmutzigen Hinterstuben von Druckereien, erschienen sie auf billigem Papier in breitem Folioformat, wodurch sie als Broadside- Balladen bekannt wurden. Beliebt bei Jung und Alt, wurden sie von allen Gesellschaftsschichten zur häuslichen Unterhaltung gekauft, erklangen auf Londoner Bühnen oder hingen an den Wänden von Landgasthöfen.

Broadside-Balladen waren hauptsächlich ein urbanes Ausdrucksmittel. Sie dienten dem Stadtmenschen als Nachrichtenorgan und waren ein Vehikel der Massenkommunikation, bevor Zeitungen und Magazine diese Funktion übernahmen. Hier lesen wir von historischen Ereignissen wie dem Großen Feuer von London, der Spanischen Armada und der lang ersehnten Rückkehr von Charles II., von Helden vergangener Tage, Kaufleuten und Verbrechern, vom Wechsel der Jahreszeiten oder der Furcht der Menschen vor dem Sterben. Wie die heutige Regenbogenpresse, so lebten auch die Broadsides von der Sensationsgier der Menschen, dem unstillbaren Verlangen nach Berichten über Kapitalverbrechen, Diebstäle, Sittlichkeitsdelikte usw. Natürlich durfte auch der komische Aspekt mit Geschichten über Bauerntölpel und Landpomeranzen nicht fehlen.

Broadside-Balladen waren aus der direkten Traditionslinie der mittelalterlichen Volksballaden hervorgegangen. Ihre Blütezeit erlebten sie im siebzehnten Jahrhundert zwischen den Regierungszeiten Elizabeths I, Williams und Marys, und obwohl die hier eingespielten Beispiele aus der Zeit der englischen Restauration [der Wiedereinsetzung der Stuarts, 1660–88] datieren, waren viele bereits durch mündliche Überlieferung bekannt, bevor die Fähigkeit des Lesens und Schreibens nicht länger ein Privileg der Oberschicht war und die Balladen den Weg zum Druckerzeugnis fanden. Interessanterweise fielen einige wieder in die mündliche Tradition zurück, nur um in oft veränderter Form von den großen Liedersammlern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wie Cecil Sharp oder Ralph Vaughan Williams ‚wiederentdeckt’ zu werden.

Die hier vorgestellten Bearbeitungen spiegeln die Besetzungsvielfalt wider, in der Broadside-Balladen dargeboten wurden. Theater bedienten sich beispielsweise kleiner Instrumentalensembles, die zwischen den Akten spielten und vielfach einen oder zwei Sänger in einem komischen Interludium voller „zotiger Lieder und obszöner Gesten“ begleiteten; ein Balladensänger, der sich selbst auf der Fidel oder Zitter begleitete, konnte ein interessiertes Publikum auf einer belebten Strasse oder in der dunklen Ecke einer Gastwirtschaft finden; die neumodischen Kaffeehäuser waren bekannt für die schlüpfrigen Vorträge ihrer männlichen Sänger, während am anderen Themse-Ufer in Southwark, Londons berüchtigtem Rotlichtviertel, die Prostituierten ihre Freier mit „einer reifen Auswahl an unanständigen Liedern“ in Stimmung brachten. Die meisten Leute hörten die aktuellsten Broadside- Balladen jedoch zuerst von singenden Hausierern, einer rauhen Spezies von ‚Berufssängern’, die im Gegensatz zu den altehrwürdigen Barden der vorelisabethanischen Zeit nur selten eine Gesangsausbildung genossen hatten. Einige von ihnen wurden in einer Art ‚Schnellkursus’ auf ihre Arbeit vorbereitet und dann von Druckern auf eigenes Risiko „mit Balladen im Wert von einem Dutzend Hafergrützsäcken“ auf das Volk losgelassen; bei anderen handelte es sich schlicht um „faule junge Leute, die ehrliche Arbeit und rechtmäßßigen Handel verabscheuten, ein Vagabundendasein fristeten und Balladen voller Ferkeleien und unflätiger Nichtigkeiten sangen“.

In derartiger Gesellschaft bedurfte es aller möglichen Tricks, um Kunden zu gewinnen. Eine Bildillustration konnte da manchmal Wunder bewirken, und so erschienen auf den meisten Blättern primitive Holzschnitte. Da die Nachfrage den Bedarf oft überstieg, deckten sich die Drucker mit einem Vorrat an wurmstichigen alten Vorlagen ein und illustrierten damit ihre Texte, egal ob Inhalt und Bild zueinander passten. Viele Balladen hatten Tagesereignisse zum Inhalt, also musste wie bei heutigen Zeitungen für raschen Nachschub gesorgt werden. Es hieß, „kaum hatte eine Katze aus dem Rinnstein hervorgelugt, war auch schon ein schnöder Chronist mit seiner Geschichte unterwegs und hatte seine Ballade beim Drucker abgeliefert“ 3. Broadside-Balladen berichteten nicht selten die ‚letzten Worte’ notorischer Verbrecher auf ihrem Weg zum Galgen, noch bevor sie gesprochen waren, und wenn ein Erdstoß oder ein Feuer die Londoner an einem Tag in Erschrecken versetzte, so beschrieb am nächsten Morgen mindestens eine Ballade das Ereignis und ermahnte die Leser vor dem nächsten zur Reue.

Auf den Straßen kannte der Erfindungsreichtum der singenden Hausierer keine Grenzen. Mit einem Koffer voller Balladenblätter, Schnürsenkel, Knöpfe und sonstigem Schnickschnack führte ihn sein Weg quer durchs Land zu Dorffesten, auf Marktplätze und in Schänken, gelegentlich sogar in große Landhäuser, wo wohlhabende Familien nicht schnell genug den letzten ‚Schlager’ aus London kaufen konnten. Nachdem er seinen Platz gefunden hatte, begann er zu singen. Sobald er merkte, dass sich die Zuhörer für die Geschichte zu interessieren begannen, unterbrach er seinen Vortrag an einer spannenden Stelle und setzte die Geschichte erst dann fort, wenn jeder ihm ein Blatt abgekauft hatte. Andere Quellen berichten von Sängern, die gemeinsame Sache mit Diebesbanden machten. Während der Sänger sein Publikum mit vorher abgesprochenen Tricks ablenkte, machten sich Taschendiebe an deren Geldbörsen zu schaffen.

Broadside-Balladen existieren nur vereinzelt in musikalischer Notation, da die meisten Melodien entweder bereits ‚Allgemeingut’ gut waren oder von den Balladensängern nach dem ersten Hören memoriert werden konnten. Stattdessen enthalten sie Gebrauchsanweisungen wie „nach der Melodie von Wolsey’s Wilde“ oder, noch frustrierender für die heutige Forschung, „nach einer neuen nördlichen Melodie“. Die Zuordnung von Text und Melodie erfordert denn auch einigen detektivischen Spürsinn. Playfords The Dancing Master (achtzehn Auflagen zwischen 1651 und 1728) ist eine verlässliche Quelle; andere existieren in einer Handvoll Liedersammlungen, namentlich in Thomas Durfeys Wit and Mirth or Pills To Purge Melancholy (sechs Bde., erschienen zwischen 1698 und 1720). Die sog. Balladen-Opern des achtzehnten Jahrhunderts sind eine weitere Schatztruhe, allen voran John Gays The Beggar’s Opera (1727–28) mit über sechzig Liedern nach bekannten Broadside- Balladenmelodien. In seinem Monumentalwerk The British Broadside Ballad and its Music (1966) ordnet Claude M. Simpson über fünfhundert Balladen ihren ursprünglichen Melodien zu, von denen sich viele nur als Bearbeitungen für Cembalo, Laute oder Gamben- Consort erhalten haben.

Die hier eingespielten Broadside-Balladen wurden u.a. den folgenden Sammlungen entnommen: der Pepys Collection (Pepys Library, Magdalene College, Cambridge), der Euing Collection (Universität Glasgow), der Bagford Collection (British Library), der Roxburghe Collection (begonnen von Robert Harley, Earl of Oxford, 1661–1724), die heute zu den Beständen der British Library gehört, und Durfeys Pills to Purge Melancholy.


Lucie Skeaping
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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