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8.557678 - GAO: Shuo Shu Ren / Distant Voices / Cello Sonata No. 2
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Gao Ping (geb.1970)
Shuo Shu Ren • Distant Voices • Sonate Nr. 2 für Violoncello und Klavier
Two Soviet Love Songs for Vocalizing Pianist

 

In Shuo Shu Ren (Der Geschichtenerzähler) erinnere ich mich an die Zeit meiner Kindheit. Folklore und die mündliche Überlieferung von Geschichten aus der Vergangenheit gehörten zum festen Bestandteil unseres Lebens in China, bevor in den 1980er Jahren das Fernsehen seinen Einzug hielt. In der Zeit, in der ich aufwuchs, gab es abends oft keinen Strom, und so versammelten sich die Nachbarn im Dunkeln und vertrieben sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten. An Stoff schien es dabei nie zu mangeln. Wir besuchten auch die cha guans (Teehäuser), in denen großartige Erzähler phantastische Geschichten zum Besten gaben. Oft rannte ich nach der Schule nach Hause, um nicht die Fortsetzung eines historischen Romans zu verpassen, der immer spätnachmittags im Radio gesendet wurde. Das war, bevor wir zuhause ein Fernsehgerät hatten, und die Erinnerungen an diese Zeit sind heute noch so lebendig wie vor fünfundzwanzig Jahren. Das Geschichtenerzählen hat seine Faszination für mich nie verloren. Aus der Sicht des Komponisten ist vor allem die äußerst geräuschvolle, von allen möglichen Lauten, Grimassen und endlosem Gestikulieren begleitete Art und Weise interessant, wie sich Chinesen Geschichten erzählen – eine ganze Oper könnte man damit füllen. Ich habe mich selbst immer als Geschichtenerzähler betrachtet, nur dass ich statt mit Worten mit Musik arbeite. In Shuo Shu Ren vermischen sich die traditionellen Geschichten mit individuellen Erlebnissen, wodurch sich die Grenzen zwischen Mythos und Realität verwischen. Das Werk schwebt sozusagen im Raum einer „dritten Realität“. Wenn im Epilog die Geschichten zu Ende erzählt sind, bleibt nur das Thema des Erzählers zurück, in dem wie in einem letzten Seufzer zeitrafferartig Fragmente der einzelnen Geschichten vor dem Auge des Betrachters aufblitzen. Shuo Shu Ren war ein Auftragswerk für das Zürcher Ensemble Pyramide, das im Januar 2002 auch die Uraufführung spielte. Gewidmet habe ich das Stück meinem lieben Freund, dem Flötisten Markus Brönnimann. Ohne ihn wäre es nie entstanden.

Distant Voices (Stimmen aus der Ferne) ist eine Komposition von 1999. Im selben Jahr habe ich das Stück beim Cincinnati New Music Festival uraufgeführt. Es unterscheidet sich insofern von meinen anderen Werken, als es das einzige ist, dessen Motive auf authentischen chinesischen Volksmelodien basieren. Die Verwendung dieses traditionellen Materials möchte ich als eine Art Tribut an den Gesangsstil meiner Heimat verstanden wissen. Indem ich anhand der Motivquellen kompositorische Möglichkeiten aufzuzeigen versuche, ohne den ursprünglichen Charakter anzutasten, lasse ich die reiche, mikrotonale Palette der Volkmusiktradition auf dem Klavier neu erstehen. Bei den verwendeten Volksliedern handelt es sich um Heimweh aus der inneren Mongolei, Liebeslied aus Kangdin aus meiner Heimatprovinz Sechuan und Blaue Blume aus Schanbei. Jede dieser Volksmelodien dient als Ausgangspunkt für die drei Sätze, deren Entwicklung sich nach einem der Variationsform ähnelnden Prinzip vollzieht. Der erste Satz blickt nach innen und verbreitet eine Stimmung menschlicher Trostlosigkeit; das Bild folgt der Erzählung vom Heimweh eines Wanderarbeiters unter dem Eindruck des fallenden Schnees. Der zweite Satz gibt sich zart und wehmütig; der dritte schließlich ist in seinem trommelnden Tanzcharakter von überschäumender Energie. Ich habe die drei Sätze jeweils einem außergewöhnlichen Musiker gewidmet: dem Komponisten Joel Hoffman, meinem Vater, dem Komponisten Gao Weijie, und dem Pianisten James Tocco.

Die Sonate Nr. 2 für Violoncello und Klavier (2001) habe ich für den amerikanischen Cellisten Nicolas Photinos komponiert, Mitglied des in Chicago beheimateten Ensembles Eighth Blackbird. Das Stück trägt den Untertitel Abschied, chinesisch Shi, und wurde von einem Vers des Dichters Su Dongpo aus der Song- Dynastie inspiriert: Vom Hier und Jetzt lasse ich mich in meinem kleinen Boot forttragen, um den Rest meines Lebens auf dem Meer zu treiben. Trotz der fünfsätzigen Struktur vermittelt die Sonate das Gefühl eines ununterbrochenen Kontinuums und erinnert damit an einen Aspekt, der in der chinesischen Kunst mit Chi bezeichnet wird. Die Sätze eins, drei und fünf basieren auf demselben Material, einer Melodie von unschuldiger Schlichtheit und Melancholie, die ich als „Abschiedsthema“ bezeichnen möchte. Zunächst im ersten Satz vom Solo-Violoncello vorgestellt, übernimmt es das Klavier im dritten Satz (Intermezzo), bevor es schließlich im fünften Satz in beiden Soloinstrumenten erklingt. Jede einzelne dieser Themenvorstellungen folgt einem anderen Muster und besitzt eine eigene Klangqualität. Während also die Worte bei jedem Abschied mehr oder weniger dieselben bleiben, ändert sich der emotionale Gestus. Das Wort „Abschied“ lässt sich sowohl als Ende als auch als Neubeginn interpretieren. Meine Arbeit versucht, diese Doppelbedeutung in Bezug auf Struktur und Behandlung des melodischen und rhythmischen Materials zu betonen. Wenn am Ende der Sonate das Ostinato des Violoncellos allmählich abebbt und sich auf zwei Tonhöhen (G und A) reduziert, kehrt das Stück zu seinem Ausgangspunkt zurück. Nicolas Photinos und ich spielten die Uraufführung im Sommer 2001 beim Cincinnati New Music Festival.

Die Zwei sowjetischen Liebeslieder für vokalisierenden Pianisten entstanden im Dezember 2003. Die idiosynkratischen Manierismen mancher Pianisten hatten mich schon immer fasziniert, und ich muss gestehen, dass ich selbst nicht frei von diesen bei Aufführungen manchmal ziemlich störenden Angewohnheiten bin. Doch sind unbewusste Körperbewegungen oder Geräusche beim Spielen nicht immer zu vermeiden, und vielleicht gehören sie auch einfach dazu. Glenn Gould beispielsweise wäre undenkbar ohne sein notorisches Mitsummen. Die Videoaufnahme einer seiner Aufführungen hat mich denn auch – neben der Art und Weise, wie der Komponist und Pianist Frederic Rzewski sein Stück The Road aufzuführen pflegte – zu diesen beiden Liedern inspiriert. Ursprünglich zum privaten Gebrauch für Pianisten gedacht, die auch gern singen, kam mir, nachdem die Stücke fertig waren und ich sie mir selbst vorspielte, der Gedanke, dass ihr theatralischer Aspekt eigentlich eines Publikums bedarf. Mit diesen sowjetischen Melodien bin ich gewissermaßen aufgewachsen. Noch heute sind sie in China so populär, dass man sie oft in Karaoke-Bars hört. In Katjuscha zitiere ich übrigens neben der eigentlichen Melodie auch das Scherzo-Thema aus Schostakowitschs Zehnter Sinfonie und einen beliebten amerikanischen Showtune, den Schostakowitsch für Orchester arrangiert hat.

Gao Ping
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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