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8.557679 - PARTITURBUCH (DAS) - Instrumental Music at the Courts of 17th Century Germany
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Das Partiturbuch
Instrumentalmusik an den deutschen Höfen des 17. Jahrhunderts

 

Im Deutschland des 17. Jahrhunderts war es üblich, dass Musiker – vom Capellmeister bis hinab zum einfachen Spieler – Instrumentalmusik schrieben. Jacob Ludwig (1623-1698), der Schreiber des sogenannten Partitur-buchs Ludwig, gehörte offenbar zu jenen „einfachen Leuten“, hat aber selbst anscheinend nicht komponiert. Er war zunächst Hofmusiker in Wolfenbüttel und dann in Gotha. Nach etlichen Jahren in Gotha überreichte er 1662 seinem früheren Wolfenbütteler Dienstherrn Herzog August das Partiturbuch – eine Kollektion spartierter Instrumentalwerke seiner Zeit – als Geburtstagsgeschenk.

Dieser Kodex enthält rund einhundert Instrumentalkompositionen aus allen Teilen Deutschlands und bietet so eine Momentaufnahme des Repertoires, das um 1660 an den Höfen Mitteldeutschlands gespielt wurde. Ludwigs Buch ist zwar vor allem eine Sonatensammlung, doch gibt es darin auch viele Werke über bassi ostinati, darunter Arien und ciacconas. Ob diese bassi nun neu erfunden waren oder aus dem Vorrat an Formeln stammten, die man bei der Improvisation verwandte – in jedem Fall gehört die Komposition über einen ostinaten Bass zu den ältesten schriftlichen Formen der Instrumentalmusik. Variationen über den ciaccona-Bass enthalten nicht nur ausdrücklich als solche bezeichnete Werke (Bertali, Anonymus), sondern auch die Sonata à 2 von Adam Drese. Nathanael Schnittelbachs Ciaconna für Violine durchläuft 66 Variationen über den absteigenden, als passacaglia bekannten Tetrachord, bevor sie in einer Coda endet; und derselbe Bass findet sich, jetzt allerdings in einem andern Modus, im Mittelteil der Sonata à 4 von Bertali. Bei dem Stück von Samuel Capricornus wie auch bei Johann Heinrich Schmelzers Sonata variata handelt es sich um Variationen über einen neu komponierten Bass. Eine freie Behandlung der bergamasca bildet den Schlussteil von Johann Michael Nicolais Sonata à 2 für Violine und Dulcian. Die vorliegende Programmauswahl reflektiert den Aufbau des gesamten Partiturbuchs, indem hier wie dort Komponisten aus den wichtigsten deutschen Musik-landschaften vertreten sind: Im Süden ist das der Hof zu Wien, im Norden sind es die Hansestädte, und dazwischen die vielen kleinen Herzogshöfe in Mitteldeutschland, besonders in Thüringen, wo Ludwig selbst zu Hause war.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg gaben die thüringischen Höfe immer mehr Geld für jene Dinge aus, in denen sich der Ruhm des jeweiligen Herrschers spiegelte. Unter anderem investierte man in neue Paläste und umfangreiche musikalische Einrichtungen. Adam Drese (um 1620-1701) wurde unmittelbar nach dem Ende des Krieges Capellmeister in Weimar, nachdem er bis dahin bei Marco Scacchi in Warschau gelernt hatte. Herzog Wilhelm IV. von Sachsen- Weimar ließ ihn eine Reihe von Reisen zu wichtigen europäischen Höfen unternehmen, womit er ihm die Möglichkeit gab, die bedeutendsten Musizierpraktiken seiner Zeit in Augenschein zu nehmen. Heute kennt man Drese vor allem als Komponist von Kirchenliedern. Gegen Ende seines Lebens wurde er in Arnstadt Pietist, und hier verbrannte er aufgrund seiner religiösen Überzeugung sogar all seine Opern. Johann Michael Nicolai (1629-1685) begann seine Laufbahn am Hof von Sachsen-Lauenburg. 1655 ging er nach Stuttgart, wo er bis zu seinem Tode blieb. Man kannte ihn besonders als Spieler tiefer Instrumente von der Art etwa des Bassviolone. Auch Samuel Capricornus (1628-1665) beendete seine Karriere in Stuttgart, und zwar nicht als Virtuose oder einfacher Musiker, sondern als Capellmeister. Bevor der Protestant Capricornus hier seinen Dienst antrat, war er von 1651 bis 1657 Kirchenmusik-Direktor in Pressburg (Bratislava) gewesen. Auf seinem Wege nach Stuttgart kam er offenbar durch Thüringen, und es ist wahrscheinlich, dass seine Ciaconna bei dieser Gelegenheit in Ludwigs Sammlung gelangte. Bevor Capricornus seine Arbeit in Pressburg aufnahm, hatte er in Wien studiert. Eben diese Ausbildung bei so bedeutenden mitteleuropäischen Persönlichkeiten wie Antonio Bertali war es dann, die das Fundament für die Verteidigung seiner eigenen Werke legte, als es zu einer heftigen Ausein-andersetzung mit dem Organisten Philipp Friedrich Böddecker kam, einem der besten Freunde Nicolais am Stuttgarter Hofe.

Die meisten Werke in Ludwigs Partiturbuch stammen von Antonio Bertali (1605-1669), dem Capellmeister des Wiener Kaiserhofs. Er schrieb Opern, Kirchenmusik und Instrumentalmusik für die Kaiser Ferdinand II., Ferdinand III. und Leopold I., und seine Musik bildete seinerzeit die Grundlage für den kompositorischen Geschmack und Stil im deutschsprachigen Raum. Bertali stammte aus Verona, kam Anfang der 1620er Jahre an den Kaiserhof Ferdinands II. und brachte den virtuosen italienischen Instrumentalsatz mit. 1649 wurde er unter Ferdinand III. kaiserlicher Capellmeister und damit der erste neue Musikdirektor nach dem Dreißigjährigen Krieg. Während dieser Friedenszeit erlebte die Musik eine Blüte, und Bertalis Werke fanden in Deutschland und darüber hinaus eine weite Verbreitung. Noch heute wird seine Musik in historischen Sammlungen aufbewahrt, die so weit von seinem persönlichen Lebensraum entfernt sind wie Schweden, England und Frankreich. Ludwigs Sammlung enthält achtzehn Werke, die Bertali zugeschrieben werden, und ist eine sehr wichtige zeitgenössische Quelle seiner Instrumentalmusik, da sie viele ansonsten unbekannte Stücke überliefert. Die Ciaconna für Violine solo zeigt sowohl die kompositorische wie auch die technische Virtuosität dieses einflussreichen Musikers. Johann Heinrich Schmelzer (um 1623-1680) ist ein weiterer Instrumentalist, der Capellmeister am Kaiserhof zu Wien wurde – was für ihn eine besondere Auszeichnung war, da man ihm als erstem Deutschen einen Posten übertrug, den viele Jahre ausschließlich italienische Musiker wahrgenommen hatten. Bedauerlicherweise konnte er seine Aufgaben kaum ein Jahr erfüllen, da er schon 1680 in Prag an der Pest starb. Schmelzer ist zwar durch seine Violinmusik berühmt geworden, hatte aber zunächst am Wiener Stephansdom als Zinkenist gewirkt, bevor er in kaiserliche Dienste trat.

Am andern Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in Lübeck, der wohlhabenden Hansestadt an der Ostsee, entwickelte sich eine eigene Violinschule. Nathanael Schnittelbach (1633-1667) kam 1655 als städtischer Musiker von Danzig nach Lübeck, wo er seine Kunst des Geigenspiel bei Nicolaus Bleyer vertiefte. Er heiratete die Tochter seines Lehrers und wurde selbst einer der wichtigsten Vertreter der Lübecker Violinistenschule. Schnittelbachs Ciaconna aus dem Partiturbuch Ludwig ist das einzige Werk für Solovioline, das von diesem Meister erhalten ist.

Michael Fuerst
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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