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8.557685 - BRAHMS, J.: Four-Hand Piano Music, Vol. 15 (Matthies, Köhn)
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Johannes Brahms (1833–1897): Musik für Klavier zu vier Händen, Folge 15
Sinfonien Nr. 3 und Nr. 4

Johannes Brahms wurde 1833 in Hamburg als Sohn eines Kontrabassisten und einer Näherin geboren. Die Kindheit verbrachte er in ziemlicher Armut. Seine frühen musikalischen Studien – eher als Pianist denn als Geiger – entwickelten sein Talent derart, dass man Kon-zertreisen als Wunderkind von elf Jahren in Erwägung zog. Eduard Marxsen vermittelte ihm technische Grundkenntnisse in Komposition, während der Knabe unterrichtete und in Gartenlokalen Klavier spielte – wohl weniger in den Hafenkneipen der verbreiteten Legende. Diese romantische Vorstellung hat Brahms selbst offenbar später genährt.

1851 traf Brahms den emigrierten ungarischen Violinisten Ede Reményi (1828–1898), der ihm die ungarische Tanzmusik nahe brachte, die sein Werk später beeinflusste. Zwei Jahre später begab er sich in dessen Begleitung auf die erste Konzertreise, welche die beiden auf Empfehlung des Violinisten Joseph Joachim (1831–1907) nach Weimar führte. Dort hielt Franz Liszt Hof; man mag gehofft haben, dass er einem Landsmann seine besondere Gunst erweisen würde. Reményi pro-fitierte von dem Besuch, doch Brahms mit seinem Mangel an Taktgefühl konnte den Meister nicht beeindrucken. Später im Jahr begegnete er mit Joachims Hilfe den Schumanns – ein folgenreiches Zusammen-treffen.

Im Jahr 1850 hatte Robert Schumann das Angebot des Amtsinhabers Ferdinand Hiller angenommen, die Position des städtischen Musikdirektors in Düsseldorf zu übernehmen – die erste und letzte offizielle Anstellung seiner Karriere. Die Musik von Brahms versprach für ihn Großes, und er veröffentlichte seine Ansichten in der von ihm einst herausgegebenen „Neuen Zeitschrift für Musik“. Brahms sei der lang erwartete Nachfolger Beethovens. Im Jahr darauf unternahm Schumann, der an Phasen schwerer Depression litt, einen Selbstmord-versuch. Die Jahre bis zu seinem Tod 1856 verbrachte er in einer Anstalt. Brahms unterstützte in dieser Zeit Schumanns Ehefrau, die begnadete Pianistin Clara Schumann, und ihre junge Familie. Er blieb ihr bis zu ihrem Tod 1896 eng verbunden; im Jahr darauf starb er selbst.

Brahms hat immer gehofft, früher oder später im Triumph nach Hamburg zurückzukehren, um eine angesehene Stellung im Musikleben der Stadt zu übernehmen. Dieser Wunsch ging nie in Erfüllung. Stattdessen ging er nach Wien – mit Unterbrechungen seit 1863, endgültig 1869 –, etablierte sich dort und schien für viele Schumanns frühe Prophezeiung zu erfüllen. Seine Anhänger – vor allen der angesehene Kritiker und Schriftsteller Eduard Hanslick (1825– 1904) – sahen in ihm einen wahren Nachfolger Beethovens und einen Meister der absoluten Musik, frei von außermusikalischen Assoziationen. Dies stand im Gegensatz zu der von Wagner und Liszt propagierten musikalischen Richtung, der Joachim und Brahms später öffentlich entgegentraten.

Die erste von Brahms’ Sinfonien reifte langsam. Eingeschüchtert vom Beispiel Beethovens und den vielfältigen Erwartungen seiner Freunde – und ungeachtet ihrer ungeduldigen Fragen – wurde die Sinfonie Nr. 1 in c-Moll op. 68 im Sommer 1876 schließlich vollendet. Er war noch mit dem Arrangement des Werkes für Klavier zu vier Händen beschäftigt, als er im Sommer 1877 mit der Sinfonie Nr. 2 in D-Dur op. 73 begann. Erstmals hielt er sich in Pörtschach am Wörthersee auf; das Werk wurde im Herbst in Lichtental vollendet. Die Uraufführung wurde am 30. Dezember 1877 in Wien gegeben, gefolgt von der Drucklegung im Jahr darauf, nachdem die notwendigen Korrekturen der Partitur und der Version für Klavier zu vier Händen während eines zweiten Sommers in Pörtschach vorgenommen worden waren.

Im Sommer 1883 mietete Brahms Zimmer in Wies-baden, vielleicht um der jungen Sängerin Hermine Spies nahe zu sein – seiner Hermione ohne „o“ –, deren Können seine Lieder op. 96 und op. 97 inspirierte. Die Sinfonie Nr. 3 in F-Dur op. 90 – von einem Zeitgenossen als Brahms’ Eroica bezeichnet, nach der vorher-gehenden Pastoral – erlebt ihre Uraufführung am 2. Dezember 1883 in Wien. In der vierhändigen Kla-vierversion führt das zweite Klavier die eröffnenden Bläserakkorde ein, bevor das erste Klavier das ein-drucksvolle absteigende Thema mit seinem Seitenblick zu Robert Schumann und der charakteristischen Mischung von Dur und Moll hinzufügt. Das zweite Thema der Klarinette in A-Dur ist dem ersten Klavier übertragen – ein pastoraler Kontrast zur Erhabenheit des ersten. Dem kraftvollen Abschluss der Exposition folgen die vollen Akkorde, welche die Durchführung einleiten. Die Eröffnung des C-Dur- Andante von Klari-nette und Fagott präsentiert das erste Klavier; das zweite fügt die kurzen Einwürfe der Streicher hinzu. Auch das zweite Thema von Klarinette und Fagott obliegt dem ersten Klavier, ebenso das Cello-Thema mit seiner Viola-Begleitung, das den dritten Satz in C-Dur einleitet, während das zweite Klavier die Kreuz-rhythmen der Violinen gestaltet – weit entfernt vom traditionellen Scherzo. Nach dem Trio-Abschnitt mit seiner synkopierten Begleitung übernimmt das zweite Klavier das im Waldhorn wiederkehrende Hauptthema. Der Schlusssatz beginnt sotto voce und unisono, bevor das erste Klavier die akkordische Behandlung des Themas durch die Holzbläser übernimmt. Bei dem zweite Thema dieses imposanten Sonatensatzes werden die Triolen der zweiten Violinen und Violen mit charakteristischen Kreuzrhythmen auf das Klavier-idiom übertragen. Die Sinfonie endet nicht mit einem Aufbäumen wie bei Beethoven, sondern mit sanften Erinnerungen an das Motiv, welches das ganze Werk eröffnete. Der zeitgenössische Kritiker Eduard Hanslick hielt sie für die künstlerisch vollendetste der ersten drei Brahms- Sinfonien.

Im nächsten Sommer begann die Arbeit an der 4. Sinfonie in e-Moll op. 98, der letzten von Brahms. Sie wurde im Jahr darauf wiederum im Sommerquartier Mürzzuschlag in der Steiermark vollendet. Die Version für Klavier zu vier Händen ist außerordentlich überzeugend in der Transparenz der Struktur – von der ruhigen Gelassenheit des Beginns bis zur Erhabenheit des Folgenden, vermischt mit Lyrismus. Beim zweiten Satz stellte sich Richard Strauss einen Trauerzug vor, der still über mondhelle Hügel zieht – wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Ein Cello-Thema gewinnt Prominenz, mit einem dekorativen Part der ersten Violine, danach kehrt der Marsch zurück. Das Scherzo beginnt kraftvoll. Inmitten des Satzes lässt die Spannung nach, obwohl es einen Trio-Abschnitt im formalen Sinne nicht gibt; danach kehrt das Ausgangsmaterial in voller Kraft wieder. Brahms scheint – inspiriert von seinen Bach-Studien – lange über einen Schlusssatz in Form einer Chaconne oder Passacaglia nachgedacht zu haben. Der Satz beginnt mit einem Passacaglia-Thema, das in der Orchesterversion für Blasinstrumente geschrieben ist, in seiner Erhabenheit verstärkt durch drei Posaunen. In den folgenden dreißig Variationen demonstriert Brahms seine Meisterschaft der Form und seine Traditionsverbundenheit. All dies tritt in der Reduktion für Klavier in größter Klarheit zutage – seinerzeit die einzige sichere Möglichkeit, das Werk zu hören.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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