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8.557687 - NAZARETH: Tangos, Waltzes and Polkas
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Ernesto Nazareth (1863–1934)
Tangos, Waltzer und Polkas

Noch vor wenigen Jahren wagten nur ganz wenige „ernste“ Pianisten, die Musik Ernesto Nazareths ins Repertoire aufzunehmen, da Nazareth noch nicht wirklich zu den „Klassikern“ gezählt wurde. Seine Werke waren mit Vorurteilen behaftet und etwa bei Klavierwettbewerben nicht zugelassen. Und doch kann ich mich nicht daran erinnern, jemals jemanden getroffen zu haben, der die Musik von Nazareth nicht geliebt hätte. Das Charisma seiner Werke war schon damals stärker als alle Diskussionen, die seine Musik einem bestimmten Stil zuzuordnen versuchten.

Zu Nazareths Lebzeiten orientierten sich Musik und Kultur in Brasilien ausschließlich an Europa. Diese Abhängigkeit von der Brasilien damals dominierenden europäischen Kultur ließ die einheimische Musik lange nicht zur Geltung kommen, und die Trendsetter waren so die Komponisten des alten Kontinents. Beim Versuch, vier von Nazareths Werken in das Konzertprogramm der Nationalen Musikschule in Rio de Janeiro aufzunehmen, kam es einmal gar zu so starken Protesten, dass die Polizei eingeschaltet werden musste.

Die Tänze von Nazareth sind für das anspruchsvolle Publikum der Konzertsäle bestimmt. In erster Linie sind diese Werke originell und bringen brasilianische Lebensart zum Ausdruck. Mit ihnen hat Nazareth ein Stück Musikgeschichte geschrieben und einen eigenen klassischen Stil innerhalb der brasilianischen Musik begründet.

Das Gesamtwerk Nazareths wird von brasilia-- nischen Tangos (mehr als 80) und Walzern (mehr als 40) dominiert. Besonders bei seinen Walzern kann man unschwer seine Liebe für die Musik Chopins erkennen. Nazareth studierte die Partituren des polnischen Komponisten, um autodidaktisch seine Kompositionstechnik zu verbessern. Außerdem spielte er Werke Chopins oft auf dem Klavier. Und genau wie Chopin widmete auch sein brasilianischer Bewunderer einen großen Teil seiner Werke dem Klavier, jenem Instrument, das auch er ausgezeichnet beherrschte.

Der erste brasilianische Tango erschien im Jahr 1871, neun Jahre vor seinem melancholischen, argentinischen Bruder. Der Begriff Tango wurde in Brasilien anfänglich als Beschreibung gewisser, stilistisch der kubanischen Habanera nahestehender Charakterstücke verwendet. Diese war 1866 nach Brasilien gekommen und erfreute sich rasch großer Beliebtheit. Mit seinen Tangos erreicht Nazareth den Höhepunkt seiner Originalität.

Ernesto Nazareth wurde 1863 in Rio de Janeiro geboren und erlebte so nicht nur die Sklavenbefreiung, sondern auch die Gründung der Republik. In seiner Jugend spielte er im Auftrag von Musikverlegern in deren Geschäften, um so den Notenverkauf der von ihm gespielten Werke zu fördern, unter denen auch seine eigenen waren. Später, mit der Erfindung der Stummfilme, erhielt er einen Vertrag im Odeon-Kino, wo er die Filme mit seiner Begleitung beseelte oder auch die Gäste im Foyer unterhielt. Das Publikum war bezaubert von der Originalität seiner Werke. Zu seinen Bewunderern gehörte auch Villa-Lobos, der die Musik Nazareths einmal als Verkörperung der brasilianischen Seele bezeichnete.

Nazareth durchlitt in seinem Leben verschiedene seelische Krisen, die in einer ebenso dauerhaften wie unheilbaren Geisteskrankheit kulminierten: 1933 wurde er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, aus der ihm im Jahr darauf zwar die Flucht gelang – allerdings nur, um in einem Staubecken zu ertrinken. Da Nazareth zur Zeit des Brasilianischen Karnevals beigesetzt wurde, wurde sein Tod von den Medien praktisch gar nicht wahrgenommen – denn im Karneval ist kein Platz für Trauer. Es heißt, dass Nazareth, als er gefunden wurde, seine Arme leicht angewinkelt hatte, ganz als ob er Klavier spielen würde.

Die Titel seiner Werke sind oft recht humorvoll oder beschreiben gewöhnliche Situationen des brasilianischen Alltags. Im Besonderen schildern sie das Leben der Cariocas, der Bewohner von Rio de Janeiro. Manchmal tragen die Werke Namen von Instrumenten, die in den Stücken imitiert werden. Bei den von mir für diese CD aufgenommenen Werken folgt dem ausgelassenen Espalhafatoso das schelmische Brejeiro sowie der melancholische Walzer Confidências. Escovado kann so viel heißen wie „gut gekleidet“ oder „gerissen“, wohingegen Nenê ein Baby oder ein Kleinkind bezeichnet, freilich auch als Kosename für die Geliebte verwendet wird. Dieses Werk diente dem Komponisten Catullo da Paixão Cearence als Vorlage für sein Lied Sertaneja. Die Polka Ameno Resedá trägt den Namen einer alten Karnevalsgruppe aus Rio de Janeiro. Die linke Hand imitiert die „Cavaquinho“, eine volkstümliche kleine brasilianische Gitarre. Es folgt der Walzer Turbilhão de Beijos, womit ein Wirbelsturm von Küssen gemeint ist, und Gaúcho, der den brasilianischen Cowboy bezeichnet, zugleich aber auch für die Bewohner des südlichsten Bundes-staates Brasiliens, Rio Grande do Sul, steht, denen Nazareth dieses Stück nach einem Besuch 1932 widmete. Plangente, was so viel heißt wie „klagend“, ist ein Tango, der dem Stil der Habanera am nächsten kommt. Mit Topázio Líquido, flüssiger Topas, bezieht sich Nazareth auf das topasfarbene Bier einer alten Brauerei, der er dieses Stück gewidmet hat. Bezeichnet Ouro Sobre Azul, „Gold auf Blau“, etwas sehr Schönes oder Vorteilhaftes, so handelt es sich bei Sarambeque um einen schlüpfrigen Tanz afrikanischen Ursprungs, der auch in den betuchten Häusern der Weißen im 18. Jahrhundert getanzt wurde. Den romantischen Walzer Epônina schmückt ein weiblicher Vorname, während Escorregando „rutschend“ oder „flunkernd“ bedeutet, auch aber die Art und Weise, wie eine köstliche Speise mundet, umschreibt. In Tenebroso, „finster“, verlangt Nazareth vom Interpreten, mit der linken Hand eine Gitarre zu imitieren. Odeon war der Name jenes alten Stummfilmkinos in Rio de Janeiro, in dem Nazareth einst als Musiker arbeitete. Auch in diesem Werk imitiert die linke Hand eine Gitarre. Apanhei-te Cavaquinho schließlich heißt soviel wie „Ich habe dich ergriffen, Cavaquinho!“. Ähnlich wie im sechsten Stück imitiert die linke Hand in diesem choro die „Cavaquinho“. Die rechte Hand übernimmt den Part einer Flöte. Dies ist eine beliebte Duobesetzung in der brasilianischen volkstümlichen Musik.

Iara Behs
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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