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8.557688 - FUKAI: Chantes de Java / Creation / Quatre Mouvements Parodiques
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Shiro Fukai (1907-1959)
Chantes de Java • Création • Quatre mouvements parodiques

Mit der Öffnung des japanischen Inselreichs gegenüber den abendländischen Kulturen begann sich das Interesse an klassischer Musik entlang deutscher Traditionslinien zu orientieren, während andererseits die Militärmusik ihre Vorbilder in Frankreich suchte. Zu den Verfechtern des französischen Einflusses zählte der in den 1920er Jahren zu Prominenz gelangte Autodidakt Meiro Sugahara (1897-1988), der gegen die an der Tokioter Musikschule u.a. von Kósçak Yamada und Kiyoshi Nobutiki praktizierten deutsch-orientierten Lehrmethoden Stellung bezog. Da die japanische Musik ihrer Natur nach eher linear als harmonisch und eher modal als tonal ausgerichtet ist, gebührte seiner Auffassung nach im Analogieschluss einem Studium der französischen Musik der Vorzug gegenüber einer Beschäftigung mit der deutschen Schule der Kompositionswissenschaft. Sugahara wurde während der 1920er und 30er Jahre zum einflussreichsten japanischen Vertreter der französischen Schule. Zu seinen Studenten zählte auch Fukai.

Shiro Fukai wurde am 4. April 1907 in der vierhundert Kilometer südlich von Tokio gelegenen Stadt Akita geboren. Im Anschluss an seine Grundschulausbildung zog er mit den Eltern nach Kagoshima, eintausend Kilometer südöstlich der Hauptstadt, wo er seine Schulausbildung vollendete. Eine Tuberkulose-Erkrankung, von deren Folgen er sich erst nach zwei Jahren in Akita erholte, verhinderte ein Universitätsstudium. Bereits in Kagoshima hatte sich Fukai über das Medium der Schallplatte umfangreiche Repertoirekenntnisse auf dem Gebiet der abendländischen Musik angeeignet, wobei er im Besonderen von Strawinskys Feuervogel fasziniert war. In Akita begann er sodann ein intensives autodidaktisches Studium der französischen Musik und startete mit ersten eigenen Kompositionsversuchen. Entgegen dem Wunsch der Eltern ging er 1928 nach Tokio, wo er verschiedene private Musikschulen besuchte und regelmäßig im Lesesaal der Nanki-Musikbibliothek anzutreffen war, deren Bestände von Yorisada Tokugawa, einem Nachfahren des berühmten gleichnamigen Schogun-Geschlechts, das Japan bis zur zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts regierte, zusammengetragen worden waren. Tokugawa selbst hatte noch bei Charles Villiers Stanford in London studiert. Ohne je ein reguläres Musikstudium genossen zu haben, erarbeitete sich Fukai die Partituren, für die er sich interessierte, bis er sie auswendig beherrschte. Wie er sich später erinnerte, beherrschte er in kurzer Zeit sämtliche verfügbaren Werke von Ravel und Strawinsky. Auf diese Weise vertiefte er auch seine Kenntnisse der Instrumentierung, die er im Privatstudium bei Sugahara weiter ausbauen konnte.

Sugahara und Fukai unterschieden sich jedoch grundlegend voneinander. Während ersterer bis in die 1930er Jahre hinein darum bemüht war, japanische Musiktradition mit französischen Stilelementen zu verschmelzen, schenkte der um zehn Jahre jüngere Fukai der Musik seines eigenen Landes keine besondere Aufmerksamkeit; sein Hauptinteresse galt allein der französischen Musik, insbesondere den Werken Maurice Ravels. Dabei ging es ihm, der sich selbst gern als Modernist sah, weniger um die Verwandtschaft des französischen Idioms mit japanischen Musiktraditionen als vielmehr um das artifiziell Neue, das er auch an der Architektur moderner Städte bewunderte und um dessentwegen er die innere Abkehr vom „alten“ Japan bereits vollzogen hatte. Nach seinem Geschmack sollte alles von einer durchsichtigen Leichtigkeit sein, die er in der schweren Musik eines Beethoven nicht zu entdecken vermochte. Seine persönlichen Leitbilder waren Ravel und Strawinsky, weiterhin Ibert sowie die Komponisten der Pariser Gruppe „Les Six“. Die kompositorische Kühnheit und orchestrale Gewalt Igor Strawinskys stellte sich später freilich als unvereinbar mit Fukais eigener Ästhetik heraus, sodass er später nur noch Ravel als ultimatives Vorbild gelten ließ.

Fukais Musik fand vor allem in denjenigen intellektuellen Kreisen Tokios, die eine Abneigung gegen die schwere deutsche Musik einerseits und das exzessive Festhalten an japanischer Tradition andererseits hegten, rasche Gefolgschaft. Zwar ist nicht zu leugnen, dass auch er sich von 1935 bis 1945 politischen Forderungen beugte und für das Kriegsregime patrotische, auf japanischem oder asiatischem Material basierende Musik komponierte – dabei wahrte er aber stets eine bewusste Distanz gegenüber jeglichem ekstatischen Nationalismus.

Neben den drei hier eingespielten Kompositionen zählen die folgenden Werke zu Fukais Hauptschaffen: die beiden Ballettmusiken Metropolis (1934) und Herbststimme (1950), die Sinfonische Suite Gesang der Mandschurei (1941), Trois mouvements pour ballet imaginaire (1956), die Sinfonische Bildfolge Tokio (1957), die Kantate Friedensgebet (1950), Divertissement pour 13 exécutants (1955) und Vier japanische Volkslieder (1957). In der ersten Hälfte der 1930er Jahre entstanden als Hauptquelle seines Einkommens vornehmlich Arbeiten für die Filmindustrie mit Partituren für nicht weniger als 200 Streifen, darunter auch für Filme von bekannten Regisseuren wie Kenji Mizoguchi und Tom Uchida. Fukai starb unerwartet am 2. Juli 1959 in Kioto während der Arbeit an einer Filmproduktion.

1933 komponierte Fukai Cinq parodies, eine Suite, deren fünf Sätze jeweils Falla, Strawinsky, Malipiero, Ravel und Bartók gewidmet sind. Das Werk erlebte seine Uraufführung als Rundfunkproduktion im Mai 1934 mit dem vom Komponisten dirigierten Neuen Sinfonieorchester (dem heutigen NHK-Sinfonieorchester). Mit einem Neuarrangement dieses Werks aus dem Jahr 1936 (der Titel lautete nun Quatre mouvements parodiques, wobei der Malipiero-Satz entfiel und aus der Bartók-Widmung eine Roussel- Dedikation wurde) nahm Fukai mit Erfolg an einem Kompositionswettbewerb des Neuen Sinfonieorchesters teil. Die Uraufführung leitete Joseph Rodenstock am 27. Januar 1937 in Tokio.

Satz 1: Falla. In den Worten des Komponisten: „Lieber Manuel de Falla, Ihr Heimatland hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Wenn Sie von den Ruinen auf die herrlichen Hügel und Gärten blicken, die Sie in Ihrer Musik beschreiben, steigen Ihnen die Tränen in die Augen. Dieses Musikstück ist Ihr Porträt – ein schmerzgebeugter Mann, dessen Blick ringsum auf Trümmerlandschaften fällt.“ Wie bereits mit dem Wort „Gärten“ angedeutet, ist dieser Satz mit seinem hauptsächlich aus Arpeggien gebildeten Klavier- Obbligato und der nächtlichen spanischen Stimmung eine Adaptation von Fallas Komposition Noches en los jardines de España (Nächte in spanischen Gärten), im Besonderen von deren erstem Satz. Der zweite Teil des Satzes, ein Kanon über ein trauriges dorisches Thema, ist eine Elegie über das vom Bürgerkrieg verwüstete Spanien.

Satz 2: Strawinsky. „Lieber Igor Strawinsky, Ihre exzentrische, überraschende Kompositionsweise erinnert mich an eine kleine Firma namens Chin-Dongya, die mit Klarinetten- und Trommelklängen ihre Sandwich-Produkte auf den Straßen Tokios feilbietet. Dieses Stück ist Ihr Porträt. Mit Frack und Seidenzylinder nehmen Sie an einem Chin-Dong-ya- Straßenverkauf teil.“ Die Prototypen der wichtigsten rhythmischen Muster und Melodien erklingen im ersten Satz, Marsch, und im Finale, dem Galopp aus der Suite Nr. 2 für kleines Orchester. Fukai verwendet dieses Material im Stil von Strawinskys Petruschka, wobei er als Imitation des Sacre du printemps eine geradezu barbarisch-klangmassige Coda hinzufügt.

Satz 3: Ravel. „Lieber Maurice Ravel. Sie haben nie geheiratet. Sie machten sich lustig über den unschuldigen Pfauen (Le paon) in Ihren Histoires naturelles und meinten, er erinnere Sie an einen von seiner Verlobten am Hochzeitstag verlassenen Mann. Sie scheinen mir das alter ego dieses Pfaues zu sein.“ Dieser Satz folgt der Stilvorgabe von Ma mère l’oye, Le tombeau de Couperin und Pavane pour une infante défunte. Zart singt die Querflöte über Streichern und Klavier ein Ravel nachempfundenes Thema im phrygischen Modus. Das Thema entwickelt sich frei, bevor es zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückkehrt.

Satz 4: Roussel. „Lieber Albert Roussel, Ich bewundere Sie, dass Sie trotz Ihres hohen Alters in der Lage sind, Musik voller Energie zu schreiben. Dieses Stück stellt Sie beim Verzehr von vier Beefsteaks dar. Immer wenn Sie versuchen, das Fleisch hastig hinunterzuschlucken, gerät die Musik in unnatürliche Wellenbewegungen.“ In den ursprünglichen Cinq mélodies war dies der Bartók-Satz; außer dem Titel nahm Fukai keinerlei Änderungen vor. Das Eröffnungsthema könnte eine Variante des Motivs aus Bartóks Tanzsuite sein, aber die Art und Weise, in der das Thema sich zu kraftvollen Rhythmen steigert, oder wie die Melodie im Mittelteil behandelt wird, lässt eher an den Stil von Roussels Sinfonie Nr. 3 oder Bacchus et Ariane denken. In summa stellt dieser Satz den Versuch dar, Bartók-Material aus der Sicht Roussels zu reproduzieren.

Création (Schöpfung) ist eine Ballettmusik zum Gedenken an das 2600. Jahr des Kaisers. Nach dem Zusammenbruch des Samurai-Regimes, welches das Land über Jahrhunderte beherrscht hatte, begann die neue Regierung den Öffnungsprozess Japans gegenüber westlichen Einflüssen bei gleichzeitiger Wahrung altjapanischer Traditionen, nicht zuletzt durch die Verwendung des kaiserlichen Kalendersystems mit der Zählung ab 660 v.Chr., dem ersten Kaiserjahr. Im Lichte der politischen Situation der Zeit wurde entschieden, das Jahr 2600 mit nationalistischem Gepräge zu begehen. Auf musikalischem Gebiet ergingen Werkaufträge an ausländische und japanische Komponisten. Creátion war Fukais Beitrag zu den Festveranstaltungen des Jahres. Das Werk erlebte seine Uraufführung am 30. September 1940 in Tokio, wobei Fukai das Zentral-Sinfonieorchester (das heutige Philharmonische Orchester Tokio) dirigierte. Das Libretto stammt von Natsuya Mitsuyoshi, die Choreographie besorgte Takaya Eguchi. Die Handlung des Balletts ist eine Verbindung von japanischer Evolutionstheorie und der politischen Situation der Zeit – eine Kombination, für die Fukai eine minutiös ausgearbeitete Komposition kreierte, in der Quarten und kleine Sekunden Chaos und Verwirrung symbolisieren, während Quinten und große Sekunden für das Prinzip Ordnung stehen.

Das Werk besteht aus drei Szenen: Die erste, Naissance des dieux (Geburt der Götter), hebt mit einem wiederholten Viertonmotiv in den unteren Streichern an, wobei Quartschritte das vorzeitliche Chaos darstellen. Es folgt im Dreiertakt eine elegante, das Chaos ordnende Violinmelodie, basierend auf der pentatonischen Ritsu-Tonleiter der japanischen Gagaku-Musik. Begleitet wird dieses Thema von vier Noten, einer Kombination von auf- und absteigenden reinen Hornquinten. Die erste Szene stellt den japanischen Schöpfungsmythos dar, nach dem die Götter (Quinten) das Land aus dem Schlamm des Meeres (Quarten) schufen.

Die zweite Szene, Naissance des êtres vivants (Geburt der Lebewesen), eingeleitet vom rhythmischen Ostinato in den „col legno“ (mit dem Bogenholz) spielenden Streichern, mündet in einen primitiven Tanz im Stil eines Igor Strawinsky, kulminierend in einer aufsteigenden, aus großer Sekunde und reiner Quinte bestehenden Trompetenfigur, die den Menschen symbolisiert. Die Quarten und kleinen Sekunden repräsentieren die primitiven Lebewesen.

Die dritte Szene, Naissance des êtres humains (Geburt der Menschen), nimmt über die Hälfte der Spieldauer des gesamten Werks in Anspruch. Das „menschliche“ Dreitonmotiv wird von der Soloflöte paraphrasiert und erinnert in seinem Klanggestus an Ravels Daphnis et Chloé. Dargestellt wird der ekstatische Liebesakt eines Paares, vor dessen Höhepunkt das Chaos-Motiv aus der ersten Szene jäh zurückkehrt und zu einer Stagnation der Musik führt, wobei Quartintervalle dominieren. In dieser Szene spiegelt sich die Angespanntheit der internationalen politischen Situation der damaligen Zeit wider. Ein marschähnlicher Tanz fügt sodann das Chaos zur Ordnung. Die dritte Szene steht für den Optimismus des Zusammenwirkens von Kaiser und Volk, um die Schwierigkeiten des Jahres 1940 zu überwinden.

Image symphonique „Chantes de Java“ wurde 1942 vollendet und als Rundfunkproduktion am 18. Januar 1943 unter Takaschi Asahina vom Japanischen Sinfonieorchester uraufgeführt. Das Werk erschien kurze Zeit später auch auf Schallplatte und wurde von Asahina in zahlreichen Aufführungen (u.a. in Tokio und Schanghai) aufgeführt. Auch diese Komposition ist eine Verbeugung vor Maurice Ravel, insbesondere vor dessen Boléro. Den Hauptteil dieser Chantes de Java baut Fukai in geradezu magischer Instrumentierung auf einer hartnäckig wiederholten crescendierenden Melodie auf. Das Melodiethema stammt aus der javanischen Volksmusik, wo es als Es Lilin im Sunda- Distrikt der Insel gesungen wird. Die Wahl ist bewusst getroffen, ähneln sich doch die Volkslieder Japans und des javanischen Sunda-Distrikts. In der japanischen Wissenschaft und Kunst der Zeit wurden diese historischen Affinitäten denn auch häufig thematisiert. Das brillante Ostinato aus Streichertremolo, Glockenspiel, Vibraphon, Klavier und Celesta beschwört in sinnlichem Klanggestus die Atmosphäre der Südsee; darüber schwebt die Melodie des En Lilin-Volkslieds. Es folgt eine Episode über eine weitere javanische Melodie. Danach kehrt das Es-Lilin-Thema zurück und führt die Musik über einen klimaktischen Aufschwung dem Werkende entgegen, das wie das Zerrinnen eines kurzen Traums anmutet. Möglicherweise spielte Fukai, der für seine ironische Sicht von Geschichte und Kultur bekannt war, hier auf den Zusammenbruch der sog. groß-ostasiatischen Wohlstandsgemeinschaft an.

Gekürzte Bearbeitung eines Beitrags von
Morihide Katayama

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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