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8.557689 - BRUCH, M.: Violin Concerto No. 1 / Konzertstuck / Romance, Op. 42 (Fedotov, Russian Philharmonic, Yablonsky)
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Max Bruch (1838-1920)
Violinkonzert Nr. 1 op. 26 • Konzertstück op. 84 • Romanze op. 42

 

Max Bruch kennt man heute beinahe nur noch als Komponisten von Werken für Violine. Neben dem Violinkonzert in g-Moll, das sich ungebrochener Popularität erfreut, und das – sehr zum Ärger des Komponisten – schließlich beinahe sein gesamtes übriges Werk in den Schatten stellte, hört man von Zeit zu Zeit lediglich die Schottische Fantasie und das 2. Violinkonzert. Dass Bruch aber zu seiner Zeit gerade für seine großangelegten Chorwerke bekannt war, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Zwischen 1870 und 1900 gab es etliche Aufführungen von Werken Bruchs wie etwa Odysseus, Frithjof oder auch Das Lied von der Glocke, und Bruchs Reputation als Komponist war seinerzeit bedeutend größer als jene von Brahms.

Max Bruch wurde am 6. Januar 1838 in Köln geboren – im selben Jahr wie Bizet. Er studierte bei Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. Ausgedehnten Reisen im In- und Ausland während seiner Studentenzeit schloss sich ein längerer Aufenthalt in Mannheim an, wo seine Oper Loreley 1863 zur Aufführung gelangte: ein Werk auf ein Libretto von Emanuel Geibel, das ursprünglich Mendelssohn gewidmet war und ihm die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums eintrug. Erste feste Engagements fand Bruch als Kapellmeister, zunächst – von 1865 bis 1867 – in Koblenz, dann – bis 1870 – in Sondershausen, woran sich ein längerer Aufenthalt in Berlin anschloss, ehe er von 1873 bis 1878 in Bonn weilte, wo er sich dem Komponieren verschrieb. Nach einer kurzen Zeit als Leiter des Sternschen Gesangvereins in Berlin trat er 1880 die Nachfolge von Julius Benedict als Leiter der Philharmonic Society in Liverpool an. Er verließ England 1883, um eine Stelle als Direktor des Orchestervereins in Breslau anzutreten. Erst 1891 kehrte er nach Berlin zurück, wo er als Kompositionsprofessor unter anderem Ottorino Respighi zu seinen Schülern zählte. 1911 trat er in den Ruhestand, um sich fortan ganz dem Komponieren widmen zu können, wobei sich sein recht traditionelles Stilverständnis im Grunde bereits überlebt hatte. Bruch starb am 2. Oktober 1920 in Berlin.

Das berühmte Violinkonzert Nr. 1 in g-Moll op. 26 bereitete Bruch beträchtliche Schwierigkeiten. Als er 1865 seine erste offizielle Stelle als Kapellmeister in Koblenz angetreten hatte, war er bereits entschlossen, sich einer für ihn als Komponisten neuen Ausdrucksform anzunehmen, nämlich dem Solokonzert. Die Arbeit am geplanten Violinkonzert nahm er im Sommer 1864 auf. Es war Joseph Joachim, der das Werk schließlich in seiner überarbeiteten und endgültigen Form im Januar 1868 in Bremen uraufführte. Aufführungen in weiteren Städten schlossen sich an, und bald übernahmen auch andere Violinisten das neue Konzertwerk, unter ihnen Leopold Auer und Ferdinand David in Leipzig. Bruch hatte hinsichtlich seiner Komposition Joachims Rat gesucht, insbesondere, was die Behandlung der Solovioline anging. Weitere Ratschläge – nicht alle von ihnen wirklich akzeptabel – erhielt er zudem von Ferdinand David und vom Dirigenten Hermann Levi. In späteren Jahren sollte Bruch dann sehr viel Wert darauf legen, dass die Bedeutung dieser Ratschläge nicht überbewertet würde. Sein Konzert veräußerte er schließlich für 250 Thaler an den Verleger August Cranz, wodurch er das Recht auf Tantiemen ein für alle Mal verwirkte, was ihn später nicht wenig gereut haben dürfte.

Der formale Aufbau der dreisätzigen Komposition ist ungewöhnlich, wobei alle drei Sätze in Sonatenform gehalten sind. Nachdem das Werk von einem Vorspiel eröffnet wurde, tritt im sechsten Takt die Violine mit ausgezierten Akkordbrechungen hinzu. Das lyrische Seitenthema schafft dem Solisten in der Mitte des Satzes Raum, technisch zu brillieren, ehe eine verkürzte Reprise mit der Rückkehr des Anfangsmaterials und einem kurzen Allegro moderato zum Es-Dur des Adagio überleitet. Hier ist es der Solist, der umgehend das Hauptthema vorstellt, wie auch – nach einer kunstvollen Überleitung – das zweite Thema, das zuvor schon einmal angeklungen war, dem Solisten zufällt. Beide Themen werden dann noch einmal im Schlussabschnitt aufgenommen. Die ungarische Beschwingtheit, die dem Haupt- thema des Finalsatzes, einem Allegro energico in G-Dur, anhaftet, mag – wie die nicht unähnliche Form des Violinkonzertes von Brahms zehn Jahre später – dem Einfluss des gebürtigen Ungarn Joseph Joachim zuzuschreiben sein, dem Bruch sein Werk gewidmet hat.

Das Konzertstück op. 84 entstand viele Jahre später und wurde 1910 vollendet. Bruch folgte bei der Ausarbeitung des Violinparts dem Rat von Joachims früherem Schüler Willy Hess, der gerade eine Stelle an der Berliner Musikhochschule angetreten hatte. Das Werk scheint ursprünglich als viertes Violinkonzert geplant worden zu sein. Doch mit seinen zwei Sätzen, die – wie die beiden ersten Sätze des 1. Konzertes oder auch Mendelssohns Violinkonzert in e-Moll (ein durchaus wahrnehmbarer Einfluss auf Bruchs 1. Konzert) – zudem ineinander übergehen, schien der Titel Konzertstück wohl angemessener. Bruch widmete das Werk Hess.

Der erste Satz in fis-Moll ist mit Allegro appassionato überschrieben und hebt mit einer ausführlichen Orchesterexposition und einem dramatischen Thema an, aus dem sich dann auch bei ihrem Eintritt die Solostimme speist. Der Solist führt den Satz über anspruchsvolles Überleitungsmaterial in ein gefühlvolles zweites Thema in a-Moll, das nach der zentralen Durchführung noch einmal aufgegriffen wird. Ein ruhigerer Abschnitt leitet dann über in das sich anschließende Adagio, ma non troppo lento, das in Ges-Dur, dem enharmonischen Gegenstück zu Fis-Dur, steht. Hier ist es am Solisten, das erste Thema vorzustellen, das auf ein irisches Volkslied, The Little Red Lark (Die kleine rote Lerche), zurückgeht. Mit diesem Material bestreitet Bruch dann auch thematisch den Rest des Satzes, ehe er ihn still ausklingen lässt.

1874 hatte Bruch den ersten Satz seines geplanten zweiten Violinkonzertes fertiggestellt. Am Ende aber beschloss er, den Satz als eigenständiges Werk für sich stehen zu lassen, und das tatsächliche zweite Violinkonzert erklang so erst 1877 mit Pablo Sarasate in London, während das dritte, das wiederum aus einem erweiterten Einzelsatz erwuchs, 1891 vollendet wurde. Wie schon früher wandte Bruch sich mit der Bitte um Rat an Joachim sowie darüber hinaus auch an Robert Heckmann, dem das Werk dann auch gewidmet wurde.

Die Romanze in a-Moll op. 42 wird von Akkorden der Holzbläser und dem erhabenen Klang eines Solohorns eröffnet, ehe der Solist Mit einfachem Ausdruck dazutritt. Die Melodie wird im tiefen Register wiederholt, ehe das Orchester dann den Weg zum zweiten Thema in F-Dur bereitet, das die Solovioline in Doppelgriffen vorstellt. Beide Themen kehren nochmals wieder, wobei das erste nun mit Oktavgriffen in der Violine erklingt und das zweite – in a-Moll – in einen Schluss mündet, der vom sanften Aufsteigen der Violine in sphärische Höhen gekennzeichnet ist.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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