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8.557691 - EL-KHOURY: Orchestral Works
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Bechara El-Khoury (geb. 1957)
Symphonische Werke

Bechara El-Khoury wurde 1957 in Beirut geboren und erhielt seine musikalische Ausbildung zunächst im Libanon, bevor er 1979 nach Paris ging, um seine Studien bei Pierre-Petit, dem damaligen Direktor der École Normale de Musique, abzuschließen. Als der junge Libanese beschloss, sich in der französischen Hauptstadt niederzulassen, hatte er sich bereits in zweifacher Hinsicht einen Namen gemacht – als Komponist von rund einhundert Werken (aus den Jahren 1969 bis 1978) sowie seit 1971 mit verschiedenen Gedichtsammlungen. Zudem hatte er eine rege Aktivität als Pianist, Dirigent, Chorleiter und Journalist entfaltet. Im Rahmen der Feiern zum 100. Geburtstag des libanesischen Künstlers Khalil Gibran (1883-1931) fand am 9. Dezember 1983 in Paris ein wichtiges Konzert mit Werken El-Khourys statt. Bei dem denkwürdigen Konzert mit dem Orchestre Colonne unter Pierre Dervaux und dem Pianisten Abdel Rahman El-Bacha wurden mehrere der hier eingespielten Werke uraufgeführt: Die Symphonische Dichtung Nr. 1 „Libanon in Flammen“, das Requiem: Für die libanesischen Märtyrer des Krieges, das Symphonische Bild „Die Götter der Erde“ und die Symphonische Suite „Die Nacht und der Narr“. 1987 erhielt El-Khoury die französische Staatsbürgerschaft. Formationen vom Range des London Symphony Orchestra, des Orchestre National de France, der Moskauer Philharmoniker, des Pariser Orchestre Colonne, des Nationalen Symphonieorchesters der Ukraine und des Orchestre Symphonique Français haben seine Werke gespielt.

Pierre-Petit konnte über den Komponisten schreiben: „Bechara El-Khourys Musik ist tief in der Erde seines eigenen Landes verwurzelt; da er jedoch die westlichen Techniken genau kennt, gelingt ihm eine delikate Verschmelzung der orientalischen Sensibilität und der europäischen Sprache. Die harmonischen Verfahren, die er verwendet, entstammen ohne Frage der großen klassischen Tradition, doch dabei verfügt er über einen eigenen Ton, der die ständige Präsenz dieses magischen und bezaubernden Orients gewährleistet, von dem er herkommt, ohne dass er jemals auf Talmi oder billiges Kolorit verfiele. Zweifellos ist er eine jener seltenen Persönlichkeiten, die das Unversöhnliche zu versöhnen wissen, ohne jemals von einer Richtschnur abzuweichen, die ihn zwangsläufig von den Ufern der Romantik zu den modernsten Ausdrucksweisen führt.“

El-Khoury verleiht der Musik unserer Zeit erneut den Ausdruck persönlichen Empfindens, der Leidenschaft und des Gefühls. In einem Interview mit Bruno Serrou sagte er: „Ich bin von der Freiheit begeistert und akzeptiere keinerlei Sektierertum. Ich schreibe, wie ich fühle, indessen ich die Entwicklung der Welt in Betracht ziehe. Ich weigere mich, mit der Vergangenheit zu brechen, die für mich eine Anregung, einen Aktivposten darstellt. Die Musik muss menschliche Gefühle reflektieren und eine universelle Sprache sein.“ Empfänglich für die Schönheiten, aber auch für das Elend dieser Welt, realisiert der Komponist also eine seiner tiefsten Überzeugungen: Musik nämlich „in die menschliche Natur und ihre Leidenschaften zu bringen“. Da in seinen Werken narrative Aspekte vorherrschen, bevorzugt er freie Formen, die rhapsodisch in einer Folge gegensätzlicher Abschnitte ablaufen, wobei sie der Entwicklung des dichterischen Sentiments unterworfen sind. Selbst, wenn sich El-Khoury traditionellen, abstrakten Formen wie der Sonate zuwendet, benutzt er nie bereits etablierte Schemata, die dem vitalen Impuls seiner schöpferischen Phantasie fremd sind. Bis zu seinem Opus 23 sind die eingesetzten technischen Mittel der Idee der Tonalität treu. Es ist dies freilich eine Tonalität, die nicht auf der Tradition beruht, in der eine entwicklungsfähige Idee eine Reihe von Modulationen durchläuft, sondern vielmehr eine solche, die als Bezugspunkt, als fester Pol betrachtet wird.

Mit dem Image symphonique op. 26 beginnt eine neue, tonal freiere und kühnere Phase, die sich dann in der Méditation poétique for violin and orchestra in voller Blüte zeigt (Naxos 8.557692). Der Komponist wird prägnanter und tendiert dazu, die Entwicklung verschiedener emotionaler Zustände mit größerer Geschwindigkeit aufeinandertreffen zu lassen. Die immer üppige Orchestrierung erzeugt den Eindruck großer Räume, indem sie die hauptsächlichen Instrumentenfamilien des Orchesters massiert und deutlich leichteren Texturen gegenüberstellt, in denen solistische Timbres bevorzugt werden. In dieser Hinsicht verrät der Komponist eine offensichtliche Vorliebe für Instrumente, die – wie etwa Klarinette und Horn – romantische Farben produzieren.

Der Danse op. 9 mit dem Untertitel Danse des aigles (Tanz der Adler) ist ohne Frage eines der brillantesten und extrovertiertesten Stücke El-Khourys. Das 1980 entstandene Werk steht mit seiner üppigen Instrumentation, seinen orientalisch getönten Melismen und seinen wilden Rhythmen in der direkten Tradition russischer oder armenischer Musiker wie Aram Chatschaturjan. Dieses Werk verdient es, neben die berühmtesten und spektakulärsten symphonischen Tänze des 20. Jahrhunderts gestellt zu werden.

Das Image symphonique op. 26 mit dem Untertitel Les Dieux de la terre (Die Götter der Erde) ist Pierre Dervaux gewidmet und geht auf ein Gedicht von Khalil Gibran zurück. Die Partitur entstand 1982 und tendiert zu einer freien Chromatik, die ein wenig an die neuesten Werke Pendereckis erinnert. Von den äußeren Teilen abgesehen, verzichtet der Komponist hier anscheinend auf die langen träumerischen Phasen, die für sein früheres Schaffen typisch waren. Jetzt arbeitet er mit Kontrasten und stellt in rascher Folge dichte orchestrale Texturen neben ausgedünntere Passagen, die mitunter solistisch besetzt sind: Es sind dies Visionen, die in einem beschleunigten Rhythmus aneinanderstoßen. Die überraschenden Schlusstakte sind dem Blech vorbehalten und wirken wie eine Wagner-Reminiszenz.

Die Suite symphonique op. 29 „La Nuit et le Fou“ (Die Nacht und der Narr) entstand im September 1982 in Paris. Wie das Image symphonique op. 26 wurde es durch ein Gedicht von Khalil Gibran inspiriert. Ihren engen Zusammenhalt verdanken die beiden Sätze des Werkes der Verwendung thematischer Materialien, die voneinander abgeleitet sind. Das Lento, mit dem das Stück beginnt, ist bemerkenswert gedrängt und erkundet bald die impressionistische Palette der Holzbläser, bald ein lyrisches Thema der Klarinette, einen hektischen rhythmischen Gedanken, der ein wenig an Messiaen erinnert, und später einen feierlichen Choral der Blechbläser. Das Misterioso beginnt in atonaler Manier. Wie eine Reminiszenz durchdringt das Klarinettenthema des ersten Satzes das gesamte Stück in verschiedenen Varianten. Gegen Ende lichtet sich die gespannte Atmosphäre nur wenig, wenn die hohen Streicher eine lange Phrase spielen, die in ihrer Diatonik einen friedlicheren Kontrast darstellt. Das Ende des Werkes ist von eher nüchternem Charakter.

Die zweite Komposition der durch die Tragödie des Libanon veranlassten Trilogie, das Requiem op. 18, ist den „libanesischen Märtyrern des Krieges“ gewidmet und entstand im Dezember 1980 in Beirut. Seinen tragischen, düsteren Charakter verdankt das Werk seiner Tonart b-moll. Die Einleitung, eine der finstersten Passagen, die El-Khoury geschrieben hat, lässt die tiefen Streicher mit Posaunen und Tuba eine zutiefst bedrohliche, chromatisch klagende Passage spielen, während die Hörner und Trompeten feierlich zu einem schmetternden Ausbruch der großen Trommel einsetzen. Die Totenklage beginnt auf einem Orgelpunkt (B) in den tiefen Streichern und den Pauken. Dann intonieren die Violinen und Bratschen das außergewöhnlich lange Hauptthema, das später als Quelle zahlreicher Motive dient. Das Werk entwickelt sich anschließend in einer Folge verschiedener Episoden: Diese sind teils heftig und dramatisch – ein Symbol für den Kampf gegen die Verzweiflung –, dann wieder ruhig und nach innen gekehrt wie eine Resignation im Angesicht des Unausweichlichen. Kurz vor dem Ende bricht noch einmal die Empörung los: Das Patetico im 5/4-Takt spricht von einer reichen polyphonischen Konzeption und erinnert in seinem chromatischen Orchestersatz ein wenig an Skrjabin. Das Werk endet mit einer Wiederholung der Trauerprozession, die das Hauptthema trug.

Das Poème symphonique Nr. 1 op. 14 mit dem Untertitel Le Liban en flammes (Libanon in Flammen) entstand im Juli 1980 in Beirut und verdankt seine Anregung einem Gedicht, das der Komponist 1976 – mitten im Krieg – geschrieben hat. Es ist der erste Teil des Triptychons, das den dramatischen Kriegsereignissen im Libanon gewidmet ist.* Das Werk spiegelt die persönlichen leidvollen Empfindungen des Komponisten im Angesicht des menschlichen Wahnsinns, der Krieg und Zerstörung hervorbringt. Das Stück kreist um die Tonart c-moll, die traditionellerweise für dramatischen Ausdruck steht, und entfaltet sich in einer freien Form, deren Abschnitte umfassend entwickelt werden und dabei so gegensätzliche Empfindungen wie Trauer, Empörung, Melancholie und Zärtlichkeit verraten. El-Khoury verwendet hier Themen, die mit orientalisch anmutenden Melismen und tänzerischen Rhythmen versehen sind – als sollte in der Gegenwart eine Vergangenheit beschworen werden, die für immer verloren ist.

Das Poème for orchestra op. 2 mit dem Untertitel Le Regard du Christ entstand 1979 in Paris. Der damals 22-jährige Komponist widmete das Werk seinen Eltern. Es ist das früheste Orchesterwerk, das der Komponist in sein offizielles Werkverzeichnis aufgenommen hat. In diesem Stück will El-Khoury etwas von der mystischen Inspiration vermitteln, die er erlebt, wenn er sich vorstellt, wie Christus auf das Leben hier unten herabschaut. Geschrieben in der dunklen Tonart h-moll, verrät schon diese Partitur charakteristische Merkmale späterer Werke: eine glitzernde Orchestrierung sowie eine freie Form, die auf ausdrucksvoll kontrastierenden Episoden basiert.

Gérald Hugon
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

* Die Symphonie Les Ruines de Beyrouth aus dem Jahre 1985 ist der dritte Teil dieses Triptychons (Naxos 8.557043).


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