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8.557692 - EL-KHOURY: Meditation poetique / Piano Concerto / Poems Nos 1 and 2
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Bechara El-Khoury (geb. 1957)
Klavierkonzert
Méditation poétique für Violine und Orchester
Poèmes für Klavier und Orchester

 

Bechara El-Khoury wurde 1957 in Beirut geboren und begann seine musikalische Ausbildung im Libanon, bis er 1979 nach Paris ging, um seine Studien bei Pierre-Petit (geb. 1922) zu vervollständigen, seinerzeit Direktor der Ecole Normale de Musique. Als er beschloss, sich in der französischen Hauptstadt niederzulassen, hatte El-Khoury bereits Ansehen als Komponist von rund einhundert Werken aus den Jahren 1969 bis 1978 wie auch als Dichter – die erste von mehreren Sammlungen erschien 1971 – gewonnen. Darüber hinaus betätigte er sich als Pianist, Dirigent, Chorleiter und Journalist. Ein herausragendes Konzert mit seinen Werken fand am 9. Dezember 1983 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris statt; Pierre Dervaux dirigierte das Orchestre Colonne, Solist war Abdel Rahman El Bacha. Dieses Konzert war Teil der Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag von Khalil Gibran. Die beiden Poèmes für Klavier und Orchester auf dieser CD wurden dabei uraufgeführt. Die Werke von El-Khoury, der 1987 die französische Staatsbürgerschaft erhielt, wurden von so angesehenen Klangkörpern wie dem London Symphony Orchestra, dem Orchestre National de France, den Moskauer Philharmonikern, dem Orchestre Colonne, dem Nationalen Symphonieorchester der Ukraine und dem Orchestre Symphonique Français aufgeführt.

Bechara El-Khoury verkörpert die seltene Verbindung von Komponist und Dichter. All seinen Werken ist eine lyrische Ader eigen, fern jeglichem Akademismus und abstrakten Formalismus. Die Inspiration für seine früheren Werke entstammte vornehmlich dem Libanon, der Schönheit seiner Landschaften, seinem Licht, seinen Lieder und Tänzen – aber auch der Tragödie des jahrelangen Bürgerkrieges. In jüngeren Werken wie der symphonischen Meditation Les Collines de l’étrange op. 53 oder Harmonies crépusculaires op. 55 [Naxos 8.557043] scheint er sich allmählich von seinen kulturellen Wurzeln ab- und den westlichen Musikstilen zuzuwenden, mit denen er seit 1979 zunehmend in Kontakt kam. Er verfügt über eine immense Kenntnis der Musikkultur, und seine Neugier auf zeitgenössische Musik ist grenzenlos. Trotz der nach außen hin traditionellen Anmutung ist sein musikalisches Idiom keineswegs rückwärts gewandt; es hat innerhalb der Vielfalt an heutzutage verfügbaren Möglichkeiten vielmehr einen dem Komponisten ganz eigenen Ton. El-Khoury ist ein wahrhaft kreativer Geist: In einer uniformen Welt, in der es eine weit verbreitete Neigung ist, einfach der Mode zu folgen, zeigt er, dass der einzige Weg, schöpferisch zu sein, darin besteht, ganz man selbst zu sein, sein Inneres zum Ausdruck zu bringen und das eigene Weltverhältnis. Wer die Méditation poétique für Violine und Orchester hört, wird nicht so sehr von dem gefangen sein, was der Komponist kalkuliert, geplant und entworfen hat, als vielmehr von dem, was er fühlt und wie er es uns vermittelt. Er wählt sein Material und die diesem innewohnenden Strukturen so aus, dass die Werke einen emotionalen Gehalt haben, der das Publikum geradezu erreichen muss. Seine Kompositionen sind Teil einer Strömung der zeitgenössischen Musik, die von Allan Petterssons Symphonien und Góreckis Dritter bis zu den jüngsten Werken Pendereckis, Rautavaaras und Kanchelis reicht: Musik, die untrennbar mit dem Ausdruck menschlicher Gefühle verbunden ist – individuellen wie kollektiven.

Die Méditation poétique op. 41 verkörpert einen Moment reinster musikalischer Emotion. Sie ist so etwas wie die Quintessenz von El-Khourys Lyrismus, wunderschön vermittelt durch den fragilen Klang der Solovioline und eine bemerkenswert durchsichtige Orchestrierung. Hier gibt es Anklänge an den „postromantischen Impressionismus“, den er in Image symphonique op. 26 [Naxos 8.557691] berührt hatte – mit jener kunstvollen Verbindung von Intimität und dezenter Instrumenten-Kombination, wie sie für einige von Regers Spätwerken charakteristisch ist. Über den poetischen Gehalt dieses Werkes schrieb El-Khoury: „Das Lied der Violine dringt aus den grauen Wolken des Herbstes und bahnt sich einen Pfad durch die Stille der Natur.“ Das Klangbild des Anfangs ähnelt jenem der ersten Takte von Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“: Solovioline, zwei Klarinetten, Harfe, Streicher und später Hörner, Bassklarinette und Fagotte. Nach der Introduktion, einem delikaten Wechselspiel zwischen Solovioline und Klarinette, weitet sich die Phrase aus und macht freien Gebrauch von den verfügbaren Intervallen, wobei keinerlei klare Konturen zugelassen werden. Der Komponist strebt hier nach größtmöglicher Vielfalt, auch rhythmisch – er reflektiert gleichsam die unerwarteten Begegnungen, die man bei einem Spaziergang auf dem Lande haben kann. Die faszinierende Harmonik ist stets sorgfältig gestaltet, um zum Gesamtausdruck der Musik beizutragen. Wenn die Bläser erstmals in die bis dahin ätherische, tonal veränderliche Atmosphäre einfallen, entsteht ein starker Kontrast durch unheilvolle Moll-Akkorde, in die hinein die Solovioline mit ihrer ersten konzertanten Episode innerhalb des Tutti aufwartet. Das Eröffnungsthema kehrt im Solo in modifizierter Form wieder, sodann im Tutti. Gegen Ende, nachdem die Violine einige Takte ganz allein gespielt hat – flüchtige Erinnerung an eine Kadenz, die an den konzertanten Charakter des Werks gemahnt –, übernimmt die Trompete das Eröffnungsthema und stellt die entscheidende Frage: Wohin führt die Meditation? Komponiert im Dezember 1986 und Gérard Poulet gewidmet, wurde des Werk am 29. Februar 1988 in der Salle Pleyel in Paris uraufgeführt und live mitgeschnitten.

Das Klavierkonzert op. 36 entstand 1984 in Paris und ist Abdel Rahman El Bacha gewidmet. Es entspricht mit seinen drei Sätzen einem traditionellen Konzert, stellt den Solisten dem Orchester gegenüber, ist reich orchestriert und erfordert große instrumentale Virtuosität. Gleichwohl hat, wie der Komponist selbst hervorhebt, „seine musikalische Gestaltung bis auf ein paar vereinzelte Passagen nichts mit dem romantischen Konzert zu tun. Die Themen entwickeln sich aus einer Zelle, die in den verschiedenen Abschnitten des Werkes in Gestalt poetischer und meditativer Improvisationen hervortritt – namentlich in der Einleitung zu den drei Sätzen und an verschiedenen Punkten innerhalb derselben –, die für den Zusammenhalt des Werkes sorgen, obgleich sie sehr unterschiedlich in Erscheinung treten. Die Harmonik ist charakterisiert durch den Kontrast zwischen einfachen Akkorden mit romantischem Klang und einer Art orientalischer Mehrdeutigkeit und brutal komplexen, zuweilen atonalen Akkorden ... In der Themengestaltung ist die Musik durch Freiheit vom Akademischen, von den strikten Regeln der klassischen Form gekennzeichnet. Die Themen treten in Melodie, Harmonik und Orchestrierung hervor.“ Zum emotionalen Gehalt des Werks sagt El-Khoury: „Dieses Konzert enthält sehr viel Persönliches. Ich wollte aus dem Grunde meines Herzens ein dramatisches Stück schaffen, das die Stadien einer qualvollen Leidenschaft reflektiert ... Hoffentlich ist es mir gelungen ...“ Das Klavierkonzert wurde am 17. März 1986 in der Salle Pleyel in Paris mit dem Solisten dieser Aufnahme uraufgeführt.

El-Khourys Poème Nr. 1 op. 11 für Klavier und Orchester entstand 1988 und ist Pierre-Petit gewidmet. In seinem Verlauf reflektiert es eine Abfolge von geistigen Zuständen: dramatisch, bukolisch, träumerisch und episch – einige von ihnen sind gefärbt von orientalischem Tonfall oder Rachmaninow-artigen Harmonien. Der vorletzte Abschnitt – der einzige mit einem wirklich konzertanten Gegenüber von Solist und Orchester – bildet mit seinem dreimal höheren Tempo einen markanten Kontrast.

Das David Lively gewidmete Poème Nr. 2 op. 22 entstand ein Jahr später und ist verglichen mit seinem Vorgänger von geradezu konzertantem Charakter. Der dominante, sehr viel ausgeprägtere Klavierpart ist glänzend; das Werk vermittelt romantische Impulse, heroische Akzente und traumartige Momente, bevor es mit einer lebendigen und funkelnden Coda endet.

Die Sérénade Nr. 1 „Feuilles d’automne“ op. 10 (Herbstblätter) für Streichorchester entstand in Paris im April 1980. Die langsame, melancholische Träumerei hat einen expressiven Ton, der an die skandinavische Musik der Spätromantik erinnert. Der im herbstlichen Laubfall symbolisierte unabänderliche Lauf der Natur ist musikalisch in einem fortwährend abwärts gerichteten Voranschreiten ausgedrückt; die letzten Takte eröffnen gleichwohl einen hoffnungsvoll-flüchtigen Ausblick auf die Wiedergeburt. Dieses Stück, eine der intimsten Miniaturen des Komponisten, ist von besonderer Delikatesse und zeugt von absoluter Bescheidenheit und Aufrichtigkeit in der Musik.

Das letzte Stück dieser Aufnahme, die Sérénade Nr. 2 op. 20, ebenfalls für Streichorchester, entstand im Februar 1981. In dem kurzen Stück blüht der Lyrismus des Komponisten; es unterscheidet sich von dem Schwesterwerk des Vorjahres durch seinen dichteren polyphonen Satz mit einer zugrunde liegenden fünfteiligen Textur, die durch Divisi (Stimmteilungen) bereichert wird. Die ruhige Haltung des Beginns, seine Eleganz, die bestimmte Werke englischer Komponisten in Erinnerung ruft, weicht alsbald einem leidenschaftlicheren, ja schmerzhaften Ausdruck, der durch die häufigen chromatischen Fortschreitungen der Basslinie erzeugt wird. Der freie Gebrauch der Tonart c-Moll verleiht dem Werk größere Ausdruckstiefe.

Gérald Hugon
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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