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8.557694 - HUMMEL: Piano Trios / Piano Quartet in G Major / Cello Sonata
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Johann Nepomuk Hummel (1778–1837)
Kammermusik

Der von der Nachwelt weithin vernachlässigte Johann Nepomuk Hummel erfreute sich zu seiner Zeit als Komponist und virtuoser Musiker größten Ansehens. Dass ein immer größerer Teil seines Schaffens entweder in Druckausgaben oder auf Tonträgern verfügbar ist, zeigt nur, dass die posthume Missachtung seiner Musik zu Unrecht geschah. Allerdings haben weder sein 200. Geburtstag noch sein 150. Todestag im Jahre 1987 das Interesse erregt, das seine Kompositionen eindeutig verdienen.

Geboren wurde Hummel 1778 als Sohn eines Musikers in Pressburg, der heutigen slowakischen Hauptstadt Bratislava. Mit vier Jahren konnte er bereits Noten lesen, mit fünf spielte er Geige und mit sechs Klavier. Zwei Jahre später wurde er Schüler von Wolfgang Amadeus Mozart, in dessen Haus er auch – wie das damals üblich war – untergebracht war. Einem Vorschlage Mozarts folgend, begaben sich Vater und Sohn Hummel 1788 auf eine ausgedehnte Konzerttournee. Insgesamt vier Jahre dauerte diese Europareise, die im Frühjahr 1790 auch nach Edinburgh führte, wo man drei Monate blieb. Darauf folgten Aufenthalte in Durham und Cambridge, bevor sie im Herbst nach London kamen. Der ursprüngliche Plan, 1792 auch nach Frankreich und Spanien zu gehen, erschien allerdings angesichts der Revolution nicht opportun, und so traten die beiden Hummels über Holland ihren Rückweg nach Wien an.

Die nächsten zehn Jahre verbrachte Johann Nepomuk Hummel in Wien, wo er selbst studierte, komponierte und unterrichtete. Als Beethoven 1792, ein Jahr nach Mozarts Tod, nach Wien gekommen war, hatte er sich um Stunden bei Joseph Haydn, Johann Georg Albrechtsberger und dem Hofkomponisten Antonio Salieri bemüht. Hummel sollte nun von eben diesen Lehrern, den vorzüglichsten, die Wien beherbergte, ausgebildet werden. Albrechtsberger verhalf seinen Kompositionen zu einem gründlichen technischen Fundament, indessen ihn Salieri im Satz für die menschliche Singstimme sowie in der Philosophie der Ästhetik unterwies. Haydn gab ihm nach seinem zweiten London-Aufenthalt einige Orgelstunden, warnte ihn aber vor den möglichen Auswirkungen auf seinen Anschlag auf dem Klavier. Durch Haydns Vermittlung wurde Hummel 1804 Konzertmeister von Fürst Nikolaus Esterházy: Damit fielen ihm praktisch sämtliche Pflichten des Kapellmeisters zu, da Haydn dieses Amt bis zu seinem Tode im Jahre 1809 nur noch dem Namen nach innehatte. Joseph Haydn hatte er auch zu verdanken, dass er seinen Posten zurückerhielt, nachdem er 1808 wegen der Vernachlässigung seiner Aufgaben von den Esterházys entlassen worden war. 1811 schied Hummel dann endgültig aus den Diensten der Familie aus; doch während seiner dortigen Tätigkeit hatte er als Kirchen- und Theaterkomponist Erfahrungen gesammelt, indessen sein Vater, der musikalische Direktor des Wiener Theaters auf der Wieden und später des berühmten Apollo-Saales, ihm andere Möglichkeiten bieten konnte.

Als Kind hatte Hummel das Publikum mit seinem virtuosen Klavierspiel beeindruckt. 1814, ein Jahr nach seiner Verehelichung, kehrte er zur Zeit des Wiener Kongresses aufs Konzertpodium zurück. Seit 1818 bot ihm dann das Großherzogtum Weimar, die Heimat Goethes, die Grundlage seiner Karriere. Die Bedingungen seines Arbeitsvertrages erlaubten ihm in jedem Frühjahr eine dreimonatige Urlaubszeit, die er zu Konzertreisen nutzte. Im protestantischen Weimar war er der kirchenmusikalischen Pflichten enthoben. Statt dessen fungierte er als Direktor der Oper, und mit Goethe war er eine der Touristenattraktionen am Orte – wobei freilich sein Wiener Dialekt nicht recht zur Ausdrucksweise der in Weimar residierenden Literaten gepasst haben dürfte.

Im Jahre 1828 veröffentlichte Johann Nepomuk Hummel seine Ausführlich theoretisch-practische Anweisung zum Pianoforte-Spiel vom ersten Elementar- Unterricht an bis zur vollkommensten Ausbildung, ein Werk, dem unmittelbarer Erfolg beschieden war und das sich als wertvolle Quelle für die damalige Aufführungspraxis erwiesen hat. Gegen Ende seines Lebens ließ die pianistische Brillanz Hummels nach. Es war dies die Zeit Liszts und einer Schule von Virtuosen, denen gegenüber Hummel den klassischen Stil des Klavierspiels, wie ihn sein Lehrer Mozart gepflegt hatte, in das Zeitalter von Chopin, Liszt, Kalkbrenner und Thalberg hinübertrug.

Das zweisätzige Klavierquartett G-dur wurde 1839 posthum veröffentlicht. Im ersten Satz fällt das Schlaglicht auf das Klavier, das das Hauptthema vorstellt. Anschließend gibt es einen aufregenden Mittelteil in g-moll mit rasanten Klavieroktaven. Auch das anschließende Allegro con spirito in D-dur hat dem Klavier virtuoses Material zu bieten. Der Satz gehorcht der Sonatenform, wobei die Exposition wiederholt wird und das Werk nach einer spannenden Durchführung mit konzertanter Kraft zu Ende geht.

Aus dem Jahre 1811 stammt Hummels Klaviertrio G-dur op. 35. Das Klavier präsentiert das erste Thema, der Nebengedanke der (wiederholten) Exposition ist der Violine anvertraut. Der charakteristische, hüpfende Rhythmus des Hauptthemas erscheint zu Beginn der Durchführung, die sich bald nach B-dur wendet, derweil das Klavier an das erste Thema und das Cello an das Schlussthema der Exposition erinnern. Nach der Triolenfiguration, die nacheinander von allen Spielern gespielt wird, leitet die Violine zur Reprise über. Der zweite Satz ist ein Tempo di Menuetto in C-dur mit einem Trioteil in F-dur, in dem die Streicher recht prominent hervortreten. Der letzte Satz ist ein Rondo mit der Tempobezeichnung Vivace e scherzando. Das Hauptthema hält für den Hörer einen überraschenden Moment bereit, wenn es plötzlich eine kurze Pause macht. Im Anschluss daran folgt eine Episode in D-dur, worauf der Refrain mit derselben Pause wiederholt wird. Nach einer Fugato-Episode in C-dur folgen Varianten des zweiten Themas, worauf das Hauptthema wiederkehrt, das vor dem emphatischen Schluss von einer Reminiszenz des Nebengedankens überlagert wird.

Die Grande Sonate A-dur für Violoncello und Klavier op. 104 stammt aus dem Jahre 1826. Der gesangliche Kopfsatz wird vom Cello eingeleitet, worauf das Klavier das erste Thema exponiert. Ein energischer Übergang führt zur Exposition des Nebenthemas, an das sich ein zartes Thema in C-dur anschließt. Vor der Wiederholung der gesamten Exposition kehrt die Musik zur Dominante der Grundtonart zurück. Die Durchführung erforscht weitere Tonarten, bevor das Hauptthema am Anfang der Reprise wiederkehrt. Der langsame Satz ist eine Romanza in C-dur, deren melodischer Hauptgedanke zunächst im Klavier erklingt und dann vom Cello aufgenommen wird. Punktierte Rhythmen deuten eine größere Bewegung an, bevor es zu einem Wechsel nach c-moll kommt, dessen Dramatik dann durch einen lyrischen Übergang nach Es-dur besänftigt wird. Bei der Rückkehr zur Ausgangstonart erhält das Violoncello das Hauptthema, zu dem das Klavier seine Echos spielt. Das äußerst sorgfältig gearbeitete Werk endet mit einem Rondo in a-moll, dessen Beginn das Klavier markiert, das hier wiederum viele virtuose Aufgaben zu erfüllen hat. Der Satz enthält eine als innocente markierte Episode in C-dur und eine weitere in A-dur, die von dem Hauptthema umrahmt werden.

Hummels Klaviertrio F-dur op. 22 entstand 1807. Im Vergleich mit dem vorigen Werk hört man sehr deutlich, dass es aus einer andern Zeit stammt, denn sein musikalische Sprache erinnert noch sehr an das Idiom, das von Haydn her bekannt ist. Der Kopfsatz beginnt mit einem weniger anspruchsvollen Klavierpart und gehorcht der Sonatenform, wobei auch hier die Exposition vorschriftsmäßig wiederholt wird. Nach einer kurzen Durchführung liefert das zweite Thema die Substanz der Reprise, in der die Melodie kurz vor dem Schlussabschnitt fugiert wird. Das Thema des Andante con variazioni in B-dur wird vom Klavier vorgestellt und anschließend vom Violoncello und der Violine gekrönt. Das Klavier bringt die erste Variation, indessen die zweite Veränderung im Cello von Pizzikato- Akkorden der Violine begleitet wird. Es folgt eine Variation, bei der die Violine in den Vordergrund tritt, und die letzte Veränderung wird wiederum vom Violoncello bestritten. Das modische Rondo alla Turca enthält Elemente, die einer Janitscharenkapelle entlehnt sind, wobei das Klavier im wesentlichen die wichtigen Schlagzeugeffekte liefert, die man damals zusammen mit ihrer Standardharmonik und -figuration als „Türkische Musik” bezeichnete.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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