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8.557697 - LILBURN: Orchestral Works
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Douglas Lilburn (1915-2001)
Orchesterwerke

Diese umfassende Kollektion mit Orchesterwerken von Douglas Lilburn enthält unter anderem Aotearoa, das als ein neuseeländischer Klassiker gilt, das Tongedicht A Song of Islands, das seine Parallelen in Gemälden Neuseelands findet, und ABirthday Offering, das das Interesse des Komponisten an farbigen Klängen unterstreicht.

Aufgewachsen ist Douglas Lilburn auf Drysdale, einem einsamen Bauernhof in den Bergen, von dem aus man das zentrale Gebirgsplateau der nördlichen Insel Neuseelands erreicht. Er hat dieses heimatliche Anwesen oft als „Paradies“ bezeichnet, und sein erstes größeres Orchesterwerk, die 1937 unter der Aufsicht von Ralph Vaughan Williams am Londoner Royal College of Music entstandene Drysdale Overture entwirft ein sommerliches Szenarium, wie es für diese Farm typisch war. Die Einleitung zeichnet mit Aufwärtsgebärden die scharfkantigen vertikalen Konturen der Hügel von Drysdale nach. Die anschließende Exposition stellt zwei Gedanken vor: Der erste beschreibt die Bewegung eines Stromes im Tal, während der wunderbar von der Oboe intonierte zweite an die volkstümlichen Wiegenlieder erinnert, die die Mutter des Komponisten sang. Im Mittelteil sind gelegentliche Schauer der Aufregung zu spüren, obwohl Lilburn diesen Abschnitt als ein „sonniges Rondo“ beschrieb. Was folgt, ist eine hymnische Ausführung der „mütterlichen Weise“, die sich klanglich Vaughan Williams’ Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis nähert; es ist dies ein Ausdruck der besonderen, visionären Augenblicke, die der Komponist bisweilen in den heimischen Hügeln erlebte. Ich habe, so meinte Lilburn in Erinnerung an den Eindruck von Drysdale, das liebenswerte Bild vor mir, das Mark Twain von Jim und Huckleberry zeichnete – wie sie mit ihrem Kahn den großen Fluss hinuntertreiben, zu den Sternen aufschauen und sich fragen, ob sie „gemacht sind oder einfach nur geschehen“.

Die heilende Kraft der natürlichen Welt ist auch Thema von Forest (Wald), einem Orchesterwerk des Studenten von 1936. In der Musik – einer Tondichtung, die den Herbst am Mount Peel in South Canterbury beschreibt – hören wir Lilburn, wie er Sibelius gleichsam durch die schattigen Wälder folgt, dabei Abstand hält und die eigene Unschlüssigkeit abwägt, bis er seinen eigenen Weg geht. Forest gewann einen von Percy Grainger initiierten Wettbewerb für ein Orchesterstück zum Thema „Neuseelands kulturelle und emotionale Besonderheiten“.

Weitere preisgekrönte Werke aus der Londoner Studienzeit waren die Festival Overture von 1939 sowie die im nächsten Jahr entstandene Ouvertüre Aotearoa. Das erste der beiden Werke brachte Sir George Dyson am Royal College of Music zur Uraufführung, das zweite erlebte seine Premiere an His Majesty’s Theatre während der Londoner Matinee zu den Hundertjahrfeiern Neuseelands. Die Festival Overture spricht davon, wie sich während der wachsenden Kriegsgefahr Nationalität und Charakter Neuseelands festigten. Sie beginnt mit einer Fanfare, deren Höhepunkt von kräftigen Trillern markiert ist, woraus sich eine vorwärtstreibende, von den Violoncelli generierte Idee ergibt. Wenn das generelle Drängen der Ouvertüre ganz im Zeichen der Fanfare steht, so wendet sich das folkloristische Nebenthema, das die Soloklarinette über einem Bordun vorstellt, psychologisch der Bodenständigkeit, der Erinnerung an Vergangenes und der Naturerfahrung zu.

Aotearoa heißt „Land der langen, weißen Wolke“ und ist der Name der neuseeländischen Ureinwohner für ihre Heimat. Zu Beginn schweben die Flöten wie Falken hoch über den Streichern, die die Umrisse der Hügellandschaft symbolisieren. Der Blick aus der Vogelperspektive erlaubt es Lilburn, mit der neuseeländischen Topographie zu spielen: Orchestrale Wellenbewegungen, die vom Blech gekrönt werden, verleihen dem bergigen Terrain, das hier portraitiert wird, ihre Akzente. Die Klarheit der Gedanken, die einander in der Exposition folgen, wird kompensiert durch die dichten, hymnen- artigen Gesten, in die sie einfließen. Lilburn verwendet diese hymnenartigen Signale nicht nur, um die geschwung-ene Landschaft darzustellen, sondern auch als Element, um ein Gefühl der menschlichen Verbundenheit mit der Gegend zu vermitteln. Daneben gibt es eine zentrale Epi-sode im Stile von Sibelius, die etwas von jener unbehag-lichen Stimmung südlicher Klimate hat, die einer Abkühlung vorausgeht.

Wieder in Neuseeland, ließ sich Lilburn in Christchurch auf der südlichen Insel nieder, wo er früher studiert hatte. Dort schloss er sich einer innovativen Gruppe von Malern, Dichtern, Verlegern und Theaterregisseuren an, die sich als äußerst einflussreich erwies. Er begann mit der Arbeit an A Song of Islands (1946), einer umfangreichen Tondichtung für Orchester, die den zwei ersten Symphonien den Weg bereitete. Der in organischer Bogenform gehaltene Song of Islands kreist um das hymnische Thema, mit dem das Werk beginnt und das vom Gralsmotiv in Wagners Parsifal nicht allzu weit entfernt ist. Dieses Thema kehrt in der Mitte des Werkes wieder, wo es – mit dem Gemurmel der Holzbläser verflochten – ein Gefühl des unendlichen Raumes erzeugt und auf diese Weise die Musik in eine Offenbarung verwandelt. Eine volltönende Variante des Themas in den Blechbläsern treibt die Musik ihrem Ende entgegen. Klänge, die an den Ozean und die Berge denken lassen, beherrschen die landschaftliche Bilderwelt dieser Partitur und dienen als Metapher der Transformation und Erhöhung, wodurch eine Verbindung zwischen dem Sichtbaren und der Welt im Innern entsteht und die Kräfte des menschlichen Geistes mit denen des physikalischen Universums verbunden werden sollen. Lilburn sah A Song of Islands im Zusammenhang mit dem Bild Central Otago (1940) der Malerin Rita Angus (1908–1970): Darauf sind eine kleine Siedler-Kirche, ein Bauernhaus, eine Scheune und ein gepflügter Acker vor dem Hintergrund der strahlendblauen See und der schneebedeckten Gipfel zu sehen.

1947 kam Lilburn als Lehrer ans Victoria College (heute: University) von Wellington, wo er seit 1970 eine Professur für Musik innehatte. Die Processional Fanfare (1961/1985) – eine Vertonung des Studentenliedes Gaudeamus igitur im Stile eines Purcell’schen Trompetenstücks mit den für Lilburn typischen faserigen Harmonien – war zunächst ein Stück für drei Trompeten und Orgel zur Abschlussfeier der University of New Zealand. Später wurde es für drei Trompeten und kleines Orchester arrangiert, um bei den Graduiertenfeierlichkeiten der Victoria University gespielt zu werden. Lilburn erhielt 1969 die Ehrendoktorwürde der Universität Otago und 1988 den Orden von Neuseeland.

A Birthday Offering (1956) schrieb Lilburn zum zehnjährigen Jubiläum des National Orchestra (heute: New Zealand Symphony Orchestra). Das Werk verlangt ein volles Orchester mit dreifachem Holz sowie Saxophon, Klavier und großem Schlagzeug. Der Komponist verrät uns, dass er das Stück im konzertanten Stil des Barock geschrieben hat, wobei das Horn-Motto des Anfangs – aus der „Dämmerungsmusik“ des Appalachian Spring (1954) von Copland gewonnen – als melodischer und harmonischer Keim fungiert. Das Werk enthält ferner ein Selbstzitat aus dem Liederzyklus Sings Harry (1954) nach Gedichten von Denis Glover. Lilburn mochte Harry sehr, diesen „Oldtimer“, der immer stark nach gorse fire („Ginster-Feuer”) roch, wie ein Bergsee funkelte und den ganz realen Duft von Stallmist verbreitete. Über die Maske des Harry und die Landschaft der amerikanischen Siedler hinaus erweist sich A Birthday Offering als eine persönliche Unabhängigkeitserklärung, als orchestrales Experiment und spirituelle Entdeckungsreise.

Robert Hoskins
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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