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8.557698 - BAX: Clarinet Sonatas / Piano Trio / Trio in One Movement
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Arnold Bax (1883-1953)
Klarinettensonaten • Klaviertrio • Trio in Einem Satz

 

Arnold Bax gelangte in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg zur vollen künstlerischen Reife und schuf in den sich anschließenden gut 30 Jahren ein recht ansehnliches musikalisches OEuvre, das – abgesehen von der Oper – beinahe alle Gattungen umfasst. Als reiferer Teenager und in seinen frühen Zwanzigern, zu einer Zeit also, als er noch an der Royal Academy of Music in London studierte, entstand eine ganze Reihe von Kammermusikwerken, die Bax zu Lebzeiten zurückhielt, darunter viele Werke für Klarinette, die vermutlich für einen Studienkollegen entstanden, auch wenn wir bisher nicht herausfinden konnten, wer dieser Kommilitone gewesen sein könnte.

Als Bax sich im Herbst 1900 – kurz vor seinem 17. Geburtstag – an der Royal Academy of Music einschrieb, tat er das sowohl als Pianist, wie auch in der Absicht, Komponist zu werden. Bereits in seinen frühesten Werken zeigt sich die schnell sicherer werdende Technik, und seine komplexen Klavierparts dokumentieren eine ebenso rasch wachsende Beherrschung der Materie. Bald schon war er dafür bekannt, dass er ganze Orchesterpartituren vom Blatt spielen konnte, und neben Wagner beschäftigte er sich mit den neuesten musikalischen Strömungen seiner Zeit, darunter die Klaviermusik von Skrjabin und Debussy. Bax sog begierig jeden Einfluss auf, der ihm in den Konzerten in der Londoner Queen Hall begegnete, wobei Henry Woods Vorliebe für die letzten russischen Neuheiten ihm Speis’ und Trank war.

Im Vergleich zu einigen seiner Zeitgenossen an der Royal Academy – namentlich York Bowen und Benjamin Dale, die als Komponisten und Interpreten bereits sehr früh zu Ruhm kamen – entwickelte Bax sich eher langsam und wurde als Komponist nur allmählich mit Liedern und gelegentlichen Orchesterwerken bekannter. Gegenüber Freunden, die ihn allesamt für brillant hielten, gab Bax vor, dass ihm Aufführungen seiner Werke nicht sonderlich wichtig wären. Als er dann seinen Stil gefunden und seinen kreativen Höhepunkt erreicht hatte, galt er freilich sehr bald schon als einer der führenden britischen Komponisten, während in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen die einst so gefeierten Namen seiner ehemaligen Kommilitonen mehr und mehr verblassten. Man rühmte die Tondichtungen von Bax, seine Sinfonien und Konzerte, seine Klaviermusik und vieles von seiner Kammermusik, darunter ein Streichquartett in G – das erste in einer Reihe von drei Werken – und ein Oboenquintett, das recht häufig gespielt wurde. Zu den besonders beliebten Werken zählte auch die 1934 entstandene Klarinettensonate, die zu seinen am meisten gespielten Stücken gehörte. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges schrieb Bax dann sein letztes kammermusikalisches Werk, das Klaviertrio in B, das auf Wunsch eines Freundes, des Pianisten Harry Isaacs und seines Trios, entstand.

Die nachfolgenden Anmerkungen zu den auf dieser CD versammelten Aufnahmen folgen chronologisch der Entstehung der Werke. Diese lassen sich in drei Gruppen gliedern: Werke aus Baxs Studienzeit, die hier erstmals aufgenommen worden sind; ein Werk aus Bax’ mittlerer Schaffensphase (Folk-Tale) sowie zwei späte Werke, die er in seinen fünfziger und sechziger Jahren komponiert hat.

In seiner Autobiographie Farewell, My Youth (Lebwohl, meine Jugend) beschreibt Bax einen seiner Freunde an der Academy: „einen gewissen George [Allaby] Alder, Hornist und Spaßvogel von nicht eben geringem Rang, der seit seiner Kindheit gut mit Elgar bekannt war.“ Alder lebte in Malvern, und als Bax ihn besuchte, führte dieser ihn hinüber zum Hause Elgars, Birchwood, damit auch er den Komponisten kennenlernen könne. Was Bax unterschlägt, ist die Tatsache, dass er noch als Student eine Hornsonate für Alder komponiert hatte. Erst vor kurzer Zeit hat Alders Neffe Tony (J. A.) Dutton in einem staubigen Haufen von Kompositions-Manuskripten seines Onkels auch etliche Manuskripte von frühen, bisher nicht bekannten Kompositionen Bax’ entdeckt. Neben dem Autograph der einsätzigen Hornsonate, die Bax Alder zugeeignet hat und die vom Januar 1901 datiert, fanden sich eine Sonata in E und eine Romance, beide für Klarinette und Klavier. Diese beiden frühen Werke für Klarinette sind hier nun erstmals eingespielt worden.

Die frühe Klarinettensonate in E ist nach der erwähnten Hornsonate entstanden. Scheint das Manuskript der Klarinettensonate dabei zunächst auf ein einsätziges Werk hinzudeuten, so lässt sich der diesem Manuskript beiliegende Satz mit dem Titel Romance durchaus überzeugend als zweiter Satz einer solchen Sonate deuten. Einen Hinweis darauf, dass dies tatsächlich so ist, kann man aus einem anderen, vermutlich noch früheren Manuskript der Romance ableiten, das sich im Besitz des Autors befindet und das in diesem Fall mit Intermezzo for Clarinet and Piano überschrieben ist und vom April 1901 datiert. Da dieser Satz aber eben auch die Ziffer „2“ trägt, scheint die Annahme durchaus begründet.

Beim frühen, einsätzigen Klaviertrio, das der junge Bax als sein „op. 4“ bezeichnet hat, handelt es sich um ein sehr ambitioniertes Werk, das in Anklängen bereits Spuren des reifen Komponisten aufweist, namentlich im anspruchsvollen treibenden Klavierpart. Die Noten sind dabei nicht datiert und das Manuskript liegt uns ebenfalls nicht vor. Die Widmung an den irischen Komponisten „A. J. Rowan-Hamilton“, Bax’ Begleiter bei einem längeren Aufenthalt in Dresden im Jahr 1906, legt allerdings nahe, dass das Werk ebenfalls in diesem Jahr entstanden ist. Das 1907 veröffentlichte Werk war dann auch – abgesehen von einigen Liedern – die erste größere Komposition von Bax, die gedruckt wurde. Die schließlich veröffentlichte Partitur für Klavier, Violine und Viola (Bax setzte das Klavier an die erste Stelle) zeigt deutliche Einflüsse des sich seinerzeit einer großen Anhängerschaft erfreuenden, überaus aktiven Bratschenvirtuosen Lionel Tertis, der Bax – wie viele andere Zeitgenossen auch – dazu überredet hatte, für ihn zu schreiben. Bax hat den Brat- schenpart allerdings ausdrücklich als auch für die Klarinette geeignet bezeichnet, und nachdem ich diese Fassung hier nun gehört habe, muss ich sagen, dass der Part in der Tat der Klarinette wesentlich besser ansteht, als die etwas verquer gelegene originale Bratschenstimme. Bax lässt in dieses Werk zwar durchaus Elemente irischer Volksmusik einfliessen, diese die Komposition gleichwohl aber nie dominieren, so dass es sich letztlich nicht um ein ausgesprochen „irisches“ Werk handelt.

Das auf den 3. April 1918 datierte Folk-Tale für Cello und Klavier, ein ungewöhnlich ausgreifender Satz, gelangte beinahe umgehend, nämlich am 27. April 1918, in einem Konzert in der Londoner Wigmore Hall zur Aufführung, wobei Felix Salmond den Cellopart übernahm und der Komponist selbst am Klavier saß. Salmond, dem die Komposition später auch gewidmet worden ist, war seinerzeit ein durchaus großer Name, der heute gemeinhin mit der Uraufführung von Elgars Cellokonzert im Jahr darauf in Verbindung gebracht wird. Leider zog er dann 1922 in die Vereinigten Staaten und das Stück von Bax sollte von keinem anderen Cellisten übernommen werden. Der Untertitel Conte Populaire wurde dem Werk im Zuge der Vorbereitung zur Veröffentlichung bei J. & W. Chester in den 1920er Jahren hinzugefügt. Eine nur flüchtige Betrachtung des von Bax gewählten Untertitels verleitet indes zu falschen Schlüssen, denn es war wohl kaum grausame Ironie oder kummervolle Schwermut, die Bax dabei im Sinn hatte. In jedem Falle handelt es sich nicht um ein Stück Salonmusik; das „populäre Lied“ ist wohl eher als eines jener introspektiven Gedenkstücke im Anschluss an den Osteraufstand von 1916 zu verstehen, durchsetzt mit Träumen von glücklicheren Tagen und einem Sehnen nach dem, was hätte sein können. Der Grundcharakter des Stückes wird dabei schon zu Beginn mit der Vorschrift „melancholy and expressive“ über der Einleitung des Klaviers festgeschrieben, und das Werk steigert sich dann heftig, bis es von einem heroischen hohen B im Cello gekrönt wird, um sodann in „melancholisches“ Grübeln zu versinken, wobei die Tonwiederholungen im Cello leise an ein irisches Volkslied gemahnen.

Die ausgereifte Klarinettensonate in D vom Juni 1934 erklang erstmals am 17. Juni 1935 im Rahmen eines Konzertes des London Contemporary Music Centre in der Cowdray Hall mit Frederick Thurston an der Klarinette und Harriet Cohen am Klavier. In diesem zweisätzigen Werk spielt der anspruchsvolle Klavierpart stets eine wichtige Rolle. Der erste Satz präsentiert zwei Themengruppen, die jeweils aus einem Haupt- und einem Nebenthema bestehen. Beide sind von schwermütigem Charakter, das erste recht offenkundig, das zweite mehr chromatisch und grüblerisch. Das Anfangsthema wird schließlich noch einmal in einem längeren Abschnitt von düsterer Nachdenklichkeit aufgegriffen. Der zweite Satz besticht durch sein brillantes Scherzando-Thema und das rasche, im moto perpetuo Stil gehaltene Figurenwerk, das bald schon durch eine sehnsuchtsvoll-lyrische Melodielinie kontrastiert wird. Die Sonate hat Bax Hugh Prew zugeeignet, einem Amateur-Klarinettisten, der in den 1920er und 1930er Jahren gemeinsam mit ihm in Clifford Bax’ „Old Broughtonians“ Team Kricket gespielt hat.

Als der Pianist Harry Isaacs, ein ehemaliger Kommilitone von Bax, 1945 das seinen Namen tragende Trio mit dem Violinisten Leonard Hirsch und dem Cellisten James Whitehead formierte, benötigte er ein attraktives Repertoire für die erste Saison von Konzerten in der Wigmore Hall. Seine Bitte um ein neues Trio wurde von Bax zunächst allerdings abgewiesen: Dieser entschuldigte sich damit, dass es zu schwierig sei, für diese Besetzung zu schreiben und dass es allein Dvorák gewesen sei, dem damit Erfolg beschieden war. Nach einigem Überlegen allerdings änderte Bax seine Meinung und willigte doch noch ein, woraufhin dann das Klaviertrio in B entstand. Nachdem Bax die ersten beiden Sätze im Herbst 1945 komponiert hatte, vollendete er das Werk über Weihnachten im „White Horse“, einem Pub in Storrington, Sussex, wo er seinerzeit lebte. Die vollendete Partitur ist auf den 9. Januar 1946 datiert, und das Werk wurde dann erstmals vom Harry Isaacs Piano Trio am 21. März 1946 in der Londoner Wigmore Hall gespielt.

Bax eröffnet das Werk mit einem formal eher weniger regelgerechten Satz, in dem das erste Thema seinen Vorwärtsdrang durch den schmissigschottischen Rhythmus und die figurative Klavierbegleitung erhält. In starkem Kontrast dazu steht dann der ebenso langsame wie ruhige zweite Themenkomplex. Bax hätte wahrscheinlich entschieden darauf bestanden, dass seiner Musik nichts Keltisches anhaft. Die tänzerischen Andeutungen und zwei wehmütige Episoden, die allerdings stets rasch überwunden werden, mögen eine Verwandtschaft mit offenkundigeren irischen Anklängen dennoch nahegelegt haben. Der elegische zweite Satz wird von einer langen, nachdenklichen Melodie eröffnet, die – mich zumindest – ein wenig an Elgar erinnert. Der gleichsam jenseitige Binnenteil steigert sich leidenschaftlich, ehe dann das Anfangsthema zurückkehrt und von den Streichern einen romantischen Anstrich erhält. Das Finale entwickelt Bax dann mit trockenem Humor und viel Ironie im 5/8-Takt. Um die Stimmung dieses Satzes zu umschreiben, bediente sich Bax eines Zitats aus dem III. Akt von Hamlet: „This is miching mallecho – it means mischief“ (nach Schlegel: „Es ist eine spitzbübische Munkelei; es bedeutet Unheil“). Ein weit ausgesungener Mittelabschnitt bringt vorübergehend würdevollen Ernst in die Musik, ehe der beharrliche Rhythmus im Klavier die Wiederkehr der Anfangsmusik ankündigt.

Lewis Foreman © 2006
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann

 


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