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8.557711 - RESPIGHI, O.: Vetrate di chiesa / Impressioni Brasiliane / Rossiniana (Buffalo Philharmonic, Falletta)
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Ottorino Respighi (1879–1936)
Vetrate di chiesa (Kirchenfenster)
Impressioni brasiliane (Brasilianische Impressionen)
Rossiniana: Suite für Orchester

 

Ottorino Respighi wurde am 9. Juli 1879 in Bologna geboren. Nachdem er zunächst Klavier- und Violinunterricht bei seinem Vater erhalten hatte, kam er 1891 ans städtische Liceo Musicale, wo er unter anderem bei Federico Sarti Violine und bei Giuseppe Martucci Komposition studierte. 1900 bewarb er sich um eine Stelle im Orchester der Kaiserlichen Oper von St. Petersburg, wo er zwei Spielzeiten als Stimmführer der Bratschen arbeitete und sich privatim von Nikolai Rimsky-Korssakoff unterrichten ließ. Nach seiner Heimkehr im Jahre 1903 widmete er sich seiner Solokarriere als Geiger, doch mit seinem wachsenden Interesse an der Instrumentalmusik des Barock und der Klassik wandte er sich zunehmend dem Komponieren zu. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in Berlin wurde Ottorino Respighi 1913 als Kompositionslehrer an das Liceo di Santa Cecilia in Rom berufen.

Respighi hatte bereits mit verschiedenen Werken – unter anderem mit dem Klavierkonzert a-moll [Naxos 8.553207], dem beeindruckenden Preludio, Corale e Fuga [Naxos 8.557820] und zwei Opern – günstige Aufnahme gefunden, als er mit seiner symphonischen Dichtung Römische Brunnen von 1916 auch internationale Anerkennung fand. 1919 heiratete er seine Schülerin Elsa Olivieri Sangiacomo (deren 1954 in Mailand veröffentlichte Dati biographici bislang das einzige Buch über ihren Ehemann geblieben sind). Fünf Jahre nach der Verehelichung übernahm Respighi die Leitung des ehemaligen Liceo und jetzigen Conservatorio di Santa Cecilia. Diesen Posten legte er nach zwei Jahren nieder, um sich fast ausschließlich mit der Komposition befassen zu können.

Zwar ruht Respighis Reputation berechtigtermaßen auf der berühmten Trilogie römischer Tondichtungen [Naxos 8.550539], doch gibt es von ihm auch andere ausgezeichnete Werke, darunter verschiedene Ballettmusiken wie La boutique fantasque („Der Zauberladen“) und seine ausgedehnte Shelley-Vertonung Il Tramonto [Marco Polo 8.223347] für Mezzosopran und Streichquartett. Seinem Interesse an den Alten Meistern entsprangen verschiedene schöne Bach-, Frescobaldi-, Tartini- und Vivaldi-Arrangements; ferner gab er die Madrigale von Claudio Monteverdi heraus, deren Edition noch heute weithin Verwendung findet. Seine Gemahlin machte ihn mit dem Gregorianischen Choral bekannt, dessen modale Melodik Respighi zu etlichen Werken anregte: Insbesondere sind hier das Concerto in modo Misolidio für Klavier und Orchester [Naxos 8.553366], das Concerto Gregoriano für Violine und Orchester sowie die Vetrate di chiesa („Kirchenfenster“) zu nennen. Diesem Werk liegen die Tre preludi sopra melodie gregoriane („Drei Präludien über gregorianische Melodien“) [Naxos 8.553704] für Klavier zugrunde, die Respighi komponierte, als er im Sommer 1919 mit seiner Frau auf der Insel Capri weilte. Elsa Respighi schreibt dazu in ihrer Biographie: „Das Werk reflektiert Respighis damalige Befindlichkeit – das freudige Staunen über eine Offenbarung und zugleich den mystischen Jubel einer tiefen religiösen Empfindung.“ Vetrate di chiesa mit dem Untertitel Vier symphonische Impressionen ist eine Bearbeitung dieser Klavierstücke für großes Orchester, die allerdings um einen vierten Satz zu einer symphonischen Suite erweitert wurden. In dieser Version wurde das Werk 1925 vollendet und im Februar 1927 in der Boston Symphony Hall unter Serge Kussewitzky uraufgeführt.

Der Literaturprofessor Claudio Guastalla, ein enger Freund Respighis und Librettist seiner Oper Belfagor, half bei der Suche nach einem geeigneten Werktitel. Der Komponist entschied sich schließlich für die vorgeschlagenen Vetrate di chiesa, worauf man begann, für jeden der vier Sätze eine passende Überschrift zu finden und dazu Texte aus der Bibel oder anderen geistlichen Schriften auswählte, die sich in Beziehung zu den ausgewählten Szenen setzen ließen. Dabei sei ausdrücklich bemerkt, dass die deskriptiven Titel nachträgliche Ergänzungen sind und die Musik nicht von jenen religiösen Ereignissen inspiriert wurde, die die italienischen Glasfenster darstellen.

Der Titel des ersten Satzes, La fuga in Egitto („Die Flucht nach Ägypten“), verdankt sich der sanft pulsierenden Begleitung und dem nostalgischen Gefühl der Musik sowie einer Gedichtzeile von Guastalla: „Die kleine Karawane zog durch die Wüste, bei sternenklarer Nacht, und trug den Schatz der Welt.“ Weite Strecken des thematischen Materials sind durch die schrittweise, choralartige Melodielinie mit ihren quasi-orientalischen Wendungen gekennzeichnet, die ihren verschlungenen Weg durchweg im Fünfviertel-Takt beschreitet. Das Schmachtende der Musik und die duftige Instrumentierung machen das Stück zu einer der eher romantischen Erfindungen Respighis.

Dieser Eindruck wird gewaltsam beiseite gefegt durch San Michele Arcangelo („Erzengel Michael“): Die kriegerischen Klänge, die Guastalla wie der Waffenlärm einer „Schlacht in den Wolken“ erschienen, beschwören den Kampf des heiligen Michael und seiner Engel gegen den Drachen im Himmel. Bei diesem dramatischen Portrait lässt Respighi das volle Orchester zwei Hauptgedanken auffahren. Zunächst erklingt ein breit ausschreitendes Thema der Posaunen (allegro impetuoso) nebst Hörnerfanfaren und einer wirbelnden Begleitung der Streicher. Die zweite Idee, die mit dem ersten Thema durch seine Triolenfiguren verwandt ist, wird von den Hörnern exponiert und bald von den Streichern übernommen. Wenn das Hauptthema wieder in Erscheinung getreten und allmählich in sich zusammengesunken ist, folgt eine nachdenkliche Passage (lento), in der eine Trompete hinter der Bühne die Hauptmelodie im halben Tempo spielt. Nach einer weiteren kurzen Wiederholung des zweiten Themas bringt Respighi den „Luftkampf“ mit einem fff-Schlag auf das Tamtam zu einem dramatischen Abschluss.

Der verhaltene dritte Satz beschwor in seiner quasi klösterlichen Stille für Respighi und Guastalla die reine Gestalt einer Heiligen. Durch die Lektüre der Fioretti di San Francesco („Blümlein vom heiligen Franziskus“) kamen sie zur heiligen Clara von Assisi, die den weiblichen Franziskanerorden der Clarissen gründete: „Engel trugen sie auf wundersame Weise von ihrem Krankenbett zur Kirche des Hl. Franz, damit sie dort der Matutin beiwohne“ – das schien das geeignete Bild für das dritte Kirchenfenster zu sein. Im Laufe des schwerelosen, wiederum als Fünfviertel-Takt geschriebenen Verlaufs erzeugt Respighi viele feine Orchesterwirkungen, die, zusammen mit den delikaten Klängen der Harfe und Celesta, dem Einsatz von Glocken und einem wunderbaren Wechsel von Moll nach Dur, zu der verzückten Stimmung des Satzes beitragen.

Als Finale, San Gregorio Magno („Gregor der Große“), konstruiert Respighi eine grandiose Fantasie über das Gloria aus der gregorianischen Missa de Angelis. Aus dem leisen, geheimnisvollen Hintergrund glockenartiger Figuren und subtil-exotischer Orchesterfarben entsteht in den gestopften Hörnern der Choral. Daraus entwickelt sich ein dramatischer Höhepunkt, dessen Energie sich in ein packendes, an Saint-Saëns erinnerndes Orgelsolo auflöst, das das Hauptthema wiederholt. Nach einem kurzen Rückblick auf die Einleitung übernehmen die Blechbläser das Gloria-Motiv, und das Werk wird zu einem derart prachtvollen Abschluss geführt, dass der Autor Edward Johnson nicht umhin konnte, den Satz als eine „klingende Krönung des Papstes“ zu bezeichnen. Ohne Frage sollte ein Papst mit überaus glanzvoller, brillanter Musik dargestellt werden, und überdies heißt es in der Partitur: „Ecce Pontifex Maximus! … Lobe den Herrn … Singet dem Herrn ein Lied. Alleluia!“

Ein Jahr nach der Vollendung seiner Vetrate di chiesa wurde Respighi nach Brasilien eingeladen. Am 12. Mai 1927 begann die Fahrt auf der Conte Verde, die nach Rio de Janeiro und São Paulo führte. Zwischen seinen Dirigierverpflichtungen und den Konzerten mit seiner Frau fand der Komponist die Zeit, sich mit der nationalen Volksmusik zu befassen, und vor seiner Heimreise versprach er dem Philharmonischen Orchester von Rio, eine „brasilianische Suite“ zu schreiben. Ende des Jahres hatte er drei Sätze abgeschlossen, deren Orchestration im Januar 1928 fertig war. Zwei weitere Sätze waren geplant, wurden aber nie realisiert: Zu sehr war Respighi durch seine Feste romane, dem dritten Teil der „Römischen Trilogie“, und einen gefüllten Tourneeplan in Anspruch genommen, als dass er das Werk bis zu seiner Premiere hätte abschließen können. So kamen im Juni 1928 in Rio de Janeiro drei Impressioni brasiliane („Brasilianische Impressionen“) zur Aufführung – drei musikalische Schnappschüsse von Eindrücken des vorigen Jahres, die die einheimische Melodik und Rhythmik voll und ganz in dieses Werk integrieren, das „zum Vergnügen und zur Entspannung“ geschrieben wurde.

Das Werk beginnt mit einem Nocturne, einem stimmungsvollen Souvenir, dessen teils schmachtende, teils sinnliche Tanz- und Volkslied-Fragmente durch Respighis wie stets farbenfrohe Instrumentation erwärmt werden. Der kürzere zweite Satz bringt eine bildhafte Erinnerung an den Besuch im Instituto Butantan wo man unter anderem Giftschlangen zur Gewinnung von Impfstoffen aufzog. Aus der aufsteigenden Fagottfigur am Anfang lässt Respighi ein beängstigend finsteres Bild entstehen: chromatische Gleitbewegungen, eine Klapperschlange (Tamburin) und das eisige Zitat des mittelalterlichen Dies Irae aus der Totenmesse lassen keinen Zweifel daran, welch tiefen Eindruck die Besichtigung gemacht hat. Danach finden wir Respighi beim abschließenden Gesang und Tanz in aufgeknöpfter Stimmung. Mit einer Kollektion perkussiver Effekte, schwingenden Rhythmen und einer von den Hörnern vorbereiteten, überschwenglichen Samba kreiert er einen musikalischen „Karneval in Rio“, wobei auch hier wieder das sichere Gespür für orchestrale Farben einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt.

Einige Jahre früher war Respighi durch einige Klavierstücke von Gioacchino Rossini zu seiner brillant instrumentierten Ballettmusik La boutique fantasque angeregt worden, die 1919 in London zur Uraufführung kam. 1925, im Jahr der Vetrate di chiesa, wandte sich Respighi erneut dem Schaffen seines berühmten Landsmannes zu – dieses Mal einer Klaviermusik-Sammlung namens Les Riens („Kleinigkeiten“), aus denen er die Suite namens Rossiniana destillierte. Jeder der vier Sätze erweist Rossini durch die musikalische Landschaft italienischer Lieder und Tänze seine Reverenz. Im ersten Satz umschließt Respighi ein farbiges, walzerartiges Siciliano mit einer Barcarole, dem traditionellen Gesang des venezianischen Gondoliere. Im folgenden Lamento verdüstert sich die Stimmung, wenn ein brütendes Thema durch das Blech ein unheilvolles Gewicht erhält. Die Soloklarinette vermeldet dann die Wiederkehr des Hauptthemas, das jetzt in einen warmen, lyrischen Glanz transformiert ist. Das bezaubernde Intermezzo mit seiner funkelnden Orchestration wirkt beinahe wie eine Ouvertüre zur Lebendigkeit der Tarantella, in der die extrovertierten äußeren Abschnitte eine festliche, von unheilvollem Glockengeläut durchsetzte Prozession umrahmen; am Ende beherrscht natürlich der vitale süditalienische Tanz mit seinen jagenden Rhythmen und der farbigen Orchestration die Stimmung dieses begeisternden Finales.

David Truslove
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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