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8.557717 - TCHAIKOVSKY / BALAKIREV / GLAZUNOV: Arrangements for 2 Pianos 8 Hands
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Klaviertranskriptionen der russischen Romantik für zwei Klaviere zu acht Händen

 

Nicht nur von Chopin und Liszt ist bekannt, dass sie gemeinsam achthändige Werke aufführten wie beispielsweise 1838 in Rouen mit Kollegen eine Transkription von Beethovens 8. Symphonie. Das achthändige Klavierspiel war im 19. Jahrhundert weit verbreitet, und es entstanden zahlreiche Originalwerke und Transkriptionen. Die vorliegenden Werke sind von den Komponisten selbst für zwei Klaviere zu acht Händen verfasst - mit Ausnahme von Tschaikowskys Italienischem Capriccio, einer Transkription seines Konservatoriumskollegen Eduard Langer.

Peter I. Tschaikowski, 1840 als Sohn eines Bergwerkunternehmers in Wotkinsk im Ural geboren, erhält auf eigenen Wunsch schon früh Klavierunterricht. Nach dem Studium der Rechte arbeitet er in Petersburg im Justizministerium, bis er 1862 seiner Neigung folgt und Kompositionsunterricht bei Anton Rubinstein, dem Gründer des Petersburger Konservatoriums, nimmt. Ab 1866 Dozent an dem von Nikolai Rubinstein neugegründeten Moskauer Konservatorium, erringt er mit seinen Kompositionen erste Erfolge. Während er in Russland und bald auch im Ausland als Komponist zu Ruhm gelangt – 1875 wird sein erstes Klavierkonzert in Boston von Hans von Bülow mit größtem Erfolg uraufgeführt –, durchlebt er heftige private Krisen. Seiner Heirat mit Antonina Miljukowa 1877 folgt ein Selbstmordversuch. Großzügige finanzielle und moralische Unterstützung erhält Tschaikowsky von der Mäzenin Nadjeschda von Meck. Ab 1887 tritt Tschaikowski auch als Dirigent auf, in den folgenden Jahren führen ihn triumphale Konzertreisen durch Europa und nach Amerika. Er stirbt 1893, möglicherweise durch Selbstmord als Folge von Repressalien in Zusammenhang mit seiner Homosexualität.

„Augenblicklich leben wir hier im Zeichen des Carnevals“, schreibt Tschaikowski 1880 aus Rom an Nadjeschda von Meck. „Die Lustigkeit des hiesigen Volkes [ist] eine aufrichtige und ungezwungene; sie wird mit der warmen schönen Luft eingeatmet… Ich befinde mich noch immer in gereizter Stimmung. Doch arbeite ich ziemlich erfolgreich, so dass ich die Skizzen zu einer italienischen Fantasie über Volkslieder bereits fertig habe. Dank den schönen Melodien, die ich teils aus Sammlungen genommen, teils mit eigenen Ohren auf der Strasse gehört habe, wird diese Fantasie sehr effektvoll werden.“

Diese Fantasie, das Italienische Capriccio, stellt Tschaikowski noch im selben Jahr fertig und widmet es dem Cellisten Karl Dawidow. Das Capriccio beginnt mit einer Fanfare, das Signal der italienischen Kavallerie, welches Tschaikowski allabendlich in Rom hörte, und entwickelt sich zu einem bunten Reigen italienischer Folklore, der von melancholischem Stolz bis zu überschäumender Freude und wilder Ausgelassenheit reicht und mit einer furiosen neapolitanischen Tarantella endet.

Einer der vielseitigsten Komponisten des 19. Jahrhunderts ist Mili A. Balakirew (1837-1910), als Sohn einer Pianistin in Nizhnij Nowgorod geboren. Naturwissenschaftlich ausgebildet, erlangt er Berühmtheit nicht nur als Komponist, sondern auch als Pianist, Dirigent, Gründer und Leiter der Kostenlosen Musikschule in St. Petersburg, Direktor der Petersburger Hofsängerkapelle sowie als Mentor und Initiator des berühmten „Mächtigen Häufleins“, eines Zusammenschlusses mit seinen Komponistenkollegen Borodin, Cui, Mussorgski und Rimski-Korsakow, die es sich zur Aufgabe machen, die russischen Wurzeln und Einflüsse in der zeitgenössischen Musik zu erforschen und zu stärken. Mehrere Reisen führen Balakirew in den 1860er Jahren in den Kaukasus, wo er die dortigen Volksmusiktraditionen erkundet. Auf einer dieser Reisen entsteht die Idee zu Tamara, ursprünglich Lesginka genannt nach dem gleichnamigen kaukasischen Tanz.

Der Dichter Michail Lermontow (1814-1841) ist es, dessen Poem Tamara Balakirew zu seiner gleichnamigen Komposition inspirierte, die wie sein bekanntestes Werk Islamey in der kaukasischen Volksmusik verwurzelt ist. „Wenn ich durch Pjatigorsk gehe, ist mir, als wäre Lermontows Geist um mich…“, schreibt Balakirew 1862 unter dem Eindruck von Lermontows Dichtung aus dem Kaukasus an seinen Freund Stassow. „Ich liebe die gleiche Natur wie er – sie macht auf mich den gleichen starken Eindruck.“

Lermontows Poem erzählt von der „Königin“ Tamara, die in einem Turm am Fluss Terek hoch über der Darjálschlucht lebt. „Schön wie ein himmlischer Engel/ wie ein Dämon, so tückisch und bös.“ Tamara verführt mit ihrem Gesang die vorbeiziehenden Wanderer, feiert mit ihnen nächtliche Orgien und tötet sie schließlich. Es bleibt die Erinnerung an Tamaras Versprechen einer nie endenden Liebe: „Wie zärtliches Abschiedswehen/ Ertönte der Stimme Laut/ Als gäb es ein Wiedersehen/ Und Liebe, so süß und so traut.“

Balakirew arbeitet 15 Jahre an dem Werk und widmet es Franz Liszt, der sich am 21.10.1884 bedankt: „Meine bewundernde Sympathie für Ihre Werke ist bekannt. Wenn meine Schüler mir eine Freude bereiten wollen, spielen sie mir Ihre Kompositionen und die Ihrer mutigen Freunde vor. […] In dieser russischen Phalanx grüße ich von Herzen die talentierten Meister einer seltenen Lebenskraft: sie leiden an keinerlei Ideenarmut […].“

Anders als Tschaikowski und Balakirew erringt Alexander K. Glasunow bereits sechzehnjährig Berühmtheit, als seine erste Symphonie unter der Leitung Mili Balakirews uraufgeführt wird. 1865 in St. Petersburg geboren, hatte er nach erstem Musikunterricht bei seiner Mutter ab 1879 seine musikalische Ausbildung bei N. Rimski-Korsakow fortgesetzt. Der Erfolg seiner ersten Symphonie erweist sich als entscheidend für seinen weiteren Werdegang: Er macht die Bekanntschaft mit dem Kaufmann und Mäzen M. Beljajew, der ihn Zeit seines Lebens fördern und seine Werke herausgeben wird. In der Vielseitigkeit seines Schaffens – es umfasst beinahe alle Gattungen – offenbart sich auch eine kosmopolitische Haltung: mühelos verbindet Glasunow russische mit westeuropäischen Musiktraditionen. 1899 als Professor an das Petersburger Konservatorium berufen, ist er ab 1905 dessen Direktor. Sein berühmtester Schüler wird Dmitri Schostakowitsch. Nach ausgedehnten Auslandstourneen als Dirigent lässt Glasunow sich 1932 in Paris nieder, wo er 1936 stirbt.

„Unheimlich ist der Wald zu nächtlicher Stunde, wenn die Bäume die Formen von Ungeheuern annehmen und von Zeit zu Zeit geheimnisvolle Laute die Luft erfüllen.“ So beginnt das Programm, das Glasunow seiner Fantasie Der Wald, komponiert 1882 bis 1887, voranstellt. Furchterregende Fabelwesen versammeln sich zu mitternächtlichem Gelage und orgiastischem Tanz. Nymphengesang, ein polternder Riese, eine Jagd und schließlich der Einbruch der Dämmerung mit dem Lied eines Schäfers und dem Gesang der Vögel werden mit musikalischen Mitteln bildlich dargestellt.

An den Freund und Musikkritiker V. Stassow, dem das Werk gewidmet ist, schreibt Glasunow am 8.11.1882: „Am Samstag habe ich Mili Alexejewitsch [Balakirew] den Wald vorgespielt. Er […] begann mich zu schelten, indem er mir sagte, dass es keine Logik in dem Werk gäbe…Die Nymphen haben ihm nicht gefallen. Die Jagd hat er niedergemacht.[…] Riet mir, das Werk beiseite zu legen und mich mit etwas anderem zu beschäftigen. Ich habe ihm natürlich zugestimmt. […] [Dennoch] bin ich kein bisschen deprimiert, denn Balakirews anfängliche Meinung über welche Sache auch immer verliert sich bald.[…]“ Tatsächlich hat Balakirew seine Meinung später revidiert.

Anders als Der Wald steht Glasunows Fantasie Das Meer, 1889/90 komponiert, im Zeichen Richard Wagners, dem das Werk gewidmet ist und unter dessen Einfluss es entstand. „Über mich selbst kann ich sagen, dass ich mich in einem furchtbar niedergeschlagenen Zustand befinde“, lässt Glasunow seinen Freund S. Kruglikow am 1.4.1889 wissen. „Das einzige, was mich tröstet, ist das Werk Das Meer, das ich vorhabe zu schreiben, mit einigem Einfluss Wagners, den ich liebe, wie ich eine Frau liebe […]“ Ein Jahr später, am 6.4.1890, berichtet er Tschaikowski: „Das Meer, scheint mir, [ist] ziemlich mächtig geworden […]“.

Auch diesem Werk hat Glasunow ein Programm vorangestellt. „[…] Die Sonne brennt am Himmel, das Meer liegt ruhig da, doch mit einemmal kommt eine starke Bö auf, der Himmel verdunkelt sich, und das Meer gerät in Aufruhr. Mit wütendem Geheul und gigantischer Kraft beginnen die Elemente zu kämpfen. Donnerschläge hallen durch die Luft. Dann zieht der Sturm vorüber, und allmählich beruhigt sich das Meer. Von neuem spiegeln sich Strahlen der Sonne auf der sich glättenden Oberfläche.[…].“

Julia Severus

 


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