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8.557733 - RENDINE: Passio et Resurrectio
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Sergio Rendine (geb.1954)
Passio et Resurrectio

 

Diese Musik hat sowohl Körper, als auch Seele; sowohl Nerven als auch Seele; sie drückt Angst, Ungewissheit, Furcht, Schmerz und Verwirrung aus, besitzt aber auch Seele.

Jeder, der daran glaubt, dass geistliche Musik nicht mehr ist, als die von der oder für die Seele geschriebene Musik, wird sie nicht verstehen. Dies, dies ist die Musik der Liebe. Und die Liebe des Herrn ist klar durch die furchtbare Demütigung und das Leiden seines Einen Sohnes, einem Sohn, der Gott ist und es zugleich doch auch nicht mehr ist: in seiner letzten Stunde ist er allein. Er ist nur ein Menschen-Sohn. Durch ihn schreit die Menschheit auf: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und ich, ein winziger Teil der Menscheit, möchte mit ihr aufschreien.

Meine Musik ist daher die eines Menschen für Menschen; die eines Kindes für jene, die – wie er – vor dem auferstandenen Christus stehen wie vor einem Kürbis, der zu einer Kutsche wurde: den Mund staunend geöffnet. Es ist dies eine un-intellektuelle Musik, denn sie trachtet danach, jene Art von Banalität zu vermeiden, die mancher leichtfertig „intelligent“ nennt. Es ist eine intuitive Musik, geschrieben, ohne nachzudenken, oder vielmehr geschrieben in einem anderen Denkmuster. Es ist Musik... und das ist der Punkt... Über Musik zu reden ist, wie wenn man versuchen würde, Kleider zu tragen, die aus Wasser sind... Das mag bisweilen nutzlos sein, und doch tauchen wir ein darin. Es ist besser, Musik zu hören, und noch besser ist es, sie selbst zu machen. Wie immer...

Sergio Rendine

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Das Teatro Marrucino und die „Passio et Resurrectio“

Im Frühjahr des Jahres 1977 öffnete das in den italienischen Abruzzen gelegene Teatro Marrucino erstmals seine Pforten für nicht-professionelle Sänger und Musiker. Die Karwoche hindurch waren diese Gruppen um Chieti herum mit ihren Passionsliedern von Haus zu Haus gezogen. Dabei wurden über diese Woche jeweils zwei Lieder pro Tag aufgeführt, alte Musik, die sich oftmals zu den Tagen der gregorianischen Gesänge zurückverfolgen lässt und die über die Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation überliefert worden ist.

Mehr als einhundert Meilen weiter, in Neapel, wo die Wurzeln der Ostertradition liegen, komponierte unterdessen Sergio Rendine jene Kantate, die dann Passio et Resurrectio für Solostimmen, „Volks“- Stimmen, Chor und Orchester werden sollte. Zu dieser Zeit aber kannten weder wir ihn, noch er uns oder das Teatro Marrucino.

Das Schicksal führte uns erst im Sommer 1997 zusammen, und bald schon sprachen wir über diese wunderbare Tradition, die – wenn auch in unterschiedlichen Formen – schon sehr lange im südlichen Italien existiert hatte. Nicht lange darauf, am 13. April 2000, gaben Chor und Orchester des Teatro Marrucino dann die Premiere von Passio et Resurrectio (Texte von Vincenzo De Vivo) in der San Giustino Kathedrale zu Chieti.

Das Konzert wurde von RADIORAI aufgenommen und am Karfreitag, gleich nach der traditionellen Via Crucis Zeremonie des Papstes in Rom, gesendet. Seither wurde es von RAI Sat und RAI International in 58 verschiedenen Ländern gesendet und das Marrucino Orchester hat das Werk sowohl in den Abruzzen als auch in Rom aufgeführt, wobei das Exultate Teil des von der RAI aus Bethlehem gesendeten Weihnachtskonzertes 2003 war.

Aurelio Bigi und Nicola Cuculoi

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Die Osterkantate Passio et Resurrectio ist eine Vertonung jener Gefühle, die das einfache Volk am wichtigsten Feiertag des Kirchenkalenders empfindet. Seine Inspiration bezieht es aus lokalen Volksbrauchtümern (die ihrerseits wiederum auf jahrhundertealten Ritualen fußen), die bis vor kurzem noch in den ländlichen Regionen der Abruzzen, Kampaniens und Apuliens überlebt haben.

Die Osterbräuche im Königreich von Neapel variierten zwar von Ort zu Ort, hatten jedoch allesamt eines gemein: das Passionslied für Solostimme oder einstimmigen Chor, oftmals begleitet von Streichern (sowohl gestrichen als auch gezupft), Holzbläsern, Perkussion und – in späterer Zeit – Akkordeon. Die musikalische Tradition begann dabei in den ländlichen Gebieten mit reisenden Sängern, die von Hof zu Hof zogen, griff dann aber sehr bald schon auf die urbanen Zentren über, wo man stattdessen von Haus zu Haus zog. Die dargebotene Musik war unabhängig von den verschiedenen Regionen mehr oder weniger ähnlich: die rituelle Erzählung der 24 Passionsstunden, vom letzten Abendmahl bis hin zum Begräbnis, dem Pianto della Madonna (Tränen der Jungfrau), als Maria nach ihrem Sohn sucht, und der Geschichte der letzten Stunden Christi, die mit der Segnung des Heiligen Palmbaums enden.

Die Ursprünge der die Oster-Passion umgebenden Bräuche liegen sehr weit zurück und umfassen manches, was sich ursprünglich mit den Passionen der im alten Rom verehrten Götter des Mittleren Ostens verband. Die unterschiedlichen Versionen dieser Volkslieder, die man immer noch in Kampanien und den Abruzzen hören kann, sind in nachgerade unendlich vielen Varianten überliefert worden. Dabei wechselt auch die Sprache von Ort zu Ort, vom Dialekt zum Italienischen oder italienisierten Dialekt. Auch die Form variiert, wobei das Versschema, das, was Rhythmus und Reimschema angeht, häufig unregelmäßig ist, in den überlieferten Transkriptionen dazu tendiert, sich dem Wohlklang der im 18. Jahrhundert gebräuchlichen elfsilbigen Zeilen des Dichters und Librettisten Pietro Metastasio anzunähern, von dem sich – neben eher authentischvolkstümlich überlieferten Texten – vieles in der Ostermusik an der Küste von Amalfi wiederfinden lässt. Und tatsächlich kam es im 18. Jahrhundert auch zu einer Vermengung von lokalen Traditionen und literarisch gelehrteren Formen, was dem Bischoff, Musiker, Dichter und Moralisten St. Alphonsus Liguori zu verdanken ist. Er war es, der die Integration traditioneller Rituale in die katholische Orthodoxie ermutigte und so etwa das Singen der Orologio della Passione (die 24 Stunden der Passion) als „heilige Praxis“ kodifizierte, die sich späteren Praktiken der Via Crucis hinzugesellten (die Prozession entlang der vierzehn Kreuzwegstationen des Leonhard von Porto Maurizio), den Sieben Letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz und den Drei Stunden des Todeskampfes Christi am Kreuz.

Der Text von Passio et Resurrectio ist eine Meditation über die „heilsame Kontemplation der Passion“ (Paulus vom Kreuz). Dabei wird traditionelle Musik mit den nachdenklichen Momenten der Sieben Letzten Worte verbunden, die integraler Teil des volkstümlichen Ritus der Orologio della Passione werden und die zusammen mit dem Text des Evangeliums vom Chor Marias Kümmernis begleitet, wie es in der mündlichen und mittelalterlichliterarischen Tradition zum Ausdruck kommt.

Ist das Werk Sergio Rendines nun schon seit einiger Zeit erfüllt von einem gewissen spirituellen Verlangen, das die menschliche Dimension transzendiert, so ist in Passio et Resurrectio seine religiöse und naturalistische Inspiration offensichtlich. Dabei hat sich sein Stil im Laufe der Jahre entwickelt und ist linguistisch und formal komplexer geworden durch Anleihen aus anderen Orten und Zeiten. Hier, bei den Themen der Passion und der Auferstehung, findet er für die Musik altes Leben in ihren mediterranen Wurzeln, in den Strukturen der großen neapolitanischen Rhetorik- Tradition, seien diese nun geistlich-„theatralischer“ Natur, wie bei Francesco Durante oder Giovanni Battista Pergolesi, oder von großer Schlichtheit, wie bei Leonardo Leo, seien es die Lutheranischen Choräle in den Passionen von Bach oder anderen, die Reinheit der geistlichen Musik des 18. Jahrhunderts, die gutturalen Laute der Straßenmusik, die zügellosen Rhythmen ritueller Tänze oder die verzweifelten Rufe von Männern, die dem Leiden Gottes in der Hoffnung auf Erlösung ihren eigenen, täglichen Schmerz anvertrauen.

All’ diese Elemente bilden zusammen ein weites Gefüge oder ein Polyptychon, bei dem einige Tafeln ein Vorleben haben, wie etwa das Alleluia in der Missa pro pace, das Ashkenazy in Stockholm dirigierte, oder auch Exultate und Agnus Dei, die – in geringfügig anderer Form – zuvor Teil von Rendines Missa de Beatificatione in onore di Padre Pio waren.

Die Kantate beginnt mit den Worten Christi, dessen letzte Stunde auf Erden angebrochen ist. „Tristis est anima mea“ (Meine Seele ist traurig) singt der Chor. Die „Volks“-Stimme antwortet, begleitet von Perkussion, die den Takt zu den ersten 19 Stunden der Orologio della Passione schlägt. Darauf folgen die wiederum vom Chor vorgetragenen Sieben Letzten Worte, denen sich meditative Texte aus den Abruzzen anschließen. Ein instrumentales Zwischenspiel mit Solo-Trompete steht für die Geschichte vom guten Dieb, während ein Flötensolo Marias Trauer umschreibt ehe dann die 20. Stunde ausgerufen wird. Die letzten Drei Worte finden sich in den Versen des Agnus Dei, und so endet der Passio-Abschnitt vor den letzten drei Stunden der Orologio.

Die Auferstehung verkündigend, intoniert in der Ferne eine Stimme ein freudiges Alleluia. Die Freude des Volkes entlädt sich im rhythmischen Exultate, das für zwei Stimmen – eine männlich, die andere weiblich – ohne näher definierte Tonhöhe komponiert ist. Schließlich kehrt das Alleluia-Thema in einer durchführenden Reprise des Mezzo zurück, bis zuletzt auch der Chor mit in den Lobgesang einstimmt.

Vincenzo De Vivo
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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