About this Recording
8.557748 - SZYMANOWSKI: Violin Sonata / Mythes / Notturne and Tarantella
English  German 

Karol Szymanowski (1882–1937)
Musik für Violine und Klavier

 

Zwar spielte die Kombination von Geige und Klavier in Karol Szymanowskis Schaffen eine weniger wichtige Rolle als das Orchester, die Singstimme und das Klavier allein; gleichwohl hat er eine Reihe von Werken für diese Besetzung geschrieben, die für sich eine treffende Würdigung seiner musikalischen Entwicklung erlauben, weil sie sich über seine gesamte kompositorische Laufbahn verteilen. Diese Entwicklung gliedert sich in vier Hauptperioden: In der ersten Phase (1900-1912) verbinden sich die Einflüsse Chopins und Skrjabins mit denen der deutschen Spätromantiker, namentlich Strauss und Reger; in der zweiten Phase (1913-19) entsteht ein äußerst individueller Stil, der sich am Impressionismus Debussys und des frühen Strawinsky orientiert, zugleich aber auch Kultur und Folklore des Mittleren Ostens einbezieht; in der um die Oper König Roger zentrierten dritten Phase (1918-24) wird die vorherige Phase intensiviert, während das Kommende bereits angedeutet wird; und in dieser vierten Phase (1925-34) stützt sich Szymanowski schließlich ebenso frei wie fantasievoll auf die polnische Folklore, insonderheit auf die Volksmusik der Tatra, und es entsteht ein OEuvre, in dessen strenger Harmonik und erfrischender Rhythmik sich das polnische Erbe des Komponisten spiegelt und zugleich eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Neo-klassizismus darstellt, der damals von Komponisten wie Bartók, Strawinsky und Prokofieff gepflegt wurde.

Die Violinsonate aus dem Jahre 1904 ist eines von mehreren großangelegten Instrumentalwerken aus der ersten Schaffensphase, in der Szymanowski auch seine beiden ersten Symphonien [ Naxos 8.553683] und die ersten zwei Klaviersonaten [ Naxos 8.553867 bzw. 8.553016] komponierte. Äußerlich zeigt das Werk eine konventionelle Form sowohl im ganzen wie in der Anlage der einzelnen Sätze; indessen ist zu erkennen, wie gründlich die stilistischen Einflüsse assimiliert wurden und wie sicher Szymanowski mit der heiklen Duo-Besetzung umzugehen wusste, die er später weiterentwickeln und verfeinern sollte.

Der erste Satz beginnt mit einem leidenschaftlichen Thema, das beide Instrumente in einen mächtigen Dialog einbezieht. Introvertierter und weniger geradlinig ist der Nebengedanke, dem es freilich an expressiven Impulsen nicht mangelt und der in eine nachdenkliche Codetta übergeht. Die Durchführung bedient sich beider Themen und präsentiert sich als rhapsodischer, allmählich sich steigernder Meinungsaustausch der beiden Instrumente – worauf nach einer zögerlichen Pause die Reprise mit einer verkürzten Form des ersten Themas einsetzt. Dem zweiten Thema werden entsprechend größere Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt, wobei bereits der resignative Tonfall entsteht, den die zurückhaltende Coda dann nur noch unterstreicht. Der langsame Satz wird von trostreichen Klavierfiguren eingeleitet und entfaltet sich langsam als lyrische Geigenkantilene. Die ununterbrochene Melodielinie wird schließlich von kapriziösen Violinpizzikati und Klavierakkorden im Unisono abgeschnitten. So abrupt diese Passage einsetzte, so plötzlich geht sie auch zu Ende, um der Wiederholung der lyrischen Musik zu weichen, die sich zu einem verzückten Höhepunkt steigert, der in einem zarten Schluss verklingt. Das Finale beginnt mit einem Aufmerksamkeit heischenden, deklamatorischen Ruf der beiden Instrumente und bringt dann ein entschlossenes Thema, das sich ganz natürlich zu einer ruhigen zweiten Melodie hinbewegt. Der kurze, energische Mittelteil liefert ausdrucksvolle motivische Dialoge, bevor die expressiv gesteigerte Reprise an die beiden Hauptthemen erinnert, die in einer wogenden Coda miteinander verbunden werden.

Die Romance von 1910 ist zwar ein kleineres Stück, dabei aber insofern bezeichnend, als sich an ihr erkennen lässt, wie der Komponist die Aspekte des musikalischen Impressionismus integrierte, die in seiner zweiten Schaffensphase dominierten und sich exemplarisch in Werken wie der dritten Symphonie [ Naxos 8.553684] sowie dem ersten Violinkonzert [ Naxos 8.553685] niederschlugen. Die Musik entfaltet sich in warmherziger Lyrik und stößt im Laufe der weiteren Entwicklung in tiefere emotionale Regionen vor, steigert sich zweimal zu kurzen, ausdrucksvollen Höhepunkten und endet in einer sanften, ruhigen Stimmung.

Notturno und Tarantella (1915) bilden Szymanowskis überschwenglichstes Duo für Violine und Klavier, sind aber wohl noch häufiger in der Fassung mit Orchester zu hören, die der Dirigent Grzegorz Fitelberg eingerichtet hat [ Naxos 8.553685]. Das Notturno beginnt mit überlappenden Akkorden des Klaviers und einer geheimnisvollen, orientalisch klingenden Phrase der Geige. Diese weicht einem gesanglichen Satz, der bald größere rhythmische Impulse und expressive Unmittelbarkeit entwickelt und die Musik in eine variierte Reprise der ersten Gedanken hineintreibt, worauf die Entwicklung wieder in die düster-brütende Atmosphäre des Anfangs zurückführt. Fast ohne Pause setzt die impulsive Tarantella ein, die das voraufgegangene „Nachtstück“ in jeder Hinsicht komplementär ergänzt und eine Dynamik entfaltet, wie man sie selten in Szymanowskis damaligen Werken findet. Beide Instrumente geraten in ein Zwiegespräch, dessen musikalische Intensität und virtuose Technik gleich groß sind. Schließlich treibt der unterschwellige Tanzrhythmus die Musik ihrem entschiedenen, schillernden Ende entgegen.

Mit den Mythen schuf Szymanowski im Jahre 1915 ein Werk, das einen Rang unter den besten Stücken für Violine und Klavier überhaupt beanspruchen kann. Dabei kam ihm zweifellos die Zusammenarbeit mit dem polnischen Geiger Pawel Kochanski zugute, dem der Komponist hier ein durchweg neues geigerisches Ausdrucksspektrum lieferte und für den er später auch seine beiden Violinkonzerte schreiben sollte [ Naxos 8.553685].

Das erste Stück, La Fontaine d'Aréthuse, beginnt mit schimmernden Klavierklängen, über denen die Violine ihre zugleich ätherische und ekstatische Melodielinie ausspinnt. Die Musik wird kapriziöser, während die beiden Instrumente miteinander in spiralenförmigen Klangbögen wetteifern, und doch bleibt das grundlegende Gleichgewicht gewahrt, wenn die Stimmung des Anfangs wiederkehrt und die Musik von zwei nüchternen Klavierakkorden beschlossen wird. Das zweite Stück, Narcisse, ist eine „Romanze“ im keuschen Sinne. Die Violinstimme verbreitet sich über delikaten Klavierfiguren, und das mit einer graziösen Geschmeidigkeit, die nur zum Teil durch die größere Kraftentfaltung des Mittelteils gemindert wird. Dieser wirkt wie ein emotionaler Höhepunkt, der die Violine dazu bewegt, den Anfang in gesteigerter Form zu wiederholen. Beschlossen wird der Satz, indem auf beide Gedanken wie in einer ruhigen Segnung angespielt wird. Das dritte Stück, Dryades et Pan, bringt die Komposition mit einer Musik von gebührender Energie und Grazie zum Abschluss. Im Mittelteil hört man luftige Flageoletts der Violine und komplexe harmonische Wechselbeziehungen beider Instrumente, deren improvisatorische Eleganz einen kurzen Höhepunkt erreicht und sich dann in einem leichten Dissonanzen-Nebel auflöst. Ein geschicktes Hin und Her verschiedener Gesten, und die Musik entschwindet im Äther.

Die Berceuse d'Aïtacho Enia (1925) ist das einzige Stück für Violine und Klavier aus Szymanowskis vierter Schaffensphase. Auch dabei handelt es sich um ein kleineres Werk, das aber von dem für Szymanowskis letzte Jahre so wichtigen Pathos berührt ist. Über einer ruhigen, wellenförmigen Klavierfigur entfaltet die Violine eine delikate Melodie, die kadenzierende Ruhepunkte berührt, ohne je ihre tonale Ambivalenz aufzugeben. In gedämpften Klängen endet der Satz.

Als letztes Stück der vorliegenden Kollektion erklingt Kochanskis Transkription der berühmten Arie, die Roxanna im zweiten Akt der Oper König Roger zu singen hat [Gesamtaufnahme des Werkes auf Naxos 8.660062-63] und mit der Szymanowski ein Stück gelang, das sich bald als populäre Zugabe etablierte. Nach einer weitgehend unbegleiteten Einleitung folgt die Transkription genau den Konturen der Singstimme und ihrer eigenartigen harmonischen Unterlage. Sie erhebt sich zu einer sinnlichen Klimax und entschwindet voller Bedauern – wobei der „Konzertschluss“ in keiner Weise die Ruhe des Originals beeinträchtigt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window