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8.557752 - ENGLISH STRING MINIATURES, Vol. 5
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Englische Miniaturen für Streicher, Folge 5

 

Pamela Harrison (1915-1990) wurde in Kent geboren, wo sie auch aufwuchs, bevor sie am Royal College of Music bei Gordon Jacob (Komposition) und Arthur Benjamin (Klavier) studierte. 1943 heiratete sie den Cellisten Harvey Phillips; ihre Suite for Timothy entstand fünf Jahre später zum ersten Geburtstag ihres Sohnes. Neben einer Concertante für Klavier sowie Liedern für Tenor und Streicher nach Baudelaire, Dowson, Herrick und Thomas ist diese vorliegende Suite eines von ganz wenigen Stücken, die nicht zur Kammermusik gehören, für die sich Pamela Harrison fast ausschließlich interessiert hat.

Francis Chagrin (1905-1972) wurde als Alexander Paucker in Rumänien geboren. Seinen neuen Namen nahm er an, als er über Frankreich nach England ging. 1943 gründete er in London das Committee (später: Society) for the Promotion of New Music, das viele Werke bekannter und weniger bekannter Komponisten uraufführte. Zu seinen eigenen Kreationen gehören zwei Sinfonien, zahlreiche Kammermusiken, Lieder und konzertante Stücke - unter anderem eine Rumänische Rhapsodie für Larry Adler, Filmmusiken wie The Colditz Story und An Inspector Calls, ferner Musik für die vielen Hoffnung-Cartoons von Halas und Batchelor sowie zu Fernsehserien (The Four Just Men u.a.). Die Renaissance Suite sieht als Besetzung „Streichorchester (und/ oder Bläserquartett)“ vor und enthält Bearbeitungen anonymer Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert; besonders beeindruckend ist die Gagliarda mit ihren unregelmäßigen Phrasenlängen. Das gesamte Werk stellt eine gelungene Mischung aus historischer Authentizität und Moderne dar.

Percy Fletcher (1879-1932) wurde in Derby geboren. Mit praktischer Erfahrung als Geiger, Pianist und Organist verbrachte er einen großen Teil seines Lebens als Musikdirektor verschiedener West End-Theater. Den Höhepunkt dieser Karriere erreichte er 1915, als er an das Theater His Majesty’s kam. Einer von Fletchers frühesten Erfolgen war Chu Chin Chow, das lange aufgeführt wurde. An eigener Musik schrieb er unter anderem Lieder und Chöre sowie Orchesterminiaturen und Suiten. Des weiteren schuf er mindestens zwei Klassiker für Blechbläser, die sich nach wie vor im Repertoire halten, regelmäßig für Wettbewerbe benutzt werden und sich gut neben späteren Stücken berühmterer Komponisten behaupten können. Mit Ausnahme seines Dauerbrenners Bal Masqué wird der überwiegende Teil seines Schaffens jedoch nicht gespielt. Folksong und Fiddle Dance mit dem merkwürdigen Untertitel „Suite“ bilden ein kurzes, charmantes und lebendiges Diptychon, deren Frische und Spontaneität viele seiner Werke auszeichnet.

Paul Lewis (geb. 1943) wurde in Brighton geboren. Er machte einen Bogen um Universitäten und Musikschulen und ging seinen eigenen Weg als Komponist. Den Auftrag zu seiner ersten Fernsehmusik erhielt er als Zwanzigjähriger. Seither hat er viele Stücke für dieses Medium geschrieben. Besonders bekannt wurden sein Arthur of the Britons, später dann Woof! und Bernard’s Watch. Die Suite Navarraise entstand nach einem Urlaub im französischen Baskenland und ist davon inspiriert, dass hier im Jahre 1553 Henri de Navarre, der spätere Heinrich IV. von Frankreich, geboren wurde: Heinrichs Mutter unternahm im letzten Stadium ihrer Schwangerschaft eine lange, mühevolle Reise zum Herzogssitz von Pau, und auf dem gesamten Weg sang sie Lieder, um das ungeborene Kind mit ihrem Geist zu erfüllen. In Arrive à Pau (Ankunft in Pau) erklingen Fanfaren, während sich die Prozession nähert, und wenn die werdende Mutter, immer noch singend, ihr Ziel erreicht, hören wir eine volksliedartige Melodie. Berceau d’un prince (Die Wiege eines Prinzen) meint den alten, im Schloss von Pau aufbewahrten Schildkrötenpanzer, der Heinrich als Wiege diente. Le vert galant (Der galante Wind) war der im umgangssprachlichen Französisch sehr bezeichnende Spitzname, den man Heinrich verlieh, als er zum Frauenhelden wurde. Dementsprechend ist der Satz treffend als Allegro vigoroso bezeichnet.

Albert Cazabon (1883-1970) wurde in London als Sohn des französischen Geigers Alphonse Cazaubon geboren, der an der Karmeliterkirche in der Kensington Church Street als Musikdirektor tätig war. Mit vier Jahren war Albert ein Wunderkind auf der Geige; später studierte er in Paris und London unter anderen bei Gustav Holst. Er arbeitete als Dirigent und Arrangeur - auch für den Stummfilm - und war Musikdirektor am Everyman Theatre von Hampstead. Seine Ehefrau hatte in ihrer Kindheit Tür an Tür mit Percy Grainger gewohnt und war seitdem mit ihm befreundet. Dank dieser Beziehung kam Cabazon nach Australien und wurde, nachdem Basil Cameron den Posten aufgegeben hatte, Musikdirektor des Prince Edward Theatre von Sydney. Dort schrieb er seinerzeit sogar ein Lied zur feierlichen Einweihung der berühmten Hafenbrücke im Jahre 1932. Nach dem Krieg lebte er wieder in England, wo er während der vierziger Jahre die Musik in Stratford leitete und in den Fünfzigern mit seinem eigenen Orchester regelmäßig in Sendungen der BBC zu hören war. Das Giocoso dürfte aus dieser Zeit stammen, da er es 1955 auf Ersuchen von Billy Mayerl für kleines Orchester arrangierte.

Thomas Roseingrave (1690-1766) war Komponist und wirkte als begabter Organist an St. George’s, Hanover Square. Nach einer unglücklichen Liebesaffaire mit einer Schülerin ging es mit seiner Karriere bergab. Die Harmonik seines äußerst wagemutigen musikalischen Stils erschien den Zeitgenossen als zu schroff. Er hatte nichts für den nationalen Stil Händels oder der Scarlattis übrig, entwickelte vielmehr die chromatischen Fantasien Purcells und der elisabethanischen Madrigalisten weiter. Kein Wunder also, dass diese unangepasste Haltung die Sympathie von Humphrey Searle (1915-1982) fand, der zeitweilig bei Anton Webern studiert hatte. Zum zweihundertsten Todestag von Roseingrave im Jahre 1966 richtete Searle drei Sätze aus einer Kollektion von fünfzehn Voluntaries und Fugen für Orgel oder Cembalo für Streichorchester ein. Es mag dies auch mit Blick auf die Bach- Transkriptionen seines Lehrers Webern geschehen sein - wenngleich Searle die Musik des 18. Jahrhunderts weit konformistischer behandelt hat.

John Ireland (1876-1962) wurde in Cheshire als Sohn gelehrter Eltern geboren und kam mit 14 Jahren ans Royal College of Music, wo er von 1913 bis 1939 selbst unterrichtete. Der Schüler Stanfords schuf mehr als neunzig Lieder, viele delikate Klavierminiaturen und eine kleine Zahl an Orchesterwerken - wobei sich unter den reinen Streicherstücken einige seiner eloquentesten Schöpfungen finden. Die Concertante Pastorale ist ein Originalwerk, während anderes aus verschiedenen Quellen stammt: The Holy Boy [English String Miniatures, Vol. 2, Naxos 8.555068] ist eigentlich das dritte von vier Klavierpreludes, und die hier eingespielte Downland Suite ist ursprünglich eine Komposition für Blechbläser, die 1932 als Prüfungsstück für einen Wettbewerb geschrieben wurde. Neun Jahre später begann Ireland damit, dieses Stück für Streicher einzurichten; er stellte allerdings nur die beiden mittleren Sätze fertig, bevor er vor den deutschen Invasoren von den Kanalinseln in die Heimat floh. Anscheinend hatte er dann das Interesse an dem Projekt verloren; das Arrangement wurde schließlich 1978 von seinem Schüler Geoffrey Bush vollendet. Bei der Übertragung wurden etliche Veränderungen vorgenommen: Das Prelude und das Minuet wurden gekürzt, die Elegy erweitert. Das Thema dieses Satzes erklingt noch einmal in dem abschließenden Rondo, das wiederum geringfügig modifiziert wurde.

Philip Lane
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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