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8.557754 - BRITISH TUBA CONCERTOS
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Britische Tubakonzerte
Vaughan Williams • Gregson • Steptoe • Golland

Die Tuba ist – gemeinsam mit den meisten Holz- und Blechblasinstrumenten – im 19. Jahrhundert beinahe vollständig als Konzertinstrument ignoriert worden. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, konnte die Tuba allerdings auch nicht auf eine einschlägige Vorgeschichte als Soloinstrument zurückblicken. Die Trompete etwa erfreute sich im 18. Jahrhundert einiger Beliebtheit, und zwar sowohl in der Konzertliteratur als auch als eines der häufigsten obligaten Instrumente – namentlich in der geistlichen Musik. Die Tuba tauchte erst um 1850 als Ersatz für Instrumente wie die von Mendelssohn oder Berlioz verwendete Ophikleïde auf. Tatsächlich billigte sogar Berlioz selbst bei der Herausgabe der deutschen Ausgabe seiner Symphonie Fantastique von 1830 in der 1850er Jahren in einer Fußnote der Partitur ausdrücklich die Verwendung der Tuba an Stelle der Ophikleïde. Am nachhaltigsten profitierte die Tuba allerdings von den Opern Wagners, insbesondere denen des Rings, in denen verschiedene Varianten des Instruments regelmäßig Verwendung finden.

Das Potential der Tuba als Soloinstrument haben die meisten wohl durch die 1940 entstandene Kindergeschichte Tubby the Tuba des amerikanischen Komponisten George Kleinsinger aus den 1940er Jahren erkannt, die durch Danny Kayes klassische Aufnahme bekannt geworden ist. In dieser Geschichte geht es letztlich nur darum, darauf hinzuweisen, dass die meisten Leute der Tuba keine solistische Rolle zutrauen würden. Dass sie dazu durchaus fähig ist – und zwar überaus erfolgreich – beweisen nicht zuletzt die hier eingespielten vier Konzerte, die sämtlich in den Jahren nach Tubby entstanden sind.

Edward Gregson wurde in Sunderland geboren und studierte an der Royal Academy of Music, wo er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Derzeit ist er Direktor des Royal College of Music in Manchester. Sein kompositorisches Schaffen reicht von Kammermusik über Werke für Blech- und Holzbläser-Ensembles bis hin zu Orchesterwerken. So komponierte er auch Konzerte für Violine, Klarinette und andere Holzblasinstrumente. Anfänglich wurde das Tubakonzert von einer Brass Band begleitet. Die hier vorliegende Version allerdings entstand später und wurde erstmals 1983 im Rahmen der Scottish Proms in Edinburgh unter der Leitung von Sir Alexander Gibson von John Fletcher gespielt, dem sie auch gewidmet ist. Der erste Satz ist in Sonatenform gehalten und präsentiert zwei Themen: das eine von eher rhythmischem, das andere von eher lyrischem Charakter. Eine verschmitzte Anspielung auf das Konzert Vaughan Williams’ klingt an, die dann im Material des Hauptthemas aufgeht. Das zentrale Lento ist geprägt von einem Choral in den Streichern zu Beginn und Ende des Satzes. Der Mittelteil ist chromatischer und wird zu einem rauschenden Höhepunkt gesteigert. Das Rondo Finale schließlich ist tanzähnlich und präsentiert zwei Seitenthemen, von denen das eine ausladend und schwungvoll, das andere jazzig daherkommt, als Kontrast vor der virtuosen Kadenz, nach der das Werk mit schallenden Fanfaren endet.

Roger Steptoe wurde in Winchester geboren und studierte Musik an der Royal Academy of Music in London, an der er später auch selbst lehrte, ehe er 1999 dann nach Frankreich übersiedelte. Er wirkt als Komponist, Lehrer und Preisrichter, wobei sein OEuvre sowohl kammermusikalische Werke und Lieder, als auch Konzerte für Oboe, Klarinette und Cello umfasst. Sein Tubakonzert geht auf drei Stücke mit Klavierbegleitung zurück, und es war James Gourlay, der den Komponisten dazu ermutigte, diese zu einem Konzert weiterzuverarbeiten. Er war es denn auch, der 1986 die Uraufführung in St. John’s am Smith Square spielte. Die drei Sätze, von denen der zweite und dritte durch eine Kadenz miteinander verbunden sind, werden von einem liedähnlichen Gestus bestimmt, der auf Steptoes Beschäftigung mit der Stimme gründet. Das Werk ist dabei in Zwölftontechnik komponiert, wobei die intervallischen Verhältnisse zwischen den Tönen – im Wesentlichen große Sekunden, kleine Terzen und reine Quarten – der Komposition eine ganz eigene Färbung verleihen.

Das Tubakonzert von Vaughan Williams ist – sofern man innerhalb des doch recht übersichtlichen Feldes überhaupt davon reden kann – ein Klassiker unter den Tubakonzerten. Es erklang erstmals im Juni 1954 mit Philip Catalinet und dem London Symphony Orchestra und ist ein weiteres ebenso originelles wie frisches Werk, das das fortgeschrittene Alter des seinerzeit immerhin schon 82-jährigen Komponisten Lügen straft. Das Konzert ist dabei zu dessen Jubiläum dem gesamten Orchester gewidmet und lehnt sich formal eher an Modelle Bachs, denn an solche von Mozart oder Beethoven an. Der Komponist selbst sprach von „kunstvoll ausgearbeiteten Kadenzen in den Außensätzen, die einen Binnensatz von außergewöhnlich lyrischem Charakter und großer Zartheit einschließen.“ Im Übrigen hielt Vaughan Williams die Musik für „relativ einfach und durchschaubar“ und merkte an, dass man sie „gut ohne weitere Erklärungen im Vorfeld“ hören könne. Und das ist ja so übel nicht.

John Golland wurde in Ashton-under-Lyne, bei Manchester geboren und verfolgte zuerst den Weg eines Lehrers, wobei er nebenbei auch am Royal Manchester College of Music bei Thomas Pitfield studierte. 1970 gab er dann zwar den vollzeitigen Schuldienst auf, unterrichtete später aber gleichwohl am Department of Media Studies am Salford College of Technology. Waren seine ursprünglichen Instrumente das Klavier und die Violine, so erlernte er in seinen 20ern auch das Euphonium und spielte eine Zeit lang regelmäßig in Brass Bands. Das brachte ihn dazu, schließlich auch für dieses Instrument zu komponieren. Und so entstanden auch zwei Konzerte für Euphonium, die er in England und der Schweiz auch zur Aufführung brachte. Später sollte er auch für drei Folgen der TV-Serie Dear Ladies mit Hinge und Bracket Komponieren und Arrangieren. Das Tubakonzert wurde erst nach Gollands Tod, im Juli 1997 von Andy Duncan und dem Hallé Orchestra in der Bridgewater Hall zu Manchester uraufgeführt. Es folgt dem traditionellen dreisätzigen Formschema. Das Hauptthema des Allegro überschriebenen Kopfsatzes fußt auf dem Intervall der reinen Quarte, wohingegen das nachdenkliche Adagio den Solisten über weite Teile des Satzes dem Vibraphon gegenüberstellt, dessen aufsteigendes Motiv deutlich an jenes aus dem Adagio in Khatchaturians Spartacus erinnert. Das Finale wendet sich erneut dem Intervall der reinen Quarte zu, würzt den allgemeinen Fluss der Musik jedoch mit Abschnitten im etwas zermürbenden 7/8-Metrum. Und auch wenn es keine Kadenz im eigentlichen Sinne gibt, kann die Tuba doch oft genug in quasi solistischen Abschnitten die vom Solisten verlangte Virtuosität zur Schau stellen.

Philip Lane
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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