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8.557757 - BLOCH: Violin Concerto / Baal Shem / Suite hebraique
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Ernest Bloch (1880–1959)
Violinkonzert • Baal Shem • Suite Hébraïque

 

Es ist keine Überraschung, dass Ernest Bloch die einzigartigen Ausdrucksmöglichkeiten der Violine erkundete. Der Sohn eines Genfer Uhrenhändlers wurde am 24. Juli 1880 geboren und zeigte schon früh geigerische Fähigkeiten. Mit siebzehn Jahren verließ er die Heimat, um bei dem berühmten belgischen Geiger und Komponisten Eugène Ysaÿe zu studieren. Dieser war zwar von Blochs instrumentaler Virtuosität beeindruckt, erkannte aber auch das außergewöhnliche schöpferische Potential seines Schülers und überredete ihn zur Komposition. Bloch setzte seine Studien in Deutschland fort, wo sich ihm aber keine wirklichen Berufsaussichten eröffneten, weshalb er widerstrebend in die Schweiz zurückkehrte, um als Buchhalter und Sekretär im Familiengeschäft zu arbeiten. Sein musikalischer Schwung kam ihm jedoch nicht abhanden. In den Abendstunden schuf er eine Menge neuer Werke, darunter eine Oper Macbeth, die zu seiner Überraschung von der Pariser Opéra Comique angenommen und am 30. Oktober 1910 uraufgeführt wurde.

Die Presse reagierte unterschiedlich. Romain Rolland jedoch, ein führender Kritiker, war so beeindruckt, dass er nach Genf reiste, um den jungen Komponisten kennenzulernen. Als der schockierte Rolland ihn in dem Uhrengeschäft fand, riet er ihm, sich ganz auf seine Musik zu konzentrieren. Er schrieb ihm: „Lassen Sie sich nicht durch irgend etwas von sich selbst ablenken oder in die Irre führen ... Drücken Sie sich auch weiterhin so frei und umfassend aus. Ich bürge dafür, dass sie einer der Meister unserer Zeit werden.“

1916 kam Bloch als Dirigent der Maud Allen-Truppe in die USA, wo er strandete, als die Tournee in einem Bankrott endete. Doch was ein Desaster schien, wurde zum Triumph, als verschiedene wichtige Musiker – Karl Muck in Boston, Arthur Bodanzsky in New York und Leopold Stokowski in Philadelphia – sich für seine Musik einsetzten.

Drei Jahre später war er als Träger des Elizabeth Sprague Coolidge-Preises bereits ein respektierter Künstler. Er nahm die Ernennung zum Direktor des Institute of Music von Cleveland an, wo er von 1920 bis 1925 wirkte. Darauf folgten die Leitung des Konservatoriums von San Francisco und der University of California in Berkeley. 1927 gab der Tempel Emanu-El in San Francisco den Sacred Service in Auftrag. Das Ergebnis war eine finanzielle Unterstützung, die es Bloch 1931 erlaubte, seine Lehrtätigkeit aufzugeben und sich ganz der Komposition zu widmen. Er übersiedelte nach Agate Beach, Oregon, wo er bis zu seinem Tod am 15. Juli 1959 lebte.

In seinem exquisiten Violinkonzert und den beiden Suiten wollte der Komponist nach eigenen Worten „die komplexe, glühende und erregte Seele portraitieren, deren Beben ich in der Heiligen Schrift spüre ... die Frische und Naivität der Patriarchen, die Wildheit der Propheten; die wütende Gerechtigkeitsliebe der Juden; die Verzweiflung der Ecclesiastes; den Kummer und die unermessliche Größe des Buches Hiob; die Sinnlichkeit des Hohenliedes ... all das ist es, was ich in mir selbst zu hören und in meine Musik zu übersetzen versuche.“

Neben dem Sacred Service ist das Violinkonzert Blochs wichtigstes Werk aus den dreißiger Jahren. Er arbeitete daran mit Unterbrechungen von 1930 bis 1937 und vollendete es im Januar 1938 im schweizerischen Châtel Haute Savoie. Obwohl er die Geige seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr angefasst hatte, begann er erneut zu üben, um seine Gedanken auszuprobieren und die Körperlichkeit seiner Schreibweise zu erleben. Jahrzehnte früher hatte er als Leiter des Orchesters von Lausanne einen jungen ungarischen Sensationsgeiger namens Joseph Szigeti verpflichtet. Von ihm inspiriert, widmete er das Konzert seinem lebenslangen Freund.

Bloch behauptete zwar, bei den Hauptthemen des Konzerts handle es sich um Indianer-Gesänge, die er bei einem Aufenthalt in Neu-Mexiko gehört habe. Tatsächlich aber erinnern die Hauptmotive unmissverständlich an die Art, wie jüdische Kantoren die Bibelworte singen. Lässt man beim ersten Einsatz der Violine die Verzierungen weg, so bleibt dasselbe Quint-Intervall übrig wie am Anfang des Vidui und Simchat Torah aus Baal Shem. Das ist ein traditionelles Intervall auch auf dem Schofar, dem Widderhorn, das an den hohen Festen Rosh Hashanah und Yom Kippur geblasen wird. In dem gesamten Konzert sind viele Fragmente aus Blochs Sacred Service zu hören, und man kann sich vorstellen, wie König David in den zarten Augenblicken nach der Kadenz selbst die Harfe schlug, bevor der Satz tumultuös seinem Ende entgegenstürmt. Der zweite Satz verlangt in verschiedenen Abschnitten vom Solisten, con sordino zu spielen, was einen mystischen Zauberbann erzeugt, während das Finale das erste Thema des Konzertes erweitert und zu einem Feuerwerk umgestaltet, das bis zum letzten leidenschaftlichen Auftritt fortdauert. Als Szigeti am 15. Dezember 1938 in Cleveland unter der Leitung von Dimitri Mitropoulos die Premiere spielte, meinte Arthur Berger vom New York Herald Tribune: „Es gibt schwerlich ein Werk in der gesamten Kunstmusik mit stärkeren jüdischen Bezügen.“

Zur Erinnerung an meine Mutter überschrieb Ernest Bloch sein Baal Shem. Das Stück entstand 1923 während seiner Tätigkeit als Direktor des Cleveland Institute. Er schrieb es für seinen Schweizer Freund André de Ribaupierre, der an demselben Institut Violine unterrichtete. Der Titel spielt auf Rabbi Israel ben Eliezer an, den Begründer des Chassidismus, den man als „Baal Shem Tov“ (Wunderwirker oder wörtlich „Herr des guten Namens [Gottes]“) kennt. Der charismatische Visionär lebte zur Zeit Johann Sebastian Bachs und glaubte wie dieser daran, dass sich durch Gesang und Tanz eine spirituelle Verbindung mit Gott erreichen ließe.

Vidui ist das jüdische Bekenntnis, das auf dem Sterbebett rezitiert wird. Der traditionelle Text bezeichnet Gott als den höchsten Arzt, bittet um Vergebung für alle Vergehen, um einen Platz im Garten Eden und im Zeitalter des Messias, das den Gerechten vorbehalten ist. Das Vidui ist ebenfalls eine Kollektion von Bekenntnissen der Gemeinde, die im Zentrum des Yom Kippur-Dienstes stehen – dem heiligsten des jüdischen Jahres.

Nigun heißt „Melodie“. Gemäß der Kabbalah, der jüdischen Mystik, auf die sich der religiöse Eifer der Chassidim gründet, kann ein Mensch durch eine Melodie auf eine transzendente Ebene erhoben werden und Sphären verborgenen Wissens erreichen. Das Singen, vor allem der Gesang am Sabbath, ist ein integraler Aspekt der chassidischen Anbetung.

Simchat Torah („Freude am Gesetz“) meint die Feier am Ende des einwöchigen Laubhüttenfestes. Unter Tanz und Gesang werden die Torah-Rollen im fröhlichen Zug durch die Synagoge getragen. Man rezitiert die letzten Verse des Deuteronomiums, denen sogleich die ersten Verse der Genesis folgen, womit der Beginn eines neuen, nie endenden Kreislaufs des Torah- Studiums bezeichnet wird.

Der letzte Buchstabe des Deuteronomiums bildet mit dem ersten Buchstaben der Genesis das hebräische Wort lev, was Herz bedeutet. Das ist besonders passend, denn die Torah ist ein Symbol der Liebe zu Gott und zu der Menschheit. Blochs „jüdische Grußkarte“ an die Mutter enthält einen berühmten chassidischen Hochzeitstanz, die mezinka. Diese Melodie findet sich auch im ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch, das 1958 für den jüdischen Freund David Oistrach entstand.

Seinen 70. Geburtstag feierte Ernest Bloch mit Verspätung: Im Dezember 1950 fand in Chicago ein einwöchiges Festival zu seinen Ehren statt, das mit dem glühenden Bloch-Bewunderer Sam Laderman – dem Onkel des Komponisten Ezra Laderman – an der Spitze Konzerte in der ganzen Stadt brachte. Dazu gehörten Aufführungen mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Rafael Kubelik, und der Höhepunkt war ein Gala-Diner, zu dem der Covenant Club, ein Sponsor des Festivals, geladen hatte. Sichtlich gerührt von dem Ereignis, versprach Bloch ein kleines Zeichen seiner Dankbarkeit. Etliche Monate später brachte er den 1.200 Mitgliedern des 1917 für osteuropäische Juden gegründeten Clubs die Suite Hébraïque. Das Stück ist ursprünglich für Bratsche geschrieben, wurde von Bloch aber auch für Violine bearbeitet.

Die Suite Hébraïque ist von der künstlerischen Reife des Komponisten durchglüht. Die Rhapsodie zeigt Blochs leidenschaftliche improvisatorische Stimme, während die Prozession eine Vision der alten Priester vorstellt, die majestätisch zum Heiligen Tempel in Jerusalem emporsteigen. In Affirmation fängt Bloch das Wunder des neuen Staates Israel ein, der nach dem Holocaust den ewigen Geist des jüdischen Volkes unterstreicht. Die Suite endet mit einer emotionalen Äußerung, die an die Schlusstakte seines Violinkonzerts erinnert.

Zina Schiff
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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