About this Recording
8.557760 - TAKEMITSU: Orchestral Works
English  German 

Toru Takemitsu (1930-1996)
Spirit Garden • Solitude Sonore • Drei Filmmusiken • Dreamtime
A Flock Descends into the Pentagonal Garden

 

Toru Takemitsu war der erste japanische Komponist von Weltgeltung. In seinen Werken verschmelzen Elemente der westlichen Musik mit dem philosophischen, ästhetisch-kulturellen und mitunter auch musikalischen Erbe seines Heimatlandes zu einer charakteristischen Einheit. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten wurden seine Werke in aller Welt aufgeführt; heute gilt er als einer der bedeutendsten Komponisten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die hier eingespielten Werke – vom frühen Solitude Sonore bis zum zwei Jahre vor seinem Tod entstandenen Spirit Garden – umspannen Takemitsus gesamte schöpferische Karriere.

Frühe musikalische Vorbilder des Autodidakten waren Debussy, Strawinsky, Berg und Messiaen; weitere Anregungen empfing er nach dem Zweiten Weltkrieg von Vertretern der Avantgarde wie Pierre Boulez oder von seinen Freunden John Cage und Morton Feldman. Erste öffentliche Anerkennung brachte Takemitsu das Requiem für Streicher (1957), das Igor Strawinsky als Meisterwerk erkannte. In den 1960er Jahren traten die musikalischen Traditionen Japans in den Vordergrund seines Schaffen, u.a. in Kompositionen wie November Steps (1967), einem konzertähnlichen Werk für Biwa (Kurzhalslaute), Shakuhachi (Längsflöte) und Orchester sowie in dem ausschließlich für die japanischen Instrumente eines Gagaku-Orchesters geschriebenen Stück Autumn Garden (1973). Die Musik seiner späteren Jahre erhielt durch die Rückbesinnung auf die Leitbilder seiner Jugend wieder eine tonale Basis.

Takemitsu besaß ein außerordentliches Gespür für orchestrale Farben. Seine oft in einem einzigen Inspirationsschub niedergeschriebenen Partituren sind von einer harmonisch üppigen, dabei gleichermaßen subtilen Sinnlichkeit, unterbrochen von zahlreichen kurzen oder längeren Pausen, die in genauer zeitlicher Abstimmung die für Takemitsus Klangwelt so bezeichnende kontemplative, traumähnlich weiträumige Atmosphäre der Stille erzeugen. Er selbst sah sich als zu einem Komponistentyp gehörend, für den der melodische Aspekt den Mittelpunkt der Musik bildet: Ich bin altmodisch. Was ich durch die Kommunikation der Melodie erreichen möchte, ist jenseits der Freude und des Schmerzes des Zeitlichen. Dennoch kann ich das, was ich erreichen möchte, nicht als Ewigkeit bezeichnen. Takemitsu bezog seine Inspiration aus so unterschiedlichen Quellen wie den Mythen der australischen Aborigines oder dem Roman Finnegan’s Wake von James Joyce. Wichtig war ihm vor allem die Natur; so faszinierte ihn das Element des Wassers, kompositorisch eingefangen in Riverrun (1984), Rain Coming (1982) und Vers, l’arc-en-ciel, Palma (1984). In Tree Line (1988) kam die Inspiration von einer Akazienallee in der Nähe seines Hauses in den japanischen Bergen. Traumbilder flossen in eines seiner schönsten Orchesterwerke ein, A Flock Descends into the Pentagonal Garden (1977). Neben seinem Beruf als Komponist betätigte sich Takemitsu als Hobby-Schriftsteller; er war ein ausgesprochener Kino- Fan und verfügte über ein geradezu enzyklopädisches Wissen auf dem Gebiet der westlichen Popmusik.

Der Prozess des Hörens seiner Musik sei vergleichbar mit einem Rundgang durch einen japanischen Garten eine Metapher, die Takemitsu gern verwendete. Ich liebe Gärten. Sie laden den Menschen ein. Man kann dort frei umhergehen, einhalten, um die ganze Anlage zu überblicken, oder nur einen einzelnen Baum, eine einzelne Pflanze oder einen einzelnen Stein betrachten – es ist Abwechslung, konstante Abwechslung. Und so lassen sich auch die melodischen Wendungen, die Akkorde oder die instrumentale Struktur als kunstvoll arrangierte Pflanzen, Bäume, Steine oder Felsbrocken eines japanischen Gartens interpretieren, betrachtet aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Entfernungen.

Takemitsu beschrieb Spirit Garden (1994) als mein Experiment mit und meine fortwährende Suche nach Orchesterfarbe und Melodie. Es war ein Auftragswerk für das Internationale Hida Furukawa Musikfestival und wurde am 14. Juli 1994 in Tokyo vom dortigen Metropolitan Symphony Orchestra unter der Leitung von Hiroshi Wakasugi uraufgeführt. Laut Takemitsu war der Titel eine Metapher für die heilige Erde des Festivalsitzes, Furukawa-cho in Gifu. Grundlage der Musik ist eine Zwölftonreihe, aus der sich drei Akkorde mit je vier Noten entwickeln. Diese farblich ständig changierenden Akkorde sind gleichbedeutend mit der Erde, aus der Takemitsu die im Garten verteilten Klangobjekte wachsen lässt. Auch diese Objekte sind aus dem Rohmaterial der Zwölftonreihe abgeleitet und ändern ihre Formen mit der jeweiligen Perspektive des Betrachters im Garten. Spirit Garden, das der Komponist ausdrücklich nicht als Programm-Musik verstanden wissen wollte, ist von einer mysteriössakralen, ritualistischen Qualität, in der sich sowohl der Werktitel als auch die ihm zugrunde liegende Inspiration widerspiegeln.

Obwohl es sich bei Solitude Sonore (1958) um ein frühes Werk handelt, trägt es bereits den Stempel von Takemitsus unverwechselbarer Persönlichkeit. Das Werk erklang erstmals am 2. November 1958 im Rahmen eines Rundfunkkonzerts des NHK Symphony Orchestra unter der Leitung von Hiroyuki Iwaki. Es ist Takemitsus schöpferische Antwort auf Toshiro Mayuzumis Nirvana Symphony, die er im selben Jahr erstmals gehört und die ihn zutiefst bewegt hatte. Ein besonderes Merkmal der Mayuzumi-Sinfonie sind die Glockenklänge, die laut Takemitsu die Stunden schlagen, uns beglückwünschen und mit uns trauern. Diese Metapher ist insofern relevant für das Verständnis, als es den Hörer die Musik als äußere Manifestation des Glockenschlags im Komponisten selbst empfinden lässt. In Solitude Sonore beschränkt sich Takemitsu auf ein Mindestmaß an Mitteln; das ganze Werk ist zentriert um die Glockenschläge der Eröffnungstakte. Auffällig ist bereits in diesem Frühwerk das Gespür des Komponisten für orchestrale Farbgebung.

Takemitsus Kinoleidenschaft resultierte im jährlichen Konsum von bis zu 250 Filmen und in zwei Büchern über dieses Medium. Im Laufe seiner Karriere entstanden Soundtracks für über neunzig Filme, u.a. für Ran (1985; Regisseur: Akira Kurosawa), eine eindrucksvolle japanische Sicht des King-Lear-Stoffs. Three Film Scores (1994-95) für Streichorchester stellt eine Bearbeitung früherer Soundtracks für Jose Torres (1959), Black Rain (1989) und Face of Another (1966) dar. William Boughton dirigierte das English String Orchestra bei der Uraufführung am 9. März 1995 anlässlich des CineMusic-Festivals in Gstaad. Die erste Partitur mit dem Titel Music of Training and Rest wartet mit Jazzanklängen auf, während die folgende, Funeral Music eine eindringlich-feierliche Atmosphäre verbreitet. Komplettiert wird die Trilogie von Waltz, dessen Oberfläche entspannt und gelassen anmutet, in dessen Mollfärbung jedoch auch dunklere Untertöne nicht fehlen.

Dreamtime (1981), ein Auftragswerk für das Nederlands Dans Theater, erlebte seine Uraufführung in einer Choreographie von Jiri Kylian. Im Konzert erklang das Werk erstmals am 27. Juni 1982, gespielt vom Sapporo Symphony Orchestra unter Hiroyuki Iwaki. Inspiriert wurde die Komposition von einem Aborigine-Mythos, mit dem sich der Komponist intensiv beschäftigt hatte, der aber in Dreamtime nicht spezifisch thematisiert wird; vielmehr schrieb Takemitsu: Wie ein Traum bei aller Lebendigkeit des Details ein nicht antizipierbares, unwirkliches Ganzes darstellt, so befinden sich auch in diesem Werk die kurzen Episoden in einem Schwebezustand und in scheinbarer Inkongruenz mit dem musikalischen Ganzen. Die subtilen Rhythmus- und Tempowechsel verstärken nur den fließenden Charakter der Musik.

In Bezug auf Takemitsus Musik besitzen die Traum- und Gartenmetaphern eine besondere Symbolkraft in A Flock Descends into the Pentagonal Garden (1977), einer Auftragsarbeit für das San Francisco Symphony Orchestra, das unter Edo de Waart am 30. November 1977 die Uraufführung gab. Das Stück gehört zu Takemitsus bedeutendsten und meistaufgeführten Kompositionen. Inspiriert wurde es von einem Traum, in dem ihm eine Photographie des Künstlers Marcel Duchamps erschien, die er am selben Tag betrachtet hatte und auf der Duchamps mit einer Frisur in der Form eines sternförmigen Gartens zu sehen ist. Takemitsu beschrieb das Werk als ein sich veränderndes Panorama von Szenen, in denen das Hauptmotiv – vorgestellt von der Oboe – sich auf das harmonische Klangfeld des hauptsächlich von den Streichern gezeichneten „fünfeckigen Gartens“ herabsenkt. Diese beiden Elemente werden in einer aus zwölf verschieden langen Abschnitten innnerhalb eines einzigen Satzes frei mit einander verwoben. Das musikalische Material basiert auf dem Bild der fünf Seiten eines Pentagons, symbolisiert durch eine Gruppe von fünf pentatonischen Skalen. In der Komposition alternieren Pausen der Stille mit aleatorischen Passagen, dissonanten Klangballungen und feinsten melodischen Fragmenten unverwechselbaren Merkmalen eines der größten musikalischen Bildkünstler des zwan-zigsten Jahrhunderts.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window