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8.557765 - VILLA-LOBOS: Chamber Music
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Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Kammermusik

 

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die brasilianische und die südamerikanische Musik ihren Platz auf der kulturellen Weltkarte Heitor Villa-Lobos und seinem Oeuvre verdankt, das er selbst mit der unermesslichen Vielfalt seiner Heimat verglich. Mit seiner innovativen, stilistisch vielfältigen Musik erwarb sich der Komponist, der bei seinen Reisen durch Brasilien und die Karibik ethnische Idiome aus erster Hand kennenlernte, auch bei vielen Musikern Europas eine ganz unmittelbare und nachhaltige Hochachtung.

Trotz seines ebenso umfangreichen wie vielgestaltigen Schaffens bilden viele seiner Werke klar definierte Gruppen oder Reihen. Das sind vor allem die zwölf Symphonien und siebzehn Streichquartette sowie die vierzehn Chôros und neun Bachianas brasileiras (Naxos 8.557460-62), wobei sich in der letztgenannten Serie auf besonders markante Weise der Wunsch niederschlug, die zeitgenössische Musik Europas mit den Idiomen der brasilianischen Heimat zu verschmelzen. Insgesamt bescheidener sind die zahlreichen, nicht minder charakteristischen Kammermusikwerke angelegt, die seine gesamte Arbeit durchziehen und in den späteren Jahren ein beträchtliches Maß an Raffinesse erreichten, der aber weder die formale Klarheit noch die expressive Unmittelbarkeit geopfert wurden.

Assobio A Játo aus dem Jahre 1950 ist ein vollkommenes Beispiel für Villa-Lobos’ späte Kammermusik. Der erste Satz beginnt mit einer expressiven Cellomelodie, zu der die Flöte verschiedentlich ihre Kommentare liefert, um dann selbst die Musik weiterzuführen. Der Prozess wird wiederholt und erreicht eine entschiedene Schlusskadenz. Der langsame zweite Satz zeigt die beiden Instrumente in sehnsuchtsvoller Verflechtung, worauf sich im Finale die Nachdenklichkeit ins Lärmende wendet, wenn die beiden Stimmen sich in einem faszinierenden, ja kapriziösen Dialog engagieren, der seine Klimax darin findet, dass die Flöte auf ihrer höchsten Höhe verklingt, indessen das Violoncello sich nicht mehr bewegt.

Quintette instrumental (1957) gehört zu den allerletzten Kammermusikwerken des Komponisten, verrät aber keine Anzeichen von Ermüdung. Den Anfang bildet ein Satz in mäßigem Tempo, der besonders die reichen, dem Ensemble eigentümlichen Klänge nutzt. Auch harmonisch ist das Quintette merklich kunstvoller als Assobio A Játo: Die Musik bewegt sich in einem komplizierten kontrapunktischen Geflecht, in dem sich die Streicher das thematische Material teilen, während Flöte und Harfe lebhafte Arabesken beisteuern. Der Mittelsatz hat entschieden den Charakter eines Nocturnes, wobei die Flageoletts der Streicher und die Farbtupfer der andern Instrumente eine ruhige Atmosphäre im Mondlicht beschwören. Die Musik nimmt definitiv modale Züge an, während die Texturen voller werden; der Höhepunkt ist ein lyrischer Erguss, der schließlich zu der Nachdenklichkeit des Anfangs zurückführt. Das Finale beginnt mit dem denkbar größten Kontrast. Seine geschmeidige Vitalität zieht dabei alle fünf Instrumente in einen lebhaften Diskurs, wobei das Cello bald eine entspanntere Melodie entstehen lässt. Die Themen werden dann frei kombiniert, bevor die Bratsche den zweiten Gedanken wiederholt und das Werk kurz darauf mit dem Rückgriff auf das erste Thema in einem lebhaften Aufschwung endet.

Lied des schwarzen Schwans (1917) ist eine anziehende, sehnsüchtige Miniatur, deren Schwan freilich etwas ganz anderes ist als das todessehnsüchtige Geschöpf, das Sibelius in einem seiner berühmtesten Stücke beschworen hat. Über einer wirbelnden Harfenbegleitung entfaltet die Violine eine nachdenkliche, tief empfundene Melodie, welche die vom Titel angedeutete Stimmung genau trifft. Die abschließenden Harfenakkorde lassen die Musik in delikater Stille verklingen.

Das Duo für Violine und Viola (1946) gehört zu einer handverlesenen Auswahl substantieller Stücke für diese Besetzung, die auch Mozart und Martin in je zwei Duos benutzt haben. Der erste Satz beginnt mit einem raffiniert gearbeiteten Kontrapunkt beider Instrumente, wobei individuelle Melodien erst im Verlauf des Diskurses entstehen. Die Musik des Anfangs wird dann als eine Art Refrain wieder aufgenommen und kündigt eine lebhafte Passage an, in der Violine und Bratsche einander imitierend nachstellen, bis eine Wiederholung des Anfangs sie in entschiedenem Einklang zusammenbringt. Das nachfolgende Adagio ist eine der unvergesslichsten Eingebungen des Komponisten. Zu der leise dissonanten Violinbegleitung spinnt die Viola ein gewichtiges, klangvolles Thema aus, in das sich bald beide Instrumente teilen. Das Wechselspiel vermindert sich nach und nach auf einige sparsame Akkorde, wonach der Satz mit der Wiederholung des Anfangs zu einem nachdenklichen Schluss gebracht wird. Das Finale beginnt zuversichtlich und steigert allmählich seine Intensität durch die Art, wie die verschiedenen instrumentalen Charaktere gegen- und miteinander geführt werden. Allmählich gewinnt ein lebhaftes Unisono die Oberhand; doch der Satz verhält sich nicht wie erwartet, wenn er mit einer tonal mehrdeutigen Kadenz endet.

Die fünf Lieder aus den Jahren 1926 bis 1950 erklingen hier in einem Arrangement für Flöte und Harfe. Vida Formosa beginnt mit nachdenklichen Harfenakkorden, zu denen die Flöte ein gedankenvolles, ja melancholisches Thema entfaltet, dessen letzte Phrasen eine eindeutig folkloristische Wendung nehmen. Nesta Rua ist mit einer fließenderen Harfenbegleitung versehen, zu der die Flöte eine leicht pathetische Melodie spielt. Modinha ist das kürzeste Stück des Zyklus und bringt eine traurige Melodie, die durch die leicht synkopierten Harfen-Elemente noch anziehender wird. Chanson de Cristal ist andererseits das längste der fünf Stücke, dessen muntere Anfangsgeste zu einer delikaten Folge von Dialogen führt, die durch die harmonische und rhythmische Klarheit der Musik ihre Richtung erhält. Canção de Marinheiro rundet die Kollektion mit einer markanten Flötenmelodie ab, die sich zu einem kurzen emotionalen Höhepunkt steigert, bevor sie zu dem Punkt zurückkehrt, an dem sie begann.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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