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8.557769 - BAX: Piano Works, Vol. 3
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Arnold Bax (1883-1953): Klavierwerke • 3

Während des Ersten Weltkrieges und unmittelbar danach schrieb Arnold Bax annähernd dreißig kurze Klavierstücke – vor allem für seine zumeist weiblichen Freunde und Altersgenossen an der Royal Academy of Music und ganz besonders für die dreizehn Jahre jüngere Pianistin Harriet Cohen, mit der er eine leidenschaftliche Affäre hatte. Als er dann zu Beginn der zwanziger Jahre zu einem der führenden britischen Komponisten aufstieg, waren die Stücke auch im Druck erhältlich, und das hieß, dass sich seine neuen Bewunderer daheim an der Musik versuchen konnten – wobei Bax nie fürs Publikum geschrieben hat und keines der Werke leicht ist.

Arnold Bax war durch das Klavier zur Musik gekommen. Im Herbst 1900 schrieb er sich an der Royal Academy of Music ein, und seine frühesten erhaltenen Manuskripte zeigen, dass er schon bald ein fähiger Pianist war. Seine Technik entwickelte sich rasch, und die stürmischen, komplexen Klavierstimmen seiner damaligen Lieder sprechen von seiner immer größeren Fertigkeit, Wagners Opern am Klavier zu spielen, zeigen ihn aber auch auf der Höhe des aktuellen Geschehens: Schon bald entwickelte Arnold Bax eine Vorliebe für die Klaviermusik von Skrjabin und Debussy.

Die frühen Werke von Bax entstanden aus Klavierimprovisationen bzw. dadurch, dass er die neuesten Orchesterwerke am Klavier wiedergab. Sein prima vista-Spiel kompletter Orchesterpartituren war berühmt. Er hörte viele neue Werke. Außerdem pflegte er mit seinen Freunden das vierhändige Klavierspiel, besonders mit dem Pianisten Arthur Alexander, mit dem er auf diese Weise die Symphonien von Glasunow durchging. Arnold Bax war zwar kein eigentlicher Konzertpianist, doch er wurde gelegentlich zur Aufführung moderner Werke verpflichtet, wenn eine der etablierteren Persönlichkeiten absprang. So finden wir ihn im Februar 1909 als Klavierbegleiter bei einem Konzert mit Liedern von Debussy, das im Beisein des Komponisten stattfand, und im Januar 1914 desgleichen bei einer Aufführung von Schönberg-Liedern, nachdem der engagierte Pianist in letzter Minute abgesagt hatte. Seit den späten zwanziger Jahren trat er immer seltener an die Öffentlichkeit. Im Mai und Juni 1929 entstanden allerdings zwei Aufnahmen mit Delius’ erster Violinsonate und der eigenen Bratschensonate. Bax war der geborene Pianist und ein Komponist, der durch die Tasten dachte – beide Aufnahmen zeigen deutlich sein feurigromantisches Klavierspiel.

Neben den vier großangelegten Klaviersonaten (Naxos 8.557439 und 8.557592), die das Rückgrat von Bax’ Klaviermusik bilden, gibt es eine Vielzahl kleinerer Stücke. Dazu gehören äußerst charakteristische atmosphärische Miniaturen (von denen einige gar nicht so miniaturistisch sind); viele dieser Sätze sind in technischer Hinsicht Debussy oder Skrjabin verpflichtet, andere kennen wir besser in ihren alternativen Orchesterfassungen, und schließlich gibt es einige kurze Stücke aus den späteren Jahren, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden.

Es muss ferner daran erinnert werden, dass Bax von der Landschaft, Musik und Literatur Irlands begeistert war. In seinen Zwanzigern konnte er lange Zeit die dortige Atmosphäre aufnehmen; zudem veröffentlichte er unter dem Pseudonym Dermot O’Byrne Gedichte, Kurzgeschichten und Schauspiele auf der grünen Insel. Also entstand auch sein Kontakt zu nationalen Politikern des Landes (seine Freundschaft mit den führenden Gestalten scheint freilich nicht ganz der Realität entsprochen zu haben). Den Osteraufstand von Dublin im Jahre 1916 erlebte er als einen ganz persönlichen Schlag, der sich folglich in verschiedenen seiner damaligen Werke spiegelte. Nicht all seine kurzen Stücke waren sonnige Idyllen: Einige der eher düsteren Kompositionen wie Winter Waters und What the Minstrel Told Us dürften manch unausgesprochenes programmatisches Element enthalten.

Bax’ wohlbekannte Beziehung zu der Pianistin Harriet Cohen begann Ende 1914, und viele seiner Klavierstücke sind ihr gewidmet. So wurden aus Harriet („Tania“ in ihrem Kreis) und Myra Hess Rivalinnen, die um die Aufführung von Bax’ Klaviermusik wetteiferten. Harriet Cohen hatte kleine Hände (weshalb sie später auch die größeren Anforderungen in Konzerten von Brahms, Rachmaninoff und ähnlichen Werken mied), Bax scheint dieses Problem aber in seinem Klaviersatz, namentlich in den Werken für Klavier und Orchester nicht berücksichtigt zu haben: Er ließ seine Expression nicht durch die Probleme seiner Pianistin beschränken.

Bax muss erkannt haben, dass es kein guter Gedanke war, nur Harriet Cohen und gelegentlich auch Myra Hess zu seinen Anwälten am Klavier zu machen. Doch Harriet bestand darauf, seine Klavierwerke stets als erste zu spielen, was dazu führte, dass andere Pianisten ihnen aus dem Wege gingen – und das könnte wiederum der Grund dafür sein, dass die Musik im damaligen Konzertrepertoire nicht weiter verbreitet war.

Das früheste Stück unseres Programms sind die Two Russian Tone-Pictures (Zwei russische Tongemälde) von 1912 mit den bildhaften Titeln Nocturne: May Night in the Ukraineund Gopak. Das Nocturne ist „Olga and Natasha“ gewidmet. Im Frühjahr und Sommer 1910 war Bax nach Russland und in die Ukraine gereist, um die junge Ukrainerin Natalia Skarginska zu suchen, die er in Hampstead kennengelernt hatte. Dabei wurde er von Olga Antonietti, einer gemeinsamen Freundin begleitet. In seiner Autobiographie erzählt Bax die Geschichte, wo er die beiden hier „Lubja Korolenko“ und „Fiammetta“ nennt. Die „Mainacht in der Ukraine“ ist ein musikalisches Bild der berühmten Darstellung in Nikolai Gogols Abende auf dem Vorwerk bei Dikanka, wobei am Ende selbst die trillernden Nachtigallen nicht fehlen. Der Gopak trägt den Untertitel Nationaltanz. Als ihn Myra Hess im April 1913 in der Bechstein Hall aus der Taufe hob, hieß er sogar „Barbarischer Tanz“, was möglicherweise ein Hinweis auf die Intention des Komponisten war. „In Zuneigung gewidmet“ hat Bax das Stück allerdings seinem Klavierlehrer Tobias Matthay. Diese Stücke wurden von Myra Hess gespielt (das Nocturne hatte sie bereits im November 1912 uraufgeführt), und sie war es auch, die Bax’ Ruf als Komponist miniaturistischer Charakterstücke begründete.

Während der nächsten zwei oder drei Jahre schrieb Bax zwar verschiedene Klavierstücke. Die meisten davon orchestrierte er allerdings später, oder sie blieben gänzlich unveröffentlicht. Anfang 1915 regte ihn die achtzehnjährige Harriet Cohen zu einer Reihe neuer Stücke an, deren Widmungen Bände sprechen. The Princess’s Rose Garden, The Maiden with the Daffodil und A Mountain Mood (die beiden ersten entstanden im Januar 1915) sind „Tania“ zugeeignet, die sowohl die Prinzessin als auch das Mädchen mit der gelben Narzisse ist – so hatte sie Bax bei einer Gesellschaft im Januar des Jahres kennen gelernt.

Bax übergab Harriet Cohen The Maiden with the Daffodil mit einer Widmung in Versform: „Für das Mädchen mit der Narzisse dies / deren kunstvoller Fingerzauber uns hören ließ / den weit verstreuten Widerhall der Liebe“. Die Vortragsbezeichnung lautet „frisch und unschuldig“, und man muss sagen, dass es kaum ein Stück aus der Zeit des Ersten Weltkriegs mit ähnlich eskapistischen Zügen gibt. Das Nocturne The Princess’s Rose-Garden (Der Rosengarten der Prinzessin) soll mit „schläfrigem Rhythmus und mäßig langsam“ gespielt werden. Angesichts des sanft pulsierenden Neunachteltaktes stellt sich die Frage, ob Bax hier ein Schlaflied schreiben wollte oder nur von der duftenden Atmosphäre berauscht war. Sicherlich hat Harriet Cohen beide Stücke in Bax’ akademischem Kreis gespielt. Die Premiere gab jedoch wieder Myra Hess: Am 24. März 1915 präsentierte sie The Maiden with the Daffodil in der Aeolian Hall und kurz darauf, am 29. April, The Princess’s Rose Garden in den Grafton Galleries. Die Stücke fanden sofort einen Verleger.

Bax’ Ehe stand kurz vor ihrem Ende. Gleichwohl hat er das kleine Sleepy-Head mit dem Datum „24. Mai 1915“ seiner Frau Elsita gewidmet. Es dürfte sich dabei um eine musikalische Vignette handeln, die die schlafenden Kinder des Ehepaares, den damals dreijährigen Dermot und die zweijährige Maeve ,beschreibt. A Mountain Mood: melody and variations, trägt das Datum „2. September 1915“ und ist wiederum Harriet Cohen zugeeignet, die es, wie Bax ergänzend hinzufügte, „perfekt“ spielte.

Die andern hier eingespielten Stücke stammen zumeist aus den Jahren 1919 und 1920. Viele von ihnen beschwören glückliche oder exotische Szenen. Betrachten wir jedoch das 1919 entstandene, wiederum Harriet Cohen gewidmete What the Minstrel Told Us (Was uns der Spielmann sagte), so stehen wir einem ernsteren Sujet gegenüber. Es handelt sich dabei um ein weiteres jener Stücke zur Erinnerung an den Dubliner Osteraufstand von 1916, bei dem Bax viele seiner irischen Freunde verloren hatte. Dass er dem Stück den Untertitel „Ballade“ gab und Variationen über eine künstliche irische Weise schreibt, lässt ver- muten, dass er sich hier mit der Tragödie Irlands auseinandersetzt. Die bardischen Außenteile umrahmen einen zentralen Abschnitt, den zwei unterschiedliche Stimmungen beherrschen: Die typische Passage rastlosen Träumens wird bald durch einen erbarmungslos-aggressiven Satz verdrängt, in dem Bax gewissermaßen die Faust gen Himmel reckt; danach kehren wir in einer Stimmung der Resignation und der Trauer zum Anfang zurück: Die letzte Wiederholung der Melodie erinnert an eine ruhige irische Totenklage. Das Stück wurde 1920 veröffentlicht und von Harriet Cohen am 15. Juni 1920 bei ihrem Debütkonzert in der Wigmore Hall uraufgeführt.

Lullaby mit dem Untertitel Berceuse (27. April 1920) ist der Ballerina Tamara Karsavina gewidmet. Im Gegensatz zu dem Slave Dance, den Bax ebenfalls für sie komponierte, wissen wir nicht, bei welcher Gelegenheit sie das „Schlaflied“ getanzt hat. Harriet Cohen spielte auch dieses Stück im Juni 1920 bei ihrem Konzert in der Wigmore Hall. Damals entstand auch A Hill Tune,das noch im selben Jahr veröffentlicht wurde. Hier ist erneut der Einfluss Irlands wahrzunehmen, und zwar in Gestalt des Hauptthemas, mit dem Bax aus dem ersten Satz seines frühen Streichquintetts in G von 1908 zitiert. Bei einigen dieser kurzen Stücke ist es schwer, die Uraufführungen nachzuweisen.

Mediterranean aus dem Jahre 1920 ist eine klassische musikalische Ansichtskarte. Vielleicht handelt es sich dabei um die Erinnerung an die Ferien, die Bax, sein Bruder Clifford, der Komponist Gustav Holst und andere Musikerfreunde 1913 auf Mallorca verbracht hatten. Harriet Cohen gab im Mai 1921 in der Steinway Hall die Uraufführung des Stückes, das Bax im nächsten Jahr orchestrierte und Holst widmete.

Den kurzen Pæan dürfte Bax viel später (1928) geschrieben haben. Gewidmet ist er einem seiner treuesten Fürsprecher, dem Pianisten Frank Merrick. Später wurde aus der eindringlichen Passacaglia ein lärmendes Gelegenheitsstück für Orchester, das im Mai 1938 auf königlichen Befehl gegeben werden sollte. Frank Merrick spielte die Klavierfassung am 25. Juni 1929. Es ist dies die früheste Aufführung, die sich ermitteln lässt. Die erste Aufnahme des Stückes machte dann allerdings Harriet Cohen.

Lewis Foreman © 2005
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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