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8.557776 - FOERSTER: Symphony No. 4 / Festival Overture / My Youth
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Josef Bohuslav Foerster (1859–1951)
Festliche Ouvertüre op. 70 Weltersteinspielung
Meine Jugend – Symphonische Dichtung op. 44 Weltersteinspielung
Symphonie Nr. 4 c-moll op. 54 „Ostern”

 

Josef Bohuslav Foerster wurde 1859 in Prag geboren, studierte an der dortigen Orgelschule und wurde nach seinem Examen Organist an St. Vojtech, womit er die Nachfolge von keinem Geringeren als Antonín Dvorák antrat. In diesen Jahren unterhielt Foerster auch enge Kontakte zu Bedrich Smetana, überdies wurde er von Tschaikowsky und anderen gefördert. 1888 heiratete er die berühmte tschechische Sopranistin Berta Lauterer, mit der er einige Jahre später nach Hamburg ging, wo er Gustav Mahler kennenlernte. Dieser war wie Foerster ein deutschsprachiger Böhme, und die beiden schlossen Freundschaft. 1903 übersiedelten die Foersters mit Mahler nach Wien, wo sie bis zum Jahre 1918 wirkten. Dann kehrten sie nach Prag zurück. Als Foerster im Alter von 91 Jahren starb, war er der große alte Mann der tschechischen Musik geworden, der viele jüngere Komponisten ausgebildet hatte. In all dieser Zeit hatte er auch fleißig komponiert. Seine Schreibweise war sowohl durch sein enges Verhältnis zur Kirchenmusik (unter anderem beherrschte er mit vollendeter Meisterschaft die Kontrapunktik Palestrinas) als auch durch seine Zuneigung zum Theater geprägt. In Musik und Kunst kam für Foerster die Schönheit der menschlichen Seele zum Ausdruck.

Seine Festliche Ouvertüre op. 70 schrieb Foerster 1907 zur Eröffnung des neuen Prager Theaters in Královské Vinohrady. Das Werk beginnt mit einem fesselnden Paukensolo, an das sich das energiegeladene Hauptthema anschließt. Das überaus lyrische Nebenthema verbindet böhmisches Flair und Wiener Eleganz. Alle drei Gedanken werden bald kontrapunktisch kombiniert, was jedoch mit äußerster Natürlichkeit und flüssiger Bewegung geschieht. In der Durchführung erklingt ein weiteres Thema, das trotz seiner Gesanglichkeit von kämpferisch-heroischem Charakter ist. Nach einer dramatischen Pause erscheint dieses Thema in der Reprise voller Sehnsucht, bevor das Paukensolo wiederholt wird und die Musik zu einem rauschenden Ende führt.

Die symphonische Dichtung Meine Jugend ist ebenfalls ein Produkt aus Foersters Wiener Jahren. Das feurige 6/8- Hauptthema wirkt, als schritte ein junger Mann dahin, der mit der Welt zufrieden ist. Dieses Thema weicht bald einem weiteren jener prächtigen kantablen Nebengedanken, derer Foerster fähig war, und einer leuchtenden Instrumentation, die hier beinahe Strauss’Rosenkavalier vorwegnimmt. Die beiden Ideen werden in großer Stimmungs- und Ausdrucksvielfalt durchgeführt – unter anderem in einigen Passagen von sanft schmelzender, ruhiger Schönheit. Schließlich wird eine breite Klimax erreicht, worauf ein neues, liedhaftes Thema mit der Bezeichnung Andante religioso erklingt, das darstellen könnte, von welch großer Bedeutung der Glaube in Foersters Leben war. Die Reprise beginnt mit einem kurzen, lustigen Fugato, was womöglich eine Anspielung auf seine Lehrjahre ist. In noch üppigerer Instrumentation als zuvor wird dann das zweite Thema wieder aufgegriffen; jetzt führt es zu einem dissonanten Aufschrei, mit dem der Komponist den plötzlichen Tod seiner Mutter markiert. Eine Passage von großer Ruhe schließt sich an, worauf die wunderbare Gewissheit des religioso-Themas folgt. Eine brillante Coda bringt die verschiedenen Themen noch einmal zusammen und been det das Werk.

Die vierte Symphonie ist vielleicht Foersters Meisterwerk. Sie entstand – zweifellos im Banne Bruckners und Mahlers – in den ersten Wiener Jahren. Wie Bruckner war auch Foerster ein gläubiger Katholik, und aus dieser Symphonie sprechen ganz direkt seine tiefen religiösen Empfindungen. Der erste Satz ist ein mahlerscher Trauermarsch mit einem düsteren ersten Thema, das langsam versucht, sich aus der Tiefe zu erheben. Zweimal scheint die Musik eine Klimax zu erreichen, um wieder in die unheilvolle Stimmung des Anfangs zurückzufallen. Schließlich erscheint ein sonnigeres Nebenthema. Die Musik gewinnt an Wärme und Strahlkraft, bis ein neuer, recht kindlich anmutender Gedanke in der Flöte erklingt. Die Durchführung rauscht mächtig auf, wobei die beiden ersten Themen in einer stürmischen Passage kombiniert sind, die endlich zu einem riesigen, kreischend dissonanten Akkord des vollen Orchesters führt. Dieser löst sich allmählich auf, und die Musik des Anfangs wird wiederholt. Die Reprise erreicht bald einen Höhepunkt, auf dem die Blechbläser eine späterhin sehr bedeutungsvolle Variante des zweiten Themas in Gestalt eines absteigenden Dreiklangs herausschreien. Die Coda beginnt mit einer kontrapunktisch noch kunstvolleren Version der Durchführung, wobei die Violinen das zweite Thema „mit größtem Jubel“ erklingen lassen. Trotz der gewaltigen Energie, die hier freigesetzt wird, kann die Musik schließlich nur zum Thema des Anfangs zurückkehren, das das gesamte Orchester heraushämmert. Der Weg führt zur düsteren Gangart der ersten Takte zurück, und der Satz schließt mit feierlichen Akkorden.

Der zweite Satz steht zum vorigen in völligem Gegensatz. Foersters böhmisches Erbe äußert sich hier in einem bukolischen Scherzo, das in der Gesellschaft von Dvoráks Slawischen Tänzen perfekt aufgehoben wäre. Er nimmt hierin eine Anregung aus Bruckners fünfter Symphonie auf, in dem er uns das zweite Thema in einem deutlich langsameren Tempo präsentiert, so dass es klingt, als hätten wir bereits das Trio erreicht. Dieser folkloristische Ländler ist derart elegant und hochgestochen, als sei er für die High Society gedacht, und doch ist er ein schöner Satz. Das eigentliche Trio erklingt dann in einem etwas rascheren Tempo, wobei das Blech ein choralartiges Thema intoniert, das mit Fragmenten des Scherzo-Themas garniert ist. Der zweite Teil des Trios wird romantisch gedehnt, wobei der Klang des vollen Orchesters bedeutend anschwillt, bis die Musik schließlich geheimnisvoll verklingt. Danach wird das Scherzo vollständig wiederholt und von einer äußerst dreisten Coda beendet.

Der langsame Satz beginnt mit dem einsamen Klang einer einzigen sordinierten Geige, die von zwei Fagotten begleitet wird – ein weiterer Beweis dafür, welch vorzügliches Ohr Foerster für instrumentale Farben hatte. Was kann man über einen Satz wie diesen sagen? Er ist pure, leuchtende Melodie, getragen von einer üppigen Harmonik und fabelhaften Orchestrierung, die durch ihre völlige Aufrichtigkeit noch bewegender wird. Der Satz endet in einer Stimmung meditativer Ruhe.

Das Finale, der längste und komplexeste der vier Sätze, beginnt mit einem bedrohlichen Thema in den tiefen Streichern und Holzbläsern. Bald folgt darauf ein zartes, sanft aufwärts strebendes Thema der Violinen. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um das Hauptthema des ersten Satzes, das hier in einem neuen Gewand erscheint. Dieser Prozess des sanften Aufwärtsstrebens durchzieht den gesamten Satz. Nachdem wir eine breite Klimax erreicht haben, setzt eine Solovioline mit einem neuen Thema ein, das in einem Solocello widerhallt. Die Musik bewegt sich in diesem lyrischen Stil weiter, bis ein Höhepunkt auf der Dominante As erreicht wird. Dann die Überraschung: Ein Paukenwirbel kündigt ein kraftvolles Fugenthema der Streicher an. Diesem folgt der lieblichexpressive Klang eines zweiten Themas im höchsten Register eines Violinsolos. Die Musik steigert sich machtvoll und unerbittlich, bis wir eine gewaltige Klimax erreichen, wobei das absteigende Dreiklangsmotiv wieder im Blech zu hören ist. Hier beginnt ein Abschnitt, den man als Reprise bezeichnen könnte. Das aufwärts strebende Thema wird hier von den Bläsern gespielt, über denen der Kontrapunkt einer Solovioline dahinströmt. Danach stürmt das Fugenthema in den Violinen los – jetzt in Kombination mit dem aufstrebenden Thema in den Blechbläsern. Die beiden Gedanken werden mit dem lyrischen zweiten Thema kontrapunktisch zu einer prächtigen Wirkung verbunden (was wiederum Spuren der fünften Symphonie von Bruckner sind). Die Musik wogt dahin, bis sie plötzlich abreißt. Man hört von ferne eine Kirchenorgel mit dem Ostergesang „Unser Schöpfer stand am dritten Tage auf“. Das Orchester sammelt durch diese Stimme aus der Höhe neue Energie, und die Musik scheint immer weiter emporzusteigen, bis wir die himmlischen Tore selbst hören. Wenn schließlich wieder die Grundtonart c-moll erreicht ist, verbinden sich Orgel und Orchester zu einem Höhepunkt von unaussprechlicher Pracht und Majestät. Dabei erstrahlt das absteigende Dreiklangsmotiv wie ein Engelchor, der Gott preist.

Lance Friedel
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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