About this Recording
8.557777 - IRELAND: String Quartets Nos. 1 and 2 / The Holy Boy
English  German 

John Ireland (1879-1962)
Streichquartette • The Holy Boy

 

John Ireland studierte am Royal College of Music. Zu seinen Lehrern gehörten Frederick Cliffe (Klavier), Walter Parratt (Orgel) und Charles Villiers Stanford (Komposition). Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wirkte er als Organist, Chorleiter und Pianist. Mit Werken wie dem Phantasie Trio von 1906 machte er sich damals auch einen Namen als Komponist. Die zwischen 1915 und 1917 entstandene zweite Violinsonate hinterließ bei ihrer Uraufführung im Jahre 1917 einen solchen Eindruck, dass Ireland über Nacht zu einer nationalen Größe wurde und sämtliche gedruckten Exemplare des Werkes innerhalb von 24 Stunden verkauft waren. Von 1923 bis 1939 unterrichtete Ireland selbst am Royal College of Music (unter anderem studierte Benjamin Britten bei ihm). 1926 schloss er eine unglückliche Ehe, die rasch aufgelöst wurde, und auch die innige Freundschaft, die ihn danach mit seiner Schülerin Helen Perkin verband, endete schmerzlich.

Viele Aspekte des Menschen Ireland spiegeln sich in seiner Musik. Seine Einsamkeit und Scheu wurzelten in einer unglücklichen Kindheit und könnten der Grund für den melancholischen Ton seiner Werke sein. Hauptsächlich inspirierten ihn Landschaften wie die Kanalinseln oder Dorset und Sussex, vor allem aber solche Gegenden, in denen sich menschliche Zeugnisse aus prähistorischer Zeit finden – wie etwa Chanctonbury Ring in den South Downs, der Gegend zwischen Southampton und Eastbourne. Dazu kommt der Einfluss des heidnischen Mystizismus in den Schriften Arthur Machens. Reflektiert werden diese Charakteristika in Werken wie The Forgotten Rite (1913) und Mai-Dun (1920/21) für Orchester sowie der Legend für Klavier und Orchester (1933). Das Klavier war für Ireland ein wichtiges Medium, wovon sein schönes Klavierkonzert (1930), aber auch Solowerke wie Decorations (1912/13), Amberley Wild Brooks (1921) und Sarnia (1940/41) sowie die drei Klaviertrios und andere große Kammermusiken Zeugnis ablegen. Sein letztes großes Werk war die gewichtige Musik zu dem Film The Overlanders („Das große Treiben“) von 1946/47. Seine gründliche Kenntnis der englischen Poesie zeigt sich in der Vielfalt der Dichter, die er vertonte, darunter Alfred Edward Housman in The Land of Lost Content (1920/21) und Sylvia Townsend Warner in Songs Sacred and Profane (1929–31).

Die beiden Streichquartette schrieb Ireland während seiner Studienzeit am Royal College, in das er 1893 mit nicht ganz vierzehn Jahren aufgenommen worden war. Ungeachtet seiner Hauptfächer Klavier und Orgel hegte Ireland kompositorische Ambitionen, und vor allem drängte es ihn, bei dem über die Maßen bewunderten Charles Villiers Stanford zu studieren. Seine – chronologisch allerdings unzuverlässige – Wirtschafterin und Freundin Norah Kirby erinnerte sich, dass Ireland ihr erzählte, er habe das erste Streichquartett geschrieben, um Stanford derart zu beeindrucken, dass er ihn als Schüler annehmen musste. Er beendete das Werk im März 1897, doch Stanford fand es angeblich sterbenslangweilig. Gleichwohl arrangierte er eine Studentenaufführung des Stückes, und Hubert Parry, der Direktor des College, machte dem jungen Mann mit seinem Lob Mut. Ireland bezeichnete dieses wie auch das im September desselben Jahres abgeschlossene zweite Quartett als Stipendienstücke für das Royal College, und am Ende war er damit auch erfolgreich: Noch im selben Jahr erhielt Ireland ein vierjähriges Stipendium, um bei seinem Idol zu studieren.

Trotz der Sicherheit im Umgang mit dem Genre verraten die beiden Streichquartette nichts von der persönlichen Stimme des reifen Komponisten. Ihre Vorbilder sind Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms. Ireland vollendete sein erstes Quartett einen Monat vor dem Tode von Brahms, der für ihn ein Gigant unter den Zeitgenossen war und dessen Musik auch Stanford sehr bewunderte.

Die Hauptgedanken im sonatenförmigen Kopfsatz des Quartetts Nr. 1 c-moll werden in einer ausgedehnten Exposition vorgestellt, die wiederholt wird. Dazu gehören eine zart wiegende, pastorale Melodie, eine fanfarenartige Figur, ein an Brahms gemahnendes aufwärtsstrebendes Nebenthema und eine lebendige, sprunghafte Figur. Eine besonders wirkungsvolle Passage der Durchführung ist der Moment, wenn die Musik – mit der Bratsche im Vordergrund – den Charakter eines verträumten Walzers annimmt. Es folgt ein flüchtiges Beethovensches Scherzo, das durch rhythmischen Schwung und ein fließendes Thema im kontrastierenden Mittelteil gekennzeichnet ist. Der langsame Satz erwächst aus einer edlen, weit gespannten Melodie, die zunächst von der ersten Violine gespielt und eine Oktave höher wiederholt wird. Nach einem kurzen kontrastierenden Abschnitt, der durch den stetigen Puls des Violoncellos ausgeglichen wird, tritt das Hauptthema in beiden Violinen auf, um sich zu einem eloquenten Höhepunkt zu steigern. Auch das Geschehen des Finales wird von der ersten Violine eingeleitet – jetzt durch ein entschlossenes, geschäftiges Hauptthema, dem ein warmes, romantisches Nebenthema à la Brahms kontrastierend gegenübersteht. Im Mittelteil wird das Hauptthema verschiedenen Fugentechniken unterworfen, bevor die wichtigsten Themen wiederkehren und das Quartett mit einer lebhaften Coda zu Ende geht.

Angesichts des idiomatischen Streichquartettsatzes, der in den beiden Werken aus Studententagen zutage tritt, ist es nur allzu bedauerlich, dass der reife Ireland nie wieder zu diesem Genre zurückfand. Ihn habe, so behauptete er, die Vorstellung entmutigt, und der Komponistin Elisabeth Lutyens schrieb er: Ich war nie so tollkühn, ein weiteres zu vollenden. Daher ist das einzige Werk für Streichquartett, das während seiner eigentlichen Laufbahn entstand, das 1941 arrangierte dritte der Four Preludes für Klavier, die er am Weihnachtstag des Jahres 1913 komponiert hatte. Dieses Stück namens The Holy Boy ist mit seiner sehnsüchtigen Melodie und seinen subtilen harmonischen Wechseln ein typischer Ireland. Als „Carol of the Nativity“ (Lied der Geburt Christi) bezeichnete der Komponist später diese Kreation, die ganz offenbar ein Wiegenlied für das Christuskind darstellt. Unterschwellig gibt es allerdings weitere Bedeutungen: Die ursprüngliche Anregung kam von dem Choristen Bobby Glassby, der an St. Luke’s in Chelsea sang, während Ireland dort als Organist und Chorleiter wirkte, und der ein Protégé des Komponisten wurde. Wahrscheinlich spielt der Titel überdies auf das Gedicht Children of Love von Harold Munro an, das mit der Zeile beginnt: Der heilige Knabe / ging mit seiner Mutter in die Kälte des Tages. The Holy Boy wurde zu einem der populärsten Werke Irelands, der davon im Laufe der Zeit eine Reihe von Bearbeitungen für verschiedene Instrumente und Besetzungen erstellte.

Was das Quartett Nr. 2 c-moll deutlich erkennen lässt, ist die Sicherheit, die Ireland in den sechs Monaten seit der Entstehung des ersten gewonnen hat. Die Melodien sind zwar immer noch abgeleitet, doch sie haben mehr eigenen Charakter gewonnen – wie etwa das brütende erste Thema des Kopfsatzes, das von der zweiten Geige als dramatischer Auftakt gespielt wird und den Einfluss eines weiteren zeitgenössischen Meisters offenbart: Antonín Dvofiák. Dennoch trägt das elegante zweite Thema, das mit seinen Verzierungsnoten und absteigenden Sequenzen zunächst in der ersten Geige, dann in der Bratsche zu hören ist, noch immer die Fingerabdrücke von Johannes Brahms. Der mit Nocturne überschriebene langsame Satz zeigt Irelands Sinn für Farben: Anfangs lässt er die erste Violine senza sordino ein meditatives, sentimentales Thema spielen, indessen die drei andern Instrumente sordiniert sind. Für den bewegten, kontrastierenden Abschnitt und die Wiederholung des Hauptthemas setzt dann auch diese den Dämpfer auf, bevor alle Instrumente nach einem Pausentakt ungedämpft weiterspielen und besonders wirkungsvolle Klangfarbenwechsel produzieren. Im dritten Satz mit dem bezeichnenden Titel Scherzo wendet sich Ireland wieder dem Vorbild Beethovens zu. Der Hauptgedanke stampft heftig einher und steht im deutlichen Kontrast zu dem einschmeichelnden Trio-Teil. Das Finale ist in der Form von Thema und Variationen angelegt. Auf diese Weise entsteht im Laufe des Stückes eine große Vielfalt an Stimmungen und instrumentalen Kombinationen - beispielsweise in der animierten dritten oder der graziösen vierten Variation, in der fünften Veränderung, in der erst das Cello und dann die Bratsche die Hauptrolle spielen, und endlich in dem energischen Ausbruch der abschließenden Vivace-Variation.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window