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8.557778 - VERDI: Songs
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Giuseppe Verdi (1813-1901)
Lieder

Es mag seltsam erscheinen, dass Italiens größter Operkomponist mit einer Folge von Salonstücken erstmals vor das Mailänder Publikum getreten ist – doch tatsächlich dienten die liriche da camera, die seine lange Karriere begleiteten, oftmals als Grundlage für seinen Umgang mit dramatischer Dichtung. Verdi war 25 Jahre alt und bekleidete das bescheidene Amt des städtischen Musikdirektors in Busseto, als – zweifellos in Folge der nützlichen Kontakte, die er während seiner Studienzeit in Mailand geknüpft hatte – die Firma Canti seine Sei Romanze für Stimme und Klavier he-rausbrachte. Innerhalb ihres bescheidenen Rahmens lassen sich bereits erste Signaturen des reifen Meisters ausmachen. Die aufgeladenen Harmonien, die Non t’accostare all’urna 5 einleiten, bewirken eine Stimmung hoher Tragik, während am Mittelpunkt der lyrische Fluss den Weg für kraftvoll deklamatorische Gesten und konvulsivische Dringlichkeit freimacht, wenn der Sänger sich über seine treulose Geliebte empört. Das einfachere und gelassenere More, Elisa, lo stanco poeta 4 ist bemerkenswert wegen seiner fast bellinihaften Phrasenlängen und der epigrammatischen Annäherung an die Schlusskadenz eines jeden Verses. Die Melodie von In solitaria stanza 2 ist überzogen von matten chromatischen Modulationen, in deren Mitte eine Phrase zutage tritt, die an der entscheidenden Stelle von Leonoras Tacea la notte in Der Troubadour wieder auftauchen wird. Nell’orror di notte oscura3kehrt zum Thema des verschmähten Liebhabers zurück mit einer Klavierbegleitung von nahezu Schubertscher Intimität, doch bei den Worten Maledetta la memoria di colei che lo tradì werden die Klauen gleichsam wieder herausgestreckt.

Zwei Lieder gehören zu 1839, dem Jahr von Verdis erster Oper Oberto, conte di San Bonifacio. L’esule 15, nach Worten des Librettisten der Oper, beginnt mit einer langen pianistischen Einleitung, doch bald enthüllt es seine wahren Farben als Opernarie en miniature mit zwei kontrastierenden Teilen, verbunden durch ein tempo di mezzo und eingeleitet von einem Rezitativ. Die abschließende Kabaletta Oh, che allor le patrie sponde kündigt den kraftvollen Stil von Ernani an. In La seduzione 12 wird der Entwurf einer einfachen, fröhlichen Melodie so ausgearbeitet, als gelte es jedes Detail des Textes zu reflektieren, entweder durch unerwartete harmonische Wendungen oder vielfältige Akzentuierung.

Chi i bei dì m’adduce ancora 14, die Vertonung einer Übersetzung von Goethes Erster Verlust aus dem Jahr 1842, ist eindeutig das Resultat des Triumphs von Nabucco, der Verdi eine Reihe von Verehrern unter der Mailänder Aristokratie einbrachte. Geschrieben für das Album der Marchesa Sophie de Medici, ist das Lied auch vom Geist der Oper infiziert mit vorweg genommenen Anklängen an Azuenas Giorni poveri vivea (Der Troubadour) und Alfredos Di quell’amor (La Traviata). Eine weitere Folge von sechs Romanzen folgte 1845, vielfach leichter und im Stil ausgereifter als jene von 1838. Il tramonto 7 nach Worten von Verdis Freund Andrea Maffei, hat eine nahezu klassische Regelmäßigkeit der Gestaltung und eine Klavierbegleitung von reicher Textur. Und wie so oft in Verdis Arien fällt das melodische Hauptgewicht auf die abschließende Phrase, eine Eigenheit, die in Ad una stella 8 weiterentwickelt ist, einer weiteren Maffei- Vertonung. In dieser verkürzt Verdi zum ersten, aber keineswegs letzten Mal seine melodische Periode, indem er die letzten zwei Zeilen eines Vierzeilers in eine einzige sich steigernde Spannung laufen lässt – auf ein Beispiel im Bereich der Oper müssen wir bis Parmi veder le lagrime in Rigoletto warten. Und auch die Antizipation von Alvaros Or muoio tranquillo (Die Macht des Schicksals) wird leicht übersehen. Lo spazzacamino 10 ist weltbekannt als Zugabe bei Liederrecitals, für die es geschaffen zu sein scheint. So viel fröhlicher als jenes von Britten, entlässt Verdis Little Sweep das Publikum garantiert in guter Stimmung. Feinsinnige Wortmalerei kennzeichnet Il mistero 9, von dem ambivalenten Akkord, mit dem es beginnt, zur Illustration von Romanis Gleichnis von dem an der Oberfläche glatten, in der Tiefe aber trüben See (das Plagiat eines Motivs aus Les Préludes kann sicher ausgeschlossen werden, da Liszts Tondichtung noch nicht komponiert war). Das abschließende Brindisi existiert in zwei Versionen: Das Autograph 13 ist kecker und ausgelassener, die publizierte Edition 16 enger im Tonumfang und harmonisch vielfältiger.

1847 weilt Verdi für die Produktion von I masnadieri (Die Räuber) in London. Zu den Angehörigen des königlichen Theaters gehörte der Librettist Manfredo Maggioni (wahrscheinlich nicht der Autor von Lo spazzacamino), der ihn mit dem Gedicht Il poveretto versorgte, ein langatmiger Versuch in musikalischem Pathos, der später mit einem anderen Text (Prends pitié de sa jeunesse) als Einlage für Maddalena in einer französischen Aufführung von Rigoletto 1851 in Brüssel diente (sie fleht darin ihren Bruder an, das Leben des Herzogs zu schonen).

1868 lag Verdis langjähriger Librettist Francesco Maria Plave nach einem Schlaganfall danieder. Um seiner Familie zu helfen, regte Verdi ein Liederbuch an, zu dem führende Komponisten der Zeit beitragen sollten. Darunter auch Wagner, der gewiss entsetzt war über den Vorschlag. Verdis eigener Beitrag mit dem Titel Stornello 6 – wobei Rispetto die technisch korrektere Bezeichnung gewesen wäre – führt direkt in die Welt von Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch. Die treulose Geliebte wird höhnisch daran erinnert, dass Untreue ein Spiel ist, das beide betreiben können. Die Vertonung ist witzig und pointiert; obwohl die lange, elfsilbige Versform bis auf wenige Ausnahmen dem Rezitativ vorbehalten ist, wird sie künftig einige der feinsten lyrischen Perlen in Aida, Othello und Falstaff inspirieren. Dasselbe Versmaß unterliegt dem Ave Maria 1, veröffentlicht 1880, nach Auskunft des Komponisten aber schon einige Jahre vorher komponiert. Möglicherweise als Nebenprodukt des Requiems. Das Lied ist als opernhafte Moll-zu-Dur- Romanze gestaltet, jedoch vollkommen andächtig im Geist; es führt den Sänger von beherrschter Deklamation zu breiter Kantilene. Gegen Ende ziehen wieder Wolken auf, und es verbleibt dem Klavier – ursprünglich einem Streichorchester – den abschließenden Lichtstrahl auszusenden. Nichts zeigt deutlicher, wie Verdis Erfindungen selbst in kleineren Kompositionen jenen seiner groß angelegten Meisterwerke in nichts nachstehen.

© 1997 Julian Budden
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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