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8.557781 - PSALMS FOR THE SPIRIT
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Psalmen für die Seele

 

In christlichen und jüdischen Gemeinden gehören Psalmlieder seit jeher zu den Hauptbestandteilen des Gottesdienstes. In England erlangten sie – in metrischer oder freier Form – im Zuge der Reformation eine noch größere Bedeutung. Während sich die römisch-katholische Liturgie auf den gregorianischen Choral stützte, entwickelte die anglikanische Kirche ihre eigene Praxis der harmonisierten Gesänge, deren Komposition noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein zum schulischen Musikunterricht gehörte. Dem Verfasser dieser Zeilen sind noch die Aufgaben präsent, die den Schüler vom einstimmigen über den zweistimmigen bis zum vierstimmigen Gesang führten. Viele der hier eingespielten Psalmen sind harmonisierte zweistimmige Lieder, passend zu den unterschiedlichen Längen der übersetzten Psalmverse.

Henry Garrett wurde 1834 in Winchester geboren, wo sein Vater den Posten des Chorleiters an der dortigen Kathedrale bekleidete. Nach dem Studium am New College in Oxford bei Stephen Elvey kehrte er als Schüler und später Assistent von Samuel Sebastian Wesley nach Winchester zurück. Nach Jahren als Domorganist in Madras übernahm er 1857 die Organistenstelle am St. John’s College in Cambridge und trat 1873 dann die Nachfolge von John Larkin Hopkins als hauptamtlicher Universitätsorganist an. Sein Oratorium The Shunamite, das in Cambridge und 1882 beim Hereford-Festival aufgeführt wurde, ist aus dem Chorrepertoire verschwunden, aber seine Psalmlieder erklingen nach wie vor in der Liturgie der anglikanischen Kirche. Zu diesen Liedern gehören die modellhaft-schlichte Paraphrase des 126. Psalms und die den im Text implizierten Naturgewalten entsprechende Vertonung von Psalm 93.

Der englische Komponist und Organist John Goss, Großonkel der Organistenbrüder Goss-Custard, war selbst Sohn eines Organisten. Als Elfjähriger trat er dem Chor der Chapel Royal bei und studierte später bei Thomas Attwood. Seine Organistenlaufbahn führte ihn an die Stockwell Chapel, die Lukaskirche in Chelsea und 1838 als Attwood-Nachfolger an die St. Paul’s Cathedral. 1856 wurde er zum Komponisten der Royal Chapel berufen und 1872 geadelt. Er hinterließ zahlreiche Kirchenmusikwerke und zeichnete als Herausgeber von anglikanischen Liedersammlungen verantwortlich. Seine Vertonung des 127. Psalms ist bezeichnend für die schlichte Eleganz seiner melodischen Erfingungsgabe.

Herbert Howells studierte bei Herbert Brewer an der Kathedrale zu Gloucester und ging anschließend mit einem Stipendium ans Royal College nach London, wo Charles Villiers Stanford und Charles Wood zu seinen Lehrern gehörten. Seine Stelle als 2. Organist an der Kathedrale in Salisbury musste er krankheitshalber aufgeben, konnte seine Laufbahn aber als Kompositionslehrer am Royal College fortsetzen. 1936 wurde er Gustav Holsts Nachfolger als Musikdirektor der St. Paul’s Girls’ School in Hammersmith und seit 1950 bekleidete er den King-Edward-VII-Lehrstuhl für Musik an der Londoner Universität. Zu seinem kompositorischen Schaffen gehören bedeutende Beiträge zur Kirchenmusik, hier vertreten durch seinen Gesang zu Psalm 121 und die umfangreichere Vertonung von ‚O pray for the peace of Jerusalem’ (‚Wünschet Jerusalem Glück’), die Vertonung von Worten aus dem 122. Psalm, beide getaucht in charakteristische Melancholie.

Henry Thomas Smart, Enkel des Verlegers George Smart und Sohn des Violinisten und Klavierfabrikanten Henry Smart, interessierte sich von Jugend an für Orgelbau. Später war er Organist in Blackburn und an den Londoner Kirchen St. Philip’s, Regent Street, St. Luke’s, Old Street und St. Pancras, Euston Road. Zu seinen Werken zählen Orgelstücke, geistliche Musik und weltliche Kantaten. In Erinnerung geblieben ist er hauptsächlich als Komponist von Kirchenliedern, von denen unsere Einspielung einen zweistimmigen Gesang zu Psalm 65 vorstellt.

Die Vertonung von Psalm 67 durch den walisischen Komponisten William Mathias entstand 1981 für die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana Spencer. Mathias, der führende walisische Komponist seiner Generation, studierte an der Universität Aberystwyth und bei Lennox Berkeley an der Londoner Royal Academy of Music. Nach einer Lehrtätigkeit an der Universität Edinburgh kehrte er nach Wales zurück, wo er in Bangor eine Musikprofessur erhielt. International erfolgreich war er mit Kompositionen in verschiedenen Gattungen, nicht zuletzt mit seinen Chorwerken. Den Worten aus dem 67. Psalm verleiht er musikalisch mit einiger Freiheit eine fröhliche Feststimmung.

Nachdem er zunächst als Chorknabe der Chapel Royal angehört hatte, wurde Thomas Attwood 1781 Page des Prinzen von Wales. Seine musikalische Ausbildung erhielt er in Neapel und (als Mozart-Schüler) in Wien. 1787 nach London zurückgekehrt, übernahm er die Organistenstelle an der St. Paul’s Cathedral und wurde zum Komponisten der Chapel Royal berufen, an der er später auch als Organist tätig war. Im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts schrieb er eine Vielzahl von Bühnenwerken; seine geistliche Musik gilt jedoch als zentraler und bedeutendster Teil seines Schaffens, vertreten in dieser Aufnahme mit einem Vers aus Psalm 41.

William Croft, Chorknabe an der Chapel Royal unter John Blow, ist ein musikalisches Bindeglied zwischen dem England Purcells und dem der frühen Hannoveraner. Als Erwachsener war er zunächst Organist der Chapel Royal und trat dort 1708 die Nachfolge seines Lehrers John Blow als ‚Master of the Children’ und Komponist an; parallel dazu nahm er die Pflichten des Organisten an der Westminster-Abtei wahr. Sein Schaffen besteht neben Instrumentalwerken und weltlicher Vokalmusik auch aus geistlicher Musik. Sein Burial Service (Begräbnisdienst) erschien als Teil seiner Musica Sacra von 1724. Hier eingespielt ist die in ihrer Schlichtheit ergreifende Vertonung der Begräbnisverse ‚I am the resurrection and the life’ (‚Ich bin die Auferstehung und das Leben’), ‚I know that my Redeemer liveth’ (‚Ich weiß, dass mein Erlöser lebet’) und ‚We brought nothing into this world’ (‚ Wir kamen mit nichts auf diese Welt’).

Edwin Bairstow ging nach seinem Studium bei Henry Farmer zu Frederick Bridge an die Westminster-Abtei. 1899 erhielt er die Organistenstelle an der Dorfkirche in Wigan. Weitere Stationen waren Leeds und ab 1913 die Kathedrale in York, wo er bis 1946 blieb. Neben seinem dortigen Organistendienst lehrte er als Musikprofessor an der Universität Durham. Als Chordirigent und Lehrer genoss er in Nordengland einen hervorragenden Ruf. Für seine Verdienste um die Musik wurde ihm 1932 der Adelstitel verliehen. Bairstow hinterließ eine Vielzahl von geistlichen Werken, von denen viele zum Standardrepertoire der englischen Kirchenchormusik zählen.

Bob Chilcott, ehemaliger Chorknabe und Chormusikdozent am King’s College zu Cambridge sowie Mitglied der King’s Singers, ist seit 1997 hauptberuflich als Komponist tätig. Er blickt auf eine siebenjährige Tätigkeit als Chordirektor des Londoner Royal College of Music zurück und ist gegenwärtig auch Principal Guest Conductor der BBC Singers. Zu seinen Kompositionen gehören zahlreiche Chormusikwerke, wobei vor allem seine Musik für Kinderchor auch international aufgeführt wird. My Prayer, eine Vertonung von Worten des 102. Psalms, stellt in ihrem meditativen Gestus eine bewegende Bitte dar, deren moderne Tonsprache einen interessanten Kontrast zu den traditionellen Psalmliedern dieser Anthologie herstellt.

Der aus Oxford stammende Matthew Larkin übersiedelte als Kind mit seinen Eltern nach Kanada, wo er in Kingston/Ontario in den Chor der anglikanischen St. George’s Cathedral eintrat. Sein Studium absolvierte er an der Universität Toronto und am Royal College of Music in London. Nach verschiedenen ehrenvollen Verpflichtungen als Organist und Chorleiter ist er heute als Organist und Musikdirektor an der Christ Church Cathedral in Ottawa und als künstlerischer Direktor des dortigen Anglican Chorale tätig. International bekannt wurde er als Instrumentalsolist und als Begleiter. Eine Reihe von Stücken seines Repertoires spielte er auf CD ein. Als Komponist hat er das Chormusikrepertoire mit verschiedenartigen Werken bereichert. Unsere Einspielung stellt seinen Gesang zu Psalm 111 vor.

Samuel Wesley, Neffe des Kirchenreformers John Wesley und Sohn von Charles Wesley, wurde 1766 in Bristol geboren. Zum Erstaunen eines William Boyce, der die Wesley-Familie 1774 besuchte, komponierte er bereits im Alter von acht Jahren sein erstes Oratorium. 1778 erschien als sein op. 1 eine Sammlung von Cembalosonaten im Druck. Im selben Jahr ließ sich die Familie in London nieder, wo Samuel und sein älterer Bruder Charles Konzerte gaben. Mehr zur Musik als zur Lehre der katholischen Kirche hingezogen, begann Samuel Wesley 1780 mit der Vertonung lateinischer Texte. 1793 trennte er sich nach nur zwei Jahren Ehe von seiner Frau und begann eine Verbindung mit seiner Haushälterin, aus der auch Samuel Sebastian Wesley hervorging, der als Kirchenmusikkomponist noch bedeutender werden sollte als sein Vater. Trotz seiner oft an Armut grenzenden Lebensverhältnisse blieb Wesley zeit seines Lebens eine in Musikerkreisen hochgeschätzte Persönlichkeit. Sein kompositorisches Schaffen wurde von lateinischer Kirchenmusik beherrscht; daneben entstanden Vertonungen für die anglikanische Kirche, weltliche Vokalwerke, eine Reihe von Orgelsoli (sog. ‚voluntaries’) sowie andere Werke für Tasteninstrumente, die eher finanziell lukrativ als musikalisch substanzreich waren. Wesleys kompositorisches Können unterstreicht sein hier aufgenommenes Psalmlied.

Hubert Parry studierte bei Henry Hugo Pierson am Exeter College in Oxford. Noch vor seinem Examen erklang eine seiner Kompositionen im Matutindienst des Magdalen College. Dennoch gehörte er nicht zu den Musikern, deren Grundausbildung ausschließlich im Rahmen der anglikanischen Kirchentradition stattfand. Seine berufliche Laufbahn bescherte ihm eine Professur in Oxford und den Direktorenposten des Londoner Royal College of Music. Sein kompositorisches OEuvre umfasst Musik für das Theater, den Konzertsaal und den Hausgebrauch. Wie für englische Musiker seiner Generation üblich, betätigte sich auch Wesley auf dem Gebiet der Kirchenmusik, obwohl er für seine geistlichen Werke vielfach auf nicht-liturgische Texte – wie z.B. in seiner Chorvertonung von Blakes Jersualem – zurückgriff. Er schrieb die Oratorien Judith, King Saul und Job und komponierte ein Te Deum anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten für George V. im Jahr 1911. Sein Anthem ‚I was glad when they said unto me’ (‚Ich freute mich über die, so mir sagten’), eine Vertonung des 122. Psalms für achtstimmigen Chor und Orgel, entstand für die Krönung Edwards VII. und erklang auch bei späteren Krönungsanlässen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 


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