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8.557783 - WILLIAMSON: Choral Music
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Malcolm Williamson (1931-2003)
Chorwerke

 

Malcolm Williamson wurde am 21. November 1931 in Sydney geboren. Mit elf Jahren kam er ans Konservatorium seiner Heimatstadt, wo er Klavier, Violine und Horn studierte und später auch Kompositionsschüler von Eugene Goossens wurde. 1950 ging er nach London, um bei Erwin Stein und Elisabeth Lutyens zu studieren. 1952 ließ er sich auf Dauer in England nieder, und schon bald hatte er sich als Komponist und Interpret einen Namen gemacht. In seinen frühen britischen Jahren experimentierte er mit der seriellen Zwölftontechnik; außerdem interessierte er sich für mittelalterliche Musik, und kurze Zeit nach seinem Übertritt zum Katholizismus (1952) entdeckte er seine Affinität zu den Werken und der Philosophie Olivier Messiaens. Nachdem er sich mit verschiedenen aktuellen Trends und Einflüssen auseinandergesetzt hatte, erkannte man seit der Mitte der fünfziger Jahre in seiner Musik eine wirklich eigene Stimme. Seit 1958 verdiente Williamson seinen Lebensunterhalt als Pianist in Nachtclubs, was seine populäre Musik deutlich beeinflusste. Diese leichteren Stücke erschienen bisweilen zur selben Zeit wie seine ernsten, geistlichen Werke – ein Nebeneinander, mit dem er seine Kritiker gelegentlich verblüffte.

Malcolm Williamsons enormes Schaffen umfasst beinahe alle vorstellbaren Gattungen. Dabei erwiesen sich die sechziger und siebziger Jahre als besonders fruchtbar. Tatsächlich war er damals einer der meistgespielten und meistbeauftragten britischen Komponisten. Als erster Nicht-Engländer wurde er 1975 zum Master of the Queen’s Music ernannt, und er erhielt etliche Ehrendoktorate von Universitäten wie Princeton, Sydney und Melbourne. 1987 wurde er mit der Medaille des Order of Australia ausgezeichnet, ferner war er fellow australischer und amerikanischer Universitäten. Einen nicht unerheblichen Teil seines Oeuvres bildet Musik für Kinder. Dazu gehören: Julius Caesar Jones, The Terrain of Kings und Dunstan and the Devil sowie eine Reihe von Cassations, mit denen die Kinder die Abläufe lernen können, die für eine Oper nötig sind. Williamson verstand sich wirklich meisterhaft auf die große Melodie, auf den musikalischen Humor und die Avantgarde. Was er zu den verschiedenen musikalischen Gattungen beigetragen hat, kann und darf nicht ignoriert werden. Es scheint die Zeit gekommen, das Schaffen dieses großen Komponisten einer neuerlichen Betrachtung zu unterziehen.

Angesichts seiner erstaunlichen Karriere und seines bemerkenswerten Werkverzeichnisses sollte man annehmen, dass Malcolm Williamsons Musik regelmäßig in den Konzerten oder im Rundfunk gespielt wird. Das ist aber leider nicht der Fall. Einen großen Teil seines Schaffens bildet die Chormusik, und die vorliegende CD bietet dem Hörer einen vorzüglichen Überblick über diesen Bereich – von der frühen Symphony for Voices (1960) bis zu dem Requiem for a Tribe Brother (1992).

Das Scunthorpe Festival bestellte für 1972 bei Williamson ein Chorwerk. Love, the Sentinel (Liebe, der Wächter) entstand, als gerade die britischen Elektrizitätswerke bestreikt wurden und die Industrie des Landes sich in Schwierigkeiten befand. Dabei kam ein junger Mann namens Fred Matthews unter die Räder eines Fahrzeugs, das den Streik brach. Williamson vertonte aufgrund dieses tragischen Vorkommnisses Worte aus Tennysons In Memoriam zur Erinnerung an Matthews. Diese Vertonung ist von beinahe optimistischer Ironie, wobei uns die Wiederholung der Worte „All is well“ (Alles ist gut) immer wieder daran erinnern soll, nicht in negativen Geschehnissen steckenzubleiben.

Eines der erstaunlichsten Werke im Chorrepertoire ist Williamsons Symphony for Voices. Die Texte zu diesem Musterbeispiel eines a cappella-Chorstücks stammen aus den Sammlungen Under Aldebaran (1946) und A Vision of Ceremony (1956) des australischen Dichters James McAuley. Zwar handelt es sich nicht um eine Symphonie im eigentlichen Sinne des Wortes; gleichwohl besteht das Stück aus vier Sätzen, denen – ein wahrhaft wagemutiger Schritt – eine Invocation für eine solistische Altstimme vorangestellt ist. Die nachfolgenden Abschnitte heißen Terra Australis, Jesus, Envoi und New Guinea. Das Werk entstand als Auftrag für den John Alldis Choir, der es 1962 auch uraufführte. Williamson hat die „eingeborenen“ und die christlichen Texte in einer bemerkenswerten texturalen und harmonischen Sprache vertont. McAuleys Text wird von gezackten musikalischen Linien und Rhythmen reflektiert, und doch ist die Musik zugleich von tiefer spiritueller Ruhe. Mit Ausnahme vielleicht des Requiem for a Tribe Brother dürfte diese Symphony Williamsons „australischstes“ Werk sein.

Edith Sitwells Buch English Eccentrics bildete die Grundlage einer Oper, die Williamson 1964 auf ein Libretto von Geoffrey Dunn komponierte. Die Chorsuite aus der Oper stellt eine Kollektion seltsamer und faszinierender Charaktere dar: Goose-Weather, der „im Staub der menschlichen Historie eine Heilung für die Melancholie“ sucht; Mr. Robert Coates, der in dem Buch heroischer Irrtümer als der „schlechteste Schauspieler aller Zeiten“ aufgeführt ist; Sarah Whitehead, eine Frau, die in eine inzestuöse Affäre hineingezogen wurde; die Quacks, ein Päan auf Graham und Katerfelto, die mit Antworten auf die Probleme des Lebens hausieren gehen; sowie eine geheimnisvolle Reisende, die behauptet, die ostindische Prinzessin Caraboo von Jevasu zu sein, dann aber in Wahrheit nichts weiter ist als Mary Baker, ein Dienstmädchen aus Devonshire. The Old Beau aus dem letzten Satz ist kein anderer als Beau Brummel, der sich immer wieder weigerte, der Obhut der Schwestern von Bon Sauveur unterstellt zu werden; die Nonnen, die nur sein Bestes wollen, rufen ihn mit sanften Stimmen. Ihre Rufe verschmelzen mit der Invokation von Goose- Weather, mit der die Suite begann und jetzt zu Ende geht.

Williamson verbrachte zwar den größten Teil seines Lebens in Großbritannien, blieb aber immer Australier. Sein Nationalstolz gehörte zu seinem musikalischen wie zu seinem persönlichen Leben. Etliche seiner großen Werke schrieb er für Australien oder auf australische Texte. Dazu gehört das Requiem for a Tribe Brother (Requiem für einen Stammesbruder), eine seiner gefühlvollsten und persönlichsten Kompositionen. Diese entstand, nachdem er von dem Tod eines jungen Aboriginees gehört hatte, mit dem er befreundet gewesen war. Dabei handelt es sich um ein religiöses Werk, da es den Text des Requiem verwendet. Doch in die musikalische Struktur lässt Williamson verschiedene Dinge einfließen, die australischen Ursprungs sind – besonders zu bemerken sind in dieser Hinsicht die Didgeridoo-Imitationen der Männerstimmen. Das Requiem for a Tribe Brother ist eines von Williamsons größten a capella-Werken und eignet sich vorzüglich für diese CD. Es wurde für die Joyful Company of Singers geschrieben und 1992 von dieser uraufgeführt. Peter Broadbent und seine Sänger führten es 2003 als Abschied von Williamson bei dessen Trauerfeier auf.

© Lewis Mitchell
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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