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8.557793 - BRUCH, M.: Violin Concertos Nos. 2 and 3 (Fedotov, Russian Philharmonic, Yablonsky)
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Max Bruch (1838–1920)
Violinkonzerte Nr. 2 und 3

 

Der Name Max Bruch ist uns heute vor allem aufgrund seiner konzertanten Werke für die Streichinstrumente bekannt. Neben dem unverwüstlichen Violinkonzert Nr. 1 g-moll, das sehr zum Unwillen seines Verfassers die Bekanntheit vieler anderer Kreationen überschattete, kann man bisweilen die Schottische Fantasie für Violine und Orchester, das zweite Violinkonzert oder auch die Fantasie Kol Nidrei für Violoncello und Orchester hören. Weitgehend vergessen sind die drei Symphonien, vor allem aber auch die großen Chorwerke, für die der Komponist seinerzeit berühmt war. Zwischen 1870 und 1900 erlebten beispielsweise Odysseus, Frithjof und Das Lied von der Glocke zahlreiche Aufführungen, durch die Max Bruch zeitweilig seinen Kollegen Johannes Brahms in den Schatten stellte.

Max Bruch wurde am 6 Januar 1838 (im selben Jahr also wie Georges Bizet) in Köln geboren. Er studierte bei Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. Den ausgedehnten In- und Auslandsreisen des Studenten folgte eine längere Zeit in Mannheim, wo 1863 seine Oper Loreley herauskam, die ein größeres Publikum auf ihn aufmerksam machte. (Das Libretto stammte von Emanuel Geibel und hatte zunächst für Mendelssohn sein sollen.) Die ersten offiziellen Ämter, die Max Bruch bekleidete, waren die Kapellmeisterstellen zunächst in Koblenz (1865–67) und dann in Sondershausen (bis 1870). Danach folgte ein längerer Aufenthalt in Berlin, worauf er sich von 1873 bis 1878 in Bonn ausschließlich der Komposition widmete. Danach war er Direktor des Sternschen Gesangsvereins in Berlin, bis er 1880 als Nachfolger von Julius Benedict zum Dirigenten der Liverpooler Philharmoniker berufen wurde. 1883 verließ er England und wurde Leiter des Breslauer Orchestervereins. Schließlich übernahm er 1891 in Berlin die Meisterklassen für Komposition (unter anderem zählte Ottorino Respighi zu seinen Schülern). 1911 setzte er sich zur Ruhe, um sich ganz der Komposition zu widmen, wobei der traditionelle Stil, dessen er sich bediente, inzwischen längst aus der Mode gekommen schien. Max Bruch starb am 2 Oktober 1920 in Berlin.

Mit seinem ersten Violinkonzert hatte sich Bruch 1864 erstmals der für ihn neuen Gattung zugewandt und gleich eine ungewöhnliche formale Lösung dafür gefunden. Sechs Jahre nach der Uraufführung durch den Widmungsträger Joseph Joachim lag im Februar 1874 der Kopfsatz zu einem weiteren Konzert vor, den Bruch dann aber als separate Romanze op. 42 herausgab. Das wirkliche Violinkonzert Nr. 2 d-moll op. 44 wurde dann am 4 November 1877 im Londoner Crystal Palace von Pablo de Sarasate uraufgeführt, von dessen geigerischer Kunst Max Bruch zutiefst beeindruckt war und für den er das neue Werk geschrieben hatte, nachdem er den großen Virtuosen mit seinem g-moll-Konzert hatte hören können. Sarasate hatte das inzwischen zum Erfolgsstück sich auswachsende Opus 26 mittlerweile in sein Repertoire aufgenommen, und er spielte es unter der Leitung des Komponisten auch in London, wohin dieser nach seinem ersten dirigentischen Auftritt in Liverpool reiste. Anscheinend wurden dann in Rücksprache mit Sarasate, Joachim und deren Kollegen Robert Heckmann noch einige Revisionen an dem zweiten Konzert vorgenommen, bevor das Werk bei Simrock erschien.

Auch die dramatische Anlage des zweiten Konzertes ist nicht gewöhnlich. Es scheint, dass Sarasate ein Programm vorgeschlagen hatte, wobei eine Szene aus den spanischen Karlistenkriegen den Anfang bilden sollte: Auf dem Schlachtfeld liegen die Toten und Verwundeten, unter denen eine Frau ihren Liebsten sucht. Ein Trauermarsch und die Beisetzungsfeierlichkeit schließen sich an. Der Satz besteht in einem Adagio, an dem sich einige Kritiker stießen und besonders der leicht aggressive Johannes Brahms etwas auszusetzen fand. Das Hauptthema kontrastiert mit einem gesanglicheren Nebengedanken, der zunächst in F-dur erklingt, um in der Reprise in D-dur wiederzukehren. Die Schatten des Krieges und des Todes ziehen auf, doch am Schluss herrscht eine heitere Gelassenheit. Der zweite Satz ist ein Rezitativ, das die Solovioline nach einer kurzen Einleitung des Orchesters intoniert. Der ersterbende Abwärtssprung des Hornes am Ende wird von dem raschen Finale aufgenommen, in dem angeblich die Kavallerie dargestellt werden sollte. Der Satz beginnt in B-dur, der Tonart des voraufgegangenen Rezitativs, und moduliert dann nach D-dur, indessen dem Solisten reiche Möglichkeiten geboten werden, auf dem Wege zu dem brillanten Schluss seine technische Agilität unter Beweis zu stellen. Bruch selbst war sehr glücklich über den ersten Satz und musste von Sarasate überredet werden, dieses Adagio nicht als eigenständige Komposition aufführen zu lassen.

Sein Violinkonzert Nr. 3 d-moll op. 58 vollendete Max Bruch im Februar 1891, nachdem er zunächst ein „Concert Allegro“ geschrieben hatte und im Gespräch mit Joseph Joachim zu der Überzeugung gelangt war, „dass es sich durchaus zu einem Concert eigne.“ Auch in Sachen der Solostimme beriet sich Bruch mit Joachim, der schließlich auch die Proben an der Berliner Musikhochschule organisierte, bevor er das Werk am 31 Mai 1891 mit Bruch in Düsseldorf aus der Taufe hob. Vergessen schien die tiefe Verstimmung, die aus Joseph Joachims Scheidungsaffaire resultierte: Viele Freunde wie Johannes Brahms hatten Amalie Joachim moralische Unterstützung zuteil werden lassen, und Max Bruch war verschiedentlich gemeinsam mit der bekannten Sängerin aufgetreten. Jetzt aber, im Jahre 1891, erzielte man mit der Premiere des Opus 58 einen kapitalen Triumph, und Joseph Joachim trug das ihm gewidmete Werk regelmäßig in seinen Konzerten vor.

Der erste Satz mit der Bezeichnung Allegro energico ist, anders als die beiden vorigen Geschwister, in einer recht konventionellen Konzertform gehalten. Er beginnt mit einer veritablen Orchesterexposition, die nach dem kräftig markierten Hauptthema zu einem lyrischeren Nebengedanken führt und dann erst den Solisten mit großer Geste einsetzen lässt. Eine emphatische Darstellung des ersten Themas führt zu den solistischen Betrachtungen des Nebengedankens, der zunächst in Oktaven und dann auf der tiefsten Saite vorgetragen wird, bevor es in einem gesanglichen A-dur weitergeht. Das Themenmaterial wird dergestalt verarbeitet, dass dem Solisten alle Möglichkeiten charakteristischsten Figurenwerks geboten werden. Das anschließende Adagio in B-dur wird vom Solisten zu einigen ruhigen Holzbläser- und Streicherklängen eingeleitet. Das Orchester folgt mit einer kompletten Wiedergabe des Hauptthemas, das nun wiederum vom Solisten mit vielgestaltigen Figurationen übernommen und verwandelt wird: Nach den hohen Anforderungen des voraufgegangenen Allegro energico herrscht hier eine sanfte Ruhe. Das Konzert endet mit einem Rondo, dessen triolischer d-moll-Refrain von den stark akzentuierten Rhythmen des Orchesters und einer nachfolgenden D-dur-Passage begleitet wird. Die erste Episode in F-dur verlangt Doppelgriffe. Dem schließt sich eine weitere virtuose Episode an, worauf der Refrain ein weiteres Mal wiederholt wird, ehe das technisch anspruchsvolle und gelungene Werk, das gewiss mehr Aufmerksamkeit verdiente, als es heute gemeinhin erfährt, zu einem triumphalen Abschluss geführt wird.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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