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8.557798 - VAUGHAN WILLIAMS: Willow-Wood / The Sons of Light / Toward the Unknown Region
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Ralph Vaughan Williams (1872–1958)
Willow-Wood • Toward the Unknown Region • The Sons of Light

Der Amerikaner Walt Whitman (1819-1892) veröffent-lichte seine Gedichte in der Sammlung Leaves of Grass, die seit 1855 über einen Zeitraum von 35 Jahren verschiedene, immer umfangreichere Auflagen erlebte. Ralph Vaughan Williams könnte Whitman durch seinen Lehrer Charles Villiers Stanford kennengelernt haben, der 1884 mit seiner bahnbrechenden Elegiac Ode als erster bedeutender Komponist Großbritanniens auf Whitmans visionäre, konfessionslose Strophen und ungebundenen Verse reagierte. Ursula Vaughan Williams weiß, dass verschiedene Ausgaben der Grashalme seit 1902 oder 1903 seine „ständigen Gefährten” waren. Diese Auseinandersetzung resultierte in A Sea Symphony, die im Laufe von sieben Jahren allmählich in den Brennpunkt rückte und 1910 uraufgeführt wurde. Ein Seitentrieb dieses Werkes, mit dem Vaughan Williams später begann, den er aber früher abschloss, war Toward the Unknown Region. Der Komponist erzählte, dass er und sein Freund Gustav Holst damals meinten, sie hätten sich „festgefahren”, und deshalb beschlossen, denselben Text aus Whitmans Whispers of Heavenly Death zu vertonen, um anschließend den Sieger untereinander auszumachen. Wie sich’s gehört, erhielt Vaughan Williams die Palme. Sein Werk wurde am 10. Oktober 1907 beim Leeds Festival unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt (Stanford, der Dirigent des Festivals, hatte ohne Zweifel darauf bestanden, seinen Schüler das eigene Werk dirigieren zu lassen). Als Toward the Unknown Region zwei Monate später (am 10. Dezember 1907) erstmals am Londoner Royal College of Music erklang, stand allerdings Stanford am Pult.

Vaughan Williams bezeichnete das Werk als Song for Chorus and Orchestra, und als solcher erschien es auch auf dem Programm des Festivals. Hubert Foss hat betont, dass die am Anfang erklingende Melodie weitgehend identisch ist mit Love’s Last Gift, dem letzten Lied aus Vaughan Williams’ Rossetti-Zyklus The House of Life (zu dem auch sein beliebtes Silent Noon gehört). Percy Young hat ferner darauf aufmerksam gemacht, dass Vaughan Williams ein weiteres musikalisches Motiv in seine Partitur übernommen hat – wenn er mit Blick auf die Psalmmelodie Sine Nomine „in den letzten Takten einen strahlenden Höhepunkt, ein Sinnbild für die am Ende siegreiche Seele erreicht.”

Die Kantate Willow-Wood für Bariton, Frauenstimmen und Orchester wurde im März 1903 zunächst als Szene für Bariton und Klavier bei einem Konzert in der St. James’s Hall, Piccadilly, von Campbell McInnes gesungen. Wieder setzte Vaughan Williams Worte aus Dante Gabriel Rossettis Zyklus The House of Life in Musik. Es scheint zwischen diesen frühen Werken eine Wechselbeziehung zu bestehen: Michael Kennedy hat auf ein gleichfalls aus Love’s Last Gift stammendes Motiv hingewiesen, das jetzt am Anfang von Willow-Wood steht.

Bald nach der Uraufführung orchestrierte Vaughan Williams Willow-Wood, und später fügte er einen (weithin untextierten) Frauenchor ad libitum hinzu. In dieser Gestalt erklang das Werk am 25. September 1909 beim Music League Festival in Liverpool. Breitkopf und Härtel lieferte zu diesem Anlass den gedruckten Klavierauszug. Dieses Mal war der Solist der berühmte Bariton Frederic Austin; die Leitung hatte der walisische Chordirigent Harry Evans. Trotz einiger positiver Pressenotizen und der Tatsache, dass man den Klavierauszug veröffentlicht hatte, wurde das Werk bis jetzt nicht mehr aufgeführt. Der Komponist schätzte es allerdings auch weiterhin: Noch drei Jahre vor seinem Tod bemühte er sich um eine neuerliche Publikation.

Willow-Wood ist die bedeutendste Sequenz des House of Life. Diese besteht aus vier miteinander verbundenen Sonetten. Verschiedentlich hat man versucht, diese verschwenderisch parfümierte, opake Bilderwelt zu deuten. Einen Hinweis gibt der Dichter selbst in einem Artikel aus dem Jahre 1781, in dem er unter Bezug auf das erste Gedicht feststellt: „Das Sonett beschreibt den Traum oder die Vision zweier von-einander getrennter Liebender, die durch die sehn-süchtige Fantasie für einen Augenblick miteinander vereint werden; in den Traumbildern erhebt sich das Antlitz der Geliebten aus tiefen, dunklen Wassern, um den Liebenden zu küssen.” Vaughan Williams scheint mit den Gedichten problemlos zurechtgekommen zu sein. Seine Vertonung erzeugt das musikalische Äquivalent zu einem präraffaelitischen Tableau, in dem die suggestiven Bilder des Dichters in üppige Texturen übertragen werden. Das Werk bietet dem Bariton schöne und große Möglichkeiten; seine weitgespannte Melodielinie verrät die enge Beziehung des Komponisten zur menschlichen Stimme.

Willow-Wood verdankt einen großen Teil seines Effekts dem Orchester und der Atmosphäre, die der Frauenchor vor allem dort erzeugt, wo er vokalisiert. Es ist dies ein persönliches Merkmal des Komponisten, den wir heute aus vielen Partituren kennen. Wie in dem unlängst wiederentdeckten, atmosphärischen Nocturne (wiederum aus Whitmans Whispers of Heavenly Death) für Bariton und Orchester zeigt sich auch hier, dass Vaughan Williams bereits über eine bemerkenswerte Orchestertechnik verfügte, die man damals – kurz bevor Debussy und Ravel regelmäßig in Großbritannien aufgeführt wurden – für recht avanciert gehalten haben dürfte und die der nüchterne Uraufführungsdirigent des Willow- Wood womöglich nicht einfühlsam genug behandelt hat.

1946 ließ die britische Wohltätigkeitsstiftung für Musiker in London die alljährlichen Feiern zum Tag der Heiligen Cäcilia wieder aufleben, womit sich eine langgehegte Hoffnung des kurz zuvor verstorbenen Sir Henry Wood erfüllte. Das geschah zunächst in der Kirche St. Sepulchre without Newgate on Holborn Viaduct. Seit 1947 wurden in jedem Jahr neue Werke in Auftrag gegeben. Den Anfang machte Vaughan Williams mit seiner (damals noch orgelbegleiten) Motette The Voice Out of the Whirlwind. Bei der Aufführung sang ein Chor, der sich aus Mitgliedern von His Majesty’s Chapels Royal sowie der Chöre der Canterbury Cathedral, St. Paul’s Cathedral und der Westminster Abbey zusammensetzte – eine Tatsache, die sogleich den Rang des Festivals betonte. Das Werk wurde am 22. November 1947 an St. Sepulchre uraufgeführt.

Für seine kraftvolle Motette benutzte Vaughan Williams jene Stelle aus dem Buche Hiob, an der Gott aus dem Wirbelsturm zu Hiob spricht. Er übernahm dazu die Musik der Galliard of the Sons of the Morning aus der achten Szene seines Balletts „Hiob” (Job – a masque for dancing), die er später orchestrierte und am 16. Juni 1951 beim Leith Hill Festival von Dorking uraufführen ließ. Es ist bemerkenswert, wie genau die Worte zu einer Partitur passen, die eigentlich zum Tanzen gedacht war, und es stellt sich die Frage, ob und inwieweit Vaughan Williams von Anfang an Worte und Musik zueinander in Beziehung gesetzt hat.

Die Five Variants of ‘Dives and Lazarus’ entstanden für die New Yorker Weltausstellung und wurden am 10. Juni 1939 in der Carnegie Hall von den New Yorker Philharmonikern unter Sir Adrian Boult uraufgeführt. Im selben Konzert erlebte auch das akrobatische Klavierkonzert von Sir Arthur Bliss seine Premiere, und zuvor hatte man Walter Pistons lärmendes Prelude and Fugue für Orchester hören können. Der amerikanische Ansager, der nicht recht wusste, wie man „Dives” aussprechen sollte (er verstand es als eine Silbe = „daiws”), ließ es bei „Fünf Variationen über ein altes englisches Weihnachtslied” bewenden. Vaughan Williams vermerkte in der Partitur: „Diese Varianten sind keine exakten Repliken originaler Weisen, sondern erinnern eher an verschiedene Fassungen aus meiner eigenen und aus andern Sammlungen.” Das nächst-liegende Beispiel, das der Volksliedsammler Cecil Sharp anführt, wurde 1921 am Ross Workhouse von Herefordshire aufgezeichnet; die Melodie lässt sich allerdings bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen, wo man sie auf die Worte Come all ye faithful Christians als Weihnachtslied sang, das Vaughan Williams seit seiner Kindheit kannte. Jede der fünf Varianten wurde von einer anderen Fassung der Weise angeregt.

Die erste britische Aufführung fand am 1. November 1939 in der Colston Hall von Bristol statt, wohin man das BBC Symphony Orchestra bei Kriegsausbruch ausgelagert hatte. Wie die Tallis Fantasia sind auch die Variants ein Werk, das in großen Räumen seinen ganz besonderen Zauber entfaltet, und es ist rührend, dass man eben dieses Stück auch in Westminster Abbey spielte, als am 19. September 1958 Vaughan Williams’ Asche beigesetzt wurde.

In seiner Eigenschaft als Inspektor des Musikschulpersonals beim Bildungsministerium bat der Bratscher Bernard Shore Ralph Vaughan Williams im Jahre 1950 um ein Werk für großen Schülerchor, das 1951 bei dessen zweitem Festival mit Orchester in der Royal Albert Hall uraufgeführt werden sollte. Vaughan Williams lehnte zunächst mit der Begründung ab, er wisse nichts über die Arbeit mit Kinderchören, war dann aber doch einverstanden – vermutlich, weil ihm aufgegangen war, dass viele Teenager den Stimmbruch bereits hinter sich haben würden. So schrieb er ohne irgendwelche Zugeständnisse an das Alter der Ausführenden seine Kantate The Sons of Light für vierstimmigen Chor, die am 6. Mai 1951 von einem jugendlichen Massenchor von über 1000 Sängern sowie vom London Philharmonic Orchestra unter Sir Adrian Boult uraufgeführt wurde.

In dieser wenig bekannten, lebendigen Partitur zeigt Vaughan Williams keinerlei Schwächen, und dass es von all seinen großen Werken am seltensten aufgeführt wird, könnte einfach daran liegen, dass es in seinem Gesamtverzeichnis als eine Komposition für Kinderchor aufgelistet wird. Den Text schrieb Ursula Wood, die bald schon Ursula Vaughan Williams werden sollte, in einer geistreichen Nacherzählung der Schöpfungs-geschichte, die mit dem Lauf der Sonne beginnt, wie ihn die griechische Mythologie berichtet. Der Charakter eines festlichen Marsches, der in großen Teilen des Satzes herrscht, wird durch Fanfaren angekündigt und dekoriert. Am Ende steht ein kontrastierendes Nachtstück, indessen der Mond über den Himmel zieht; darauf folgt ein Postludium, das vom nächtlichen Marsch des Tierkreises am Himmel erzählt und das magisch vom Orchester dargestellte Verlöschen des Lichtes vorbereitet. Das tanzhafte zentrale Scherzo The Song of the Zodiac dehnt sich über die Worte vom Schluss des vorhergehenden Satzes aus: Dabei werden die Tierkreiszeichen verherrlicht; es kontrastieren bukolische, in aus-schweifenden Orchesterfarben gemalte Lustbarkeiten mit onomatopoetischen Darstellungen des Wassers und der Herbststürme, die Vaughan Williams treffend orchestriert hat. Der Schluss-Satz, The Messengers of Speech, kehrt zur Schöpfungsgeschichte zurück, wie sie im Himmel erzählt wird. Nun preist man die Buchstaben des Alphabets, weil – wie die Dichterin sagt – „nichts existieren kann, so lange es keinen Namen hat.” Der charakteristische Chormarsch bei This is the morning of the sons of light wird von Fanfaren umschlungen, derweil die Musik im Jubel endet.

Lewis Foreman © 2005
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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