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8.557805 - QUANTZ, J.J.: Flute Sonatas Nos. 272-277 (V. Fischer, Brandt, Berben)
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Johann Joachim Quantz (1697–1773)
Flötensonaten Nr. 272–277

 

Johann Joachim Quantz wurde am 30. Januar 1697 in Oberscheden bei Göttingen geboren. Von den sechs Kindern der Ehe zwischen dem Hufschmied Andreas Quantz und seiner Frau Elisabeth war er das fünfte. Die Mutter starb 1702, und ein Jahr später heiratete der Vater erneut. Nach dem Willen seines Vaters sollte Johann Joachim wie er Hufschmied werden. Jedoch starben Stiefmutter und Vater 1707, woraufhin mehrere Verwandte anboten, den Jungen zu erziehen. Johann Joachim hatte schon seit einiger Zeit seinen ältesten Bruder Jost Matthias auf dem Kontrabass begleitet, wenn dieser bei Dorffesten zum Tanz aufspielte, und wollte deshalb gern Musiker werden. Sein Onkel Justus Quantz, Stadtmusikus in Merseburg, übernahm im August 1708 die Erziehung und Ausbildung des Elfjährigen. Schon nach drei Monaten starb der Onkel, und Johann Adolf Fleischhack wurde sein Nachfolger. Bei ihm blieb Quantz fünf Jahre als Lehrling und zwei Jahre als Geselle. Er erlernte die bei einer Stadtpfeiferausbildung übli chen Instrumente und zusätzlich das Klavierspiel bei dem Merseburger Organisten Johann Friedrich Kiesewetter. „Dresden, oder Berlin waren die Oerter, wo ich mit der Zeit meinen Aufenthalt zu finden wün schete: weil ich da viel mehr Schönes von Musik hören, und viel mehr lernen zu können glaubte, als in Merseburg.“, sagt Quantz in seiner Autobiographie. Nach abgeschlossener Lehre trat er 1716 tatsächlich eine Stelle in Dresden bei dem dortigen Stadtmusikus Gottfried Heyne an. Zwei Jahre später wurde er als Oboist in die Polnische Kapelle Augusts des Starken aufgenommen. Quantz nahm Unterricht auf der Querflöte bei dem damals sehr berühmten Flötisten Pierre Gabriel Buffardin und begann auch zu komponieren. Von 1724 bis 1727 unternahm Quantz eine Studienreise, die ihn über Italien nach Frankreich und England führte. 1728 wurde er Flötist in der Dresdener Hofkapelle. Im gleichen Jahr lernte er Friedrich den Großen kennen, der damals noch Kronprinz war, und dem er von nun an Flöten unterricht erteilte. 1737 heiratete Quantz die verwitwete Anna Rosina Carolina Schindler, die Ehe blieb kinderlos. Nachdem Friedrich II. König geworden war, berief er Quantz nach Berlin, und im Dezember 1741 folgte dieser seinem Ruf. Er unterrichtete den König täglich, komponierte, leitete die abendlichen Hauskonzerte und fertigte selber Flöten an. Quantz war außerdem als Autor tätig: Im Jahr 1752 widmete er Friedrich dem Großen seine Flötenschule „Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen“, ein Kompendium der Aufführungspraxis und Musikanschauung des 18. Jahrhunderts. Neben Carl Philipp Emanuel Bachs „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“ (1753) und Leopold Mozarts „Versuch einer gründlichen Violinschule“ (1756) ist Quantz’ Versuch das dritte große Lehrwerk des 18. Jahrhunderts. Über dreißig Jahre blieb Quantz am Hof Friedrichs des Großen, bis er nach kurzer Krankheit 76jährig am 12.7.1773 in Potsdam starb.

Quantz komponierte rund 300 Flötenkonzerte, über 40 Triosonaten, fast 200 Solo sonaten, Flötensolos, -duette und -trios sowie einige Vokalwerke. Die Werke spiegeln den Über gang vom späten Barock zur frühen Klassik wider. Während eines Aufenthalts in Wien 1717 hatte Quantz Unterricht in der Komposition von Jan Dismas Zelenka erhalten. Von dem späteren Dresdener Konzertmeister Johann Georg Pisendel, mit dem er befreundet war, wurde er um 1720 zum Komponieren ermuntert. Für seine Konzerte diente ihm Antonio Vivaldi als Vorbild, dessen Konzertform er zunächst übernahm und später erweiterte. Der größte Teil von Quantz’ Konzerten ist dreisätzig mit der Satzfolge schnell-langsam-schnell nach dem Vorbild Vivaldis.

Die meisten seiner Triosonaten, die größtenteils während seiner Dresdener Zeit entstanden, sowie die frühen Solosonaten sind viersätzig mit der Satzfolge langsam-schnell-langsam-schnell entsprechend der Sonata da chiesa. Quantz’ Vorliebe für den „vermischten Geschmack“ zeigt sich durch die Verwendung auch französischer Elemente neben den italienischen, wie beispielsweise französische Tanzformen. Die meisten seiner Solosonaten haben die Satzfolge langsam-schnellschnell.

Nur wenige der Kompositionen Quantz’ sind dem heutigen Musiker gut zugänglich, da der größte Teil seiner Werke handschriftlich überliefert ist. Die Manuskripte werden heute hauptsächlich in der Staatsbibliothek zu Berlin, aber auch in einigen anderen europäischen und amerikanischen Archiven auf bewahrt. Hier handelt es sich in der Regel um Abschriften von Schreibern, die für die Aufführung des Werkes angefertigt wurden. Zu Quantz’ Lebzeiten erschienen nur ein paar seiner Kompositionen im Druck, und auch heute ist der größte Teil seines Schaffens weder veröffentlicht noch datiert.

Friedrich der Große ließ zu seinem privaten Gebrauch zwei identische thematische Kataloge für die Solosonaten zusammenstellen („Catalogue des Solos pour Sans Souci“ und „Catalogue des Solos pour le nouveau Palais“), die seine und Quantz’ Kompositionen enthalten. Von Quantz sind aus dieser Sammlung 152 Sonaten überliefert (Nr. 88–105, 142, 203, 219, 220, 222–254, 265–361). Zusätzlich gibt es noch etwa 30 Sonaten, die nicht in diesem Verzeichnis enthalten sind, darunter alle viersätzigen Solosonaten. Die hier eingespielten Sonaten Nr. 272–277 nehmen in Quantz’ Schaffen eine Sonderstellung ein, da sie die Satzfolge schnell-langsam-schnell aufweisen, während alle anderen Sonaten aus Friedrichs Katalog die Satzfolge langsam-schnell-schnell haben. Nur eine weitere Sonate, die nicht in Friedrichs Katalog enthalten ist, weist noch dieselbe Satzfolge wie die eingespielten Sonaten auf. Georg Thouret schreibt in seinem „Katalog der Musiksammlung auf der Königlichen Hausbibliothek im Schlosse zu Berlin“ (S. 186) über diese sechs Sonaten: „Die Sonaten 272–277 […] zeichnen sich durch Schwung und Feuer aus; sie dürften zu dem Besten gehören, was Quantz überhaupt geschrieben hat.“

Ab Nr. 248 in dem Katalog Friedrichs sind die Sonaten in etwa nach Tonarten sortiert, was auch bei den vorliegenden Sonaten mit der Folge F-G-A-B-c-D der Fall ist. Ziemlich sicher ist deshalb, dass diese Sonaten direkt nacheinander komponiert wurden. Die Stücke wurden von Quantz in Potsdam, also zwischen 1741 und 1773 komponiert. Geht man von einem einigermaßen regelmäßigen Sonatenschaffen aus, liegt die Entstehungszeit der sechs Sonaten um 1750.

Die Solosonaten zeichnen sich durch thematische Vielfalt, gesangliche Melodik, grazile Ornamentik und melodische Basslinien aus. Sie zeigen Quantz’ Beherrschung des galanten Stils und wenden sich anmutig und leicht verständlich an den Musikliebhaber.

In seinem Lehrwerk „Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen“ schreibt Quantz folgendes zu einer Solosonate (im XVIII. Hauptstück, § 50): „Soll überhaupt ein Solo einem jeden gefallen; so muß es so eingerichtet seyn, daß die Gemüthsneigungen eines jeden Zuhörers darinne ihre Nahrung finden. Es muß weder durchgehends pur cantabel, noch durchgehends pur lebhaft seyn. So wie sich ein jeder Satz von dem andern sehr unterscheiden muß; so muß auch ein jeder Satz, in sich selbst, eine gute Vermischung von gefälligen und brillanten Gedanken haben. Denn der schönste Gesang kann, wenn vom Anfange bis zum Ende nichts anders vorkömmt, endlich einschläfern: und eine beständige Lebhaftigkeit, oder lauter Schwierigkeit, machen zwar Verwunderung, sie rühren aber nicht sonderlich.“


Meike ten Brink


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